Frantz Kinostart
Ein Fremder am Grab: So beginnt die deutsch-französische Koproduktion "Frantz" | Foto: X-Verleih
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26. Sep 2016

UNICUM Onlineredaktion

Filme

Die Macht des geschriebenen Wortes

Experten-Interview zum neuen Film des Regisseurs François Ozon

Darum geht es in "Frantz":

Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges: Die Deutsche Anna (Paula Beer) kommt nicht über den Tod ihres Verlobten Frantz (Anton von Lucke) hinweg und wohnt sogar weiterhin bei seinen Eltern. Als sie wie jeden Tag zum Friedhof geht, begegnet sie am Grab von Frantz dem Franzosen Adrien (Pierre Niney). Dieser stellt sich als Freund des Gefallenen vor. Adriens Anwesenheit sorgt nicht nur für Unruhe im Ort, sondern bringt auch Annas Gefühlswelt ins Wanken.


Interview: Von Geheimcodes und Liebeserklärungen

Dr. Jan SeifertUNICUM sprach mit Dr. Jan Seifert vom Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn. Seine Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Grammatik, Pragmatik und Forensische Linguistik.

UNICUM: Anna  und Adrien lernen sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt nahe der französischen Grenze kennen. Durch Briefe erhalten sie den Kontakt nach ihrer ersten Begegnung weiterhin aufrecht und lernen sich durch die geschriebenen Worte erst besser kennen. Welche Bedeutung hatten Briefe zu Beginn des 20. Jahrhunderts?
Dr. Jan Seifert: Vor dem Aufkommen anderer Kommunikationsformen und Medien stellten Briefe ja die einzige Möglichkeit dar, sich anderen über eine größere Entfernung hinweg mitzuteilen. Es waren übrigens keinesfalls nur Intellektuelle und Personen mit bürgerlichem Hintergrund, die Briefe geschrieben haben. Auch im Alltag 'kleiner Leute' kamen Briefe vor. Es gab daher einen großen Markt für Ratgeber – so genannte Briefsteller –, in denen anhand von Musterbriefen gezeigt wurde, wie man schreiben solle. Sie spiegeln die Vielfalt an Brieftypen und -themen wider, beispielsweise "Entschuldigung eines Vaters für seinen des Leichtsinns beschuldigten Sohn", "Neujahrswunsch eines Liebenden", "Trostschreiben nach erlittenem Brandunglück", "Erinnerung wegen rückständiger Miete", "Warnung einer Freundin vor einem Verführer", "Vorwürfe eines jungen Mannes an seine Verlobte" ...

Was ist das Besondere am Briefeschreiben, so wie es damals stattgefunden hat?
Unsere Vorstellungen sind oftmals geprägt von der Korrespondenz von Intellektuellen, Künstlern usw.: Solche Briefe wurden aufbewahrt und veröffentlicht – sie sind aber nicht unbedingt repräsentativ für die Kommunikationsform Brief. Über Durchschnittsbriefe ist weniger bekannt, aber das Spektrum ist sehr groß. Zwei besonders interessante Besonderheiten der Briefpraxis um 1900 seien genannt: Wir kennen Auswandererbriefe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert; hier ist bemerkenswert, dass unroutinierte Schreiber mit geringer Schulbildung oftmals so formulieren, wie sie es mündlich getan haben dürften. Diese Briefe erlauben gewissermaßen einen Einblick in die gesprochene Sprache bestimmter Milieus. Und auf der anderen Seite existiert bis ins 20. Jahrhundert ein differenzierter Geheimcode für Eingeweihte: An Seitenrändern, Abständen und der äußeren Gestaltung war der Grad der Ehrerbietung abzulesen – heute eine fremde Vorstellung. Die Untersuchung der Briefkultur früherer Epochen ist übrigens noch immer ein ergiebiges und spannendes Betätigungsfeld für uns Linguisten.

Welche Rolle spielten Briefe einst für Beziehungen? Und welche Rolle spielt das geschriebene Wort heute in einer Welt von E-Mail, Tinder und Whatsapp?
Liebesbriefe haben eine lange Tradition: Die Bandbreite reicht von der ersten Kontaktaufnahme über Liebeserklärungen bis zur schriftlichen Auseinandersetzung mit Beziehungsproblemen. Für diejenigen, die unsicher waren, wie man gelungene Liebesbriefe schreiben könne, gab es sogar Liebes-Briefsteller. Zu bestimmten Zeiten waren Briefe auch die einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten – man denke an Feldpostbriefe. Die Form der Liebeskommunikation hat sich verändert, man kann natürlich auch Schülerbriefchen, Flirtzettel usw. dazuzählen. Gerade angesichts der elektronischen Medien scheint der 'altmodische', handgeschriebene Brief gegenwärtig wieder eine besondere Wertschätzung zu erfahren.

