Florence Welch Interview
Florence Welch ist hoffnungsvoll und mit neuem Album zurück. | Foto: Vincent Haycock
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28. Jun 2018

Steffen Rüth

Musik

Florence + The Machine: Über allem steht die Hoffnung

"High as Hope": Das neue Album von Florence + the Machine

"Ich wollte die Platte anfangs 'The End Of Love' nennen, sagt Florence und lacht laut auf. Ist vielleicht vordergründig nicht besonders lustig, schon wieder eine Beziehung in den Graben gefahren zu haben, dieses Mal jene zu Felix White, seines Zeichens Gitarrist und Sänger der Indie-Rock-Band The Maccabees, doch was will man machen? "Für mich ist 'The End Of Love' positiv besetzt, denn es geht um das Ende einer Liebe, die von Mangel bestimmt war", so Welch, ohne konkret zu sagen, ob sie sich jetzt auf die jüngste oder ein früheres Liebesbeziehungsende anspielt. "Aber schließlich habe ich mich doch für einen anderen Titel entschieden, weil es zu viel Erklärungsbedarf gegeben hätte, das Ende einer Liebe mit positiven Gefühlen zu verbinden."

Enttäuschungen gehören für Florence Welch zum Leben

Und so ist "The End Of Love" nur einer der neuen Songs. "Enttäuschungen", weiß Florence, "gehören zum Leben, sonst ist es kein Leben." Größte Bewunderung bringt sie der Kollegin Patti Smith entgegen, und die hat nun wirklich eine Menge erlebt. "Mit dem Stück "Patricia" habe sie versucht, ein Lied für ihre Heldin Patti zu schreiben. "Patti lebt ein gutes Leben. Sie ist entspannt, souverän und genießt täglich dieses kleine Wunder, das sich Leben nennt." Überhaupt ist es eine der Kernbotschaften von "High As Hope", dass Florence Welch heute, mit fast 32, ihr eigenes Leben ganz ordentlich im Griff hat. Und dazu gehört auch, dass sie romantische Rückschläge besser wegzustecken weiß als in jüngeren Jahren. 2007 erschien ihr erstes Album "Lungs", damals war sie gerade Anfang 20 und klang musikalisch schon sehr reif, ohne es innerlich wirklich zu sein. "Ich habe eine Menge dazugelernt, vor allem weiß ich heute, dass mein wiederholtes Scheitern auf dem zwischenmenschlichen Liebesparkett auch mit einem Mangel an Selbstachtung zusammenhängt." Die neue, auf angenehme Weise an Annie Lennox erinnernde, Single "Hunger", vielleicht überhaupt einer der stärksten und kraftvollsten Songs, die Welch je geschrieben hat, widmet sich der inneren Erwachsenwerdung. "Ich erinnere mich darin an die 17-jährige, essgestörte und lebensgierige Florence. Manche Dinge habe ich damals übertrieben. Ich war im Grunde eine schüchterne Person, die ihre Unsicherheit versucht hat, mit Trinken und Exzessen zu überspielen. Es kommt aber der Punkt im Leben, an dem du nicht länger an den falschen Orten suchen solltest, um Unsicherheit, Unbehagen und Einsamkeit zu heilen."



Warum Florence + the Machine eine Pause brauchte

Alkohol und Eskapismus reparieren nichts, zumindest nicht auf Dauer. Das hat Welch insbesondere in letzter Zeit verinnerlicht. "Ich war vor zwei Jahren komplett platt", sagt sie. Nach der Tour zu ihrem 2015 erschienenen Album "How Big, How Blue, How Beautiful", die triumphal verlief und in einem unvergesslichen Konzert beim Festival in Glastonbury ihren Höhepunkt fand, musste Florence erst einmal wieder zu sich kommen, bevor sie sich dem Schreiben neuer Musik widmen konnte. "Ich habe viel Zeit mit meinen Eltern verbracht. Die beiden sind so bodenständig, dass ich schnell wieder in den Alltag fand." Eine der Erkenntnisse aus der Erholungsphase: "Weggehen, auf Partys tanzen und trinken, wild sein im Nachtleben, das alles erfüllt mich immer weniger. Ich bin wirklich Musikerin, weil ich das Musikmachen liebe." Feminismus, Selbstachtung, ihre eigene, bücherverschlingende Verschrobenheit, "also all jene Themen, die mich zu der Frau gemacht haben, die ich heute bin", stehen im Zentrum von Songs wie "Big God" oder "No Choir", das davon handelt, einfach mal die Füße baumeln zu lassen. Ganz oben aber steht die Zuversicht: "ich möchte den Menschen zurufen: Es wird besser mit dem Älterwerden. Welch erzählt von ihrer Schwester, die zu ihr meinte, wie sie denn "diese große, große Frage, die Frage nach der Liebe zu mir selbst, in einem Popsong beantworten könne. Das Ding ist: Es gibt keine Antworten. Aber es tut gut, die Frage aufzuwerfen. Und es ist wundervoll, wenn ich die Leute zu dieser Frage tanzen sehe. Für mich ist 'Hunger' so etwas wie die gemeinsame Feier unseres Alleinseins."


Florence Welch Florence and the Machine


Florence Welch: "Der Schmerz hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin"

Allein, und zwar sehr bewusst, war Florence auch zunächst, als sie mit dem Schreiben der neuen Songs begann. Das Grundgerüst zu "High As Hope", einer Platte, die wieder randvoll ist mit überschwänglich klingendem, zeitlosen Pop und intelligenten, selbstreflektierenden wie hochemotionalen Texten, entstand dann in Welch' kleinem Heimstudio in Peckham, Südlondon. "Ich fuhr morgens mit dem Rad hin und probierte erst einmal ganz für mich alleine oder nur mit meinem Soundingenieur neue musikalische Ideen aus." Der Heimat hat sie mit "South London Forever" denn auch ein liebevolles Songdenkmal errichtet. "Ehrlich, das ist der Ort auf der Welt, an dem ich mich am wohlsten fühle." Später tüftelte Florence aus ihren kleinen Ideen große Popmomente, sie arbeitete unter anderem mit Jamie xx, Jazzgröße Kamasi Washington, Sampha, Tobias Jesso Jr. sowie in Los Angeles mit dem Produzenten Emile Haynie (Lana Del Rey, Mark Ronson) zusammen. "Schmerz und Desillusionierung haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin", so Florence Welch, "aber über allem steht für mich die Hoffnung auf ein gutes Leben."


Hier kannst du in das neue Album "High as Hope" von Florence + The Machine reinhören:


UNICUM Musik-Tipp

Florence + the Machine Album High as Hope Cover"High as Hope"

Florence + The Machine

Universal Music

VÖ: 29.06.2018

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