Besucherzahlen Kino
Die Anzahl der verkauften Kinotickets ist in Deutschland start gesunken. | Foto: Constantin Film
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30. Aug 2018

David Streit

Filme

Film-News: Warum wollen wir nicht mehr ins Kino gehen?

Neu im Kino: "Asphaltgorillas" und "Das schönste Mädchen der Welt"

"Asphaltgorillas" (Kinostart: 30. August 2018) – Atris (Samuel Schneider) und Frank (Jannis Niewöhner) waren als Kinder beste Freunde. Als sie älter wurden, verloren sie sich jedoch aus den Augen. Mittlerweile schuftet Atris ordentlich für den Drogenboss El Keitar (Kida Khodr Ramadan). Frank will dagegen das große Geld machen – und als er nach langer Zeit seinen alten Kumpel wiedersieht, will er ihn auch gleich in seine ausgefeilte Falschgeldnummer einbeziehen. Doch von dem Punkt an geht eine Sache nach der anderen schief. Nicht mal Atris’ Flirt mit der Diebin Marie (Ella Rumpf) gestaltet sich einfach.

Es gibt wenig deutsche Regisseure mit einem so vielfältigen Portfolio wie dem von Detlev Buck. Ob romantische Komödie, Teenie-Film oder Actioner – er beherrscht alle Stile. Mit "Asphaltgorillas" hat er sich einer Geschichte von Ferdinand von Schirach angenommen, die wohl nur nach mehrmaligen Lesen (oder Schauen) vollends zu entschlüsseln ist. Doch das Gefühl von Aufstieg und Fall in der Berliner Drogenszene kommt super rüber. Vor allem inspirieren die Charaktere dazu selbst öfter nach den Sternen zu greifen. Warum das besonders wichtig ist, verraten wir in unserem Thema der Woche.

"Das schönste Mädchen der Welt" (Kinostart: 06. September 2018)Cyril (Aaron Hilmer) kann zwar Reimen wie kein Zweiter, doch wegen seiner großen Nase will er sich am liebsten die ganze Zeit verstecken. Diese Plan geht jedoch nicht länger auf, als er die neue Mitschülerin Roxy (Luna Wedler) vor dem falschen Spiel eines Aufreißers schützen will. Statt ihr selbst zu imponieren, schreibt Cyril aber lieber Songs und SMS für einen anderen. Doch was hat er eigentlich davon, wenn Roxy so nie etwas von seinen Gefühlen für sich erfahren wird?

Die Vorlage zu "Das schönste Mädchen der Welt" ist bereits 120 Jahre alt. In dem romantischen Versdama "Cyrano de Bergerac" hat der Dichter Edmond Rostand damals ebenfalls sein Alter Ego vorgeschickt, um eine Angebetete von sich zu überzeugen. In der gelungenen Kinoadaption übernimmt nun ein Rapper die Rolle des Dichters. Und statt verkniffener Political-Correctness darf darin auch ordentlich geflucht werden. So wird die gemeinsame Klassenfahrt nach Berlin nicht nur zu einem Ausflug in die Club-Szene, sondern auch zu einem wichtigen Lehrstück zu den Themen Courage und Selbstvertrauen.



Thema der Woche: Warum die Deutschen nicht mehr ins Kino gehen – es aber tun sollten

Jedes Jahr steigt in Deutschland die Anzahl an Leinwänden. Das heißt, es gibt mehr und mehr Kinos. Das Problem: In diesem Jahr scheinen der Rekordsommer und die Fußball-WM die Menschen mehr zu beschäftigen, als der nächste Kinobesuch. In dem Halbjahresbericht der Filmförderungsanstalt (FFA) heißt es, dass bis Ende Juni nur 51 Millionen Tickets gelöst wurden. Weniger Kinobesuche hat man zuletzt vor 26 Jahren verzeichnet!

1992 ist so lange her, dass man Filme wie "Sister Act" und Disneys "Die Schöne und das Biest" bereits als Klassiker feiert. Die zwei publikumsstärksten Filme waren nun in diesem Jahr "Avengers 3: Infinity War" und "Fifty Shades of Grey 3 – Befreite Lust". Es ist kaum vorstellbar, dass man in einem Vierteljahrhundert zurückblicken und sich ähnlich euphorisch an diese Streifen erinnern wird. Liegt es also vielleicht nicht an den Umständen (Wetter und Fußball), sondern an dem Film-Angebot, dass die Leute keine Lust mehr auf Kino haben?

