Justin Chadwick Mandela
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09. Aug 2016

Entertainment

Im UNICUM Interview: Mandela-Regisseur Justin Chadwick

-ARCHIV-

Zum Heimkino-Start von "Mandela" sprach UNICUM mit dem Filmemacher über Freiheit

"Unsere Welt wird plötzlich immer repressiver"

UNICUM: Justin, was ist deine Definition von Freiheit? Justin Chadwick: Meine Definition von Freiheit ist die Möglichkeit zu haben, so zu sein, wie man sein möchte – ohne jegliche Wertung von Anderen. Die Möglichkeit zu haben, Beziehungen einzugehen, und Chancen in seinem Leben zu haben. Sein Leben so zu leben, wie man möchte – egal, wo man herkommt, welcher sozialen Schicht man entspringt, wieviel Geld man hat, welche Farbe die eigene Haut hat, an welche Religion man glaubt. Ohne Angst durch das Leben zu gehen. Die Möglichkeit haben, alles erreichen zu können. Sein Leben so zu gestalten, wie man möchte und die Person zu sein, die man sein möchte. Arbeiten zu können und zu leben und lieben egal, wo man herkommt oder wer man ist.

Was denkst du: Sind wir in Westeuropa und den USA in diesem Sinne frei?Die Länder, in denen wir leben, werden plötzlich immer repressiver – ungleich dessen, wie wir erzogen werden und welche Werte wir mitbekommen. Wir müssen unsere Freiheit beschützen! Egal, woher wir und andere Menschen kommen. Wir sind alle Individuen und sollten die Möglichkeit haben, unser Leben so zu leben, wie wir das möchten. Vor allem ein Leben ohne Ängste und ökonomische Sorgen führen zu können – und ohne Hass! Das alles sollte beschützt werden.

Mandela begenete seinen Feinden: in Frieden

Ist Frieden gleichzustellen mit Freiheit? Ich glaube, dass Frieden erst nach der Freiheit kommt. Wenn wir in Frieden, in Gelassenheit und in Erfülltheit leben können – ohne Konflikte: Erst dann sind wir wirklich frei. Eines der außergewöhnlichen Dinge an Mandela ist, dass er die Gabe hatte, seinen eigenen Frieden in sich selbst zu finden. Und das, obwohl er unter einer der schlimmsten Gräueltaten der Menschheit leiden musste: unter Rassismus. Er fand seine eigene Zufriedenheit und seinen eigenen Frieden. Das merkt man an der Art und Weise, wie er über seine Kindheit sprach oder wie er sich an einen Ort erinnerte, den er sich in seinem eigenen Geist geschaffen hat, um sich dahin zurückzuziehen, wenn er litt. Wir können uns nicht einmal vorstellen, von den eigenen Kindern oder den Lieben getrennt zu sein. Aber er hat es geschafft, die Situation in Frieden zu überstehen.

Eine andere Frage ist, wie man einem Feind begegnet. Mandela begrüßte ihn eher mit einer Umarmung als mit einem Faustschlag. Er nahm denjenigen in Freundschaft an, der ihn am meisten verletzte. Seine friedvolle Art Menschen zu begegnen, war eine echte Entwaffnung seiner Gegner. Das ist sehr interessant – nicht nur, was dadurch auf einer globalen Ebene erreicht wurde, sondern auch in kleinen Dingen. Wie Mandela dem Leben begegnete, hat mich selbst sehr inspiriert. Allein schon die Art und Weise, wie er seinen Geist, seine Seele und seinen Körper richtete, war außergewöhnlich.

"Wir brauchen eine Führungspersönlichkeit"

Viele denken, dass man Freiheit durch Gewalt erreichen kann...Das ist eine große Debatte, oder? Eine Debatte, die es schon lange vor Südafrikas Kampf gab. Viele haben diesen Weg über Jahrzehnte lang eingeschlagen – und konnten dennoch dadurch keine Freiheit und Frieden erreichen. Als Mandela in seinen 70. Lebensjahren war, hat jeder, einschließlich seiner Frau und seiner Kameraden, gesagt: "Wir kämpfen bis zum letzten Tropfen Blut, koste es, was es wolle, wir kämpfen." Alle dachten: "Jetzt holen wir unser Land zurück! Jetzt gibt es Krieg!" Aber Mandela und mit ihm nur wenige Männer und Frauen erwiderten: "Nein, wir verhandeln! Wir reden! Wir wollen den Übergang friedlich gestalten." Und das erreichten sie – größtenteils friedlich. Aber ich bin noch nicht ganz davon überzeugt, Südafrika hat immer noch große Schwierigkeiten. Aber: Es gibt kein anderes Beispiel in der Geschichte, in der sich ein einziger Kopf gegen alle durchsetzen konnte und "Nein" sagte. Mandela tat es mit Vergebung in seinem Herzen und: er tat es friedlich.

Fehlt der Welt momentan ein Freiheitskämpfer wie Mandela? Ich stimme dir hier voll zu – wir brauchen das dringend! Wir brauchen Persönlichkeiten wie Mandela, die den Weg für Frieden und Vergebung ebnen. Und für Gleichheit. Die Mauern, die verschiedene Klassen voneinander trennen, werden immer höher! Und jetzt, in dieser Zeit und mehr denn je brauchen wir eine wahre Führungspersönlichkeit – die immer selbstlos sein muss!

UNICUM Filmtipp

"Mit "Mandela – Der lange Weg zur Freiheit" lässt Filmemacher Justin Chadwick die Biografie des großen Anti-Apartheid-Kämpfers Nelson Mandela (1918-2013) lebendig werden. Bildgewaltig spannt er den Bogen von der Kindheit bis zur Amtseinführung als erster Präsident des demokratischen Südafrikas. Ein Plädoyer für Freiheit, Gleichheit und Unabhängigkeit.

  • Ab dem 05. September auf DVD und Blu-ray
  • Mit u.a. Idris Elba und Naomie Harris
  • Mehr auf www.mandela.senator.de

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