Call of Cthulhu Testbericht
In Call of Cthulhu musst du den rätselhaften Tod einer exzentrischen Künstlerin aufklären! | Foto: Call of Cthulhu
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05. Nov 2018

Christopher Lymer

Games

Call of Cthulhu

Stimmungsvolles Detektivabenteuer mit konzeptionellen Macken

Call of Cthulhu: Ein Wahnsinnsauftrag für Edward Pierce

Boston, 1924: Gezeichnet von den traumatischen Erlebnissen des ersten Weltkriegs gelingt es Veteran Edward Pierce nur mühsam einen Weg zurück ins Leben zu finden. Mit Schlaftabletten, jeder Menge Whiskey und einer Beschäftigung als lizensierter Privatdetektiv, versucht er die quälenden Albträume in Schach und seinen ächzenden Verstand beisammen zu halten. Dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, lässt sich nur erahnen, als der berühmte Kunstsammler und Großindustrielle Stephen Webster sein Büro aufsucht, um ihn mit der Untersuchung des mysteriösen Todes seiner Tochter Sarah Hawkins zu betrauen. Die Anhaltspunkte? Ein bizarres Gemälde, das Webster erhielt, kurz bevor dessen Tochter samt Ehemann und Sohn in ihrem Anwesen verbrannte, und eine Adresse, von wo aus das unheilvolle Objekt versendet wurde. Das muss reichen! Wir nehmen den Auftrag an und begeben uns unverzüglich zur Küste Bostons, um von dort auf Darkwater Island überzusetzen.

Tolle Kulisse, olle Charaktere

Auf der Insel angekommen offenbart sich Darkwater als heruntergekommenes Walfänger-Städtchen, das bereits vor mehreren Jahrzehnten seine letzten guten Tage gesehen haben muss. Bedrängt von klauenartigen Felsformationen und verhüllt von einem Schleier aus finsterem Dunst, der nur ab und an durch den aufblitzenden Lichtkegel des hiesigen Leuchtturms zerteilt wird, zeugen sowohl die Gebäude als auch ihre Bewohner von Verfall, Trostlosigkeit und einer grotesken Katatonie, die sofort unter die Haut geht. Gepaart mit einer tollen Soundkulisse und musikalischen Untermalung ist dieser schaurig-schöne Küstenort nur ein Beispiel für die vielen extrem atmosphärischen Kulissen, welche Call of Cthulhu für uns bereithält.

Konterkariert werden diese stimmungsvollen Schauplätze allerdings durch sämtliche Nichtspielercharaktere, die mit ihren wachsartigen Gesichtern und extrem hölzernen Animationen mit Blick auf heutige Standards durchaus irritieren und störend auffallen. Zu allem Überfluss erfreuen sich die eh schon unansehnlichen Charaktermodelle dann auch noch einer auffallend häufigen Wiederverwertung, sodass Darkwater streckenweise wie der Schauplatz eines fehlgeschlagenen Klon-Experiments wirkt.

Ungestillter Gesprächsbedarf in Darkwater

Nichtsdestotrotz spielen die Einwohner Darkwaters für uns eine zentrale Rolle, da ein Großteil unserer Ermittlungen auf Gesprächen basiert. Hierbei wählen wir bequem mittels Dialog-Rad, welche Themen oder welchen Ton wir anschlagen wollen. Die Anzahl der Optionen hängt dabei nicht selten von unseren insgesamt sieben Talenten ab, die uns Call of Cthulhu – ganz Rollenspiel-like – im Story-Verlauf verbessern lässt: Während die Fähigkeit "Redegewandtheit" beispielsweise auf eine überzeugungskräftige Argumentation einzahlt, lässt uns "Psychologie" mit empathischem Feingefühl reagieren. Hohe Werte in "Okkultismus" oder "Medizinkunde" eröffnen hingegen gegenstandsbezogene Gesprächsoptionen, ebenso wie Hinweise und Informationen, die wir im Laufe unserer Ermittlungen aufdecken.

