Kritik Mary Poppins Rückkehr
Mary ist zurück – und sie ist immer noch liebenswert eitel | Foto: Walt Disney
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20. Dez 2018

Sandra Ruppel

Filme

Mary Poppins' Rückkehr: Kritik zum Film!

Mary Poppins: Wie die Zeit vergeht

Seit Marys Abschied aus dem Kirschbaumweg Nummer 17 sind gut 20 Jahre vergangen, England steckt mitten in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Viele sind arbeitslos und auch für die Familie Banks ist die Lage mehr als ernst: Michael (Ben Whishaw), der ebenso wie seine Schwester Jane (Emily Mortimer) längst erwachsen ist und nun selbst drei Kinder hat, droht, sein Elternhaus zu verlieren. Um das Haus überhaupt so lange halten zu können, hatte er einen Kredit aufnehmen müssen, den er nun nicht länger bezahlen kann.

Die finanziell äußerst angespannte Lage ist aber nicht das einzige, das Michael Sorgen bereitet. Denn ein schwerer Schicksalsschlag hat ihm und seinen Kindern Annabel, John und Georgie komplett den Boden unter den Füßen weggezogen.

Eine finstere Situation also. Eine, in der man etwas moralische Unterstützung gut gebrauchen könnte. Und diese kommt an der Schnur eines grünen Drachens mit einer blau-rosa Schärpe als Schwanz herbeigeschwebt: Als Annabel, John und Georgie den Drachen im Park steigen lassen, Georgie die Schnur während einer heftigen Böe nicht bändigen kann und fast davongeweht wird, reißen die Wolken plötzlich auf und Mary Poppins erscheint.

Wie auch schon bei ihrem ersten Besuch ist ihre Mission klar. Sie ist zurückgekommen, um den Banks-Kindern zu helfen. Und zwar nicht allein Annabel, John und Georgie…

Mary Poppins' Rückkehr: Kann die Fortsetzung an den Erfolg des Originals anknüpfen?

Alle, die mit Mary Poppins aufgewachsen sind, werden sich wohl vor allem drei Fragen stellen. Erstens: Wie könnte jemand anderes als Julie Andrews jemals eine überzeugende Mary Poppins abgeben? Zweitens: Wird mir der neue Film meine guten Erinnerungen an das Original von 1964 versauen? Und drittens: Was kann das Sequel wirklich?



Die neue Mary: Emily Blunt

Es ist wohl kaum zu bestreiten, dass Emily Blunt hier große Schuhe zu füllen hat. Riesige. Schiere Kähne. Und dass sie "Balls of Steel", also "Eier aus Stahl" haben muss, weil sie sich dafür entschieden hat, eine der ikonischsten Rollen der Filmgeschichte zu übernehmen. Auch nicht zu bestreiten ist: Wenn es eine kann, dann Emily Blunt.

Tatsächlich ist "ihre" Mary nämlich keine bloße Kopie der Andrews-Version, sondern letzten Endes sogar die größte Stärke des gesamten Films. Blunt verpasst dem Kindermädchen eine innere Reife, die spüren lässt: An Marys Äußerem mögen die letzten 20 Jahre auf magische Weise spurlos vorbei gegangen sein. Dass sich die Zeiten geändert haben, aber nicht. Obwohl Mary so rätselhaft bleibt wie eh und je, wirkt sie doch ein wenig offener, gelöster und lässt Beobachter deutlicher erahnen, was sie beschäftigt. Ihre Emotionen schlagen stärker aus, als wir es aus dem Original kennen, ihre Kommentare sind trockener, ironischer und auf erfrischende Art bissig.

Insgesamt kann man sagen: Blunt verpasst ihrer Mary etwas mehr Kante. Und das steht ihr durchaus gut zu Gesicht. Dabei hat die Schauspielerin jedoch die ganze Zeit sehr wohl im Blick, in welchem Ausmaß sie diese Kante einsetzen kann, ohne dass es zu viel wird. Oder sich zu weit von der Mary entfernt, die wir alle kennen und lieben.

Meryl Streep: Die zweitwichtigste Frau in Mary Poppins' Rückkehr

Eine weitere Stärke des Films – neben Emily Blunts Neu-Interpretation des magischen Kindermädchens – ist der kurze, dennoch aber prägende Auftritt von Meryl Streep. Zusammen mit Blunt zaubert sie die vielleicht beste Szene des Films und liefert damit all das, was man sich für Marys Rückkehr kaum zu wünschen gewagt hatte: Weil den Kindern eine Keramikschale mit sentimentalem Wert zersprungen ist, nimmt Mary sie mit zu ihrer Cousine Topsy (Streep). Diese hat einen Repair-Shop und kann alles, aber auch wirklich alles wieder reparieren. Nur nicht am zweiten Mittwoch eines jeden Monats. Denn immer am zweiten Mittwoch eines Monats dreht sich ihr Shop auf magische Weise um 180 Grad, so dass alles auf dem Kopf steht und Topsy gar nicht mehr weiß, wo eigentlich oben und unten ist. Kein Zustand also, in dem man sich gut konzentrieren kann.

Wie der Zufall es nun aber will, kommt Mary mit den Kindern und der Schale im Gepäck an genau einem solchen Mittwoch zu Topsy, um sie um die Reparatur des Stückes zu bitten. Und obwohl diese den Auftrag gerne ablehnen würde, weil sie sich gerade nicht arbeitsfähig fühlt, zeigt ihr Mary – und damit auch den Kindern – dass es manchmal helfen kann, die Perspektive auf die Dinge zu verändern. Und so hängen Mary, die Kinder und Topsy prompt kopfüber an der Decke des Shops und entdecken so einen ganz neuen Blick auf die Welt.

