Fallout 76 Testbericht
Das Ziel von Fallout 76: Die USA nach einem verheerenden Atomkrieg wieder aufbauen. | Foto: Bethesda Game Studios
Autor

11. Dez 2018

Christopher Lymer

Games

Fallout 76

Mehr Schrott als man (er)tragen kann?

Spielmechaniken im Widerstreit

"Du bist überladen" – nur zu gut kennen Fallout-Veteranen diesen Hinweis, wenn mal wieder zahlreiche Rüstungsteile, Waffen oder wie seit Fallout 4 jede Menge Schrott und Baumaterialien das Inventar aus allen Nähten platzen lässt. Zur Strafe bremst uns das Spiel spürbar aus: Unser Charakter wird träge, kann sich nur noch nervenaufreibend langsam fortbewegen, muss ständig Verschnaufpausen einlegen und an die komfortable Schnellreise ist auch nicht mehr zu denken. Die Konsequenz? Entweder trennen wir uns regelmäßig von unserem liebgewonnenen Plunder oder wir zeigen Leidensbereitschaft und schleppen uns in stoischem Schneckentempo weiter durch die Weiten des Ödlands.

Dieser Zustand versinnbildlicht perfekt, wie in Bethesdas jüngstem Endzeit-Rollenspiel die klassischen, durchaus dominanten Singleplayer-Elemente mit den neuen Multiplayer- und Survival-Mechaniken zusammenspielen: Sie überlasten einander und bremsen sich gegenseitig aus! Dass das Spiel zudem in einem Zustand auf den Markt gebracht wurde, der eher an einen Early-Access-Titel erinnert, macht die ganze Angelegenheit natürlich auch nicht besser.

Vielseitiger Endzeit-Spielplatz

Mit dem Ziel, die USA nach einem verheerenden Atomkrieg wieder aufzubauen, brechen wir als Bewohner von Vault 76 am "Rückeroberungstag" ins postnukleare Ödland West Virginias auf. Und schon beim serientypischen Verlassen des Bunkers, bei dem sich uns die riesige Open-World mit einem ersten verheißungsvollen Panorama offenbart, stellen wir fest, dass das vor uns liegende Ödland gar nicht mal so öde ist: Schließlich starten wir in einem herbstlichen Waldgebiet, dass von den Bombeneinschlägen weitestgehend verschont worden ist – eine Kulisse, die durchaus überrascht und uns so bisher in keinem Fallout begegnet ist. Ähnliches gilt übrigens auch für eine Vielzahl anderer Landstriche, welche die bisher größte und auch abwechslungsreichste Fallout-Welt beherbergt.

Optisch überzeugen kann letztere dann allerdings überaus selten: Wenn die Szenerie nicht gerade von den durchaus atmosphärischen Wettereffekten dominiert wird, kann Fallout 76 mit seinen verwaschenen Texturen, groben Beleuchtungseffekten und hölzernen Animationen in 2018 niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Ganz im Gegenteil – das hat der vier Jahre alte Vorgänger schon besser hinbekommen.



Ein Fallout ohne Persönlichkeit(en)

Immerhin fühlt sich Fallout 76 gleich wie ein klassischer Vertreter der Reihe an: Schon nach wenigen Metern markiert unser Kompass in gewohnter Manier zahlreiche Orte von Interesse; bei Interface, Steuerung, Inventar, Waffenhandling ist ebenfalls alles wie gehabt. Auch mit Supermutanten, Ghulen, RAD-Kakerlaken & Co. dürfen wir uns erneut anlegen. Was wir jedoch bereits nach kurzer Zeit schmerzlich vermissen, sind menschliche Nicht-Spieler-Charaktere (NPC). Die gibt es nämlich nicht, zumindest nicht in lebendiger Form. Entsprechend fallen einige der zentralsten Aspekte des Rollenspiels wie interaktive Dialoge, persönliche Beziehungen, erinnerungswürdige Persönlichkeiten sowie handlungstreibende Protagonisten komplett flach.

