vampyr rollenspiel review
Kämpfen, beißen und Blut saugen ist in Vampyr gefragt. | Foto: Focus Home Interactive
Autorenbild

28. Jun 2018

Christopher Lymer

Games

Vampyr

Das Vampir-Rollenspiel der "Life is Strange"-Macher im Test

Auferstanden von den Toten

Gerade erst von den Frontlinien des ersten Weltkriegs ins heimatliche London zurückgekehrt, findet sich unser Protagonist, Dr. Jonathan Reid, erneut inmitten von Tod und Verderben wieder. Nicht etwa im metaphorischen Sinne, sondern hautnah: Und zwar in einem Massengrab, umringt von den Leichen hunderter Opfer der Spanischen Grippe. Wie genau wir hierhin geraten sind und warum wir überdies diesen alles verzehrenden Durst verspüren, wissen wir nicht!

Von Ekel und Angst getrieben befreien wir uns aus der Grube, während die Welt in düsteren Schatten versinkt. Lediglich eine leuchtende Blutspur auf dem Kopfsteinpflaster weist uns verheißungsvoll den Weg, welcher uns direkt in die Arme einer schemenhaften, von grellrotem Licht pulsierenden Gestalt treibt. Wie in Trance versenken wir unsere Beißer in den Hals der zappelnden Beute. Als das Leben restlos aus ihr gewichen ist und die Welt um uns herum wieder Form und Farbe annimmt, stellt sich eine tragische Erkenntnis ein: Die blutleere Dame, die noch in Jonathans Armen liegt, ist niemand Geringeres als Mary, seine Schwester.

Von Trauer, Wut und Schuldgefühlen überwältigt schwört Jonathan sogleich, seinen unseligen Schöpfer ausfindig zu machen und blutige Rache an ihm zu üben – koste es, was es wolle.

Vampyr‘s London: Schönheit ist nicht alles

Und so begeben wir uns in die düsteren, nebelverhangenen Gassen Londons, das sich unter der gnadenlosen Geißel der Spanischen Grippe in eine Kulisse des Grauens verwandelt hat. Provisorisch ausgehobene Massengräber, verbarrikadierte Quarantänezonen, verwaiste Gebäude und von Leichen gesäumte Straßenzüge prägen nun das Bild der einst so stolzen Metropole des British Empire. Unterstützt von einem überaus stimmungsvollen Soundtrack gelingt es Vampyr hier eindrucksvoll, die unheilvolle Atmosphäre eines klassischen Schauerromans heraufzubeschwören.

Wer allerdings erwartet, die Weiten Londons frei erkunden zu dürfen, muss an dieser Stelle leider enttäuscht werden. Vampyr erlaubt uns lediglich eine Handvoll Distrikte zu besuchen, welche zudem durch ein äußerst überschaubares Netz aus Straßen und Gassen miteinander verbunden sind. Und auch wenn die begrenzten Areale durchweg ansehnlich und detailverliebt gestaltet sind, mangelt es ihnen zu oft an nötigen Akzenten, Fokuspunkten und Alleinstellungsmerkmalen, die uns eine intuitive Orientierung ohne andauerndes Aufrufen des Stadtplans ermöglichen. In Sachen Level-Design sind wir mittlerweile einfach besseres gewohnt!

Hauen, Stechen, Saugen

Selbstverständlich hält das seuchengebeutelte London auch allerlei Gefahren bereit: Da wir uns als frischgebackener Untoter um Viren und Bazillen glücklicherweise keine Sorgen machen müssen, können wir uns also ganz auf die zahlreich patrouillierenden Vampirjäger sowie andere Geschöpfe konzentrieren, die es auf uns abgesehen haben.

In diesen Situationen kommt Vampyrs actionlastiges Kampfsystem zum Einsatz, das sich auf den ersten Blick wie ein ferner und ungelenker Verwandter von Bloodborne anfühlt: Ausgerüstet mit martialischen Hiebwaffen wie Äxten, Hackmessern oder Stachelkeulen setzen wir unseren Feinden zu, weichen ihren Angriffen per Knopfdruck aus und achten dabei stets auf unsere Ausdauerleiste, die bei jedem Manöver schmaler wird. Gleichzeitig versuchen wir mit dem gezielten Einsatz von Seitenwaffen wie Revolvern oder Holzpflöcken unsere Kontrahenten zu betäuben. Gelingt uns dies, können wir uns inmitten des Kampfgetümmels am Blut der besinnungslosen Beute laben, um unseren Vorrat an Blut aufzufüllen. Letzteres dient nämlich als wertvolle Ressource für den Einsatz mächtiger Vampirkräfte, die uns tödliche Klauenhiebe austeilen, Blutlanzen schleudern oder kurzzeitig unsichtbar werden lassen.

Diese sowie weitere aktive und passive Fähigkeiten können wir durch Investieren von Erfahrungspunkten freischalten und schrittweise verbessern. Hierfür müssen wir nur einen von vielen Unterschlüpfen, die über ganz London verteilt sind, aufsuchen und bis zur nächsten Nacht rasten.

Schlachten statt schleichen!

Obwohl die Kämpfe mit dem allmählichen Freischalten von Vampirkräften spaßiger werden, lässt die überschaubare Gegnervielfalt willkommene Abwechslung sowie strategische Herausforderungen vermissen. Das fällt besonders dann negativ auf, wenn wir dank fehlender Schnellreisefunktion zum x-ten Mal dieselbe Strecke zurücklegen, nur um jedes Mal aufs Neue mit denselben Feindkontakten konfrontiert zu werden. Daran können auch die vereinzelten Boss-Kämpfe nichts ändern.