Aus drei Gründen hat die Sequenz in Topsys Werkstatt Lieblingsszenen-Potenzial: Zum einen ist sie bunt, magisch, klug und lebensbejahend. Zweitens ist die Szene mit dem eingängigsten Song des ganzen Musicals unterlegt: "Turning Turtle". Und Drittens zeigt sich hier in aller Deutlichkeit, was Mary ganz konkret für die Kinder tut. Sie vermittelt ihnen im Vorbeigehen Lebensweisheiten, indem sie etwas vorlebt, statt mahnend den Zeigefinger zu heben.


Kritik an Mary Poppins' Rückkehr? Viele Parallelen, zu wenig Mut!

Dass Marys Erziehung übers Vorleben funktioniert, statt über große Belehrungen, ist ein dickes Plus auf der Stärken-Seite des Films. Bei ihr lernt man was fürs Leben – und das nebenher und "on the go". Etwas, das sie nicht nur zu einem unheimlich sympathischen Charakter macht, sondern was man sich auch für alle Kinder im echten Leben von Herzen wünscht.

Doch während das Sequel zu "Mary Poppins" vieles richtig macht, zeigt sich an einigen Stellen doch, wieviel Druck auf dem Projekt zweifelsfrei gelastet hat: Obwohl beispielsweise die Choreografien einen moderneren Anstrich bekommen haben – etwa wenn sämtliche Laternenanzünder Londons auf BMX-Bikes durch einen Park rasen und dabei Stunts mit ihren Rädern ausführen – ist der Verlauf der Geschehnisse doch recht deutlich an die Abenteuer, die Mary mit den Kindern im Original erlebt, angelehnt.

Völlig verständlich ist, dass sich Regisseur Rob Marshall entschieden hat, auch im Sequel eine Zeichentrick-Sequenz umzusetzen. Es ist eine schöne Anspielung auf den ersten Film und es hätte sicherlich zu großer Enttäuschung beim Kinopublikum geführt, wenn eine solche Szene gefehlt hätte. Leider scheint genau das aber auch der Antrieb hinter den vielen weiteren Parallelen im Handlungsverlauf zu sein: Dass die Zuschauer enttäuscht sein könnten, wenn ein bestimmtes Muster fehlt, das wir bereits aus dem Musical von 1964 kennen.

Und deshalb ist der Laternenanzünder Jack (Lin-Manuel Miranda) in diesem Musical das, was der Schornsteinfeger Bert (Dick van Dyke) im ersten Film war. Mit der Abwandlung, dass Jack sich nur platonisch für Mary interessiert. Die Szene bei Topsy, so fabelhaft sie auch ist, ersetzt das, was der Besuch bei Onkel Arthur im Original geleistet hat. Und an die Stelle des altbekannten Aufräum-Problems rückt der Unwille der Kinder, sich baden zu lassen.

Fazit: Ist Mary Poppins' Rückkehr ein erfreulicher Besuch?

Ein Sequel zu "Mary Poppins" umzusetzen, ist ein Mammut-Projekt, für das man das braucht, was Emily Blunt ganz offensichtlich hat: Eier aus Stahl. Die Erwartungen an den Nachfolger eines Klassikers mit solch ikonischen Songs und Figuren, wie sie hier vorkommen, sind kaum zu erfüllen. Alle, die genau das fühlen wollen, was sie beim Großwerden mit dem ersten Film gefühlt haben, müssen deshalb zwangsläufig enttäuscht werden. Wer sich davon also nicht wenigstens ein Stück weit freimachen kann, der gibt dem Film keine faire Chance, wird sich am Ende unweigerlich ärgern und sollte sich stattdessen wohl lieber die Version von 1964 zum hundertsten Mal auf Blu-ray reinziehen.

Trotz einiger Schwächen, die durch (noch) etwas mehr Chuzpe vielleicht ausgeblieben wären, kann man "Mary Poppins' Rückkehr" rückhaltlos zusprechen, dass es ein liebevoll gestaltetes und mit aller Sorgfalt umgesetztes Sequel geworden ist. Die Abenteuer mögen sich etwas zu dicht am ersten Film orientieren, viele der neuen Songs mögen weniger Potenzial haben, derart in die Geschichte einzugehen, wie es ein "Supercalifragelisticexpialigetisch" oder das "Löffelchen voll Zucker" geschafft haben.

Aber dennoch ist es eine wahre Freude, Mary wiederzusehen – und festzustellen: Nicht nur wir sind erwachsen geworden. Sondern auch die Frau, die wir als Mary Poppins kennen, hat sich weiterentwickelt. Emily Blunts' Mary ist immer noch so eitel, fürsorglich und wenn nötig auch mal streng, wie wir sie kennen. Trotzdem ist sie mit der Zeit gegangen. Sie ist noch ein bisschen selbstbewusster, spritziger und moderner geworden. Besonders ihr trockener – und damit auch typisch britischer Humor macht Spaß – und den sollten sich alle, die können, am besten auch in der Originalfassung auf Englisch gönnen.


UNICUM Filmtipp:

Mary Poppins FortsetzungMary Poppins' Rückkehr

Musical, Fantasy, USA 2018

Regie: Rob Marshall

Darsteller u.a.: Emily Blunt, Meryl Streep, Colin Firth, Dick Van Dyke, Emily Mortimer, Lin-Manuel Miranda, Ben Whishaw, Julie Walters

Verleih: Walt Disney

Kinostart: 20. Dezember 2018

Artikel-Bewertung:

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