Assasins Creed Odyssey Review
In Assassin's Creed: Odyssey tauchst du in die Zeit der griechischen Antike ein. | Foto: Ubisoft
Autor

24. Okt 2018

Christopher Lymer

Games

Assassin’s Creed: Odyssey

Vor den Toren des Rollenspiel-Olymp

Familienzusammenführung der spartanischen Art

"Huu!" donnert es testosterongeladen aus dutzenden Männerkehlen begleitet von einem gewaltigen Scheppern, das die Kampfbereitschaft der zahlreichen Muskelprotze signalisiert... Nein, die Rede ist ausnahmsweise nicht vom  gänsehauterzeugenden Jubel der isländischen Fußballnationalmannschaft (oder einer ihrer etlichen Kopien). Hier geht es um die berühmte Schlacht auf den Thermopylen, bei der sich König Leonidas mit seinen 300 Spartiaten gegen die Heerscharen des Perserkönigs Xerxes stellte. Und zwar mit allem, was dazugehört – martialischem Kriegsgeschrei, goldenen Rüstungen, jeder Menge Six-Packs, literweise Blut und schlussendlich dem heroischen Niedergang der tapferen 300. Mit jenem historischen Ereignis begrüßt uns Assassin’s Creed: Odyssey im antiken Griechenland, um uns anschließend – gut 50 Jahre später – in die Rolle von Leonidas‘ Nachfahren schlüpfen zu lassen. Dies ist entweder die kampfeslustige Kassandra oder der nicht weniger wehrhafte Alexios – die Wahl liegt ganz bei uns. Auswirkungen auf die Story und deren Verlauf hat sie allerdings nicht, denn in jedem Fall fristen wir zu Beginn auf der öden Insel Kephallenia ein ruhmloses Dasein zwischen Botengängen und Schläger-Jobs. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als eine mysteriöse Verkettung von  Ereignissen enthüllt, dass unsere bisher totgeglaubte Familie doch am Leben sein könnte und uns somit Grund genug gibt, unsere eigene Odyssee durch die Ägäis anzutreten. Was folgt, ist ein ebenso fesselndes wie wendungsreiches Epos, das nicht nur filmreif inszeniert ist, sondern über parallel verlaufende Erzählstränge die mit Abstand beste Story erzählt, welche die Serie bisher zu bieten hat.



Bezaubernde Open-World mit technischen Macken

Bei wem es in diesem Jahr mit dem Sommerurlaub nicht geklappt hat, der bekommt mit Odyssey’s antikem Griechenland fürwahr eine virtuelle Entschädigung: Nicht nur entpuppt sich die Ägäis als bisher größte Open-World, die wir je in einem Assassin‘s Creed bereisen durften, sie sieht darüber hinaus auch noch fantastisch aus. Von idyllischen Sandstränden über karge Felslandschaften bis hin zu bewaldeten Hochlanden und natürlich zahlreichen belebten Städten, die serientypisch nicht nur historische Sehenswürdigkeiten, sondern auch Persönlichkeiten beheimaten, gelingt es Odyssey sogar seinen bereits erstklassigen Vorgänger zu überflügeln. Das gilt insbesondere für die malerischen Panoramen, welche die dynamischen Wetter- und Beleuchtungseffekte sowie der atmosphärische Tageszyklus entstehen lassen. Das alles hat allerdings seinen Preis: Lange Ladezeiten, nachladende Texturen, eine zum Teil auffallend eingeschränkte Detail-Sichtweite und sogar zeitweiliges Stottern beim Nachladen von Inhalten hinterlassen – zumindest auf der PlayStation 4 Pro – neben all dem Staunen einen bitteren Beigeschmack, den wir in Ägypten so nicht auf der Zunge hatten.

Mehr Rollenspiel dank Dialog-System

Selbstverständlich lockt Odyssey‘s Open-World aber nicht nur mit schönen Aussichten, sondern auch mit jeder Menge Beschäftigungsangeboten: Ob Aussichtspunkte erklimmen, Militärstützpunkte räumen, Banditenlager ausheben, Schätze bergen oder Gräber erkunden – schon bald wissen wir nicht mehr, welche Aufgabe wir zuerst angehen sollen. Schließlich buhlen abseits der Hauptstory auch noch etliche Neben-Missionen um unsere Aufmerksamkeit, welche immer wieder durch interessante Charaktere, Plot-Twists und die ein oder andere unerwartete Groteske begeistern können. Nicht selten kommt hier auch das in Odyssey neu eingeführte Dialogsystem zum Einsatz, das uns in Gesprächen mit NPCs meist mehrere Antworten bzw. Reaktionen zur Auswahl stellt. Die Komplexität eines The Witcher 3 sollten Rollenspielfans allerdings nicht erwarten: Zwar liefern die meisten Gesprächsoptionen zusätzliche Informationen, für das Absolvieren einer Quest sind diese allerdings weder von Belang, noch haben sie einen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Dialogs, so dass letzterer am Ende doch meist in einer klassischen A-B-Entscheidung mündet. Allerdings können diese mitunter spürbare Folgen nach sich ziehen, die nicht nur uns persönlich, sondern ganze Landstriche betreffen. In dieser Hinsicht bereichert das Dialogsystem den neuen Rollenspiel-Ansatz der Assassin’s Creed Serie ungemein – nicht zuletzt weil die Sprechertexte meist ebenso ausgezeichnet geschrieben wie eingesprochen sind.

