Spider-Man PS4 Kritik
Im neuen Spider-Man Gameplay erwarten dich eine große Portion Action, allerdings auch eine Menge "sinnloser" Aufgaben. | Foto: Sony
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22. Okt 2018

Christopher Lymer

Games

Marvel‘s Spider-Man

Fantastische Superhelden-Action trifft auf öde Beschäftigungstherapie

Superheld vs. Work-Life-Balance

Eben erst hat Spider-Man den berüchtigtsten Gangsterboss New Yorks, Wilson Fisk hinter Gittern gebracht, da treten schon die nächsten Schurken auf den Plan. Mysteriöse Kriminelle hinter japanischen Dämonen-Masken versetzen den Big Apple in Angst und Schrecken. Keine Pause also für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft alias Peter Parker, welchem eine kurze Auszeit durchaus gelegen käme: Schließlich muss er jenseits des Superhelden-Daseins auch noch seinem Assistenten-Job im Labor des Dr. Otto Ocatvius nachkommen, Tante May bei ihrem Ehrenamt im Obdachlosenasyl unterstützen und dringend die Beziehung zu Langzeit-Freundin Mary-Jane kitten, die seit gut einem Jahr auf Eis liegt. Und so schlüpfen wir in den hautengen Spidey-Anzug und schwingen uns behände von einer drängenden Angelegenheit zu nächsten, um nicht nur die Welt, sondern auch Peter Parkers Privatleben zu retten. Die allseits bekannte Origin-Story inklusive Spinnenbiss, Verwandlung und tragischem Tod von Onkel Ben müssen wir dabei zum Glück nicht auch noch absolvieren. Marvel’s Spider-Man setzt nämlich fast zehn Jahre nach diesen Ereignissen ein, sodass wir uns direkt ins Abenteuer stürzen können!

Besonders schön von oben: New York City

Ob Rockefeller Center, Avengers Tower, Empire State Building oder die Botschaft von Wakanda – Spider-Man‘s Open-World beeindruckt nicht nur durch ihren schieren Gigantismus, sondern lässt uns zahlreiche Wahrzeichen der Stadt besuchen. Dabei bezaubert das digitale New York immer wieder mit fantastischen Panoramen, welche vor allem im goldenen Zwielicht der Dämmerung oder bei nächtlichem Lichtermeer in beeindruckender Grafikpracht erstrahlen. Das gilt insbesondere, wenn wir den Blick von den Dächern der riesigen Wolkenkratzer umherschweifen lassen. Aber auch am anderen Ende der Y-Achse können sich die mit Liebe zum Detail gestalteten Straßen NYCs durchaus sehen lassen. Negativ stechen hier allerdings die etwas hölzern agierenden und zum Teil auffallend häufig geklonten NPCs heraus.


Spider-Man Gampeplay New York von Oben


Wie Tarzan im Großstadt-Dschungel

Das ist aber halb so wild! Schließlich rauschen wir die meiste Zeit eh in schwindelerregenden Höhen am Bühnenbild vorbei. Dann nämlich, wenn Marvel’s Spider-Man uns von der Kante eines Wolkenkratzers in die Tiefe hechten lässt, um kurz vor dem sich rasant nähernden Asphalt per Knopfdruck einen Spinnenfaden abzufeuern, an dem wir wie Tarzan im Affenzahn durch New Yorks Häuserschluchten schwingen. Spideys ureigene Art der Fortbewegung geht gleich von Anfang an flüssig von der Hand und versetzt uns geradezu in einen frenetischen Rausch der Geschwindigkeit, der einen atemberaubenden Flow entwickelt. Selten haben Wegstrecken in einer Open-World vergleichbaren Ausmaßes so viel Spaß gemacht!

Mit Dropkick, Faustschlag und Spinnennetz

Als nicht weniger dynamisch erweist sich das Kampfsystem, welches mit seinen Freeflow-Prügeleien stark an die – als Inspirationsquelle auch an anderen Stellen immer wieder durchschimmernde – Batman: Arkham Reihe erinnert. Im Vergleich zum dunklen Rächer entgegnet Spider-Man seinen Kontrahenten jedoch mit deutlich schnelleren und akrobatischeren Moves: Dabei dürfen wir nicht nur Kombos aneinanderreihen und mächtige Spinnen-Gadgets nutzen, sondern auch Umgebungsobjekte als Wurfgeschosse einsetzen. Das Resultat ist ein ebenso vielseitiges wie aufregendes Kampfspektakel, dem es zuweilen allerdings an Übersichtlichkeit mangeln kann. Für taktischen Tiefgang sorgen indessen nicht nur unterschiedliche Gegnertypen, die eine jeweils eigene Herangehensweise fordern, sowie eine Reihe von zum Teil grandios inszenierten Boss-Begegnungen, sondern auch ein seichtes Stealth-System, das uns Feinde heimlich ablenken, auseinandertreiben und einzeln ausschalten bzw. einspinnen lässt.