Und obwohl in Call of Cthulhu's Dialog-System viel Potenzial steckt und sich die Gespräche durch eine hohe Vielfalt sowie eine tolle, englischsprachige Vertonung auszeichnen, erweisen sie sich bedauerlicherweise zu oft als funktionsgetrieben: Anstatt nämlich durch die Vermittlung von Hintergrundinformationen zu Orten oder Gegebenheiten mehr Stimmung zu erzeugen oder Charakteren zusätzliche Tiefe zu verleihen, erschöpfen sich die meisten Gespräche bereits nach ein- oder zwei gewählten Dialog-Optionen. Dies hat auch zur Folge, dass sich Dialoge in ihrer Hast teilweise nicht nachvollziehbar entwickeln: So bedarf es in manchen Situationen beispielsweise nur eines Satzes, um ein wutschäumendes, gewaltbereites Gegenüber in einen hilfsbereiten Gefährten zu verwandeln.

Kombiniere, kombiniere …

Informationen erhalten wir aber nicht ausschließlich über das Ausfragen der Einwohner Darkwaters, sondern auch durch das Untersuchen von Schauplätzen. Dafür grasen wir unsere Umgebung kontinuierlich nach hell leuchtenden Punkten ab, welche Gegenstände von Interesse markieren. Diese können sowohl nützliche Indizien enthalten als auch Hinweise und Objekte liefern, die uns bei manch abwechslungsreichen – wenn auch nicht immer fordernden – Umgebungsrätsel weiterhelfen.

Das Key-Feature unserer Ermittlung bleibt allerdings die sogenannte Rekonstruktion, ein Investigationsmodus, der uns in einem begrenzten Raum nach und nach Beweismittel aufspüren lässt und die damit einhergehenden Erkenntnisse über Tathergänge in Form schemenhafter Dioramen offenbart. Die so gewonnen Einsichten werden im Anschluss ausführlich in stimmungsvollen Tagebucheinträgen zusammengefasst.

Von daher lohnt es sich, unser Tagebuch regelmäßig nach neuen Einträgen zu checken. Immerhin finden wir hier nicht nur detaillierte Beschreibungen unserer bisherigen Ermittlungen und Erkenntnisse, sondern auch Informationen zu Personen, Orten und Objekten, die zum Teil sogar für das Nachvollziehen der Handlung zwingend sind. Umso bedauerlicher ist es, dass diese Inhalte nicht in Form von beispielsweise Monologen, Dialogen oder Cutscenes organisch ins Spiel integriert wurden.



Call of Cthulhu: Zwischen Spürsinn und Wahnsinn

Wer mit den Werken von H. P. Lovecraft vertraut ist, weiß, dass die Beschäftigung mit den Schrecken des Mythos zwangsläufig ihren Tribut fordert: Das gilt selbstverständlich auch für unseren Protagonisten. Je tiefer wir in die Geheimnisse von Darkwater vordringen, je häufiger wir mit Objekten des Okkulten in Kontakt treten und je näher wir den namenlosen Geschöpfen des Mythos kommen, desto gravierender wird unser Verstand in Mitleidenschaft gezogen. Die Folge sind Visionen, Paranoia, Stimmen in unserem Kopf sowie Eingebungen, die auch unsere Ermittlungen und Schlussfolgerungen beeinträchtigen können. Inszeniert wird der Verfall unseres Geistes eindrucksvoll mit Blackouts, Sprüngen in Ort und Zeit sowie einem wabernden Sichtfeld, das unter Herzrasen schwindet, sobald wir namenlosen Schrecken voller Entsetzen gegenüberstehen.

Neben einigen von Call of Cthulhus erinnerungswürdigsten Spielmomenten begegnen uns in diesem Zusammenhang allerdings auch einige Schleichpassagen sowie Action-Sequenzen, die in ihren spielmechanischen Ausprägungen so rudimentär und ungelenk sind, dass sie nicht nur das Potenzial haben Spielspaß zu bremsen, sondern durchaus nervtötend zu sein.

Fazit zu Call of Cthulhu

Ein story-basiertes Detektiv-Abenteuer mit komplexem Dialog- und Ermittlungs-System sowie Stealth- und Rollenspiel-Elementen? Und das alles im Lovecraft Universum? Ja, auf dem Papier liest sich Call of Cthulhu’s Spielkonzept fantastisch, bei der Umsetzung hapert es allerdings immer wieder an spielmechanischem oder handwerklichem Feinschliff. Seine Stärken hat Call of Cthulhu zweifellos dort, wo es um die Erkundung stimmungsvoller Environments sowie die Inszenierung des Cthulhu-Mythos geht. Wem das allein ausreicht, der bekommt hier eine interaktive Lovecraft-Erzählung, die vor Atmosphäre nur so strotzt.


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4 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen.

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