Days Gone Review
Die Landschaft genießen kannst du vergessen: In Days Gone triffst du immer wieder auf Horden von Zombies. | Foto: Sony
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20. Mai 2019

Christopher Lymer

Games

Days Gone im Test

Ein Mann und sein Bike … und massenweise Zombies!

Am Anfang war der Ausbruch

Days Gone beginnt, wie es sich für einen klassischen Zombie-Titel gehört, mit dem Aufkeimen der Katastrophe – dem Ausbruch des Virus. Schauplatz ist der US-Bundesstaat Oregon, dessen Einwohner sich plötzlich zu Hauf in zombieartige Monster – sogenannte Freaker – verwandeln. Während Panik, Chaos und Gewalt um sich greifen sucht unser Protagonist, der Biker Deacon St. John, gemeinsam mit Rocker-Kumpel Boozer und Ehefrau Sarah fieberhaft nach einem Fluchtweg aus der Stadt. Mit dem festen Versprechen sie bald wiederzufinden, kann Deacon seine Geliebte gerade noch auf den letzten Evakuierungshubschrauber verfrachten, dann muss er sich mit Boozer zu Fuß durchzuschlagen.

Einen Zeitsprung und 731 Tage später liegt die Zivilisation in Trümmern: Hungrige Freakerhorden durchstreifen das Land und marodierende Plünderer-Banden lauern den letzten Überlebenden auf. Auch von Deacons altem Leben bleiben nur noch schmerzhafte Erinnerungen; seine Sarah hat er nämlich niemals wiedergesehen. Das einzige, was jetzt noch zählt, ist das nackte Überleben. Dafür verdingen sich Deacon und sein Buddy Boozer als "Drifter", um im Auftrag diverser Überlebenden-Gemeinschaften das Ödland sicherer machen.

Der wahre Star von Days Gone: Die Open-World

Und so schwingen wir uns auf unser Bike und brettern durch die wunderschöne Endzeit-Open-World von Days Gone. Hier wechseln sich idyllische Naturkulissen mit bedrohlich verwilderten Geisterstädtchen ab, welche ebenso wie die unterschiedlichen Klimazonen, die von staubigen Ebenen über regnerische Waldlandschaften bis hin zu verschneiten Hochlanden reichen, für viel Abwechslung sorgen. Zudem lassen stimmungsvolle Wettereffekte sowie eine dramatische Lichtregie während des dynamischen Tag-Nacht-Wechsels die Kinnlade vor lauter Grafikpracht immer wieder nach unten sacken. In Sachen Open-World-Design ist Days Gone von Anfang an ein Brett!

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Spielwelt unfassbar lebendig wirkt: Denn hier scheint jedes Lebewesen seine eigene Bestimmung zu haben – völlig unabhängig davon, ob wir darauf Einfluss nehmen. Während Freaker des Nachts auf der Jagd nach Beute die Landschaft durchstreifen und auf Menschen, Wildtiere oder – wenn nicht anders möglich –einander losgehen, ziehen sie sich am Tag in ihre Nester zurück. Entsprechend treffen wir dann vermehrt auf brutale Plünderer in den Straßen, welche die Gunst der Stunde für ihre Streifzüge nutzen.

Eine lebendige Welt, die eigene Geschichten erzählt

Am spannendsten wird es jedoch, wenn mehrere Faktoren des lebendigen Environments durch Zufall aufeinandertreffen, wie folgende Anekdote zeigt: Als wir uns einmal im Schutz der Dämmerung an ein Feindeslager anpirschten, brach urplötzlich eine Herde Rehe aus dem nahen Dickicht – gehetzt von einer Meute blutdurstiger Freaker. Während letztere sofort von ihrer davongaloppierenden Beute abließen, um sich auf die überraschten Camper zu stürzen, eröffneten jene das Feuer. Zwar waren die Eindringlinge schnell abgewehrt, dafür lockte der entstandene Lärm nun eine ganze Freakerhorde an, welche das Camp schließlich in Windeseile überrannte und uns somit die Arbeit abnahm.

