Marteria Zurück in die Zukunft II
Marten Laciny alias Marteria | Foto: Paul Ripke
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31. Jan 2014

Merel Neuheuser

Musik

Alle guten Dinge sind zwei: Marteria im Interview zum Album "Zurück in die Zukunft II"

-ARCHIV-

"Zurück in die Zukunft II" soll ein Angriff sein

UNICUM: Es gibt kaum Fortsetzungen, die besser sind als der erste Teil. Warum hast du dich dafür entschieden, dein neues Album als zweiten Teil herauszubringen?
Marteria: Es ist eine Anspielung auf den Film "Zurück in die Zukunft" mit Michael J. Fox. Der zweite Teil ist mein absoluter Lieblingsfilm aus der Reihe. Bei meiner Platte habe ich lange überlegt, ob ich eine Fortsetzung daraus machen soll – aber bezogen auf den Film ist der zweite auch der stärkere Teil. Um einen draufzusetzen, musst du aber natürlich richtig viel arbeiten. Und im Endeffekt ist mir auch kein guter Albumname eingefallen. Das ist eigentlich der Hauptgrund. (lacht).

Du hast zwischendurch auf Facebook das Statement zum neuen Album gepostet: "Alles auf Anfang". Welche Bedeutung steckt dahinter?
Ich wollte etwas aufnehmen, das wirkt, als ob ein junger Musiker anfängt, eine Platte zu machen. Dort also wirklich mit absolutem Hunger hineinzugehen und sich nicht auf etwas auszuruhen. Oder das dritte "Verstrahlt" oder "Lila Wolken" zu machen. Ich mag diese Sachen total, sie haben eine große Bedeutung für mich, aber die neue Platte soll ein Angriff sein. Die Texte dafür habe ich fast alle auf Reisen geschrieben. Dabei habe ich gemerkt, welche Themen die Wichtigen auf der Welt sind.

"Ich bin kein Samariter oder Vorreiter"

Wie reist du denn? Luxushotel oder Backpacking?
Unkonventionell. Keine fetten Hotels, einfach einen kleinen Wagen mieten und dann in Favelas, Townships oder Slums rein – dort wo die Leute wohnen. Gerade waren wir zum Beispiel in Rocinha (Brasilien), das ist die größte Favela der Welt. Davor wird gewarnt, weil es zu gefährlich sei. Aber wenn du da keinen auf dicken Macker machst, mit den teuren Nikes und einer fetten Uhr, sondern ganz normal bist, lernst du schnell Leute kennen, die dir helfen und dir alles zeigen. So macht mir das Reisen am meisten Spaß.

Ändern solche Reisen den Blick auf Dinge?
Vieles wird einem bewusst. Wir waren zum Beispiel an einer Schule in Uganda, sahen dort ein Kind lachen. Da habe ich mich gefragt: Welches ist das ehrlichere, welches ist das glücklichere Kind? Ist es das Kind in Deutschland, das sich über den Lego-Bausatz freut oder ist es dieses kleine Mädchen, das sich darüber freut, dass der Brunnen wieder funktioniert? Das ist ein Glück, das man vor lauter Überschuss nicht mehr wahrnimmt. Ich habe kein Auto, aber ich hätte gerne einen alten Mercedes. Umwelttechnisch wäre es aber uncool, so was zu fahren. Ich bin kein Samariter oder Vorreiter – man lebt ja doch ganz gut. Aber es ist auch wichtig, darüber nachzudenken und dann zu sehen, was hier in Deutschland nicht richtig läuft.

Wenn man sich deine unzähligen Aktivitäten in Hilfsprojekten anschaut, bekommt man aber schon den Eindruck vom guten Samariter ...
Wenn du einen gewissen Bekanntheitsgrad hast und Sachen realisieren kannst, dann ist das eine sehr wichtige Komponente! Etwas, das ich persönlich begleiten kann und nicht nur das Gewissen reinwasche, indem ich hundert Euro an irgendwas spende. Ich unterstützte beispielsweise "Viva con agua" in Uganda. Das bedeutet: es gibt bei uns keine Gästeliste mehr, alle Leute bezahlen 5 Euro und am Ende einer Tour kommt raus, dass in Uganda zwei Brunnen gebaut werden können. Das bedeutet Wasser für 1.200 Menschen! Das ist gut gesagt, aber wenn du dann mitfährst und wirklich vor Ort bist, dann merkst du einfach: Was Geileres kannst du nicht machen.

Es gibt Tracks wie "Bengalische Tiger" in denen du von großen gesellschaftliche Baustellen redest, aber auch viele Tracks zu deiner eigenen Person. Sind die dann 100 pro autobiografisch?
Ja, die sind dann absolut autobiografisch. Aber es gibt eben auch Songs, in denen ich eine Sicht auf Dinge habe, wie eben "Bengalische Tiger". Da versuche ich, künstlerisch etwas zu erklären: Was ist los auf der Welt, wo sind überall Brandherde – von Sao Paolo bis Kairo oder Stuttgart 21. Dass die Leute nicht mehr einfach so weggehen, sondern sich dagegen wehren. Und das kann explodieren. Bengalische Tiger ist kein Fußballlied. "Fluchtlicht brennt, Stempel drauf, Hooligan", das ist ja der Stempel. Alles, was 'ne Kapuze hat und irgendwie dunkel ist, ist sofort Hool, Antifa oder Nazi. Das ist Quatsch. Wenn ich auf die Straße gehe, dann nicht in 'nem Armani-Anzug.