Ihren Platz nehmen nun unzählige Holo-Bänder, Tagebucheinträge, Notizen und dergleichen ein, die uns als Questgeber quer durch das Ödland von West Virginia scheuchen. Der schwankende Unterhaltungswert kann dabei von der Absolvierung eines Behördengangs bis hin zu einer spannenden Schnitzeljagd reichen – ein wirklich fesselndes und wendungsreiches Storytelling gelingt unter diesen Umständen allerdings kaum.

Storytelling vs. Gruppenzwang

Und warum das alles? "Damit alle Menschen, denen wir im Spiel begegnen, auch wirklich andere Menschen sind" – so das Konzept. Was auf dem Papier ganz gut klingen mag, sorgt in der Praxis allerdings für Ernüchterung: Nicht nur sind zufällige Begegnungen aufgrund der schieren Weltgröße generell eher selten, auch die für Multiplayer-Titel obligatorische nonverbale Kommunikation via Emote-Spamming, Tea-Bagging und wildem Umherhüpfen wollen einer stimmungsvollen Endzeitatmosphäre so gar nicht zuträglich sein.

Immerhin können wir die knapp zwei Dutzend anderen Spieler auf unserem Server zu jederzeit auf der Karte ausmachen und per Knopfdruck kontaktieren, um Handel zu treiben oder im Team loszuziehen. Und letzteres funktioniert gar nicht mal so gut – zumindest nicht, wenn man gemeinsam Missionen erfüllen will. Denn das besagte Storytelling-Konzept ist alles andere als Multiplayer tauglich; es sei denn, unsere Gruppe besteht aus Rollenspiel-Enthusiasten mit jeder Menge Zeit und einer Engelsgeduld, sodass es niemanden auch nur ansatzweise stört, dass bald Ausrufe wie "Wartet mal kurz! Ich muss noch die neun Tagebucheinträge lesen" oder "Psssst! Ich muss mir eben noch zwei Holo-Bänder anhören" die Konversation prägen. Da das wahrscheinlich eher selten der Fall sein wird, ziehen Story-Freunde dann wohl doch lieber alleine los oder lassen die Narrative-Rahmung gezwungenermaßen links liegen.

Zu wenig zum Überleben, zu viel zum Sterben

Und selbst wenn wir uns zähneknirschend für letzteres entscheiden, bedeutet das dennoch nicht, dass wir von dauernden "Moment mal!"-Situationen verschont bleiben. Dafür sorgt schließlich Fallout 76‘s Survival-Mechanik, die leider so seicht ist, dass sie kaum spielrelevant wird, aber dennoch so präsent, dass sie uns zuweilen ordentlich auf den Wecker fällt: Hier ein grummelnder Magen, dort eine trockene Kehle, da ein defektes Gewehr, hier eine zerschlissene Rüstung und immer wieder überquellende Inventare – insbesondere im Team-Play sorgen all diese Aspekte regelmäßig für nervige Unterbrechungen des Spielflusses.

Ausschließlich einvernehmliche Penetration

Wem Mitspieler durch ihr ständiges "Moment mal" also eh nur auf den Keks gehen, der kann sich alternativ auch aufs Umnieten und Ausbeuten derselben fokussieren – zumindest theoretisch. Denn um friedfertige Ödland-Erkunder vor aggressiven Spielern zu schützen, hat Bethesda sich eine der perfidesten PVP-Mechaniken der Gaming-Geschichte ausgedacht: Greifen wir einen anderen Spieler an, wird der von uns verursachte Schaden so lange auf einen minimalen Bruchteil reduziert, bis unser Kontrahent im Sinne einer Einverständniserklärung zurückfeuert und somit erst ein tödliches Gefecht ermöglicht. Kompliziert, unintuitiv und öde – zumal die Belohnungen am Ende eines solchen "Duells" derart gering sind, dass sich der Aufwand gar nicht erst lohnt. Hier hätte sich sicherlich eine elegantere Lösung in Form von PVP-Servern oder -Zonen finden lassen.

Ey Mann, wo ist mein Haus?

