Kraftklub Interview
"Keine Nacht für Niemand": Endlich frei und emanzipert | Foto: Philipp Gladsome/Universal Music

Promis & Interviews

30.11.2017

Das Lumpenpack

Die Zukunft wird groß: Das Lumpenpack im Interview

Für Musiker zu unmusikalisch und für Comedians nicht lustig genug, aber eigentlich eine sehr, sehr gute Band – das sagen die Jungs von "Das Lumpenpack" über sich selbst. ... mehr »

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22. Feb 2018

Stefan Schröter

Musik

Kraftklub ist zurück! Sänger Felix Brummer im Interview

Alles neu: Kraftklub ist jetzt emanzipiert und frei

UNICUM: Mit dem Release von "Dein Lied" ist das Internet im letzten Jahr ein bisschen kollektiv ausgerastet. Dann war das Lied auch noch ganz anders als bisherige Kraftklub-Songs. Hattet ihr mit dem dritten Album Druck, abzuliefern?
Felix: Nee, tatsächlich ist es genau andersrum. Wir haben mit dem dritten Album erst so richtig gemerkt, wie viel Druck eigentlich auf dem zweiten lag. Die Entspanntheit, mit der wir "Keine Nacht für Niemand" produziert haben, hat uns erstmal gezeigt, wie unentspannt das zweite Album war. Das haben wir in dem Moment gar nicht realisiert. Aber im Nachhinein war der Prozess wirklich sehr, sehr frei. Sowohl musikalisch als auch textlich haben wir uns da jetzt komplett befreit. Emanzipiert.

Musikalisch habt ihr auf "Keine Nacht für Niemand" deutlich mehr ausprobiert: Streicher, Elektro, ClassicRock, Funk. Woher kam die Inspiration dazu?
Das hängt auch mit den ersten beiden Alben zusammen. Wir haben gemerkt, dass die Geschichte, die wir auf den letzten beiden Alben erzählt haben – wer wir sind, wo wir herkommen – erzählt ist. Auch musikalisch haben wir das, was wir uns vorgestellt hatten zu sein, fertig erzählt. Es wurde immer schneller, immer lauter, immer heftiger. Die Leute sollten noch mehr abgehen, noch mehr mitgrölen, noch mehr sein. Und dann haben wir festgestellt: Okay, wir sind nicht in einer Sackgasse, aber wir sind damit jetzt fertig, musikalisch und textlich.

Wir haben im Prozess gemerkt, wie befreiend das ist, überhaupt nicht mehr so an Erwartungshaltungen zu denken. Es war vollkommen klar: Das wird jetzt anders, das wird freier und dann kam die Inspiration wie von allein – das klingt jetzt vielleicht blöd, aber es war tatsächlich so. Dadurch, dass wir auch textlich komplett weggegangen sind von dieser vermeintlichen Authentizität, die die ersten beiden Alben noch hatten, haben wir uns komplett emanzipiert und dadurch ist auch die Musik freier geworden. Das war keine lange Suche nach Inspiration, wir sind jetzt nicht nach Indien gefahren um gemeinsam auf eine spirituelle Reise zu gehen. Das hat sich einfach so zusammengepuzzelt.

"Hey, das ist doch dieses sexistische Chauvinistenschwein"

Gibt es einen Song auf dem Album, auf den du besonders stolz bist? 
Mhm... (überlegt) Alle Songs, in denen der Protagonist sich weit vom Autor entfernt. Von "Dein Lied" mit der Rachefantasie, über  "Sklave", ein Song über Lohnarbeit und beflissene Arbeitsbienen, die sich homoerotischen Fantasien mit dem Chef hingeben, bis hin zu "Chemie Chemie Ya", der aus der Sicht von Drogenabhängigen geschrieben ist. Ich bin jetzt auch nur der Typ, der die Songs schreibt, deshalb kann ich auch nur sagen, wo ich selbst stolz drauf bin. Aber jeder von uns hat auf dieser Platte eine Menge, wo er persönlich stolz drauf ist. Für mich ist das tatsächlich die Befreiung aus diesem selbstgestrickten Korsett der vermeintlichen Authentizität.

