Netflix Original Interview
Wir haben den Cast von „Wir sind die Welle“ im Interview. | Foto: Netflix
Autor

07. Nov 2019

David Streit

Filme

Netflix Original: Alles über die Motive der neuen Welle

FILMICUM November 2019

Thema der Woche: Interview zum neuen deutschen Netflix Original "Wir sind die Welle"

Wir trafen die Darsteller der neuen Welle, Luise Befort (Lea), Ludwig Simon (Tristan), Michelle Barthel (Zazie) und Mohamed Issa (Rahim), in Berlin zum Interview und konnten sie zu den Unterschieden vom Film zur Serie und den Motiven der Bewegung befragen. Außerdem verrät uns Produzent Dennis Gansel, warum genau jetzt die richtige Zeit für diese Weitererzählung seines Kinofilms mit Jürgen Vogel aus dem Jahr 2008 ist.

Dennis, was steckt hinter der neuen Welle?

Dennis Gansel: Ich fand es wahnsinnig reizvoll, den Themenkomplex neu und frisch über eine Gruppe Jugendliche zu erzählen, die mit ihrem Leben unzufrieden ist und jetzt von außen manipuliert wird. Damals war mein Film "Die Welle" sehr stark an den experimentellen Charakter der Buch-Vorlage gebunden. Jetzt wollte ich zusammen mit Netflix schauen, was momentan in der Welt vorgeht und wie der Blick von Jugendlichen auf diese Themen ist. Die neuen Schwerpunkte der Welle haben wir wie damals in Recherchen an Schulen ermittelt und auch Feedback zu ersten Drehbuchfragmenten eingeholt. Ich kann sagen, dass die junge Generation von heute viel politischer, engagierter und kritischer ist.

Und war es euch wichtiger, die richtigen Themen zu adressieren oder die besten Mittel für politisches Engagement zu zeigen?

Dennis Gansel: Ein bisschen von beidem. Wenn wir letzteres nur zeigen würden, dann hätte das schnell einen pädagogischen Touch. Uns war es dagegen wichtig möglichst dicht an der Realität zu bleiben. Denn auch in der Wirklichkeit hat man das Gefühl viele Menschen denken: Mit reden kommen wir nicht weiter und wir müssen jetzt selbst aktiv werden. Das sieht man beispielsweise an der Weiterentwicklung der friedlichen "Fridays For Future"-Proteste zu der etwas radikaleren Bewegung "Extinction Rebellion". Meine Erfahrung ist, dass sich überall mit der Zeit Menschen finden, die bereit sind einen Schritt weiter zu gehen als andere. Als Gesellschaft müssen wir uns aber darauf einigen, dass es eine klare Abgrenzung gegenüber Gewalttaten gibt. Mit der Serie wollen wir nun ergründen, wann dieser Schritt zu viel gemacht ist und wohin uns das dann führt.

In der neuen Serie verschwimmen die Grenzen zwischen richtig und falsch zusehends. Wie konntet ihr da eine Moral aufrechterhalten?

Michelle Barthel: Wir werden als Welle gegen alles aktiv, was uns bewegt. Dazu zählen Rassismus, Sexismus, Tierschutz, aber auch Waffenhandel. Wir wollen damit zeigen, dass kein Thema wichtiger ist als das andere. Und dass sich alle gegenseitig bedingen. Unsere Aktionen bringen uns dann immer wieder vor die Frage, ob der Zweck wirklich jedes Mittel heiligt. So geraten wir in Gewissenskonflikte, die wir dann untereinander diskutieren: Wie weit müssen wir gehen, um wirklich etwas zu verändern? Und wie laut müssen wir sein, um gehört zu werden? Jede Figur bringt ganz unterschiedliche Sichtweisen dazu in die Welle mit ein.

Luise Befort: Für mich heißt moralisches Handeln, gewaltfrei zu handeln. Lea sieht das ähnlich, deshalb trifft sie irgendwann eine Entscheidung, um ihren Werten treu zu bleiben. Als Zuschauer kann man sich so fragen, wo man sich selbst eigentlich verorten würde. Was ist der eigene Standpunkt und wie weit würde man selbst gehen?



Und was treibt eure Figuren an?

