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Leider wird es keine zweite Staffel zu "Everything Sucks!" geben. | Foto: Netflix
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12. Apr 2018

Hella Wittenberg

Filme

Film-News: Netflix setzt eine Serie nach der anderen ab

Neu im Kino: "Steig. Nicht. Aus!" und "Lady Bird"

"Steig. Nicht. Aus!" (Start: 12. April 2018) – In dem Augenblick, in dem Karl (Wotan Wilke Möhring) in sein Auto steigt, ist nichts mehr so wie es mal war. Eigentlich will er nur kurz vor der Arbeit noch seine Kinder zur Schule bringen, doch daraus wird nichts. Er erhält einen Anruf von einer unbekannten Nummer. Als er den Hörer in die Hand nimmt, wird ihm mitgeteilt, dass sich im Fahrzeug eine Bombe befindet. Damit sie nicht hochgeht, muss er jetzt schnell handeln und jede Menge Geld für die Erpresser beschaffen.

Ein Film, der glatt auch so aus Amerika stammen könnte! Der Actioner hat einige Verfolgungsjagden und generell spannungsgeladene Szenen zu bieten – man könnte glauben, gleich würde auch noch Liam Neeson auf den Plan treten. Aber Wotan Wilke Möhring als verzweifelter Vater und Ehemann ist mindestens genauso überzeugend und lässt uns für etwas länger als anderthalb Stunden wie gefesselt im Kinosessel bibbern.

"Lady Bird" (Start: 19. April 2018) – Eigentlich heißt Lady Bird (Saoirse Ronan) mit richtigem Namen Christine McPherson, aber für sie fühlt sich ihr Geburtsname einfach nur falsch an. Ebenso wie ihr durchschnittliches Haus, ihre katholische Schule und oft auch die Gespräche mit ihrer Mutter (Laurie Metcalf). Sie will mehr vom Leben. Und vor allem will sie sofort einen Freund haben und dazu auch noch sofort das perfekte College für sich finden. Nur ist das alles leichter gedacht als getan. In Lady Birds Augen macht ihr insbesondere ihre Mutter das Leben schwer. Also ist Aktionismus angesagt. Und zwar alles schön heimlich!

Die von Greta Gerwig geschriebene und umgesetzte Coming-of-Age-Story ist so liebevoll erzählt wie kein zweiter Film. Jedem Charakter wird genügend Zeit eingeräumt, um sich zu entfalten und seine eigenen witzigen, emotionalen, wie auch ergreifenden Momente zu haben. Natürlich bleibt der Fokus auf Saoirse Ronan (und der damit einhergehenden zentralen Mutter-Tochter-Beziehung), die eine 17-jährige Schülerin spielt, die so sehr von sich und ihren Stärken überzeugt ist, dass es einen nur umhauen kann. So energetisch, wie Ronan ihre Rolle verkörpert, so kraftvoll sind auch die Dialoge. Klug und naiv zugleich. Ein wahres Wunderwerk.

Thema der Woche: Netflix, wir müssen reden!

Wir lieben es ja, dass du uns Monat für Monat, Woche für Woche, mit neuen Serien beglückst. Immer wieder wartest du mit neuen Genrehighlights auf, bietest Independent-Formaten und -Filmemachern eine Plattform. Aber eine Sache ist nun wirklich nicht okay: Erst erzeugst du rund um deine ersten Staffeln einen enorm großen Buzz, nur um sie dann gleich alle wieder abzusetzen. Das geht doch so nicht. Gerade erst haben wir uns an das tolle Cast und die kreative Geschichte in der Schul-Serie "Everything Sucks!" gewöhnt, da hast du sie auch schon abgeschrieben. Nach nur zehn Folgen, die jeweils nicht mal eine halbe Stunde andauerten.