Dramatische Verkettungen dieser Art sorgen immer wieder dafür, dass die Welt von Days Gone ihre eigenen Geschichten erzählt, in denen wir wahlweise eine Rolle spielen können oder auch nicht. Bedeutung und Glaubwürdigkeit erlangen sie insbesondere dadurch, dass jedes Ereignis die Open-World nachhaltig prägt: Haben wir oder die Freaker ein feindliches Camp einmal geräumt, bleibt dies auch so. Lassen wir zwei Überlebende zurück, werden jene – sofern sie nicht anderen Gefahren zum Opfer gefallen sein – auch beim nächsten Mal dort anzutreffen sein oder sich einer anderen Gruppe angeschlossen haben.



Spiel-Design: Ein Best-Of der Open-World-Hitparade

Aber selbstverständlich ist die Welt von Days Gone nicht nur ein spannendes Ökosystem, sondern auch Schauplatz zahlreicher Missionen und Aktivitäten, denen wir uns im Laufe der Story widmen. Und genau hier fühlt sich der PS4-Exklusivtitel wie ein Medley aus den populärsten Open-World-Titeln der letzten Jahre an: Wie in Far Cry müssen wir uns an Plünderer-Camps oder Freaker-Nester heranschleichen, Gegner mit dem Fernglas markieren, um sie anschließend auszuschalten und Schnellreisepunkte zu aktivieren. Wie in Red Dead Redemption liefern wir uns auf dem Rücken unseres (motorisierten) Gauls Verfolgungsjagden mit abtrünnigen Bikern, um sie für ein saftiges Kopfgeld festzusetzen. Wie in The Witcher 3 halten wir nach Fragezeichen auf der Minimap Ausschau, um Orte von Interesse ausfindig zu machen, oder nutzen per Knopfdruck einen praktischen Umgebungsscan, der nützliche Objekte in der Nähe hervorhebt. Selbst bei der Fährtensuche, mit der wir Deacon anhand von Spuren Ereignisse rekonstruieren lassen, fühlen wir uns stark an die Tatort-Analysen eines Batman: Arkham City erinnert.

Auch wenn sich diese Aufzählung noch weiterführen ließe und Days Gone hier sicherlich keinen Innovationspreis abstauben kann, bekommen wir es in Sachen Spiel-Design dennoch mit einem durchaus stimmigen Mix zu tun. Was Days Gone sogar besser als manch genanntes Vorbild macht, ist, seine Open-World zu keinem Zeitpunkt mit Missionen, Aktivitäten oder bunten Markern zu überfrachten.

Die Wahl der Qual: Messer, Knarre oder Bombe?

Unseren Kontrahenten stellen wir uns übrigens mit der seit Horizon: Zero Dawn ebenfalls etablierten Trias aus Third-Person-Geballer, Prügelattacken und Schleichmanövern. Ergänzt wird unser Arsenal auch hier um diverse Fallen, Köder und Sprengsätze, die sich taktisch gegen unsere Feinde einsetzen lassen. Dabei gilt in jedem Fall: Je weniger Lärm desto besser!

Während stille Take-Downs aus dem Hinterhalt sowie der Einsatz von Armbrust und schallgedämpften Waffen ein kontrolliertes Vorgehen ermöglichen, können schallendes Mündungsfeuer und donnernde Explosionen allzu schnell dazu führen, dass wir uns einer Übermacht angelockter Freaker gegenübersehen und die Dinge aus dem Ruder laufen. Das bedeutet natürlich auch, dass wir bewaffnete Gegner möglichst nicht zum Schuss kommen lassen sollten.

Wahre Strategen können sich diese Umstände aber auch zu Nutze machen, um beispielsweise Gegnergruppen aufeinander zu hetzen oder an einem Punkt zu versammeln und auf einen Schlag in die Luft zu jagen. Dank der Vielzahl an Möglichkeiten und des allgegenwärtigen Chaos-Faktors bleiben Begegnungen jedenfalls immer spannend.

Das Gesetz des Ödlands: Craften, aufrüsten, aufsteigen!

Sind wir einmal nicht von unmittelbaren Gefahren umringt, gilt es nach Ressourcen Ausschau zu halten. Schließlich setzt Days Gone als waschechtes Endzeit-Spiel auch auf – zumindest seichte – Survival-Mechaniken: So gilt es, unser Bike regelmäßig aufzutanken und zu reparieren, Munition aufzuspüren sowie nützliche Gegenstände wie Schalldämpfer, Medikits und Co. herzustellen. Die nötigen Komponenten finden wir in den verwaisten Gebäuden und Ruinen sowie den unzähligen Autowracks, welche das postapokalyptische Oregon beherbergt. Darüber hinaus verstecken sich in der riesigen Open-World von Days Gone über 280 (!!!) Sammelobjekte, mit denen wir kleine Background-Infos freischalten können. Entsprechend ufert die ganze Sammelei immer wieder zu einer lästigen Pflicht aus: Zum einen weil wir nur eine sehr begrenzte Anzahl eines jeden Objekts tragen dürfen, zum anderen weil es neben dem notwendigen Kleinkram nie etwas wirklich Spannendes wie eine spektakuläre Waffe, ein neues Teil fürs Bike oder ähnliches zu finden gibt.

Derlei Dinge erhalten wir ausschließlich in Überlebenden-Camps, kleinen Enklaven, in denen sich Schutzsuchende zu organisierten Gemeinschaften zusammengeschlossen haben. Von hier beziehen wir nicht nur einen Großteil unserer Missionen und Aufträge, sondern können gegen Geld auch neue Waffen und Munition sowie Upgrades und kosmetische Modifikationen für unser Bike erstehen. Die Qualität der angebotenen Waren hängt dabei von unserem Ruf ab, den wir bei der jeweiligen Gemeinschaft genießen. Jener lässt sich pro Camp bis zu drei Stufen steigern, indem wir Aufgaben erfüllen, Bedrohungen in der Region ausschalten oder gesammelten Unrat eintauschen.

Zudem erhalten wir für jede dieser Aktionen auch Erfahrungspunkte, die uns bei Levelaufstieg mit einem Skillpunkt belohnen. Diesen dürfen wir dann in einen von drei Talentbäumen investieren, um Deacons Fähigkeiten in Fern- und Nahkampf sowie Überlebenskunst zu verbessern. 

Starke Charaktere, schwaches Storytelling

Während wir in der Wildnis meist alleine unterwegs sind, stellen die Überlebenden-Camps auch jene Orte dar, an denen Figuren aufeinandertreffen, miteinander in Beziehung treten und die Erzählung von Days Gone vorantreiben. Dabei gelingt es dem Zombie-Abenteuer eindrucksvoll und überzeugend emotionale Charaktere zu zeichnen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass zumindest die Hauptfiguren fantastisch animiert und auch in der deutschen Synchronisation toll gesprochen sind.Allerdings fokussiert sich Days Gone etwas zu sehr auf die vielen kleinen Geschichten, Begegnungen und Beziehungsgeflechte, sodass die Haupthandlung immer wieder aus den Augen gerät. Entsprechend gelingt es kaum, den roten Faden konsequent als mitreißende und spannende Story zu entwickeln. Schade!

Days Gone: Fazit

Auf den ersten Blick wirkt Days Gone wie eines von Heidi Klums Nachwuchstalenten: verdammt hübsch anzuschauen aber ohne jede Persönlichkeit. Ja, das Zombie-Setting ist mehr als durchgenudelt. Und ja, fast alle Spielmechaniken sind aus den Open-World-Hits der letzten Jahre entlehnt. Dennoch: Auch wenn Days Gone keinen Innovationspreis gewinnen kann, macht es das, was es reproduziert und neu kompiliert, durchaus gut! Mehr als das: Selten haben wir eine Open-World gesehen, die so glaubwürdig, nachvollziehbar und lebendig wirkt wie diese. In etwas abgeschwächter Form lässt sich dies auch für die feinsinnig inszenierten Protagonisten postulieren, denen die etwas dahinplätschernde Haupthandlung leider nicht ganz gerecht wird.

Zwar kann Days Gone als PS4-Exklusivtitel einem hochgelobten God of War sicherlich nicht das Wasser reichen, dennoch haben wir es hier mit einem verdammt guten Open-World-Abenteuer zu tun!  

Artikel-Bewertung:

4.13 von 5 Sternen bei 24 Bewertungen.

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