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Die zweite "4 Blocks"-Staffel streamt sich ganz easy weg. | Foto: Sky Deutschland
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25. Okt 2018

Hella Wittenberg

Filme

Film-News: Lineares Fernsehen stirbt aus – was kommt als nächstes?

Neu im Kino: "Der Affront" und "Der Nussknacker und die vier Reiche"

"Der Affront" (Start: 25. Oktober 2018) – Eigentlich eine Kleinigkeit: Als Yasser (Kamel El Basha) Wasser von einem illegal an einem Beiruter Balkon befestigten Ablussrohr auf den Kopf tropft, beschwert er sich daraufhin bei dem Mechaniker Toni (Adel Karam). Der Christ und gebürtige Libanese will sich aber nicht wirklich entschuldigen, also wirft ihm der palästinensische Flüchtling einige Beleidigungen entgegen. Der Streit zwischen den beiden eskaliert derartig, dass sich schließlich ein Gerichtsprozess daraus spinnt. Die Medien schauen nun auch hin – und die Gewalt auf den Straßen Beiruts nimmt zu. "Geht man mit Worten und Taten zu weit, muss man mit Reaktionen rechnen", heißt es in dem Polit-Drama und genau das ist auch der rote Faden des Films. Hier entbrennt aus einer persönlichen Auseinandersetzung heraus eine immense politische Fehde. Die Probleme der kulturellen Entzweiung des Libanons werden gekonnt aufgegriffen und nahbar gemacht. Bei den Oscars war das Werk bereits in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert. Bei den Filmfestivals räumt "Der Affront" generell ab. Doch vor allem sollte man sich das Drama anschauen, um zu sehen, wie eine Situation werden kann, wenn sie sich emotional zuspitzt.

"Der Nussknacker und die vier Reiche" (Start: 01. November 2018) – Von ihrem Paten (Morgan Freeman) bekommt Clara (Mackenzie Foy) eine geheimnisvolle Kiste geschenkt. Doch um an den Inhalt zu gelangen, muss sie sich erst nach dem passenden Schlüssel umschauen. Bei ihrer Suche stößt sie auf eine Parallelwelt, die aus drei zauberhaften Reichen besteht. Dort sind alle sehr freundlich zu ihr, insbesondere die Zuckerfree (Keira Knightley) sowie der Soldat Philip (Jayden Fowora-Knight). Doch dann erfährt sie, dass es noch ein viertes Land zu entdecken gibt – und in dem beherrscht die Tyrannin Gigoen (Helen Mirren) alles. Damit nicht genug: Gigoen ist drauf und dran, ihre Macht auch auf die anderen Reiche ausbreiten. Um das zu verhindern, setzen Claire und Philip alles daran, sie zu stürzen. Ist es überhaupt möglich ein bekanntes Ballettstück in einen Kinofilm umzuwandeln? Also so als Realverfilmung? Aber sicher doch, hat sich Disney gedacht. Und so wird uns kurz vor der Weihnachtszeit ein echtes Weihnachtsmärchen präsentiert. Mit einer Menge magischer Wesen, Kitsch und Familiendrama. Aber irgendwie ist das genau das Richtige für diese Jahreszeit, wenn man einfach mal mitgehen und nicht mitdenken möchte.

Wer lieber Buddy-Komödien und Biopics möchte, sollte bei meiner Kolumne der letzten Woche noch mal bei den Neustarts für Ende Oktober nachschauen.



Thema der Woche: Lineares Fernsehen stirbt aus – was kommt als nächstes?

Ja hallo, gibt es eigentlich noch Leute da draußen, die sich tatsächlich für den Sonntagabend einen Timer stellen, damit sie pünktlich um 20.15 Uhr vor dem Fernseher sitzen und den neuesten "Tatort" schauen können? Klar, von Mama, Papa, Oma und Opa kennt man ja solche urigen Geschichten – aber wer im Freundeskreis ist schon für dieses lineare Fernsehen zu haben? So viele können es nicht sein. Also schon aus statistischen Gründen. ARD und ZDF haben ganz frisch gerade wieder die Auswertung zu ihrer jährlichen Onlinestudie zum Medienkonsum gedroppt. Was daraus hervorgeht: In die Röhre gucken war gestern, jetzt wird gestreamt. Na gut: Generell schauen die Deutschen 163 Minuten am Tag Sendungen genau zum Zeitpunkt der Ausstrahlung. Der Video-on-Demand-Part nimmt seit diesem Jahr jeden Tag 39 Minuten mehr als zuvor in Anspruch. Insgesamt ist damit schon ein Wachstum zu erkennen – weg vom linearen Programm und hin zur Wann-ich-will-Unterhaltung. Speziell bei den Unter-30-Jährigen ist das Verhältnis von live zu on-demand bereits bei 46 zu 54 Prozent. Dank Netflix, Amazon Prime und den Mediatheken streamen wir also längst mehr, als dass wir zeitgebunden fernsehen.