Ist dir das beim Texten schwer gefallen? Den Fokus vom Ich-Erzähler hin zum Schreiben über jemand anders zu schieben?
Ne, ganz im Gegenteil. Das ist mir sehr leicht gefallen, weil einfach alles schon fertig erzählt war. Wir hätten jetzt nochmal die Geschichte auspacken können: Hey, wir sind die fünf Jungs aus dem Osten und auf Tour zu fahren ist eine total abgefahrene Geschichte. Und wir hätten damit auch sicher noch ein Album füllen können, aber tatsächlich sind ja unsere Leben – wir sind jetzt auch alle Mitte zwanzig – nicht mehr so aufregend. Also zumindest nicht mehr so, dass wir damit ein interessantes Album füllen könnten. Dann war auch relativ schnell klar, dass ich in die klassische Songwriter-Rolle schlüpfen muss.

Das Schwierige war dann eher, diese Distanz wieder rauszunehmen und das Ganze in der Ich-Perspektive zu erzählen. In der dritten Person ist da zu viel Distanz, das fühlt sich nicht nah an. Und sich dann wieder zu trauen, einen Song wie Dein Lied in der ersten Person zu schreiben. Auch auf die Gefahr hin, dass es dann Leute gibt, die aufschreien und sagen: "Hey, das ist doch dieses sexistische Chauvinistenschwein."

Teilweise ist es für den Hörer aber auch schwierig, zu unterscheiden: Welche Songs schreibst du über persönliche Erlebnisse, welche Songs sind aus der Perspektive eines Dritten – vielleicht hat das bei der Diskussion um "Dein Lied" zu Verwirrungen geführt?
Sicher, auf jeden Fall. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Das ist aber kein Grund, das nicht zu machen. Man müsste ja jedem einen Beipackzettel mitgeben, das ist aber auch nicht der Sinn der Sache. Und der Vorwurf, dass das dann irgendwelche Leute hören können – Frauenhasser zum Beispiel – die den Song dann als Bestätigung auffassen. Da frage ich mich: Klar, wir haben eine breite Zuhörerschaft, das gilt auch für andere Songs auf der Platte. Bedeutet das dann, und davon können wir ausgehen, dass die Musik auch von Idioten gehört wird? Darf man deshalb nur noch Musik für Idioten machen? Da haben wir auch drüber nachgedacht und gesagt: Drauf geschissen.

Kraftklub Keine Nacht für Niemand

Der Einfluss von Idolen spielt für Kraftklub eine besondere Rolle

Auf dem neuen Album verneigt ihr euch gleich vor mehreren Künstlern: "Bitte, bitte" von den Ärzten in "Sklave", in dem Song "Fenster" singt Farin Urlaub mit, "Chemie, Chemie Ya" ist eine Anspielung auf Ol' Dirty Bastard. Wie groß war Einfluss von solchen Idolen?
Riesig. Wir waren ja schon immer eine Band, der man angehört hat, dass sie von anderen inspiriert ist. Wir waren immer in erster Linie Musikfans, die Musik gemacht haben. Vielleicht ist das Album auch eine Art Abschluss, auf der wir alle Sachen nochmal verbunden haben – alle Leute, die uns inspiriert haben. Ob bewusst oder unbewusst, am Ende wollten wir alle mit draufhaben. Auch wenn man viele nicht direkt hört, weil sie in Chören eingebettet sind. Da sind auch ganz, ganz viele Wegbegleiter unseres musikalischen Schaffens auf der Platte vertreten. Musikalische Anspielungen, textliche Anspielungen.

