Hellblade: Senua’s Sacrifice Kritik
Mystik trifft Psychologie: Hellblade: Senua’s Sacrifice | Foto: Ninja Theory
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13. Sep 2017

Christopher Lymer

Games

Hellblade: Senua's Sacrifice

Atmosphärische Pilgerfahrt in die nordische Unterwelt

Auf der Suche nach einer verlorenen Seele

Nach dem traumatischen Verlust ihres Geliebten gibt es für die keltische Kriegerin Senua nur noch eine Bestimmung: die Seele ihres Liebhabers aus der ewigen Verdammnis zu retten. Dafür muss die Titelheldin in die finsteren Tiefen Helheims vordringen, jenem trostlosen Ort, an dem der nordischen Mythologie nach alle Toten weilen, die unehrenhaft ihr Leben ließen.

Ganz alleine tritt Senua die beschwerliche Reise allerdings nicht an. Neben dem in ein Leinentuch gehüllten Kopf ihres Liebsten, welcher als Gefäß für dessen zu rettende Seele dienen soll, begleitet sie ein Wirrwarr an inneren Stimmen, welche ihr unentwegt ans Ohr drängen. Während Senua letztere schon seit Kindertagen als quälenden Fluch begreift, wird uns schnell klar, dass es sich hier um die Symptome einer schweren psychotischen Erkrankung handelt. Mit diesem Wissen folgen wir Senua auf ihre ganz persönliche Höllenfahrt, auf der die Grenzen zwischen Realität und Wahn zunehmend verschwimmen.

Quälende Stimmen der Weisheit

Auf der Suche nach dem Pfad in die Unterwelt durchstreifen wir fortan die nebelverhangenen Ländereien der Nordmänner, großräumige Areale mit kargen Landschaften, verwüsteten Dorfruinen und Festungen, schwelenden Leichenbergen und morbiden Mahnmalen aus erhängten und gepfählten Körpern.

Und während wir noch über die extrem atmosphärischen, beinahe fotorealistisch anmutenden Kulissen staunen, brechen die Stimmen in Senuas Kopf bereits die Stille – mal flüsternd, mal fauchend, von Gelächter durchbrochen oder durch einen Schrei verzerrt: Eine mahnt zur Umkehr, andere stimmen ein; diese fordert Senua zur Konzentration auf, jene prophezeit kichernd ihren nahenden Tod. Nur eine Stimme überlagert hin und wieder ruhig und gefasst das Chaos: Sie berichtet über die junge Kriegerin, offenbart uns allmählich ihre Geschichte und wird im Verlauf dieser Reise immer wieder die Rolle eines wissenden Erzählers einnehmen.

Und auch die übrigen Stimmen entpuppen sich bald schon als weit mehr als nur atmosphärisches Beiwerk: Indem sie dynamisch auf unsere Umgebung und Handlungen reagieren und uns so indirekt Hinweise geben oder Handlungsoptionen aufzeigen, erweisen sie sich vielmehr als eine Art Kompass. Dieser Kniff ermöglicht Hellblade: Senua’s Sacrifice restlos auf Interfaces, Tutorials oder Tooltips zu verzichten und somit einen Höchstgrad an Immersion zu erreichen.

Mit Klinge und Köpfchen Richtung Unterwelt

Einen weiteren wichtigen Richtungsgeber finden wir in Druth, der Manifestation eines keltischen Schamanen aus Senuas Vergangenheit: Nicht nur erlangen wir durch ihn Einblicke in die Riten der Nordmänner sowie in ihre Sagen- und Götterwelt, sobald wir einen der vielen versteckten Runensteine in der Wildnis auffinden; Druth ist es auch, der uns stets den Weg nach Helheim weist und uns jene Prüfungen offenbart, welche wir zu bestehen haben, um die nächste Passage des geheimen Pfads betreten zu können.

Größtenteils handelt es sich dabei um verschiedenartige Kombinations-Rätsel, die auf Senuas verschobener Wahrnehmung ihrer Umwelt basieren: Hier gilt es beispielsweise, optische Illusionen zu durchbrechen und geheime Wege offenzulegen oder scheinbar bedeutungslose Objekte wie Bäume und Pfähle in einer Sichtlinie so zu arrangieren, dass sie sich zu spezifischen Symbolen und Runen zusammenfügen, die wir zum Öffnen versiegelter Tore benötigen. Beim Design dieser eindrucksvoll inszenierten Rätsel-Einlagen haben sich die Entwickler spürbar an selektiven Wahrnehmungsmustern psychotisch erkrankter Menschen orientiert. Um ein möglichst authentisches Erleben zu gewährleisten, wurde hierfür sogar eng mit führenden Wissenschaftlern sowie mit betroffenen Personen zusammengearbeitet – und das Ergebnis kann vollends überzeugen!

Wenn alles Rätseln nicht mehr hilft, muss Senua auch schon mal zum Schwert greifen: Dank des zwar rudimentären, aber zugleich sehr dynamischen Kampfsystems, welches uns leichte und schwere Hiebe, Ausweich- sowie Block- und Konter-Manöver ermöglicht, gehen die spannenden Gefechte leicht von der Hand. Der taktische Tiefgang ergibt sich schließlich durch die unterschiedlich agierenden Gegnertypen, die mal allein, mal in gemischten Horden auf uns zu stürmen. Gelegentliche Boss-Kämpfe sorgen darüber hinaus für knackige Herausforderungen.

Wer an dieser Stelle erwartet, etwas über Erfahrungspunkte, ein Level- und Loot-System, Ausrüstungsmöglichkeiten, Crafting usw. zu lesen, muss jetzt leider enttäuscht werden: Denn Hellblade: Senua’s Sacrifice verzichtet restlos auf Rollenspiel-Elemente und konzentriert sich voll und seine Kern-Mechaniken – und das ist auch gut so!

Fazit zu Hellblade: Senua’s Sacrifice

Hellblade: Senua’s Sacrifice ist ein ebenso außergewöhnliches wie fesselndes Spielerlebnis. Das Third-Person Action-Adventure überzeugt nicht nur mit einer extrem atmosphärischen Inszenierung und beeindruckender Optik, sondern geht nachhaltig unter die Haut: Senuas aufwühlender Existenzkampf gegen ihre ureigenen Dämonen, die sich in Wahn, Verlustangst, Schuldgefühlen und Selbstaufgabe manifestieren, gekoppelt mit einer erzählerischen Finesse, die das Mythische mit dem Psychologischen verbindet, ist eine der besten Spielerfahrungen, die wir seit langem machen durften. Absolute Kaufempfehlung!


Hellblade: Senua’s Sacrifice PackshotUNICUM Gaming-Tipp

Hellblade: Senua’s Sacrifice

Ninja Theory

Erhältlich für: PC, PS4

Ab 18 Jahren

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  • Hinweis: Hellblade: Senua’s Sacrifice verfügt ausschließlich über englische Sprachausgabe.

Artikel-Bewertung:

3.39 von 5 Sternen bei 18 Bewertungen.

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