Steven Spielberg vs Netflix
Steven Spielberg will Netflix von den Oscars ausschließen. | Fotos: Gage Skidmore/flickr; CC BY-SA 2.0, Freestocks/Unsplash
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14. Mär 2019

Hella Wittenberg

Filme

Warum Steven Spielberg Netflix keine Oscars gönnt

FILMICUM KW 11/12

Thema der Woche: Steven Spielberg vs. Netflix

Der alte weiße Mann hat wieder was zu meckern: Dieses Mal stört sich Regie-Ikone Steven Spielberg daran, dass Filme vom Streamingdienst Netflix auch für die Academy Awards zugelassen werden. Alfonso Cuaróns "Roma" hatte in diesem Jahr gleich drei Trophäen abräumen können – scheinbar ein mächtiger Dorn im Auge Spielbergs. Doch warum regt sich der dreifache Oscar-Gewinner eigentlich so darüber auf? Die Debatte wirkt veraltet und nicht den modernen Entwicklungen der Filmindustrie entsprechend.

Längst haben sich Video-On-Demand-Services wie Netflix, Amazon Prime oder auch Sky etabliert. So sehr, dass in den Haushalten kein Konkurrenzkampf zwischen den Diensten herrscht, sondern mindestens zwei einfach vorhanden sind. Diese verdrängen das lineare Fernsehen mehr und mehr – aber ob ein Kinobesuch ansteht oder nicht, hat herzlich wenig damit zu tun. Warum will Spielberg also Netflix einfach nichts gönnen? 

Laut "IndieWire" hat der Regisseur, der hinter Klassikern wie "Der weiße Hai", "E.T." und "Schindlers Liste" steckt, ein Problem mit der kurzen Kino-Laufzeit der Netflixfilme. Um sich für die Oscars zu qualifizieren, muss ein Streifen für eine Woche Minimum auf der großen Leinwand laufen. Und das auch nur in Los Angeles, wo die Academy ihren Sitz hat. Mehr nicht. Für Steven Spielberg wäre damit ein Werk wie "Roma" ein Fernsehfilm und kein Kinofilm. Sie würden dafür einfach viel zu schnell zuhause auf der Couch geschaut werden können als im öffentlichen Kinosessel. Und für derartige Filme wären die Emmys da, nicht die Academy Awards. Um diese Meinung zu untermauern, will er sich sogar bei der Sitzung des "Academy Board of Govenors", wo er eines der Mitglieder ist, im April für eine Regeländerung einsetzen. 

Netflix hat prompt auf diesen Affront reagiert und klargestellt, dass sie keine Kinohasser sind. Im Gegenteil. Sie würden es aber auch lieben, Menschen die Möglichkeit auf gute Filme zu geben, die sich nicht immer ein Kinoticket leisten können bzw. die gar kein Kino in der Nähe hätten. Außerdem schätzen sie es, den passionierten Filmmenschen die Chance zu liefern, ihre Kunst mit der ganzen Welt zu teilen, und dass die ganze Welt auch jederzeit Zugriff auf die Erscheinungen hat. Ihrer Meinung nach schließen sich Streaming und Kino nicht aus.

Lieber Steven Spielberg, mach' mal Gönnung!

Und mal ehrlich: Wer diese Logik nicht sieht, der ist echt engstirnig. Eine Plattform wie Netflix kann für Filmschaffende ein wahres Sprungbrett sein. Denn da werden ihre Werke wirklich von allen möglichen Menschen gesehen – und wenn es gut läuft, lässt der nächste, reguläre Kinofilm auch nicht lange auf sich warten. "Ash vs Evil Dead"-Schauspieler Bruce Campbell hat sich ebenfalls auf die Seite von Netflix geschlagen und erklärt, "Roma" sei nicht einfach nur ein Fernsehfilm, sondern "so beeindruckend wie sonst kaum etwas." Da hat er mal recht. Deshalb sollte auch nicht pauschalisierend das bei der größten Award-Zeremonie rausgenommen werden, was wirklich die Zuschauer erreicht. 

Oft genug hatten die Oscars ein Imageproblem – es wurde der Academy vorgeworfen Filme auszuzeichnen, die kaum jemand geschaut hätte. Doch so lange Netflix-Filmen die Möglichkeit haben, bei den Oscars mitzumischen, wäre dieses Problem gegessen. Und sowieso, lieber Steven Spielberg, mach' mal Gönnung! Du solltest wissen, wie hart das Pflaster des Filmbusiness' ist und wie schwer es bisher war, die Finanzierung für ein Projekt auf die Beine zu stellen. Streamingdienste erleichtern Prozesse, ermöglichen flachere Hierarchien und fördern diejenigen, die sich nicht schon wie du einen Namen in der Branche machen konnten.