In "Band mit dem K" inszeniert ihr die Band augenzwinkernd als Religion, eure Fans sind ja auch recht enthusiastisch. Ist euch so eine fast schon religiöse Ergebenheit schon bei euren Fans begegnet?
Ne, tatsächlich nicht. Zumindest im Vergleich zu anderen Bands, die man so wahrgenommen hat, wo man dachte: Uiuiui. Das wäre in der Realität auch nicht mein Ding. Klar, als Song ist die Verschmelzung des Popstars mit dem Sektenführer eine reizvolle Sache. Aber in der Realität hat man keinen Bock, dass die Leute vor der Wohnung campen. Da sind wir zum Glück bis jetzt auch immer verschont geblieben. Klar macht man immer mal ein Foto hier und da, aber dass das so fanatisch ist, das ist bei uns immer ausgeblieben. Da gibt es andere Kollegen, die mehr damit zu kämpfen haben.

"Es fällt mir schwer eine Arbeit zu machen, die ich für Quatsch halte"

Zurück zu Sklave und einem anderen Song, "Liebe zu Dritt": Hier prangert die moderne Arbeitswelt und den Trend zur Selbstoptimierung an. Könntest du dir überhaupt einen klassischen Nine-to-five-Job vorstellen?
Sehr schwer. Wir hatten ja alle schon mal Nine-to-five-Jobs, im Zivi zum Beispiel, waren also in richtigen Arbeitsverhältnissen. Bei meinem Bruder Till war das am längsten und intensivsten, der hat richtig als Kellner gearbeitet. Aber das größte Problem, das war schon zu Schulzeiten so und das zieht sich durch bis ins Arbeitsleben, ist der Umgang mit den Autoritäten. Es fällt mir nicht schwer, von neun bis 17 Uhr zu arbeiten, es fällt mir schwer eine Arbeit zu machen, die ich für Quatsch halte. Einfach nur um für irgendwas zu arbeiten, was ich nicht sehe, für irgendeine Firma, für irgendeinen Konzern.

Aber man kommt ja jetzt auch in so ein Alter, wo die ersten Leute aufhören zu studieren und ins Arbeitsleben kommen und die Erfahrung auch mit dir teilen. Da könnten wir eigentlich gut von profitieren, dass wir die ganzen Geschichten aufsaugen wie Schwämme. (lacht)

Wenn du dir einen Beruf aussuchen könntest – außer Musiker – was wäre das?
(Überlegt) Ich war mal im Urlaub, da war ich immer unglaublich neidisch auf die Surflehrer am Strand. Jetzt gar nicht, weil die den Mädchen schöne Augen machen. Die wirkten einfach, als hätten die das Leben kapiert. Die haben verstanden, wie ein gutes Leben zu leben ist. Dass man einfach am Strand chillt, ins Wasser geht und surft, abends ein Lagerfeuer anmacht und sich einen Fisch brät. Und am nächsten Tag wieder von vorne. So kann man glaube ich relativ schön ein Leben verbringen – am Strand. Also, ich kann nicht surfen, ich bin noch nie gesurft! Aber ich glaube, Surflehrer wäre genau das Richtige, viel besser als Skilehrer.

Ist auch etwas angenehmer, weil es am Strand einfach wärmer ist als in den Bergen.
Ja, und die wirken auch nochmal entspannter, als hätten die mehr kapiert vom Leben. Aber auch der Surfer allgemein, Surflehrer ist jetzt nur der Beruf, der mir dazu einfällt. Also vielleicht gar nicht arbeiten, einfach surfen.  Vielleicht surfe ich dann irgendwann mal und es wird total furchtbar und ich denke mir dann: "Oh Gott, ich muss mir einen anderen Job suchen."

Aber zumindest kannst du es am Strand ja mal als Selbstversorger probieren.
Auf jeden.

Ist Kraftklub die Stimme unserer Generation?

In "Liebe zu Dritt" singst du unter anderem: "Wir gehen unter, doch ich sinke mit Stil. Ich schlafe wenig, dafür trinke ich viel." Exzess ist in vielen eurer Songs ein Thema, zum Beispiel bei "Hausverbot" (Chrom & Schwarz). Sind diese Songs ein Plädoyer für ein bisschen mehr Exzess und weniger Überstunden und Healthy Living in unserer Generation?
Ich tue mich immer extrem schwer mit diesem Generationsbegriff. Damals mit unserem ersten Album hieß es auch immer, wir wären die Stimme einer Generation. Und wir haben immer gedacht: Diese Generation, die wir so kennen, deren Stimme sind wir bestimmt nicht.

