Kinosterben
"The Upside" startet am 21. Februar 2019 im Kino. | Foto: Constantin Film Verleih
Autorenbild

06. Dez 2018

Hella Wittenberg

Filme

Kinosterben: Was können wir dagegen tun?

FILMICUM KW 49/50

Neu im Kino: "100 Dinge" und "Widows – Tödliche Witwen"

"100 Dinge" (Start: 06. Dezember 2018) – Paul (Florian David Fitz) und Toni (Matthias Schweighöfer) sind so gute Kumpels, dass sie sogar eine gemeinsame Firma leiten. Doch hin und wieder stehen sich die zwei selbst im Weg und ihr beständiger Konkurrenzkampf, den sie miteinander haben, macht ihren eigentlichen Zielen einen Strich durch die Rechnung. Als sie dann auch noch entgegen ihres sonst so materiellen Lebens wetten, dass sie 100 Tage nur mit Minimum an Konsumgütern auskommen, ist das Chaos perfekt. Am ersten Tag müssen sie sogar nackt zu ihrer Lagerhalle rennen, wo ihr ganzes Hab und Gut für die 100 Tage gelagert wird und wo sie sich täglich nur eine Sache zurückholen können. Wer wird die Wette gewinnen?

Mit "Der geilste Tag" konnten Florian David Fitz und Matthias Schweighöfer schon klarmachen, dass sie das ideale Duo sind. Ersterer als Regisseur und der andere als ausführender Produzent. Aber auch die philosophisch-nachdenkliche Art von Fitz matcht mal wieder richtig gut mit Schweighöfers überdrehtem Humor. Das Thema ihrer neuesten Zusammenarbeit ist auch hochaktuell und dazu noch amüsant aufbereitet: Nachhaltigkeit ist nun mal gerade in aller Munde. Wie viel sollte ein Mensch wirklich regelmäßig konsumieren und macht Konsum überhaupt glücklich? Florian David Fitz beantwortet diese Fragen angenehm häppchenweise und leichtfüßig. Aber trotz des ganzen Witzes wird man nach dem Schauen nicht drum herum kommen, selbst länger über diese ganze Nachhaltigkeitsthematik nachzugrübeln.

"Widows - Tödliche Witwen" (Start: 06. Dezember 2018) – Der letzte Raubzug endet für die Bande um Harry Rawlings (Liam Neeson) tödlich und mit einem großen Knall. Übrig bleiben nur die Bestohlenen (u.a. Daniel Kaluuya), die nun einige Millionen leichter sind, sowie die Witwen der Getöteten. Diese wussten von den kriminellen Machenschaften ihrer Männer und werden sogleich zur Rechenschaft gezogen: Binnen eines Monats müssen sie das verlorene Geld zurückzahlen! Zum Glück hat Harry ein Notizbuch hinterlassen, in dem der nächste Coup bereits skizzenhaft enthalten ist. Wenn Veronica (Viola Davis) und die anderen (u.a. Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki) jetzt nur noch wüssten, zu welchem Haus der Grundriss gehört ...

Oscar-Preisträger Steve McQueen ("12 Years a Slave") hat mit dem Actioner das geschafft, was "Ocean's Eight" mit all seiner weiblichen Star-Power nicht gelang. McQueen würfelt Frauen zusammen, die sich vorher nicht kannten, und lässt sie glaubhaft einen Überfall planen, bei dem niemals jemand denken würde, dass ausgerechnet sie den Mumm dafür aufbringen könnten. Seine Welt aus Korruption, Politik und echten Menschen, die versuchen irgendwie über die Runden zu kommen, ist so packend inszeniert, dass wir am liebsten noch mehr von diesen Superfrauen sehen wollen.



Thema der Woche: Kinosterben – Was können wir dagegen tun?

Ist das Kino auf dem absteigenden oder aufsteigenden Ast? Immer wieder hört man die Branche meckern, dass ihr die Besucher abhandengekommen sind. Aber ist das wirklich so? Sicher kann niemand dieses Gefühl teilen, der schon mal versucht hat, an einem Samstagabend das Berliner Zoo Palast Kino zu betreten und nicht mal die Tür hinter sich schließen konnte, weil die Schlange vor den Kassen solch einen Rückstau verursacht. 

Erst wenn man sich Rekordzahlen aus dem Jahr 2001 anschaut, versteht man die Sorge der Kinos. Denn damals rannten laut Insidekino um die 178 Millionen in Deutschland in die neuesten Streifen. Danach gingen die Zahlen wieder zurück und 2017 schlurften nur noch 122 Millionen in diese Parallelwelt. 2018 lautete vor allem das Ziel, über die 100-Millionen-Grenze zu kommen, was gar kein so leichtes Unterfangen darstellte. Was war denn nun seit 2001 passiert? Gründe zur Ablenkung und zum Eskapismus gibt es doch immer noch genug. Dennoch müssen sich Kinobetreiber*innen ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie noch lange so weitermachen können oder nicht. Ist der heiße Sommer Schuld am rapiden Besucherabsturz? Die vielen Fußballevents? Das gute Streamingangebot? Oder die schlechte Filmauswahl?