Umso bedauerlicher ist es, dass Vampyr keinerlei Alternative zur offensiv gewaltsamen Konfliktlösung bietet. Stealth-Mechaniken, wie man sie durchaus in einem Vampirspiel erwarten könnte, suchen wir hier vergebens. Kein Verschmelzen mit dem Schatten, kein heimliches Heranpirschen oder Verwandeln in Fledermaus, Ratte und finsteren Dunst. Solche Mechaniken hätten im Zusammenspiel mit einer komplexen, interaktiven Umgebung wahre Wunder bewirken können – ein Seitenblick auf Titel wie Dishonored und Co. wäre hier durchaus fruchtbar gewesen!

Was der Vampir kennt, das schmeckt ihm auch!

Aber zumindest dem wesentlichsten Aspekt des Vampir-Daseins räumt Vampyr eine zentrale Stellung ein: dem Blutsaugen! Denn nur wenn wir uns regelmäßig am süßen Lebenssaft gütlich tun, erhalten wir genügend Erfahrungspunkte, um uns zu einem wirklich mächtigen Vampir zu entwickeln. Während wir durch das Töten von Gegnern und Absolvieren von Aufträgen zwar auch mit einer geringen Menge an Erfahrungspunkten belohnt werden, pulsiert der einzig ergiebige Quell in den Adern der Einwohner Londons, welche sich innerhalb der letzten vier unversehrten Bezirke aufhalten.

Bevor wir aber sofort die Reißzähne ausfahren, lohnt es sich die Vielzahl an Ladies und Gentlemen erst einmal kennenzulernen. Hierbei dürfen wir uns über ebenso gut geschriebene wie professionell vertonte Dialoge freuen, welche umso komplexer werden, je mehr wir über unsere Gesprächspartner erfahren – sei es von ihnen selbst, über Dritte oder durch andere Quellen wie Tagebucheinträge, Briefe und dergleichen. Das Kennenlernen der Bewohner Londons zahlt sich auch aus: Nicht nur springen hier und dort ein paar Nebenmissionen für uns heraus; mit jedem gelüfteten Geheimnis steigt auch die Menge an Erfahrungspunkten, die wir durch das Aussaugen der entsprechenden Person erhalten.

Selbiges gilt übrigens auch für den Gesundheitszustand: Da auch Krankheiten die Blutqualität vermindern, sind wir gut beraten unsere medizinischen Kenntnisse zu bemühen, um die Bewohner Londons wenn nötig mit selbstgebrauten Tinkturen zu versorgen. Jene stellen wir – wie auch die Verbesserungen unserer Waffen – aus aufgesammelten Materialien an einer Werkbank her.



Die Qual der Wahl

Haben wir unsere morbide Blutfarm soweit im Griff, müssen wir nur noch die Gewissensentscheidung treffen, ob bzw. wer von den vielen Kandidaten auf unserer Speisekarte landet! Die Frage nach dem "ob" wird sich für die meisten Spieler allerdings erübrigen, da der zunehmende Schwierigkeitsgrad den ein oder anderen "Snack" unumgänglich macht.

In jedem Fall ist jedoch Vorsicht geboten: Da die Einwohner eines Bezirks meist in Beziehung zueinander stehen und somit Teil eines sozialen Gefüges sind, kann unbedachtes oder allzu gieriges Handeln unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen.

Das gilt auch für vereinzelte Schlüssel-Entscheidungen, die wir im Laufe der Geschichte zu treffen haben und die eine spürbare Auswirkung auf die Spielwelt mit sich bringen. Leider wird hier – wie auch hin und wieder bei kritischen Dialog-Optionen – nicht immer klar, welchen Ausgang eine getroffene Entscheidung haben wird. Das ist umso ärgerlicher, da Vampyr unseren Spielfortschritt kontinuierlich speichert und eine Option auf mehrere Savegames ausschließt.

Fazit zu Vampyr

Vampyr hätte so viel mehr sein können! Ein Vampir-Rollenspiel im London des beginnenden 20. Jahrhunderts mit einem Protagonisten, der zwischen Selbsterhaltung und hippokratischem Eid entscheiden muss – was für eine Ausgangssituation. Die Umsetzung ist hingegen ernüchternd: defizitäres Level-Design, ein solides aber repetitives Kampfsystem und ein Protagonist, der Entscheidungen trifft, deren Konsequenten selten abzusehen sind. Immerhin haben die "Life is Strange"-Macher in Sachen Charakterzeichnung, Dialoge, Story und Atmosphäre gute Arbeit geleistet.

Eingefleischte Vampir-Fans können über die Vielzahl verpasster Chancen sicherlich hinwegsehen, alle anderen sollten Vampyr‘s London erst dann einen Besuch abstatten, wenn der Eintrittspreis deutlich gesunken ist.


UNICUM Gaming-Tipp

vampyr review rollenspielVampyr

Focus Home Interactive

Erhältlich für: PC, PlayStation 4, Xboxe One

Ab 16 Jahren 

Online bestellen (Amazon):  Vampyr



 

Artikel-Bewertung:

2.95 von 5 Sternen bei 152 Bewertungen.

Passende Artikel

Deine Meinung: