Snowden in der Filmkritik
Joseph Gordon-Levitt zeichnet Snowdens Wandel authentisch nach | Foto: Universum Film
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02. Mai 2017

Stefan Schröter

Filme

Snowden

Der Edward-Snowden-Thriller fürs Heimkino

Vom Patrioten zum Verräter

In seiner Zuflucht in einem Luxushotel in Hongkong trifft sich Edward Snowden mit den Journalisten Glenn Greenwald, Edward MacAskill und der bekannten Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Mit an Paranoia grenzender Vorsicht verbarrikadieren sich die vier in Snowdens Zimmer, während der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter seine Geschichte erzählt:

Für Edward Snowden ist klar: Er will Amerika dienen, egal wie. Nachdem seine Ausbildung bei den Special Forces der US Army aufgrund einer Verletzung frühzeitig endet, orientiert sich der junge Snowden um. Anstatt mit der Waffe in der Hand in Kriegsgebieten zu kämpfen, bewirbt sich das hochintelligente Computergenie bei der NSA und überzeugt seine Ausbilder dort auf ganzer Linie. Schnell wird Snowden mit immer wichtigeren Aufgaben betraut.

Dabei steht er nicht nur zwischen den Geheimnissen, die sein Geheimdienstjob mit sich bringt, und seiner Freundin Lindsay, sondern wird auch zunehmend mit den skrupellosen Methoden seines Arbeitgebers konfrontiert. Dazu gehören unter anderem das Abhören gesamter Länder, das berüchtigte Programm xkeyscore, mit dem Chats, E-Mails, SMS und Anrufe durchsucht werden können oder die Benutzung friedlicher Technologien zur Kriegsführung. Schließlich beschließt Snowden, dass die Machenschaften der NSA nicht länger geheim bleiben dürfen und – riskiert alles.



NSA is watching you

Mit "Snowden" schafft es Oliver Stone ein Bild des berühmten Whistleblowers zu zeichnen, das mit wenig Pathos auskommt. Trotzdem stellt er das Dilemma zwischen Patriotismus und Skrupel, in dem sich Snowden befindet, sehr gut dar. Dabei hätte Stone in seiner Darstellung von Drohnenangriffen, Abhörmethoden und Erpressung zwar deutlich drastischer werden können – angemessen wäre es allemal.

Trotzdem läuft dem Zuschauer angesichts der Möglichkeiten der US-amerikanischen Geheimdienste ein kalter Schauer den Rücken herunter. Denn wo man sich im Alltag kaum Gedanken macht um die Berechtigungen einer App oder was man gerade im Chat geschrieben hat, erinnert einen die Erklärung des Abhörprogrammes xkeyscore unerbittlich daran, dass jede persönliche Information zu jeder Zeit von Fremden einsehbar ist – inklusive des Blicks durch die Laptopkamera.

Ein glaubhafter Gordon-Levitt

Dabei überzeugt vor allem Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt mit seiner Darstellung von Snowden. Der Schauspieler hat sich offensichtlich viele Aufzeichnungen des Whistleblowers angesehen und schafft es, dessen Gestik, Mimik und Sprachduktus beeindruckend zu reproduzieren. Besonders Snowdens Wandel stellt Gordon-Levitt glaubhaft dar: von der anfänglichen Ergebenheit dem eigenen Land gegenüber und die damit verbundene Faszination hinsichtlich der technischen Möglichkeiten – schließlich beschützen die USA hier Menschen – zur Realisierung, dass man selbst und jeder Mensch auf dem Planeten jederzeit ausspioniert oder mittels eines Drohnenangriffes ausgeschaltet werden kann.


Snowden mit Joseph Gordon-Levitt

Schocktherapie ohne Ecken und Kanten

Zwar geht Co-Star Shailene Woodley als Snowdens Freundin Lindsay Mills ein wenig unter, trotzdem sind die Szenen der Beziehung zwischen Mills und Snowden, die immer stärker unter dem Job des Whistleblowers leidet, sehr intensiv. Denn im Grunde stehen sich hier auch zwei politische Positionen gegenüber: Auf der einen Seite Snowden, der das eigene Vaterland zunächst über freien Journalismus priorisiert und für den der Zweck die Methoden rechtfertigt. Auf der anderen Seite Mills, für die Journalismus der Weg ist, den Staat unter Kontrolle zu behalten.

Zunehmend belastend wird dies durch die Geheimnisse, die Snowden niemandem anvertrauen kann und die seine Weltanschauung ins Wanken bringen. Der Cast wird vervollständigt von Nicolas Cage als Hank Forrester, Zachary Quinto und Tom Wilkinson als Greenwald und McAskill, sowie Snowdens Vorgesetzten und NSA-Chef Corbin O’Brian, der von Rhys Ifans überzeugend bedrohlich dargestellt wird.

Fazit zu Snowden

In den besten Momenten des Films zeichnet Snowden das Bild eines furchteinflößenden Überwachungsstaates, der in Ländern auf der ganzen Welt alle Informationen über jeden von uns sammelt und dazu noch die Möglichkeit besitzt, auf Knopfdruck Menschenleben auszulöschen. Dem Zuschauer wird bewusst, in welcher Extremsituation sich Snowden befindet, der zwischen Verpflichtung und Idealismus steht.

Leider geht der Film mit einigen Dingen zu unreflektiert um und vermeidet es, zu sehr anzuecken. Nichtsdestotrotz hat Oliver Stone die Geschichte von Edward Snowden ohne Pathos und ohne auf die Tränendrüse zu drücken unterhaltsam umgesetzt. In jedem Fall ist der Film eine gute Möglichkeit, sich mit dem Whistleblower auseinanderzusetzen – ganz egal, ob man dessen Taten gutheißt oder nicht.


Snowden DVD-CoverUNICUM DVD-Tipp

Snowden

Drama, USA 2016

Regie: Oliver Stone

Darsteller u.a.: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Nicolas Cage, Scott Eastwood, Tom Wilkinson

Verleih: Universum Film GmbH

Heimkinostart: 7. April 2017

Artikel-Bewertung:

3.21 von 5 Sternen bei 159 Bewertungen.

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