Pegah Ferydoni
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09. Aug 2016

Entertainment

Im UNICUM Interview: Pegah Ferydoni

-ARCHIV-

Der "Türkisch für Anfänger"-Star ist ab dem 5. Februar im Kinofilm "300 Worte Deutsch" zu sehen

"Da verstehe ich das Bildungssystem nicht"

UNICUM: Kannst du dich noch daran erinnern, wie du deine ersten Worte Deutsch gelernt hast, als du mit deinen Eltern nach Deutschland kamst? Pegah Ferydoni: Das ist jetzt wirklich kein Witz und kein Klischee: Das erste deutsche Wort, das ich gehört und gelernt habe, war das Wort "Achtung". Direkt bei unserer Ankunft. Dann haben wir eine Zeit lang im iranischen Asylbewerber-Heim gelebt und dort habe ich angefangen, Deutsch zu lernen. Manchmal bin ich auch mit meinen Eltern ins Goethe-Institut gegangen. Da ich erst drei Jahre alt war, habe ich alles ziemlich schnell aufgeschnappt. Mit der Einschulung konnte ich Deutsch.

In deiner Abi-Zeitung stand, dass du dich etwas verquer ausdrückst. Woher kommt das? Das ist purer Rassismus – scherzhaft gesagt. In meiner Jugend haben sich viele an meiner gewählten Ausdrucksform gestoßen. Das hat mich ganz schön geärgert, weil ich dachte: "Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich die Sprache teilweise besser spreche als meine Mitschüler. Aber die müssen mich deswegen nicht runterputzen." Es wurden übrigens immer meine Deutscharbeiten vorgelesen, als einzige Arbeiten, die auch sprachlich dem Abitur angemessen wären. Das Frustrierende dabei: Es war trotzdem immer nur eine Vier, weil ich mich zu kurz gefasst hätte. Da verstehe ich unser Bildungssystem nicht.

Hast du ein Lieblingswort in der deutschen Sprache? "Gemütlichkeit" zum Beispiel. Das finde ich schön. Es gibt viele schöne deutsche Worte, die auch unübersetzbar sind. "Mutterseelenallein" gehört auch dazu, es ist ein schönes, trauriges Wort.

Auf "Kopftuch-Rollen" abonniert?

In "300 Worte Deutsch" spielst du ja wieder eine "Kopftuch-Türkin". Würdest du nicht gerne mal eine typische deutsche Rolle bekommen? Hab ich ja schon. Gut, Cosima Wagner (Pegah spielte im Film "Wagnerwahn" die Ehefrau von Richard Wagner und ehemalige Leiterin der Bayreuther Festspiele, Anm. d. Red.) ist als Halb-Französin, Halb-Ungarin eigentlich auch keine typische Deutsche, aber sie hat doch beachtlich zur deutschen Geschichte beigetragen. Ich bin schon happy, dass ich mittlerweile auch andere Sachen spielen darf. Die "Kopftuch-Rollen" sind zudem nicht gleich. Das sind schon allein ganz andere Kopftuch-Arten (lacht). In die Art und Weise, wie eine Frau ihr Kopftuch trägt, kann man viel hineininterpretieren.

Haben Türken eigentlich ein Problem damit, dass du ja Iranerin bist und deine Rollen nicht mit einer "echten Türkin" besetzt werden? Vielleicht die engstirnigen Türken, aber die meisten nicht. Die sind einfach froh, wenn die Rolle – wenn ich das mal unbescheiden sagen darf – mit einer guten Schauspielerin besetzt wird, die das Ganze komplex verkörpern kann. Da muss man ein bisschen aufpassen. Die meisten vermeintlichen Migranten-Rollen sind doch sehr eindimensional und die Geschichten werden klischeebeladen erzählt.

Die Figur Lale ist recht taff, fährt Motorrad, haut auch gerne mal einen Mann um. Bist du privat auch ein "ganzer Kerl"? Ich glaube, ich mache auf die meisten Leute einen sehr zierlichen, harmlosen Eindruck. Ich kann aber auch ... Ich will nur nicht. Also, ich mache gerne Karate, aber bin doch eher ein sehr friedlicher, kommunikativer, verbindender Mensch. Klar, ich stehe mit beiden Beinen im Leben, mach mein Ding. Von daher würde ich schon sagen, dass ich ein halber Kerl bin.

"Wer braucht schon einen Doktortitel?"

Stimmt es, dass du gerne einen Doktor in Philosophie machen würdest? Ja, ich finde das irgendwie total sexy, wenn das "Dr." im Namen steht. Zwei Frauen in meinem Bekanntenkreis sind Professorinnen – und dabei sehr jung und gutaussehend. Das finde ich total klasse. Vielleicht ist es auch irre spießig, denn wer braucht schon so einen Titel? Aber da spielt natürlich auch der migrantische und der weibliche Minderwertigkeitskomplex eine Rolle, dass man zeigen will: Hey, ich kann das genauso!

Also ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass du nach deinen vier Semestern Studium nochmal zur Uni zurückkehrst? Nee! Seien wir mal ganz ehrlich: Die meisten meiner Schauspiel-Kollegen tun sich doch sehr schwer mit dem Denken. Da fände ich das schon ganz klasse, da so ein bisschen herauszustechen.

Du hast dich zu Schulzeiten schon stark politisch engagiert. Was genau hast du gemacht? Ich habe der taz mit neun oder zehn Jahren mein erstes Interview für Kinderrechte gegeben. Und auch mal über die Todesstrafe diskutiert. Um demonstrieren zu gehen, habe ich oft die Schule geschwänzt. Zu meiner allerersten Demo haben mich meine Eltern mitgeschleppt. Das war die gegen Reagan 1987. Ich war eben kein Kind, das im Kinderzimmer sitzt und mit Lego-Steinen spielt. Das ist mir leider im Laufe der Zeit abhandengekommen. Man kriegt irgendwann auf gut Deutsch gesagt den Arsch nicht mehr hoch.

Ist "Pegida" nicht ein gutes Stichwort, um das mal wieder zu ändern? Ich bin ganz froh, dass wir mit unserem Film einen Apell starten für das Versöhnende, für eine Verbindungen zwischen den Menschen. Ich denke, dass ein Großteil einer ganz anderen Meinung ist und es irgendwie ganz selbstverständlich findet, dass Leute wie ich dazugehören. Ich finde, ins Kino zu gehen und da auch mal ein bisschen zu lachen, können wir alle momentan gut gebrauchen.

UNICUM Kino-Tipp

300 Worte Deutsch

Komödie/D, 2015

Regie: Züli Aladag

Darsteller u.a.: Christoph Maria Herbst, Pegah Ferydoni

Verleih: dcm

Kinostart: 05. Februar 2015

www.300wortedeutsch.de

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