Lou Andreas-Salomé Film
Szene aus "Lou Anderas Salomé": Lou und Nietzsche sind gemeinsam wandern | Foto: Wild Bunch Germany
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03. Mär 2017

Sandra Ruppel

Filme

Lou Andreas-Salomé

Fesselndes Biopic über die erste Psychoanalytikerin

Lou Andreas-Salomé: Ungehemmter Freiheitsgeist

Sie will nicht heiraten, sie will frei sein. Und so lehnt Lou von Salomé die Heiratsanträge reihenweise ab. Selbst Friedrich Nietzsche und Paul Reé kriegen einen Korb – und das in einer Zeit, in der Frauen möglichst zügig unter die Haube kommen müssen, um versorgt zu sein. Aber Lou will keinem Mann Rechenschaft ablegen oder sich selbst aus den Augen verlieren, falls sie Mutter würde: "Muss ich denn nicht in erster Linie an mich denken?" lässt Regisseurin Cordula Kablitz-Post ihre Lou (gespielt von Katharina Lorenz) zu ihren beiden Verehrern Reé (Philipp Hauß) und Nietzsche (Alexander Scheer) sagen. Lou will studieren, schreiben, denken, sich weiterentwickeln. Was sie nicht will, ist ein Hausmütterchen zu sein und einen Haufen Kinder zu gebären.

Denkerin mit russischen Wurzeln

Lou, eigentlich Louise von Salomé, wird 1861 in St. Petersburg geboren. Sie ist das jüngste von sechs Kindern und das einzige Mädchen der Familie. Glaubt man dem Film, so rennt sie schon in jungen Jahren gegen die Konventionen der Gesellschaft an – Mädchen klettern nicht auf Bäume? Lou versucht es erst recht! Was die Brüder dürfen, das will sie sich nicht vorenthalten lassen. Der Vater lässt sie gewähren. Mit 16 tritt sie aus der Kirche aus, verweigert es, sich konfirmieren zu lassen – und sorgt damit für großen Ärger innerhalb ihrer streng protestantischen Familie. 

Die Liebe zur Philosophie erwacht früh

Das Interesse an religiösen Themen verliert sie aber nicht, im Gegenteil: Sie nimmt zunächst Unterricht bei dem befreundeten liberalen Pastor Hendrik Gillot. Mit ihm zusammen liest sie Spinoza, Leibniz, Kant. Als der 25 Jahre ältere Holländer ihr einen Heiratsantrag macht und für sie seine Frau und zwei Kinder verlassen will, ist Lou schockiert. Sie lehnt ab – denn sie weiß jetzt endgültig, wo sie hingehört: Sie will unbedingt studieren.

1880 schreibt sie sich an der Universität in Zürich für die Fächer Philosophie und Religionswissenschaft ein. Es ist zu dieser Zeit die einzige Hochschule in Europa, an der Frauen zum Studium zugelassen werden. Sie lernt wie eine Wilde – bis sie ihr Studium schließlich wegen eines Lungenleidens unterbrechen muss. Mit ihrer Mutter reist sie zur Erholung nach Rom, wo sie sich vom milderen Klima Genesung erhofft. 

Portrait Salomé Nietzsche

Friendzone für Nietzsche und Reé

Während Lou sich in der italienischen Hauptstadt aufhält, lernt sie die miteinander befreundeten Philosophen Paul Reé und Friedrich Nietzsche kennen. Beide Männer verlieben sich in Lou, beide machen ihr einen Antrag, beide lehnt sie ab. Obwohl die beiden Denker weiter nach Lou schmachten, entwickelt sich eine intensive – platonische – Freundschaft zwischen dem Trio.

Doch das, was Lou sich erträumt, können Reé und Nietzsche nicht leisten. Sie will neue Lebensformen probieren und wünscht sich eine Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, die zum Gedankenaustausch dient: Alles mit dem Ziel der geistigen Vervollkommnung. Dem Körperlichen, dem Sexuellen, will sie sich aber komplett enthalten. Sie geht davon aus, dass es sie von ihrer Arbeit, ihrem Denken, ihrer schriftstellerischen Tätigkeit abhält.