Adrien und Anna schreiben recht förmlich miteinander, obwohl sie sich schon recht gut kennen. Ebenso schreibt Anna den Hoffmeisters förmlich über ihre verschiedenen Erlebnisse. Wieso schrieb man Anfang des 20. Jahrhunderts nicht in der uns bekannten lockeren Form?
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert galten in der bürgerlichen Gesellschaft vergleichsweise starre Regeln – die aber auch Orientierung boten – für den Umgang miteinander. Das betraf beispielsweise das Verhalten, die Kleidung oder die Sprache. Relevant dabei waren der gesellschaftliche Status, das Geschlecht, das Alter und die jeweilige Beziehungskonstellation. In sprachlicher Hinsicht äußerte sich das beispielsweise in festen Mustern für die briefliche Anrede, die so genannten Titulaturen. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts zeichnet sich – in Deutschland mehr als in Frankreich – eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung ab, durch die hierarchische Unterschiede an Bedeutung verlieren: Das Verhalten in unterschiedlichen Lebenslagen wird ähnlich, und die Unterschiede zwischen formellen und informellen Situationen werden reduziert. Was wir heute als 'Lockerheit' in der Kommunikation wahrnehmen, ist insbesondere Resultat einer Entwicklung nach 1968. Ein Beispiel: Dass Studenten einander duzen, ist heute normal, begann aber erst in den frühen 70er-Jahren. Vorher war auch der Umgang von Studenten untereinander von einer gewissen Förmlichkeit geprägt.


Frantz Filmszene


Adrien ist ein sehr sensibler Mann, der vom Krieg sehr mitgenommen ist. Zuhause bei den Hoffmeisters findet er nicht die nötige Kraft über seine Erlebnisse an der Front zu sprechen. Durch persönliche Briefe kann er sich einige Zeit später öffnen und seine Lage erklären. Woran liegt es, dass wir schwierige Themen oft besser auf Papier bringen können, als sie direkt auszusprechen?
Wenn wir schreiben, haben wir prinzipiell mehr Zeit, die Möglichkeit zur Planung und letztlich eine bessere Kontrolle über unsere Äußerungen: Wir können abwägen und probieren, Geschriebenes überarbeiten, umformulieren und ergänzen: Was der Empfänger zu sehen bekommt, ist ja in vielen Fällen eine Version, an der der Briefschreiber unter Umständen lange gefeilt hat. Im direkten Gespräch hingegen können wir zwar die Reaktionen des Gegenübers wahrnehmen und spontan darauf reagieren, gerade bei schwierigen Themen mit starker emotionaler Beteiligung besteht aber die Gefahr, dass man unterbrochen wird und gewissermaßen die Kontrolle verliert, weil das Gespräch einen anderen Verlauf nimmt. Insofern kann die schriftliche Form – zumindest für routinierte Schreiber – einen gewissen Schutz bedeuten.

Der Erste Weltkrieg hat in Frankreich ja eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland. Welchen Einfluss hatte der Krieg für die Entwicklung beider Sprachen?
Es ist schwierig, einzelne historische Ereignisse für sprachlichen Wandel in Anspruch zu nehmen, selbst wenn sie solche Zäsuren darstellen wie Weltkriege: Das Sprachsystem, also die Grammatik, ist vergleichsweise stabil. Allerdings finden derartige historische Ereignisse ihren Niederschlag im Wortschatz: Bei dem Ausdruck 'Nullachtfünfzehn' (08/15) beispielsweise, der heute auf 'Mittelmäßigkeit' oder 'Gewöhnlichkeit' zielt, handelt es sich um die Bezeichnung für das 1908 eingeführte und 1915 verbesserte Maschinengewehr des deutschen Heeres. Aber auch eine Metapher wie Grabenkampf hat ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg. Einen erheblichen Einfluss auf das Sprachbewusstsein hatten sprachpolitische Maßnahmen, beispielsweise die Wiedereinführung des Französischen im Elsass im Zuge der "réintégration" nach 1918. In dieser durch Mehrsprachigkeit geprägten Region kam es zu Konflikten, weil man die dominierende Stellung des Französischen nicht akzeptieren wollte.

In "Frantz" spricht die deutsche Schauspielerin Paula Beer sehr viel französisch, der Franzose Pierre Niney meistert einige Szenen auf Deutsch.  Was ist sprachwissenschaftlich gesehen der kleinste gemeinsame Nenner dieser beiden Sprachen?
Ungeachtet aller Unterschiede sind es doch gewissermaßen entfernte Verwandte: Beide Sprachen gehören der indoeuropäischen Sprachfamilie an, und es bestehen untereinander mehr Ähnlichkeiten als beispielsweise mit dem Finnischen. Abgesehen davon muss man betonen, dass es seit dem Mittelalter immer wieder intensive französisch-deutsche Sprachkontakte gegeben hat, und deshalb haben zahlreiche deutsche Wörter einen französischen Ursprung – selbst wenn man es ihnen nicht sofort ansieht: So gehen Wörter wie Brosche und Lanze ebenso auf das Französische zurück wie Adresse, Palette oder Marmelade – und die zahlreichen Verben auf -ieren wie spazieren, hofieren usw. sind nach französischem Vorbild entstanden.

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