Vor allem ist ein Gang ins Kino mittlerweile teurer denn je. Insidekino fand heraus, dass man für "Star Wars – Die letzten Jedi" im Durchschnitt 11,77 Euro für ein Ticket bezahlen musste. Bei einem derartig hohen Preis überlegt man es sich doch ganz genau, in welchen Kinofilm man nun geht und bei welchem man lieber darauf wartet, dass er bei Netflix oder Amazon Prime erscheint. Dafür hat man ja eh ein Abo und wenn man sich dann einen Streifen anguckt, entstehen auch keine Extrakosten für Getränke und Naschkram. 

Außerdem starten immer mehr Filme, die Fortsetzungen nach sich ziehen. Alles aus dem Marvel-Universe ist darauf ausgelegt. Dass einer dieser Blockbuster Überlange hat, ist keine Seltenheit, und steigert somit noch einmal den Preis. Aber die Superhelden-Actioner sind keine Ausnahme mit ihren Sequels und Prequels. Til Schweigers Romcom "Keinohrhasen" und die darauf folgenden "Zweiohrküken" sowie der Animationsfilm "Keinohrhase und Zweiohrküken" sind das beste Beispiel dafür. Mit den "Phantastischen Tierwesen" geht es auch fröhlich weiter, genauso wie in der "Drachenzähmen leicht gemacht"-Reihe. Wer keine Fortsetzung plant, der hat vielleicht eher über eine Neuauflage nachgedacht. Nach dem französischen Überraschungshit "Ziemlich beste Freunde" startet die US-Version davon im Februar 2019 unter dem Titel "The Upside". Ähnlich erging es auch Schweigers "Honig im Kopf" – auch da ist inzwischen eine amerikanische Neuauflage mit Nick Nolte in der Hauptrolle erschienen. 



Es würde ganz sicher nicht schaden, wenn wir dem Überangebot an Heldenstorys und Fortsetzungen eine breitere Auswahl an neuen Produktionen gegenüberstellen würden. Meist sind es genau diese Art von Leinwandgeschichten, die es am Ende in die Oscar-Nominierungsliste schaffen. "Lady Bird" von Greta Gerwig war bei der Verleihung der Academy 2018 so ein Highlight, "Get Out" von Jordan Peele ebenfalls. Und nicht zu vergessen: "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" von Martin McDonagh. Es lohnt sich also auf frischen, originellen Inhalt zu setzen. Wer sich für so einen Film im Kinosessel breit macht, der kann sich auch auf mehr Überraschungspotential freuen als bei den Weiterführungen, bei denen meist Schema F gewinnt. 

Aber auch die Bewerbung eines Films müsste eine andere sein, um dem Kinoschwund entgegenzuwirken. Wenn nicht ein großer deutscher Star mitspielt, laufen gerade die deutschen Produktionen unter dem Radar. Da wäre mehr Werbung wirklich mehr wert. Sobald man es aber erst einmal in den Kinosaal geschafft hat, bekommt man Trailer zu sehen, die genau dem Genre des Hauptfilms entsprechen. Auch hier fehlt die Überraschung beziehungsweise der Blick in andere Richtungen, die einem vielleicht bisher nicht so bekannt waren.

Insgesamt sollten wir das Kino und Independent-Filme wieder mehr feiern. Wenn das Angebot diverser wird, zu den satten Kinopreisen auch mal günstigere Sparabos angeboten und selbst kleinere Produktionen besser promotet werden, könnten wir dem Abbau der Kinos etwas entgegensetzen. Wir dürfen da nur nicht länger warten!

Streaming-Perle: "Das Salz der Erde"

"Das Salz der Erde" (Verfügbar in der ARD-Mediathek bis zum 21. November 2018) – Der Fotograf Sebastião Salgado hat auf allen Kontinenten die Spuren unserer sich wandelnden Welt und Menschheitsgeschichte dokumentiert. Der Film von Wim Wenders zeigt auf visuell höchst beeindruckende Weise das Leben und die Arbeit des Brasilianers.

Darauf freuen wir uns: "Vox Lux"

"Vox Lux" (Kinostart: unbekannt) – Als schwarzer Schwan hat uns Natalie Portman schon längst überzeugt. Jetzt tritt sie ihr Comeback als Superstar Celeste an. Ihr Style: eher futuristisch-exzentrisch und alles andere als niedlich. Der Trailer zeigt bereits, dass Portman nicht nur verdammt gut tanzen kann, sondern eben auch eine tolle Stimme hat, wenn sie einen Song schmettert, der von der Pop-Ikone Sia höchstpersönlich geschrieben wurde.



Die nächste Ausgabe FILMICUM erscheint am 20. Dezember 2018.

Artikel-Bewertung:

3 von 5 Sternen bei 7 Bewertungen.

Deine Meinung: