Camila Cabello Interview
Havana, ooh-na-na: Camilas kubanische Wurzeln spiegeln sich in ihrer Musik wider. | Foto: Sony Music
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17. Jan 2018

Steffen Rüth

Musik

Camila Cabello: "Donald Trump attackiert mich persönlich"

Vom Girlgroup-Mitglied zum Superstar

Kubanisch-mexikanischer Migrationshintergrund, Durchbruch und Desillusion mit der Girlgroup Fifth Harmony, nun der Neustart mit dem Superhit "Havana". Keine Frage: Im Leben der 20-jährigen, in Miami lebenden, Camila Cabello ist gerade wirklich jede Menge los. Und auch das erste Soloalbum weiß zu gefallen. Schon klar, auch Cabello hat mit Popfabrikanten wie Ryan Tedder geschrieben, dennoch ist "Camila" weder Fließbandproduktion noch ermüdende Abfolge von "Havana"-Kopien. Sondern ein vergnügliches, mit knapp vierzig Minuten auch nicht zu langes, Pop-Album mit Reggaeton ("She Loves Control"), Pianoballaden ("Consequences") und luftigem Gitarrenpop ("Real Friends"). Wir haben mit Camila Cabello in London gesprochen.

"Ich war früher sehr schüchtern."

UNICUM: Camila, du wirst Anfang März 21 Jahre alt und darfst somit aktuell in deinem Heimatland USA weder Alkohol trinken noch in Nachtclubs gehen. Nervt dich das?
Camila Cabello: Ein bisschen, aber nicht sehr. Ich bin keine große Ausgeherin, das letzte Mal in einem Club war ich vielleicht vor einem Jahr. Musik höre ich lieber zuhause oder unterwegs. Sie ist mein Vehikel, wenn ich traurig bin, aber auch, wenn ich mich freue. Musik und das Leben gehören für mich untrennbar zusammen. Was wäre das ohne Musik für eine traurige, magielose Welt.

Hast du Musik immer schon so geliebt?
Ja. Als Kind habe ich oft eine CD mit meinen Lieblingsliedern in die Schule mitgebracht, um sie den anderen vorzuspielen. Ich mochte am liebsten Latin Pop, die Gypsy Kings und Shakira zum Beispiel. So brach ich das Eis mit den anderen Kids.

Warst du schüchtern?
Sehr sogar. Introvertiert bin ich immer noch, aber es ist schon viel besser geworden. Früher hätte ich mich nicht einmal getraut, vor meiner Familie aufzutreten.


Camila Cabello Havana


Sprung ins kalte Wasser

Wie kann es dann sein, dass du dich 2012 an deinem fünfzehnten Geburtstag bei "The X Factor" mitgemacht hast?
Meine Eltern dachten, ich spinne. Sie meinten "Was willst Du denn da?", aber hingefahren sind sie trotzdem mit mir. Ich musste raus aus meinem Schneckenhaus, und erstaunlicherweise war ich beim Vorsingen gar nicht mehr so nervös, wie ich dachte. So schüchtern wie früher bin ich heute längst nicht mehr. Jetzt an Heiligabend haben wir zuhause in Miami Karaoke gesungen, und am Silvesterabend eine Woche später trat ich vor einer halben Million Menschen auf dem New Yorker Times Square auf, direkt nach mir kam Mariah Carey.

Wie lief es?
Toll. Ich war vorher natürlich schrecklich nervös. Andererseits stellt  dich das Leben immer wieder vor Situationen, in denen ewiges Hin- und Herüberlegen nichts bringt. Was war ich schon niedergeschlagen. Es gab Momente in meinem Leben, da fühlte es sich an, als sei ein Teil von mir herausgeschlagen worden und verloren gegangen. Und ich wusste nicht, ob ich je wieder ich selbst werden würde. Wenn du sowas überstanden hast, dann merkst du, dass sich manches zwar wie das Ende der Welt anfühlt, aber nicht das Ende der Welt ist.

Was ist das Wichtigste, wenn es einem emotional schlecht geht?
Darüber zu reden. Wenn du alles für dich behältst, wird nichts besser. Auch bist du kein komischer Mensch, wenn du traurig bist. Und sobald du kannst: Deinen Mut zusammennehmen, dich trauen und hineinspringen ins Unbekannte und Angstmachende.

