Wolfenstein: The New Order
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09. Aug 2016

Entertainment

Im UNICUM Game-Test: Wolfenstein: The New Order

-ARCHIV-

Der beste Blazkowicz aller Zeiten

Alternative Geschichtsschreibung: Die Weltherrschaft des Nazi-Regimes

Deutschland im Jahr 1946. Die Truppen der Alliierten starten einen finalen Angriff auf den Hauptstützpunkt des obersten Kommandanten der Nationalsozialisten, General Strasse. Dabei handelt es sich nicht etwa um den letzten Vernichtungsschlag, sondern vielmehr um eine Verzweiflungstat. Denn in der alternativen Realität von Wolfenstein hat sich die Wehrmacht auf geheimnisvolle Weise zu einer hochtechnologischen Streitmacht gemausert, die ihren Kontrahenten in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges um Jahrzehnte voraus ist.

In der Rolle des US-Soldaten William "B. J." Blazkowicz, dem Titelhelden der gesamten Wolfenstein-Serie, rasen auch wir an Bord eines Truppentransporters der deutschen Küste entgegen. Während ein Großteil unserer Flotte bereits beim Anflug von den deutschen Abfangjägern zu Kleinholz verarbeitet wird, gelingt uns die Bruchlandung unmittelbar vor den Toren des feindlichen Stützpunktes.

Die folgende Infiltration schlägt jedoch fehl und wir entkommen nur um Haaresbreite mit einer schweren Kopfverletzung, die uns für die nächsten vierzehn Jahre in ein Wachkoma verfrachtet. Als wir wieder zu uns kommen, finden wir uns im Jahr 1960 wieder und Weltherrschaft gehört dem Hakenkreuz. Unsere Aufgabe ist natürlich, das wieder zu ändern!

Alte Formel, neue Stärken

Was es braucht, um das Regime in die Knie zu zwingen? Einen B. J. Blazkowicz und jede Menge Waffen! So war es schon früher und so bekommen wir es auch heute wieder in einer erfrischend schnörkellosen Shooter-Erfahrung geboten.

Rollenspiel-Elemente – wie bei jüngeren Genre-Vertretern mittlerweile üblich – suchen wir hier vergebens. Lediglich durch das Meistern kleinerer Herausforderungen à la "Schalte 25 Gegner mit Kopfschuss aus" können wir Verbesserungen wie größere Magazine oder schnelleres Nachladen freischalten. Ansonsten bleibt es spartanisch bei einer Lebensenergie- sowie Panzerungsanzeige und einem Waffenrad – und das ist auch gut so!

Bereichert wird der Shooter hingegen durch ein einfaches, aber gut funktionierendes Stealth-System, welches uns erlaubt, an unachtsame Gegner heranzuschleichen und diese auszuschalten oder via lautlosem Messerwurf ins Jenseits zu befördern.

In einem elementaren Punkt aber unterscheidet sich Wolfenstein: The New Order nicht nur von seinem Ahnen, sondern auch von dem Großteil der Genre-Konkurrenz – die Inszenierung. Mithilfe zahlreicher Cut-Scenes auf Filmniveau treibt Wolfenstein: The New Oder nicht nur die Geschichte voran, sondern nimmt sich überraschend viel Zeit, sich der Figurenzeichnung zu widmen. Obwohl wir es bei einem Wolfenstein eigentlich nicht erwarten würden, begegnen uns hier vielschichtige und liebevoll skizzierte Persönlichkeiten, die uns im Laufe unserer Reise ans Herz wachsen.

Dazu trägt nicht zuletzt die außergewöhnlich gute deutsche Vertonung bei, die aber leider in der finalen Abmischung etwas zu leise geraten ist, sodass wir auf Untertitel zurückgreifen müssen.

Faszinierende Reise durch eine bildgewaltige Dystopie

Was die optische Präsentation angeht, setzt Wolfenstein: The New Order sicherlich keine neuen Maßstäbe. Zwar überzeugen die Charaktere durch flüssige Bewegungsabläufe und extrem gute Gesichtsanimationen, dafür blicken wir aber auch viel zu häufig auf flache und zum Teil matschige Texturen.