Aber zur Selbstoptimierung: Das ist natürlich irgendwie Thema. Durch die Beobachtungen, die man im Bekanntenkreis macht oder was einem aus Zeitungen entgegenspringt. Ich weiß gar nicht, ob das unsere Generation ist oder ob das so ein gesellschaftliches Ding ist, dass diese Selbstoptimierung nahezu wahnhafte Züge angenommen hat. Meine Oma sagt dazu: "Das liegt einfach daran, dass die Leute zu essen haben" und meint damit: Sie kommt aus der Nachkriegszeit, damals gab es nicht so viele Fitnessstudios, weil die Leute nichts hatten. Finde ich schon faszinierend.

Meinst du, dass der Spaß am Leben da teilweise flöten geht – im Sinne von: Man nimmt sich etwas weg, um sich selbst zu optimieren?
Das kann ja jeder selbst entscheiden. Es gibt sicher Leute, für die das unglaublich erfüllend ist: Nach der Arbeit direkt ins Fitnessstudio und danach auf dem Nachhauseweg noch eben eine Sprache lernen. Aber je älter man wird, desto mehr Verachtung schlägt dem Party machen entgegen, diese Unvernunft, die immer mehr geächtet wird. Das fing mit dem Rauchen an – dieses Rauchverbot! Ich selber rauche ja auch nicht mehr, aber dass Raucher geächtet werden: die dürfen nicht mehr in den Club, nicht mehr in die Kneipe, die werden ausgestoßen und sind auch noch selber schuld daran.

(Es folgt ein längeres Plädoyer über geächtete Raucher) 

Das zieht sich jetzt weiter: Wenn man nicht kapiert, dass man gesund und richtig zu leben hat, wird man geächtet.

Ihr hattet auf dem letzten Album den Song "Schüsse in die Luft" für mehr politisches Engagement, jetzt "Fenster", eine Hymne gegen Reichs- und Wutbürger. Macht es dir Angst, zu wissen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die bewaffnet zuhause sitzen und die Regierung überwerfen wollen?
Nö, das macht mir keine Angst. Ich finde das schräg. Tatsächlich ist es eher faszinierend, dass es solche Leute gibt. Ich finde das spannend. Es ist ja nicht unsere Aufgabe als Popmusiker, das zu ergründen – außer vielleicht mal einen pointierten Song darüber zu schreiben. Aber ich finde es schon interessant, dass sich meines Wissens noch nie jemand so richtig die Mühe gemacht hätte, herauszufinden, woher das kommt. Wieso die Leute in so etwas abdriften, in so etwas Halt suchen. Es wird immer so dargestellt, als wären diese Menschen ein bisschen gefährlichere Nerds. Aber das ist ja ein sehr tief verwurzelter Gedanke, es gibt da ja auch Überschneidungen mit den Identitären. Natürlich ist das auch ein bisschen gruselig – aber ich habe jetzt keine Angst, niedergemetzelt zu werden.

Zum Glück!
Ja, aus Angst entsteht nie etwas Gutes. Klar könnte man sagen: Och nö, den Song machen wir jetzt mal nicht. Dann kommt auch niemand auf die Idee, dass man zur Zielscheibe wird. Es kann ja nicht die Lösung sein, dass man vor lauter Angst nichts sagt.

Kurze Frage zum Schluss: Habt ihr tatsächlich in einem Club Hausverbot?
Tja, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Das ist jetzt wieder die Frage: Inwieweit ist das Werk authentisch? Wenn du dir das vorstellen kannst, haben wir ja alles erreicht.

Dann achte ich vielleicht in Zukunft mal drauf, ob irgendwo Kraftklub in Chrom und Schwarz steht?
Könnte man mal machen. (lacht) 


UNICUM Musik-Tipp

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Keine Nacht für Niemand

Kraftklub

Vertigo Berlin (Universal Music)

VÖ: 02. Juni 2017

 

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