Neu im Kino: "Die Goldfische" und "Wir"

"Die Goldfische" (Kinostart: 21. März 2019) – Höher, schneller, alles einfach geiler: genau das ist das Lebensmotto von Banker-Heini Oliver (Tom Schilling). Als er mal wieder kopflos von einem Termin zum nächsten hechtet, baut er einen heftigen Unfall, der ihn sogleich ins Krankenhaus katapultiert. Die niederschmetternde Diagnose lautet Querschnittslähmung. Als er dann auch noch gefühlte Ewigkeiten in einer Reha-Einrichtung mit schlechtem WLAN-Empfang festhängt, kann er sein Pech gar nicht fassen. Um mit seinem Leben wieder Fahrt aufzunehmen, beschließt er mit seiner Reha-Gruppe (Axel Stein, Birgit Minichmayr, Luisa Wöllisch, Jan Henrik Stahlberg) sowie den Betreuern Laura (Jella Haase) und Eddy (Kida Khodr Ramadan) einen Ausflug in die Schweiz zu machen. Denn dort hat er noch jede Menge Schwarzgeld liegen und mit seiner Chaotentruppe fällt er ganz sicher nicht auf.

Was für ein Cast! In der deutschen Komödie scheint jedem Darsteller die Rolle wie auf den Leib geschneidert zu sein. Tom Schilling gibt den Manischen mit jeder Faser seines Körpers und Jella Haase will entgegen ihrer Rolle in "Fack Ju Göhte" überakkurat sein, was ihr ebenfalls sehr gut steht. Und die anderen Darsteller dürfen genauso mal so richtig zeigen, was sie alles drauf haben. Es ist insbesondere schön, auch mal Kidr Khoda Ramadan nach "4 Blocks" wieder in einer humorigen Rolle zu sehen. Tatsächlich macht es wirklich Laune allen zuzuschauen, wie sie ganz ihre Rolle ausfüllen. Hier wird keiner mit Samthandschuhen angefasst und nichts folgt einer klassischen political correctness und das geht völlig in Ordnung. 

"Wir" (Kinostart: 14. März 2019) – Bock auf Urlaub? Das Paar Adelaide (Lupita Nyong'o) und Gabe Wilson (Winston Duke) hat ein bisschen freie Zeit, gemeinsam mit den Kindern am Strand, dringend nötig. Doch schon nach kurzer Zeit in ihrem Ferienhäuschen wird es ungemütlich. Denn eine Gruppe von Fremden taucht bei ihnen auf und macht ihnen den Urlaub zum Höllentrip. Das Verrückte daran: Der unbekannte Trupp scheint ihnen ähnlicher als ihnen lieb ist ...

Der neueste Geniestreich von Jordan Peele (gewann 2017 als erster Schwarzer einen Drehbuch-Oscar für "Get Out") entfesselt Urängste: Was wäre, wenn es mich zweimal geben würde? Wer von uns beiden hätte dann ein Recht auf das Leben in der Sonne und wer muss im Schatten bleiben? Die Familie Wilson muss schnell lernen über Leichen zu gehen – denn nur eine Version ihrer selbst wird diese Nacht überleben. Bei allem Blutvergießen lockert Peele die Hetzjagden immer wieder mit lustigen Momenten auf, welche genug Raum für Entspannung bei all der Anspannung lassen.


Streamingperle: "Charité" – Staffel 2

"Charité" – Staffel 2 (Verfügbar bis 18. April in der ARD-Mediathek) – Neue Leute, neues Kapitel: In der zweiten Staffel wird die Medizingeschichte von 1943 bis 1945 beleuchtet, die eine höchst politische, aber ebenso perfide gut organisierte ist. Mit Jannik Schümann, Mala Emde, Ulrich Noethen und Hans Löw.

Hier kannst du "Charité" Staffel 2 auf Shelfd streamen.


Trailer der Woche: "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu"

"Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" (Kinostart: 09. Mai 2019)Tims (Justice Smith) Dad ist mit einem Mal wie vom Erdboden verschluckt. Um herauszufinden, wo er abgeblieben ist, holt sich der Sohn schließlich Support von keinem Geringerem als Pikachu. Was ziemlich komisch klingt, ist auch sehr komisch anzusehen. Aber auf eine gute Art und Weise! Im Original wird Pikachu von "Deadpool"-Star Ryan Reynolds gesprochen, was dem Ganzen natürlich eine herrlich ironische Grundnote gibt. Neben gut sitzenden Gags, die der Trailer bereits zeigt, scheint auch die Kombination aus echten Schauspielern und Animation wunderbar zu funktionieren. 



(Foto v. Steven Spielberg: Gage Skidmore/flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

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