Schauen wir uns mal nur die deutschen Filmstarts aus der ersten Jahreshälfte an. Ganz vorne findet sich die Kinderbuch-Adaption "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Die Geschichten aus Lummerland sind fast allen Deutschen aus der Augsburger Puppenkiste bekannt. Danach folgen noch "Die kleine Hexe" mit Karoline Herfurth und "Dieses bescheuerte Herz" mit Elyas M'Barek. Beide Filme konnten große Namen als Zugpferde vorweisen. Und danach kommt lange nichts.



Kein Wunder, denn bis auf bekannte Gesichter und vertraute Geschichten scheint dem deutschen Film in diesem Jahr nicht viel einzufallen. Ein neuer Überraschungshit wie "Fack Ju Göhte!" lässt auf sich warten und die wenigsten Studios gehen das Risiko ein sich an neuen Geschichten die Hände zu verbrennen. Der oben vorgestellte "Asphaltgorillas" von Detlev Buck ist da schon eine lobenswerte Ausnahme. Der Film ist erzählt wie ein Guy-Ritchie-Krimi und mindestens genauso irrwitzig. Aber er spielt in Berlin und entfacht allein damit ein viel größeres Identifikationspotential, als ein Actionstreifen aus London oder New York.

Und darum sollte es auch im Kino gehen: Sich in andere Lebensentwürfe hineinversetzen zu können. Und ohne einen starken deutschen Film würden wir da echt was verpassen. Darum ist es gut, dass es Institutionen wie die Filmförderung gibt, welche die Vielfalt im Kino sicherstellt. Nur sollten wir alle dann vielleicht auch noch ein-, zweimal öfter im Jahr ins Kino gehen. Seht es als Investition in die eigene Zukunft! Vielleicht schafft ihr es ja dann wie Jannis Niewöhner in "Asphaltgorillas" alle von euch zu überzeugen, obwohl ihr eigentlich die Fake-it-to-make-it-Nummer fahrt.

Rekordverdächtig: Nur zwei Marvel-Superhelden haben noch niemanden getötet

Eigentlich wäre schon die bloße Zahl an Filmen aus dem sogenannten "Marvel Cinematic Universe" ein Rekord für sich. Doch nach 20 einzelnen Filmen von und mit Iron Man, Captain America und Thor haben sich Fans auf Reddit einmal einer anderen Statistik angenommen: Wer hat eigentlich noch niemanden getötet? Feinde eingeschlossen.

Von all den Helden haben tatsächlich bloß zwei noch niemanden auf dem Gewissen: Spider-Man und Wasp. Letztere haben wir erst in "Ant-Man and the Wasp" kennengelernt (im Juli angelaufen), wo sie sich eher auf einer Rettungsmission für ihre totgeglaubte Mutter befand. Dagegen hatte der neue Spider-Man sogar schon drei Auftritte und noch immer eine reine Weste. Chapeau für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft!

Streaming-Perle: "Kebab Connection" (Dauerhaft verfügbar bei Netzkino)

Ibo (Denis Moschitto) wünscht sich nichts sehnlicher, als den ersten deutschen Kung-Fu-Film zu drehen. Den ersten Schritt in Richtung Ruhm macht er mit einem Werbespot für die Dönerbude seines Onkels. Als seine Karriere gerade Fahrt auf nimmt, erfährt er von der Schwangerschaft seiner Freundin Titzi (Nora Tschirner) und fliegt zuhause raus. Jetzt wünscht er sich eigentlich nur noch sein altes Leben zurück …



Darauf freuen wir uns: "Ben Is Back" (Deutscher Kinostart: unbekannt)

Sehen wir hier den ersten Oscar-Anwärter für das nächste Jahr? In "Ben Is Back" spielt Lucas Hudges einen 19-Jährigen, der nach langer Drogensucht wieder zurück zu seiner Familie kehrt. Im kurzen Trailer wird er liebevoll von seiner Mutter (Julia Roberts) in den Arm genommen. In der knappen Minute schafft es der Teaser aber schon eine vielversprechende Stimmung aufzubauen. Hinter der Kamera nahm sogar Lucas’ Vater Peter Hudges Platz. Dieser hat mit dem Drehbuch zu "About a Boy" oder: "Der Tag der toten Ente" bereits bewiesen, dass er einnehmende Geschichten für die große Leinwand aufbereiten kann.



Die nächste Ausgabe FILMICUM erscheint am 13. September 2018

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