Michael Nast Interview
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09. Aug 2016

Entertainment

Im UNICUM Interview: Michael Nast

-ARCHIV-

Der Kolumnist über die "Generation Beziehungsunfähig"

Frauenversteher? Ein Missverständnis!

UNICUM: In den Medien kursieren viele Bezeichnungen über dich: "Sprachrohr einer Generation" (Die Welt) zum Beispiel oder "Die männliche Version von Carrie Bradshaw" (Berliner Morgenpost). Was passt und was nicht? Michael Nast: Frauenversteher stimmt überhaupt nicht, das ist ein großes Missverständnis. Eigentlich schreibe ich eher Männer-Texte. Es ist auch nie mein Plan gewesen, einen Nerv der Zeit zu treffen, ich wollte einfach ein authentisches Abbild des Lebens schaffen. Wenn ich Soziologe oder Psychologe wäre, dann könnte ich vielleicht eher eine Art Ratgeber sein. So wäre es viel zu vermessen, den Leuten mit erhobenem Zeigefinger irgendetwas zu sagen. Aber es ist echt interessant, wie viele Leute mir schreiben, dass sie sich in meinen Geschichten wiederfinden. Ich weiß nicht, wie ich das mache. Von wem kommt das Feedback hauptsächlich? Ursprünglich dachte ich, ich schreibe den Text "Generation Beziehungsunfähig" für eine kleine Gruppe, so mein Umfeld, Berlin-Innenstadt, in Medienberufen, die alle in ihrer Blase leben. Es war extrem überraschend und erschreckend, dass mir plötzlich auch Leute vom Land geschrieben haben. Es scheint eine neue deutsche Befindlichkeit zu sein. Die Altersrange ist von 16 bis 53 Jahren aktuell. Die Jungen finden es krass, dass ein 41-Jähriger ihr Leben so treffend beschreibt. Aber du kannst heutzutage gar nicht mehr nach dem Alter gehen, es vermischt sich alles.

Über Michael Nast:
  • Der gebürtige Ost-Berliner brach seine Buchhändlerlehre nach einem halben Jahr ab. Danach gründete er zwei Plattenlabels und arbeitete für verschiedene Werbeagenturen.
  • Seine Kolumne "Generation Beziehungsunfähig" auf imgegenteil.de war einer der erfolgreichsten deutschen Online-Texte 2015, heute ist er auch Kolumnist für freundin.de.
  • Mehr über Michael Nast gibt's im Netz unter www.michaelnast.com

"Tinder und Co. sind wie Online-Shops aufgebaut"

Warum fällt es vielen denn so schwer, sich auf Beziehungen einzulassen? Wir beziehen die Mechaniken unseres Wirtschaftssystems auch auf unser Zwischenmenschliches. Als Konsumenten sollen wir unzufrieden sein und das Gefühl haben, dass uns etwas fehlt im Leben – damit wir mehr kaufen. Es ist auffällig, dass Dating-Apps wie Tinder wie Online-Shops aufgebaut sind. Durch sie wird uns schnell bewusst, wie viele potenzielle Partner es gibt. Und jeder könnte besser zu dem Leben passen, das wir uns modellieren. Man wird vegan, weil es ein Statement ist. Man benutzt Meersalz, weil das so passt. Und dann stellt man sich sein Umfeld auch so vor.

Aus welchem Grund bist du momentan selbst Single? Ich mache gerade eine 70-Termine-Tour. Da kann man sich nicht wirklich gut kennenlernen. (lacht) Nein, im Ernst. Für viele ist "Es passiert gerade so viel" eine Ausrede, aber für mich ist es wirklich schwierig. Auch, weil ich momentan so krass auf der Straße erkannt werde. Man muss trennen, ob jemand den Autor kennenlernen möchte oder den Menschen. Bei einem Date letztens hat sie nach zwei Stunden nettem Gespräch gesagt: Ich hab ja schon Karten für die Buchpremiere.

Mal abgesehen von dem ganzen Beziehungsthema. Dein Buch ist auch ganz schön politisch. Was sind deine Haupt-Kritikpunkte? Die Politik denkt zu kurzfristig. Die sagen sich: Passt auf, wir wollen ganz schnell jemanden haben, der Geld produziert, der Geld ausgibt. Besser wäre es doch, eine Infrastruktur zu schaffen, dass die Leute mit 25 ein Kind kriegen können, ohne aus dem Leben gerissen zu werden, ohne sozial gebrandmarkt zu sein. Du wirst tatsächlich sozial gebrandmarkt, wenn du in dem Alter ein Kind bekommst, in dem es biologisch am besten wäre. Man braucht einfach ein paar andere Konzepte. Die Schweden kriegen es doch auch hin.

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