Wann warst du denn das letzte Mal "auf der Straße"?
Zuletzt in Berlin bei einer türkischen Demonstration wegen Istanbul. Das habe ich von meiner Mutter. Die hat mich schon als Kind auf jede Demo und Friedensveranstaltung mitgeschleppt.

"Es ist ein großes Recht, sich mindestens einmal mal falsch entscheiden zu dürfen"

Deine Mutter ist pensionierte Lehrerin. Du hast ja so ziemlich alles gerissen, was sich junge Leute heute wünschen – aber ohne Abi. Gab das nicht Theater Zuhause?
Nee. Meine Mutter hat auch Gymnasialklassen unterrichtet, fand Haupt- und Realschüler aber spannender. Ich war immer der Fußballer, hab die Schule nicht gemocht und war kein guter Schüler. Ich war an einer Sportschule – da geht man morgens zum Sport und der Unterricht beginnt erst um 9 oder 10 Uhr. Vom Verein habe ich dann eine Ausbildungsstelle zum Industriekaufmann bekommen. Dort saß ich neben Petra, 21, Abi mit 1,3 oder Steffen, 19, Abi mit 1,4. Für den Fall, dass es mit dem Fußball nicht klappt, sollte man das aber als Sicherheit machen.

Aber das ist dann doch vielleicht etwas, worauf man keinen Bock hat?!
Ich saß acht Stunden am Tag im Büro und hatte die ganze Zeit nur im Kopf: Raus hier! Deshalb hab ich das auch nur vier Monate ausgehalten und sogar 'ne Abmahnung bekommen, weil ich immer zweieinhalb Stunden Pause gemacht hab. Aber ich hab's einfach nicht ausgehalten in dem Laden. Das Problem ist ja, dass viele Eltern dann Probleme machen, weil ihre Kinder etwas abbrechen. Ich finde, es ist ein großes Recht, sich mindestens einmal mal falsch entscheiden zu dürfen.

Du hast dich ja auch ein paar Mal um entschieden. Die Zeit als Model in New York hast du dann ja auch zugunsten einer Schauspielschule in Berlin abgebrochen. Hat dich das Schauspielstudium weitergebracht in Sachen rappen?
Ja sehr! Also im Endeffekt habe ich es auch deswegen gemacht, weil ich eigentlich wusste, dass ich kein begnadeter Schauspieler bin. Aber es gibt ja auch unterschiedliche Fächer. Das Studium hat mir 80 Prozent meiner heutigen Performance gegeben. Wie stehe ich auf der Bühne? Wie atme ich richtig? Was sind große Gesten? Und besonders die Sprecherziehung war für jemanden wie mich, der aus'm Norden kommt, wichtig.

Schauspielschulen haben den Ruf, heftig anstrengend zu sein ...
Es ist auf jeden Fall nicht empfehlenswert. Das sind anstrengende Leute mit einer unfassbaren Selbstüberschätzung. Ihr müsst euch das so vorstellen: In jeder Schulklasse gab es den einen Mittelpunktmenschen und die kommen da alle zusammen, sind aber im Endeffekt von Problemen zerfressen. Ich hab oft erlebt dass Mädels auf dem Klo gekotzt haben. Und sofort danach so: Yeaaaah, alles ist perfekt! Das ist schon sehr traurig. Die meisten müssen sich danach mit irgendwelchen scheiß Jobs über Wasser halten, aber die, die es schaffen, haben einen schönen Beruf!

Du hast ja irgendwie alles geschafft, was du angefangen hast. Was kannst du eigentlich nicht?
Sehr, sehr viel! Beats bauen zum Beispiel, das kann ich nicht. Ich kann auch nicht so gut singen, da muss ich mich unfassbar anstrengen. Es gibt tausend Sachen die man nicht kann und deshalb soll man sich darauf besinnen, was man kann. Und ich glaube, starke Bilder zu erzeugen und einen echten Blick in dein Leben bringen – das kann ich.

Marteria kreuz & quer

  • Sofort aufstehen oder die Snooze-Funktion drücken?
    Snooze-Funktion drücken!
  • Welches Produkt wird dir online in der Werbung immer wieder angezeigt, weil du es schon mal gesucht hast?
    Hansa-Rostock-Produkte. Ich kaufe halt viel Bilder und Kram um die zu unterstützen.
  • Wenn du nach'm Feiern nach Hause kommst - was isst du dann?
    Ich bring mir nen Döner mit. Ohne Döner Heim zu kommen ist verboten. Am besten sind Dönertüten: Döner und Pommes in einem.
  • Die letzten drei Alben, die du gekauft hast ...
    Die ganze Reihe "Bibi und Tina". Für meinen Sohn – und auch für mich selbst. Man pennt dadurch unfassbar gut ein. Dann die Kendrick Lamar-Platte. Endlich mal n Typ, der seine Eier auf'n Tisch gepackt und schöne, verschiedene Soundwelten hat. Und zuletzt Wolfmother – starke Rock'n'Roll-Musik.
  • Wenn du dich entscheiden müsstest: Ein Jahr lang nicht die Zähne putzen oder ein Jahr lang ohne Decken schlafen?
    Ich würde auf jeden Fall ohne Decke schlafen! Ich bin eh nicht so der Deckentyp. Zähneputzen ist halt total beschissen, aber nun mal wichtig.

Mehr Infos zu Materia und seinem Album "Zurück in die Zukunft II" findest du unter www.marteria.com

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