Wer vor all dem einfach seine Ruhe haben will, sucht sich am besten irgendwo ein beschauliches Fleckchen, holt sein mobiles C.A.M.P. aus der Tasche und errichtet sich eine kleine Heimstatt. Dank des leicht modifizierten Bau-Editors aus Fallout 4 dürfen wir uns nach Lust und Laune austoben, solange wir die entsprechenden Baupläne und Ressourcen sowie die nötige Geduld haben, den noch immer etwas frickeligen Editor zu bedienen. Mit allerlei Werkbänken, einem Wasseraufbereiter, einer Kochstelle und vielleicht einem kleinen Gemüsegarten haben wir bald alles, was wir zum Überleben benötigen. Dazu zählt selbstverständlich auch unsere Lagerkiste, die uns vor dem Schicksal der dauerhaften Überlastung befreit – zumindest teilweise. Denn bedauerlicherweise ist auch hier der Lagerraum begrenzt, sodass wir bald schon zwei Inventare minutiös zu managen haben.

Abgesehen davon enthält jeder Behälter, den wir in unserem Zuhause aufstellen, stets alle eingelagerten Objekte. Ordnungsliebende Spieler dürfen sich also gleich von der Vorstellung verabschieden, für jede Munitionsart oder jedes Medikament ein eigenes etikettiertes Behältnis aufstellen zu können. Dementsprechend dienen die vergleichsweise zahlreichen Einrichtungsobjekte hauptsächlich einem kosmetischem Aspekt.

Nichtsdestotrotz macht das Aufziehen der eigenen Ödland-Residenz richtig Laune: Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl und Kreativität stehen wir schon bald mit stolzgeschwellter Brust vor unserem eigenen Anwesen, das wir schnell mithilfe von Fallout 76’s spaßigen Fotomodus verewigen. Zum Glück – schließlich kann der Screenshot das einzige sein, was von unseren architektonischen Mühen übrig bleibt. Nicht selten verschwindet unser Zuhause nämlich nach wiederholtem Aus- und Einloggen spurlos. Zwar ist das Bauwerk nicht restlos verloren und kann über das Bau-Menü an jedem beliebigen Ort erneut platziert werden. Allerdings gelingt dies aufgrund von Kollisionsproblemen mit der Umgebung nur in ca. 5 Prozent der Fälle. Ansonsten heißt es: Wieder von vorn!

Erschreckend unfertig

Der weitaus größte Kritikpunkt, den man gegen Fallout 76 ins Feld führen muss, ist dessen technische Unzulänglichkeit: Zumindest auf der Play Station 4 vergeht so gut wie keine Session, in der es nicht zu Lags, Rucklern, nachladenden Texturen, Darstellungs- und Physikfehlern, Verbindungsabbrüchen zum Server oder Systemabstürzen kommt. Mindestens genauso ärgerlich sind Bugs, die dazu führen, dass Quests nicht korrekt abgeschlossen werden können.

Bethesda hat bereits angekündigt, über regelmäßige Patches die Stabilität sowie konzeptionelle Schwächen wie zum Beispiel die begrenzte Lagerkisten-Kapazität oder das Verschwinden der Heimatbasis zu korrigieren. Hier bleibt also Hoffnung.

Fallout 76: Fazit

Fallout 76 basiert auf einem Rezept, das dem Wunsch geschuldet zu sein scheint, möglichst jedem Spieler zu schmecken: Hier eine Portion Single-Player-Rollenspiel, dort eine Handvoll Online-Multiplayer und zum Abschluss eine Prise Survival-Gameplay. Das Ergebnis ist ein zäher Brei, in dem keine der Zutaten wirklich zur Geltung kommt. Schlimmer noch: Alle Ingredienzien scheinen sich sogar gegenseitig im Weg zu stehen. Hinzu kommen unzählige technische Unzulänglichkeiten, die nur durch regelmäßiges Nachpatchen kompensiert werden können.

Ja, Fallout 76 hört sich an wie eine Katastrophe endzeitlichen Ausmaßes – und irgendwie ist es das auch. Trotzdem habe ich Spaß an der gemeinschaftlichen Ödland-Erkundung gehabt. Das mag an meiner ausgeprägten Schwäche für das Fallout-Universum liegen oder daran, dass die Chemie innerhalb meiner Spieler-Gruppe einfach stimmt. Wer von sich ähnliches behaupten kann, dürfte einem Abstecher ins Multiplayer-Ödland also schon jetzt etwas abgewinnen können. Alle anderen sollten zumindest auf einen deutlichen Preissturz warten.


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3.27 von 5 Sternen bei 44 Bewertungen.

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