Luise Befort: Lea hält die Gleichgültigkeit und die Ignoranz in ihrem Umfeld nicht länger aus. Ihre Eltern sind zwar tolerant und liberal, aber sie vermisst echte Taten. Ich bewundere, wie konsequent Lea sich für Werte, wie zum Beispiel Mitgefühl und Gerechtigkeit für alle Lebewesen, einsetzt und wie stark sie für diese kämpft. Aber sie erkennt auch die Gefahr der Gruppendynamik und beginnt die Motive jedes einzelnen, auch sich selbst, zu hinterfragen.

Mohamed Issa: Ich bin mir ganz sicher dabei, dass Rahim durch seine Einsamkeit angetrieben wird. Denn er ist zuhause, in der Schule und auf dem Heimweg bisher auf sich gestellt. Und dabei gibt es jede Menge Sachen, die ihn runterziehen. Wie die NfD, die ihm Angst vor Abschiebung macht, oder die Nazis in der Straße, die ihn mobben und verfolgen. Er will aus dieser Angst ausbrechen und findet in der Gruppe die Kraft, um über sich hinaus zu wachsen. Es ist zu traurig, dass Menschen überall auf der Welt in Angst leben müssen. Egal, woher man kommt und welchem Glauben man angehört, da sollte es keine Unterschiede geben. Ich selbst bin Moslem und da heißt es: Nur deine Taten zeigen, wer du bist.

Wann seid ihr das erste Mal mit dem Sozialexperiment "Die Welle" aus dem Jahr 1967 in Berührung gekommen?

Michelle Barthel: Wir haben das Buch in der Schule gelesen und dann auch den Film gesehen. Das hat bei uns in der Klasse natürlich eine riesen Diskussion ausgelöst. Es gab zwei Lager: Die einen haben gesagt, so etwas würde in Deutschland nie wieder passieren und die anderen zur Achtsamkeit aufgerufen. Ich gehörte eher zu denen, die meinten, dass wir uns beständig daran erinnern und aufpassen müssen. Heute wäre das Stimmbild bestimmt ganz anders, da sich noch vor ein paar Jahren niemand vorstellen konnte, dass wir ja wirklich kämpfen müssen, um uns gegen Rassismus wieder abzugrenzen.

Ludwig Simon: Ich habe den Film gesehen und er hat mich zutiefst bewegt. Wenn das gelingt, hat es ein Film bei mir als Zuschauer geschafft. Die ganze Geschichte war wahnsinnig gut inszeniert und gespielt. Allein an der Figur von Frederick Lau hat man gesehen, wie gefährlich es ist, wenn jemand seinen eigenen Gedanken überlassen wird und keinerlei Austausch stattfindet. Daher sollten wir immer aufmerksam bleiben und mit unseren Mitmenschen kommunizieren – egal, welche Partei sie wählen. Es gibt so viele Strömungen, die einen radikalisieren können. Nur Kommunikation kann da noch helfen.

Die einzige Partei, die in "Wir sind die Welle" auftaucht, ist die NfD (als Pendant zur AfD). Und sie bedient sich derselben Argumentation, dass dem Establishment nicht zu trauen ist.

Dennis Gansel: Die NfD-Jugendorganisation "Brigade Nord" ist für uns die radikale Weiterentwicklung der Welle aus dem Jahr 2008. Sie bildet das Gegenstück zu den progressiven und eher links orientierten Protagonisten. Und beide Seiten lassen sich heute auch in den jüngsten Wahlergebnissen auf Landes- und Bundesebene verorten. Wir sind nun mit der Serie an den Motiven hinter den Strömungen interessiert und wünschen uns einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, sich wieder mehr miteinander auseinanderzusetzen. Ich selbst kenne AfD-Wähler und suche darum auch immer wieder die Diskussion. Denn aus pauschalen Verurteilungen entsteht doch nur Trotz als Reaktion. Und ehrlicherweise sehen wir genau das ja schon in Deutschland, Europa und der Welt.

Vor allem zeigt sich in Erhebungen, wie der Shell-Studie, dass es nicht nur die eine Jugend gibt.

Dennis Gansel: Die Shell-Studie finde ich natürlich super spannend. Denn neben der "Generation Greta" gibt es eben auch einen genauso großen Teil, der Populisten aufsitzt. Während die sozialen Medien also auf der einen Seite den Kampf gegen die Klimakrise unterstützen, teilen 12-Jährige auf der anderen Seite auf dem Schulhof Instagram-Posts vom rechten Medienkonzern Breitbart, der hinter Trump steht. Teils grobe Diffamierungen von Asylbewerbern. Und jede einzelne Strömung macht die Welt super komplex. Ich hoffe darum auf etwas mehr Ruhe und Nüchternheit in den Diskussionen. Wir alle sollten uns die Zeit zum Nachdenken nehmen und dann erst reden – aber vor allem lernen zuzuhören.

