Split
Szene aus "Split": Kevin in seiner Rolle als Hedwig | Foto: © 2017 Universal Pictures International
Autorenbild

26. Jan 2017

Nina Weidlich

Filme

Split

Ein Mann – 23 Persönlichkeiten

Wer darf ins Licht?

Drei junge Mädchen werden von einem Mann entführt und in einen Kellerraum gesperrt – so weit, so gewöhnlich. Ihr Entführer Kevin allerdings ist alles andere als das. Denn er ist nicht nur Kevin, sondern auch der Zwangsneurotiker Dennis, der schwule Designer Barry und der zehnjährige Hedwig – insgesamt schlummern 23 Persönlichkeiten in dem Entführer. Manche von ihnen lieben und beschützen sich gegenseitig, andere hassen sich, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben Angst vor Persönlichkeit Nummer 24, dem Biest. Denn es droht, schon bald zum Vorschein zu kommen und sie alle zu vernichten.

Kevin weiß, dass er krank ist. Noch ist er der Herrscher über alle anderen Persönlichkeiten und hat die Macht darüber, welche von ihnen "ins Licht", also an die Oberfläche darf. Neun von seinen Charakteren lernen wir während des Films kennen, jede ist eine eigenständige Person: Als Patricia wird Kevin zum muskulösen Glatzkopf in Frauenkleidern, als Hedwig zum naiven, lispelnden Jungen im Körper eines erwachsenen Mannes. Und obwohl die absurden Verkleidungen für Außenstehende zunächst wirken wie schlechtes Improvisationstheater, wird schnell klar: Kevin spielt all diese Persönlichkeiten nicht, er lebt sie.

Split Rezension

Kontrollverlust

Die entführten Mädchen Casey, Claire und Marcia begreifen erst nach und nach, dass sie es zur Flucht nicht nur mit einem, sondern mit 23 Entführern aufnehmen müssen. Die eigenwillige Casey sieht in der Situation allerdings eine Chance und versucht, sich Kevins dissoziative Identitätsstörung (DIS) zunutze zu machen und einen der Charaktere zu überreden, sie und ihre Freundinnen freizulassen. Das Problem: So unberechenbar, wie Kevin für seine Außenwelt ist, so unberechenbar wird er auch immer mehr für sich selbst. Er verliert allmählich die Kontrolle darüber, welche seiner Persönlichkeiten ins Licht darf und wird dadurch schrittweise zu seinem eigenen Opfer. Durch Kevins Kontrollverlust wächst auch die Gefahr, dass das Biest zum Vorschein kommt – die Charaktere beschreiben ihn als übersinnliche Gestalt mit unmenschlichen Kräften, die nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch das Leben der drei Mädchen gefährdet.

Freund oder Feind?

McAvoy spielt alle Charaktere mit einer Selbstverständlichkeit, die jeder der Persönlichkeiten sowohl einen bizarren, beunruhigenden Touch als auch eine gewisse Ernsthaftigkeit verleiht. Genau diese allgegenwärtige, unterschwellige Bedrohung macht die Spannung des Films aus: Zwar wissen wir, dass hinter den 23 Charakteren ein erwachsener, geistesgestörter Mann steckt, der den drei Mädchen in jedem Moment etwas antun könnte. Trotzdem haben wir Mitleid mit ihm und seinen Persönlichkeiten, die doch eigentlich ganz harmlos, manchmal sogar einfühlsam und liebevoll sind. Dadurch keimt in uns immer wieder die Hoffnung auf, dass am Ende vielleicht doch alles gut ausgehen könnte. Denn schließlich kämpfen alle gemeinsam gegen das Biest an und wollen nichts weiter, als akzeptiert zu werden und ein normales Leben zu führen.



Fazit zu "Split"

"Split" ist ein spannender, emotional fesselnder Film, der uns die Abgründe der menschlichen Seele aufzeigt. Er wäre bedenkenlos weiterzuempfehlen – wenn da nicht das letzte Drittel wäre. Denn anstatt sich auf die psychische Ebene der Krankheit zu konzentrieren und etwas mehr Eifer in ihre medizinisch fundierte Darstellung zu stecken, verfällt M. Night Shyamalan in alte Muster. Er kann es einfach nicht lassen: Auch in diesem Film muss der Regisseur die Story mit seinem Hang für Magie und Übernatürliches ins Lächerliche ziehen.

Das Ende des Films ist damit schon fast eine Beleidigung der schauspielerischen Leistung McAvoys, der so viel Energie in die authentische Umsetzung der Charaktere gesteckt hat. Schade also, dass Shyamalan sich nicht für ein Genre entscheiden konnte und gegen Ende krampfhaft noch ein paar Prisen zu viel Horror und Science-Fiction einstreuen musste. Vielleicht wurden auch deshalb viele kritische Stimmen laut, die dem Film vorwerfen, Betroffene dissoziativer Identitätsstörungen als Monster darzustellen und ihre Position in der Gesellschaft damit weiter zu schwächen. Hier hätte der Film Aufklärungsarbeit leisten können, ohne an Spannung einbüßen zu müssen.

Dennoch: Ein Kinobesuch lohnt sich, James McAvoy sei Dank.


UNICUM Film-Tipp:

Split PlakatSplit

Thriller / Fantasy / Horror, USA 2017

Darsteller u.a.: James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley

Regie: M. Night Shyamalan

Verleih: Universal Pictures Germany

Kinostart: 26. Januar 2017

Mehr Infos unter universalshowtimes.com/de/split/home

Artikel-Bewertung:

3.31 von 5 Sternen bei 195 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 29. Jan 2017 um 01:51 Uhr von Dolores
Danke Nina Weidlich für dein Fazit!!! Dieser Film ist eine Beleidigung für alle DIS Betroffenen. Meine Ehefrau ist eine multiple Persönlichkeit mit 31 Persönlichkeiten. Wir sind seit 10 Jahren verheiratet und seit 11 Jahren zusammen. Gerade am Anfang war es sehr sehr schwer und es ist immer noch oft schwer. So wird es auch bleiben. ABER, es gibt unendlich viele schöne, vielseitige, glückliche, lustige Momente. Unser Leben ist turbulent. Im möchte keinen Moment missen und liebe meine Familie über alles!!! DIS Betroffene, auch Multiple genannt, sind keine Monster!!! Ich möchte es mal so sagen, es ist eine Frechheit wie der Regisseur die Krankheit dissoziative Identitätsstörung darstellt. Ich glaube er weiß gar nicht was das für eine Krankheit ist. Wie es in dem Fazit schon steht wird durch diesen Film die Position von DIS Betroffenen weiter geschwächt. DIS Betroffene sind keine Monster!!!! Sie sind aufgrund schlimmster Erlebnisse multipel geworden weil sie die traumatischen Erlebnisse nicht überlebt hätten. Um zu überleben hat sich die Psyche gespalten. Welch eine geniale Leistung unserer Psyche! Ich, wir, werden diesen Film nicht anschauen! Liebe Grüße und danke an Nina Weidlich! Dolores