Letzteres bremst aber nur geringfügig die Begeisterung, welche die vielseitigen, phantastischen Settings aufkommen lassen. Ob in den Hallen einer mittelalterlichen Festung, den engen Korridoren eines Militär-U-Boots, den mit Stacheldraht umzäunten Baracken eines Konzentrationslagers oder den sterilen Fluren einer Mondstation – unser Kampf gegen das Regime findet auf den unterschiedlichsten Schlachtfeldern statt, welche jeweils über eine ganz eigene und extrem dichte Atmosphäre verfügen.

Umso mehr, da wir immer wieder an Schauplätze geführt werden, welche die alternative Realität eindrucksvoll illustrieren. So besuchen wir beispielsweise die "befriedete" Londoner Innenstadt oder sehen am Berliner Horizont die Germania-Kuppel aufragen. Gestützt werden die stimmungsvollen Settings durch auffindbare Schnipsel internationaler Zeitungen, auf denen wir den Lauf der Geschichte aus verschiedenen Perspektiven nachlesen können.

Fazit zu Wolfenstein: The New Order

Wolfenstein: The New Order macht einfach alles richtig! Unnötiger Schnick-Schnack wirft der traditionsreiche First-Person-Shooter selbstbewusst über Bord und liefert eine auf Hochglanz polierte Spielerfahrung ab. Dabei brilliert Wolfenstein vor allem mit der perfekten Balance zwischen rasantem Gameplay und einer fesselnden Erzählung, die sich in einem Moment wie ein Action-Film anfühlt und sich im nächsten schon wieder ins Ernsthafte und Tragische verkehrt. Dabei steht fest: Egal, welchen Ton Wolfenstein: The New Order anstimmt, es trifft stets den richtigen. Wer dem Shooter-Genre nicht abgeneigt ist und sich eine intensive Spielerfahrung nicht entgehen lassen will, sollte sofort zugreifen.

Wolfenstein: The New Order

Bethesda

Erhältlich für PC, PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One

Angespielt auf der Playstation 4

USK ab 18

www.wolfenstein-spiel.de

Kommentar: Warum Teddybären keine Hakenkreuze tragen dürfen …

Um Wolfenstein: The New Order in Deutschland vertreiben zu dürfen, musste Publisher Bethesda zuerst einer Auflage der deutschen Behörden nachkommen, alle "verfassungsfeindlichen" Inhalte zu tilgen. Dies hat zur Folge, dass für die deutsche Version des Spiels alle direkten und indirekten Bezüge zum dritten Reich entfernt wurden – ganz gleich ob es sich dabei um Symbole, Namen oder spezifische Begrifflichkeiten handelt.

Auch der Import aus dem Ausland bleibt ohne Erfolg, da eine regionale Sperre das Verwenden von ausländischen Versionen verhindert. Für die Spielerschaft hierzulande ist dies kaum überraschend, schließlich gehört Deutschland zu den wenigen Ländern, die der Videospielbranche mit strengen Auflagen und Zensur begegnen.

Im Fall von Wolfenstein: The New Order zeugt das nicht nur von einem fragwürdigen Umgang mit der Geschichte des eigenen Landes, sondern auch davon, welcher Stellenwert Videospielen trotz zunehmender gesellschaftlicher und vor allem wirtschaftlicher Akzeptanz auf politischer Ebene eingeräumt wird.

Während dieselben "verfassungsfeindlichen Inhalte" nämlich in vergleichbaren Fiktionen aus der Filmwelt kein Problem darstellen, wird ihr Vorkommen innerhalb von Videospielen als Straftatbestand geahndet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Videospiele auch heute noch formaljuristisch unter der Kategorie "Spielzeug" subsumiert werden und deshalb nicht jene Freiheiten der Medienkunst genießen, auf die sich beispielsweise der Film glücklicherweise berufen darf.

Bis hier nicht ein allgemeines Umdenken stattfindet und das Medium Videospiel endlich eine kulturelle Aufwertung erfährt, werden wir uns in Spielen wie Wolfenstein weiterhin mit lächerlichen Platzhaltern begnügen müssen, die zugegeben etwas ästhetischer sind als schwarze Balken, aber unweigerlich den Eindruck mittelalterlichen Aberglaubens vermitteln, dass, wenn wir den Teufel einmal beim Namen nennen, er auch herbeigerufen wird.

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