Diesen Monat im Kino:

Zombieland 2: Doppelt hält besser (Kinostart: 07. November)

In der Fortsetzung vom Kultfilm nehmen es Woody Harrelson, Jesse Eisenberg, Emma Stone und Abigail Breslin zehn Jahre später wieder mit jeder Menge Untoter auf. Nach der Zombieapokalypse können sich Wichita (Stone), Little Rock (Breslin), Columbus (Eisenberg) und Tallahassee (Harrelson) in so ziemlich jeder Unterkunft breit machen – so auch im Weißen Haus. Aber aus dem Spaß wird bitterer Ernst, als Little Rock mit einem Kiffer (Avan Jogia) durchbrennt. Die Übriggebliebenen machen sich also auf die Suche nach ihr und müssen es dabei unter anderem mit Zombies aufnehmen, die sich weiterentwickelt zu haben scheinen. Der zweite Teil bringt all die Dinge zurück, die wir schon am Original mochten: eine dysfunktionale Zwangsfamilie, einen Road-Trip quer durch die USA und vor allem viele lustige Gastauftritte. Dieser Film ist ein Geschenk an alle Fans – mehr aber auch nicht.



Booksmart (Kinostart: 14. November)

Amy (Kaitlyn Dever) und Molly (Beanie Feldstein) realisieren am Tag vor ihrem Highschool-Abschluss, dass sie in den letzten Jahren auf jeglichen Spaß verzichtet haben, nur um wie blöde für die Abschlussprüfungen zu büffeln. Und dass es ihre Klassenkameraden auf dieselben Eliteschulen geschafft haben – trotz Sex, Drugs und Rock’n’Roll-Lifestyle. Also beschließen sie sämtliche Erfahrungen in nur einer sagenumwobenen Nacht nachzuholen und endlich auch mal so richtig die Sau rauszulassen. Mit "Booksmart" feiert die Schauspielerin Olivia Wild ihr Regiedebüt. Und das sprüht nur so vor Zeitgeist! Als Codewort müssen Amy und Molly zum Beispiel nur "Malala" (Malala Yousafzai erhielt mit nur 16 Jahren den Friedensnobelpreis) sagen, um den uneingeschränkten Support ihrer besten Freundin einzufordern. Derartige Referenzen und natürlich ganz viel Frauenpower machen den Film zu einem gelungenen Pendant zum 2007er "Superbad" mit Jonah Hill und Michael Cera. Fun Fact: Beanie Feldstein und Jonah Hill sind sogar Geschwister.

Der Leuchtturm (Kinostart: 28. November)

Wer hätte gedacht, dass sich Robert Pattinson nach fünf "Twilight"-Filmen noch zu einem ernstzunehmenden Schauspieler entwickelt? Zusammen mit Willem Dafoe liefert er hier ein herausragendes Kammerspiel ab – also einen Film, der auf engstem Raum spielt. Darum geht es: In den 1890er Jahren treten der erfahrene Leuchtturmwärter Thomas Wake (Dafoe) und sein neuer Gehilfe Ephraim Winslow (Pattinson) ihre vierwöchige Schicht auf einer kleinen Insel vor der Küste von Maine an. Ein Sturm verhindert allerdings, dass sie ihren Posten auch pünktlich wieder verlassen können. Und so bleibt ihnen viel Zeit, um sich zu betrinken und intimste Geheimnisse miteinander zu teilen. Das fast quadratische Bildformat, die Bilder in schwarz-weiß und ein Nebelhorn, das den Soundtrack dominiert, perfektionieren die klaustrophobische Enge dieser Situation.



Streamingperle: Lux – Krieger des Lichts (noch bis 01.02.2020 in der ARD-Mediathek)

Torsten (Franz Rogowski) nennt sich selbst Lux und zieht sich am liebsten ein Superheldenkostüm an, um auf den Berliner Straßen den Obdachlosen unter die Arme zu greifen. Als ihn ein Filmteam anfängt zu begleiten und ihn bittet, sich für die Kamera mehr auf die Bekämpfung von Kriminalität zu spezialisieren, wird es immer heikler für den Real Life Superhero.

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