Die Serie ist kein Einzelfall. Auch "Girlboss", "Gypsy" und "The Get Down" bekamen keine zweite Chance. Und dennoch wurden alle drei Serien vorab ordentlich gehypt. Zur Zeit der Veröffentlichung sprachen wir natürlich mit unseren Freunden über die Neuerscheinungen – jeder hatte bereits angefangen sie zu schauen oder hatte zumindest vor alles schnell wegzubingen. Eigentlich sah es für all diese Serien – so verschieden sie auch sind – rosig aus.

So wie übrigens auch für "Sense8". Aber auch da sollte es nicht weitergehen. Wobei es da wenigstens noch eine zweite Staffel gab. Die Frage ist nur: Warum tust du uns das an, Netflix? Wieso machst du uns erst ganz verrückt auf das Allerneueste und dann lässt du das, was du so krass umworben hast gleich wieder fallen wie eine heiße Kartoffel? Die Realität sieht wohl so aus: Netflix, du magst es auf Masse statt auf Nische abzuzielen.

Klar, du bist als Streamingdienst komplett zahlengetrieben und was nicht die Massen klicken lässt, interessiert dich eben langfristig nicht. Auch dann nicht, wenn es von Kritik und Fans wahnsinnig gelobt wird. Was du, liebes Netflix, dabei aber vergessen hast zu berücksichtigen: Auch die wenigen, dafür aber richtigen Fans haben Gefühle. Und die Frustration mit dir als VoD-Service wächst so. Denn irgendwie nehmen wir dir es schon übel, dass du so überhaupt keine Lust darauf zu haben scheint, Geschichten zu Ende zu erzählen. Das scheint dir völlig egal zu sein. Aber wo bleibt da für uns der Reiz eine neue Serie überhaupt anzufangen, wenn es so unsicher ist, dass du sie weitererzählen wirst? Wer wird sich jetzt denn noch "Everything Sucks!" anschauen, wo bekannt geworden ist, dass du keine weitere neue Folge produzieren wirst? Das ist einfach nicht in Ordnung. Wir wollen mehr Vielfalt, mehr Nische und vor allem mehr zweite Chancen. Überlege es dir doch bitte noch mal!

Rekordverdächtig: Der Lieblingsfilm der Amerikaner 2017

Man glaubt es kaum: Von allen möglichen neuen Filmen haben die Amerikaner im Jahr 2017 am allerliebsten den Thriller "The Accountant" mit Ben Affleck und Anna Kendrick digital ausgeliehen. Im Kino lief der Film nur mäßig erfolgreich, aber zuhause wollten die Leute Affleck als mordenden Autisten, der auch noch als Buchhalter arbeitet, doch unbedingt sehen. Warum nur? Vielleicht waren ja die zwei Stunden und acht Minuten Filmlänge auch einfach zu lang, um sich im Kino dafür zu entscheiden. Zuhause kann man da wenigstens mal eine kleine Pause einlegen und sich Essens- und Trinknachschub holen.

Streaming-Perle: "Die dunkle Seite des deutschen Rap"

"Die dunkle Seite des deutschen Rap" (Verfügbar bis 28. März 2019 in der WDR-Mediathek) – Worum geht es eigentlich in deutschen Rapsongs? Die Doku von Viola Funk beschäftigt sich genau mit diesem Thema und stellt dabei das Problem des Antisemitismus in den Fokus. Gibt es tatsächlich so viel Judenhass im Deutschrap?

Darauf freuen wir uns: "The Meg"

"The Meg" (Kinostart: 30. August 2018) – Endlich schwimmt mal wieder so ein echter Mega-Hai über die Leinwand und hat Bock alles um sich herum zu zerlegen! So richtig ernst kann man den Trailer zu dem Actionstreifen natürlich nicht nehmen, aber unterhaltsam sollte diese Riesentier-Geschichte auf jeden Fall werden. Gerade auch, weil Jason Statham ("Transporter", "Crank") höchstpersönlich die Sache in die Hand nimmt und im Vergleich zu dem XXL-Hai alles ein bisschen sehr winzig aussieht – selbst so ein gestandener Mann wie Statham.

Die nächste Ausgabe FILMICUM erscheint am 26. April 2018

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