Weniger Fernsehen, mehr online Surfen

Die Idee eines Fernsehzimmers sollte damit spätestens jetzt überholt sein. Woran liegt wohl diese konstante Abnahme des linearen Fernsehens? Haben sich einfach nur die Prioritäten verschoben? Die Studie hat auf jeden Fall festmachen können, das die Zeit, die im Netz verbracht wird, auch gestiegen ist. Im Vergleich zum Vorjahr sind wir nun im Schnitt 47 Minuten länger am Surfen. Pro Tag kommen wir auf stolze 196 Minuten Online-Zeit am Tag. So scheint es nur logisch, dass auch Filme, Serien, Dokus, News oder sonstige Clips vor allem gestreamt werden.  Wieso sollte man auch das Medium wechseln? Das wäre ein doppelter Aufwand, der komplett unnötig ist. Schließlich gibt es ja auch alle möglichen TV-Formate online zum Nachschauen – sogar der "Tatort" ist so verfügbar. Nur kann man sich hierzu vorab oder gleich im Anschluss noch eine Review auf der liebsten Onlineplattform reinziehen. Und sind wir mal ehrlich: Gerade über den "Tatort" sprechen gar nicht mehr so viele. Um mich herum wird viel eher ein Schnupperabo für Sky abgeschlossen, sodass die neueste Staffel von "4 Blocks" oder ein paar "Game of Thrones"-Folgen gebingt werden können. Zwischen Netflix und Amazon Prime entscheidet sich im Bekanntenkreis kaum noch jemand – aufgrund der niedrigen Abo-Preise hat man einfach beides. Zusammen mit dem umfangreichen Mediatheken-Angebot scheint einem die Welt offen zu stehen. Wer sich umhört, merkt: Von illegalen Plattformen lässt man die Finger. Waren bestimmte Seiten mit von Usern hochgeladenen Wackel-Kinofilmen vor einigen Jahren noch sehr beliebt, sind sie 2018 total eingegangen. Streaming ist weniger die Zukunft als absoluter Mainstream.



Priorität: Nutzerfreundlichkeit

Was jetzt fehlt: eine bessere Ordnung und Kuration der On-Demand-Dienste und Mediatheken. In dem Gewühl von Inhalten ist es schwer sich zurecht zu finden. Netflix bewirbt an der Oberfläche vor allem Serien, insbesondere seine Eigenproduktionen. Oscar-Highlights wie "Gravity" und "12 Years a Slave" gehen hier eher unter. Bei Amazon Prime sieht es mit der Übersichtlichkeit ganz ähnlich aus. Dass es hier den noch ziemlich frischen Künstlerfilm "Maudie" zu gucken gibt, findet nur, wer lange sucht. Richtig schlimm sind aber die Mediatheken dran. Hier wird kaum zwischen Kinofilm und Trailer oder kurzem TV-Spot unterschieden. Eine Struktur ist oft nicht erkennbar. Wer bei Servus TV erfahren will, wie lange ein Beitrag online verfügbar ist, muss den Sender für eine Antwort via Twitter anschreiben. Selbst bei Arte kommt man auf manche Inhalte nur, wenn man genau den richtigen Titel in der Suche eingibt. Wenn das Streamen also fröhlich weitergehen soll, sollte Nutzerfreundlichkeit auf der Prioritätenliste der Big Bosses ganz oben stehen. Gleich neben niedrigeren Abo-Preisen für On-Demand-Sachen beispielsweise von Sky. Allein das Sky Ticket scheint hier nur eine Übergangslösung zu sein. Aber vielleicht fokussiert sich zukünftig ja auch alles nur noch auf eine einzige Streamingplattform. Denn so wie wir nicht mehr zwischen online und dem echten Fernseher switchen wollen, hat sich eigentlich auch das Plattformen-Hopping überholt. Wir wollen alles – auf einer Seite, mit einer App, einer Fernbedienung, zum gleichen Zeitpunkt und schön aussehend kuratiert. Können wir da was machen?

Streaming-Perle: "Precious – Das Leben ist kostbar"

"Precious – Das Leben ist kostbar" (Dauerhaft verfügbar bei Watchbox) – Ausgezeichnet mit zwei Oscars: Die 16-jährige Claireece "Precious" Jones (Gabourey Sidibe) ist schwarz, fettleibig, ungebildet – und bereits zum zweiten Mal schwanger von ihrem eigenen Vater. Ihre einzige Zuflucht sind Tagträume von Reichtum und Glamour. Doch um wirklich etwas zu ändern, müsste sie erst einmal anfangen lesen und schreiben zu lernen. Nur von ihrer Mutter (Mo’Nique) darf sie auf keine Hilfe hoffen.



Darauf freuen wir uns:  "Bodied"

"Bodied" (Kinostart: unbekannt) – Kein Wunder, dass gleich zu Beginn des Trailers zu lesen ist, dass US-Star Eminem der Produzent des Films ist. Als Protagonist tritt ja auch ein weißer Dude (Calum Worthy) auf den Plan, der alle damit überrascht, dass er verdammt gut im Battle Rap ist – ein ganz deutlicher Verweis auf den Start von Eminems Karriere. Die Rapszene wird ordentlich von ihm aufgemischt und bald sprechen alle, selbst außerhalb der Szene, über diesen einen speziellen Typen.

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