War deine Entscheidung, im Dezember 2016 Fifth Harmony zu verlassen, auch so ein Mut-Moment?
Das war definitiv eine große und wichtige Entscheidung für mich. Ich spürte, wie ich in der Gruppe mehr und mehr verkümmerte und unglücklich wurde. Ich hatte es immer im Hinterkopf, meine eigenen Songs zu schreiben, aber mir wurde klar gemacht, dass parallel zu Fifth Harmony keine Solokarriere haben dürfte. Als ich mit den Mädels auf Tour war, habe ich oft heimlich Songs geschrieben, das war mein kleines Fenster zur Freiheit. Dazu habe ich in meinem Hotelzimmer den Fernseher laut gestellt und dabei geschrieben und gesungen.



Für Liebe ist immer Zeit

Kam "Havana" auch so zustande?
An "Havana" habe ich ewig herumgestrickt, bestimmt sechs Monate lang. Den Song habe ich zusammen mit Pharrell Williams aufgenommen, er sollte unbedingt perfekt werden. "Havana" ist meine Ode an die Heimat, eine Verbeugung vor meiner Kultur und Herkunft. Außerdem fand ich es cool, einen Song über Jungs zu machen.

Wie sieht es mit denen denn aus? Du hast ja bestimmt keine Zeit für die Liebe, oder?
Naja, für einen Jungen, in den man verliebt ist, kann man immer Zeit finden. Momentan steht nichts an, aber wenn es sich ergibt, würde ich jetzt nicht sagen "Nee, du, geh mal wieder, ich bin zu beschäftigt". Das wäre ja deprimierend sonst. Du kannst nicht das Leben stoppen und dir selbst die Liebe verbieten, nur weil du arbeitest.

Was für Jungs magst du?
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Ich stehe auf so eine natürliche Energie, die ich schwer beschreiben kann. Man merkt es und man fühlt es einfach, wenn da jemand ist, mit dem es passen könnte.

Du wurdest 1997 in der kubanischen Hauptstadt Havanna geboren. Deine Mutter ist Kubanerin, dein Vater Mexikaner. Wie bist du aufgewachsen?
Bis ich sechs oder sieben war, pendelte ich mit meiner Familie zwischen Kuba und Mexiko, dann wanderte meine Mutter mit mir in die USA aus, mein Vater kam anderthalb Jahre später nach. 

Warum habt ihr euch in Miami angesiedelt?
Weil die Stadt der perfekte Schmelztiegel aller möglichen Nationalitäten ist. In Miami aufzuwachsen, hat echt Spaß gemacht. Wir wuchsen in einer sehr toleranten, akzeptierenden Gesellschaft auf. Am Anfang sprach ich ja kaum ein Wort Englisch, aber wir haben uns gegenseitig Sprachen beigebracht, und ich wollte unbedingt lernen, ich war ehrgeizig. Ich liebte den Austausch und fand es cool, dass die Kinder die unterschiedlichsten Hautfarben hatten. In Miami gibt es keine rein weißen Viertel. Selbst als komplett weißer Amerikaner hast du dort hispanische Freunde. Ich würde nie woanders leben wollen als in Miami.

Camila Cabello über Donald Trump

Donald Trump will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen und solche Menschen wie dich und deine Familie nicht mehr ins Land lassen oder gleich aus den USA rauswerfen. Was sagst du dazu?
Ich finde das schockierend. Wir als Gemeinschaft mit lateinamerikanischen Wurzeln müssen aufstehen, uns wehren, auf unsere Rechte pochen. Ich habe für das "Time"-Magazin ein Essay über meine Wurzeln und meine Einwanderungsgeschichte geschrieben, ich werde nicht weichen. Ich gehöre zu der Minderheit, die von Donald Trump attackiert werden. Ich nehme das persönlich. Wir müssen jetzt als Gesellschaft zusammenstehen und stark bleiben. Überhaupt: Gegenseitiger Respekt und Gleichberechtigung für alle Menschen sind für mich selbstverständlich. Das kann doch nicht so kompliziert sein. Warum können wir nicht einfach nett zueinander sein?

Bist du gern ein Vorbild für andere?
Ja, das hat sich jetzt so ergeben. Die Einschläge sind zu nah, um sich wegzuducken. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich politisch mal so stark involvieren würde, doch es geht nicht anders. Wir werden viele sein, wir werden laut sein, wir werden uns nicht den Mund verbieten lassen, und wir werden sagen "Pass auf, Freundchen, wie haben dich im Blick."


UNICUM Musik-Tipp

Camila

Camila Cabello

Sony Music

VÖ: 12.01.2018

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