Story hui, Beiwerk pfui!

All das dürfen wir ausgiebig in den zahlreichen Missionen der Haupt-Story erproben. Wie zu erwarten bietet diese jede Menge Action, aber auch die ein oder andere Überraschung sowie gut geschriebene Dialoge mit für Marvel-Verhältnisse wohlportionierten Humoreinlagen und bisweilen sogar emotional ergreifenden Szenen. Was Aufbau und Inszenierung der Erzählung sowie die Zeichnung von Charakteren angeht, überflügelt Marvel’s Spider-Man sogar bei weitem zahlreiche Marvel-Produktionen, die in vergangenen Jahren über die Leinwand flimmerten. Dennoch konnte Entwickler Insomniac Games es nicht bei einer story-fokussierten Spielerfahrung belassen, sondern fühlte sich offensichtlich verpflichtet die viel zu große, weil leere Open-World mit Beschäftigungsangeboten vollzustopfen. Und dafür bediente man sich ganz einfach an dem gängigsten und mittlerweile abgeschmacktesten Open-World-Bändigungs-Prinzip, welches das Genre zu bieten hat: die Ubisoft-Formel – und zwar in seiner ursprünglichsten Form!


Spider-Man Gameplay Wie Tarzan durch die Luft


Mehr Beschäftigungstherapie als Spiel

Und so bekommen wir direkt zu Beginn den Auftrag über die Stadt verteilte Funktürme des NYPD zu reparieren. Tun wir dies, decken wir nicht nur einen Bereich der Karte auf, sondern auch Dutzende bunter Icons, die stellvertretend für Sammelaufgaben und Herausforderungen stehen. Darunter zählen solch aufregende Tätigkeiten wie das Finden unzähliger Rucksäcke, die Peter Parker vor Jahren (warum auch immer?) in ganz New York versteckt hat, das Aufspüren von Katzenfiguren, die wiederum Gegenspielerin Black Cat über die Stadt verstreut hat, das Fotografieren von Sehenswürdigkeiten oder das Einfangen von entflogenen Tauben (ja, richtig gelesen…). Dann gibt es da noch Feind-Basen, die wir ausheben dürfen, sowie etliche Forschungsstationen und Herausforderungs-Punkte, die uns teilweise auf Zeit mit Mini-Games, Akrobatik-  oder Kampf-Challenges auf den Wecker fallen. Darüber hinaus stolpern wir am laufenden Band über sich wiederholende Verbrechen wie Überfälle, Geiselnahmen und Entführungen, die es zu vereiteln gilt. Was wir im Gegenzug erhalten? Eine Anzahl entsprechender "Rucksackmarken", "Forschungsmarken", "Herausforderungsmarken", "Verbrechensmarken" oder "Basismarken", mit denen wir neue Kostüme inklusive neuen Spezialfähigkeiten sowie unterschiedliche Gadgets freischalten und aufrüsten können. Wie für jede absolvierte Story-Mission erhalten wir hierfür natürlich auch Erfahrungspunkte, die uns im Level aufsteigen und neue Kampffähigkeiten und Kombos freischalten lassen. Mit Blick auf die detailverliebte und aufwändige Inszenierung der Story, ihrer Protagonisten sowie ihrer spektakulären Bühne ist es beinahe erschreckend wie uninspiriert Marvel’s Spider-Man seine Open-World mit belanglosen To-Do’s zupflastert.

Kann Marvel's Spider-Man überzeugen?

Marvel’s Spider-Man erzählt eine spannende Story, die nicht nur den Superhelden, sondern auch die Person hinter der Maske in den Fokus rückt. Dabei überzeugt der Action-Titel nicht nur auf optischer Ebene, sondern glänzt mit einem dynamischen Kampf- und Bewegungssystem sowie mit gut geschriebenen Charakteren und einer tonalen Bandbreite, die von amüsanter Leichtigkeit bis hin zu emotionaler Schwere reicht. Torpediert wird die fantastische Story-Erfahrung leider durch ein uninspiriert aufgepfropftes Sammel- und Herausforderungssystem, das den Spieler entweder zwingt massenweise belanglose Aufgaben zu erledigen oder einen großen Teil des Spiels zu ignorieren.


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