Dazu, dass das Trio eine Wohngemeinschaft bildet, kommt es nie. Vorher zerbricht die Freundschaft zu Nietzsche. Und auch Reé, mit dem Lou ihren Plan immerhin teilweise umgesetzt und in Berlin für eine Weile zusammen gewohnt hat, muss einen schweren Schlag einstecken, was seine Freundschaft zu Lou betrifft. Denn letztendlich willigt sie doch noch ein, sich zu verheiraten – nur eben nicht mit ihm.

Ehe light?

Der Orientalist Friedrich Karl Andreas überzeugt Lou, die inzwischen auch mehrere Bücher geschrieben und veröffentlicht hat, in die Ehe mit ihm einzuwilligen. Allerdings nicht allein durch seinen Charme: Der fünfzehn Jahre ältere Professor verletzt sich vor Lous Augen mit einem Messer und droht, sich umzubringen, falls sie sich weigert, ihn zu heiraten. Derart unter Druck gesetzt stimmt Lou der Ehe zu – stellt aber die Bedingung, dass es niemals zu einer sexuellen Beziehung zwischen ihnen kommen wird.

Rainer Maria Rilke

Auch als verheiratete Frau hält Lou – jetzt mit dem Doppelnamen Andreas-Salomé – daran fest, dass sie sich sexuell enthalten will, um ihre Arbeit nicht zu gefährden. Erst als sie dem jungen Rainer Maria Rilke begegnet, ändert sie ihre Meinung. Sie verliebt sich in den deutlich jüngeren Dichter und beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit dem zarten Mann – doch auch diese Beziehung ist nicht für die Ewigkeit gemacht.

Wunderbar einfühlsam spielt Katharina Lorenz die Szene, in der sie als Lou dem verzweifelten Rilke (Julius Feldmeier) sagt: "Du kannst ohne mich nicht atmen – und ich kann mit dir nicht atmen." Obwohl Lou die Affäre schließlich beendet, bleiben die beiden in engem Kontakt.



Studium bei Siegmund Freud

Vielleicht würde man Lou, die ab 1911 auch eine intensive (platonische) Freundschaft mit Siegmund Freud verbindet – sie studiert bei ihm die Psychoanalyse – heutzutage nachsagen, dass sie beziehungsgestört ist. Ohne Zweifel hat sie jedoch gelebt, ohne Kompromisse zu machen. Ohne zurückzustecken, etwa für die Karriere eines Mannes.

Am Ende ihres Lebens – sie stirbt 1937 in Göttingen – ist sie Schriftstellerin, Philosophin und die erste Frau, die die von Freud entwickelte Psychoanalyse ausgeübt hat. Und ganz passend dazu ermahnt uns die Kablitz-Post’sche Lou (im Alter gespielt von Nicole Heesters) mit wundervoll schelmischem Blick:"Die Welt, sie wird dich schlecht begaben, glaube mirs. Sofern du willst ein Leben haben, raube dirs!"

Fazit zum Biopic Lou Andreas-Salomé

Dass Lou Andreas-Salomé eine Ausnahmefrau war, welche nicht nur durch ihre Freundschaft mit Reé, Nietzsche, Rilke und Freud in die Geschichte eingegangen ist, ist inzwischen einigermaßen bekannt. Unerschrocken, kompromisslos, forsch und klug geht sie ihren Weg. Getrieben von Wissensdurst und "total entriegeltem Freiheitsdrang", wie Andreas-Salomé es selbst beschreibt.

Regisseurin Cordula Kablitz-Post und mit ihr sämtliche beteiligte Schauspieler schaffen es, dass dieses Freiheitsgefühl auch durch den Film bis zu uns hindurch dringt. Zart, manchmal frech und schelmisch, aber nie kitschig oder theatralisch wird die Geschichte dieser besonderen Frau erzählt. Und kommt dabei ganz ohne Weichzeichner oder unnötige Schnörkel aus. 


Biopic Lou Andreas-SaloméUNICUM Film-Tipp

Lou Andreas-Salomé

Dokumentation, Deutschland 2017

Regie: Cordula Kablitz-Post

Darsteller: u. a. Nicole Heesters, Katharina Lorenz, Philipp Hauß, Alexander Scheer, Julius Feldmeier

Verleih: Wild Bunch Germany

VÖ: 28. Februar 2017

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