Kampfspezialisierungen: Kleider machen Leute

Doch auch wenn unser Held nun durchaus redselig ist, kommen wir in den meisten Fällen nicht ohne Waffengewalt ans Ziel. Hier setzt Odyssey weiterhin auf das in Origins eingeführte Hitbox-Kampfsystem, ergänzt dieses jedoch durch mächtige Spezialangriffe, die wir nun per Knopfdruck auslösen, sobald wir während des Kampfes genug Adrenalin angesammelt haben. Die zahlreichen Moves reichen vom Entreißen eines Schilds über das Abfeuern eines Pfeilhagels bis hin zum wuchtigen Spartiaten-Kick, mit dem wir unsere Gegner mit Vorliebe – wie einst Gerard Butler – von den höchsten Zinnen in die Tiefe katapultieren. Freischalten lassen sich diese Fähigkeiten bei Level-Aufstieg für alle drei Kampfvarianten – Fernkampf-, Nahkampf und Attentat – im jeweiligen Talentbaum. Hinzu kommt, dass die Schadenshöhe unserer Angriffe nicht länger allein von der Stärke unserer ausgerüsteten Waffen abhängt, sondern auch von unserer Rüstung, welche wir nun aus Helm, Armschienen, Brustpanzer, Schurz und Stiefeln separat zusammenstellen dürfen. Schließlich verfügt jedes Item – egal ob Waffe oder Panzerung – über individuelle Boni, welche spezielle Fähigkeiten oder Kampfvarianten begünstigen. Somit legen wir schon mit der Wahl unseres Equipments fest, ob wir beispielsweise einen gut ausgeglichenen Allrounder spielen wollen oder einen hochspezialisierten Attentäter.

Von habgierigen Handwerkern und singenden Seemännern

Um entsprechende Effekte noch zu verstärken, können wir unser Arsenal bei den hiesigen Schmieden zudem mit Gravuren veredeln lassen. Wie gehabt lassen wir hier auch unsere Ausrüstung auf unsere aktuelle Spieler-Stufe angeben – und das ist auch ratsam, da in Assassin’s Creed: Odyssey sowohl Gegner als auch Quest mitleveln. Selbstverständlich müssen wir für Verbesserungen jeder Art tief in die Taschen greifen und haufenweise Drachmen sowie verschiedene Rohstoffe auf den Tisch legen. Letztere benötigen wir übrigens auch zum Upgraden unseres Schiffs, der Adrasteia, deren Rumpf, Rammsporn und Ruderer sowie Bogenschützen und Speerwerfer bestmöglich ausstaffiert sein wollen, wenn wir uns auf offenem Meer spannende Gefechte mit Piraten oder anderen Feinden liefern. Ja, Odyssey holt das Seefahrt-Feature aus Black Flag inklusive taktischen Seeschlachten, singenden Matrosen und Entermanövern zurück, verwehrt uns dabei allerdings den Aufbau einer eigenen Armada – das wäre noch das i-Tüpfelchen gewesen!

Held ohne moralischen Kompass?

Leider nähert Odyssey, was die indirekte Narration über reine Spielmechanik angeht, zu weiten Teilen auch die Figurenzeichnung unseres Protagonisten an jene des Piratenabenteuers an: Denn während in der Ägäis der Peloponnesischer Krieg wütet, kennt unser Held in der Rolle des Söldners keinerlei Loyalität – schlimmer noch: Ohne Motivationen zu hinterfragen stellen wir uns immer wieder in den Dienst wechselnder Herren, um als Lohn einen Batzen Drachmen oder seltene Items zu ergattern. Dabei scheuen wir auch nicht davor zurück, eine Region durch Angriffe auf die hiesigen Machthaber so weit zu destabilisieren, dass eine Eroberungsschlacht "freigeschaltet" wird, bei der wir uns aussuchen können, welcher Seite wir uns verpflichten. (Erfahrungsgemäß ist es meist die der Invasoren, da hier die besseren Items winken!) Das alles wäre prinzipiell kein Problem, wenn unser Held auch ansonsten ein skrupelloser Drecksack wäre – ist er aber nicht! Davon zeugt die Inszenierung der Hauptstory, welche Alexios bzw. Kassandra als durchaus verantwortungsvolle und positive Figur darstellt. Die entstehende Diskrepanz zwischen dem, was uns in der Open-World freisteht zu tun, und jenen Bahnen, in denen uns der Main-Plot agieren lässt, untergräbt zuweilen komplett die Glaubwürdigkeit des Protagonisten – zum Beispiel dann, wenn wir in der einen Szene voller Entrüstung betonen, kein Mörder zu sein, nur um bei der nächsten Side-Quests ein Dutzend Wachen zu massakrieren, um an eine seltene Zutat für einen Liebestrank zu gelangen. Hier hätte man den erzählerischen Rahmen sicherlich etwas konsistenter gestalten können.

Fazit zu Assasin's Creed: Odyssey

Assassin’s Creed: Odyssey nimmt alles, was sein Vorgänger überaus erfolgreich etabliert hat, und setzt an fast jeder Stelle noch eins drauf: Mit einer fantastisch erzählten Story, einem Dialogsystem inklusive weitreichenden Entscheidungen, einem deutlich ausgebauten Equipment-System und zahlreichen Spezialisierungs-Möglichkeiten, vollzieht die Assassinen-Serie nun endgültig den großen Schritt zum waschechten Open-World-Rollenspiel. Wer Assassin’s Creed: Origins also bereits mochte, wird Odyssey lieben, ebenso wie alle Fans von epischen Rollenspielerfahrungen.


UNICUM Gaming-Tipp

Assassins Creed PackshotAssassin's Creed: Odyssey

Ubisoft 

Erhältlich für PlayStation 4, Xbox One, PC

Ab 16 Jahren 

Online bestellen (Amazon): Assassin's Creed: Odyssey

Artikel-Bewertung:

3.11 von 5 Sternen bei 203 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: