Interview Schmutzki
Das Stuttgarter Punk-Rock-Trio bringt bereits ihr drittes Album raus. | Foto: Uncle M Music
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19. Sep 2018

Julian Baltruschat

Musik

Schmutzki im Interview: “Punk darf nicht konstruiert sein”

Schmutzki: Die beste Bar? Kap Tormentoso!

UNICUM: Der Titeltrack des Albums lautet "Mehr Rotz als Verstand". Was hat es mit dem Albumtitel auf sich und steckt da vielleicht eine Geschichte hinter?
Beat: Ein bisschen Geschichte steckt schon dahinter. Es steckt auf jeden Fall ein Stück Doppeldeutigkeit darin. In Stuttgart bedeutet “Rotz” nämlich nicht nur Spucke, sondern auch Glück. Wenn ich zum Beispiel Glück gehabt habe, würde ich sagen: “Puh, da habe ich aber Rotz gehabt”. Auf der einen Seite bedeutet es soviel wie “mehr Glück als Verstand”, auf der anderen aber auch mehr “Rotz als Verstand”, hinsichtlich Rotz wie in Rotzigkeit. Das passt sehr gut zu Schmutzki.

Einer der Songs heißt "Beste Bar der Stadt." Wo ist die Bar genau? Und was macht sie so besonders?
Die beste Bar der Stadt ist, in Stuttgart zumindestens, das Kap Tormentoso. Das ist unsere Lieblingskneipe, in der wir, zufälligerweise auch vor über sieben Jahren, unseren ersten Auftritt hatten. Die Bar ist eine von wenigen Kneipen, die eine Bühne besitzt und diese Nachwuchskünstlern zur Verfügung stellt. Das finden wir natürlich besonders gut. Es ist dort auch sehr gemütlich. Die Leute sind nicht zu cool, aber auch nicht zu uncool, sondern es ist immer eine lässige Atmosphäre. Wir sind sehr oft und sehr gerne da.

In "Kalifornia", geht es um ein Mädchen, das zu viel Zeit auf ihrem Instagram- Account verbringt. Wie steht ihr denn persönlich zu den sozialen Medien?
Sagen wir mal so: Wir nutzen sie natürlich schon. Immer mal wieder ertappt man sich und merkt, dass man sie vielleicht ein bisschen zu viel benutzt und sich im Anschluss darüber ärgert. Das ist so ähnlich wie die Zeile im Song: “Ich scrolle mir einen runter”. Das ist schon ein Phänomen, dass man heutzutage quasi überall sieht, wenn man die Augen aufmacht. Wir wollen uns damit ein wenig über dieses Verhalten lustig machen. Wir wollen uns natürlich nicht komplett davon frei sprechen. Wir nutzen es als Band, um die Fans zu erreichen, und dafür sind soziale Medien schon ein tolles Instrument.

"Das ist jetzt eine Platte, die genau so klingt, wie eine Schmutzki-Platte klingen soll"

Mit "Mehr Rotz als Verstand" kommt am 14. September euer drittes Studioalbum raus. Wie unterscheidet sich das aktuelle Album von den Vorgängern?
Wir haben sehr lange für die Platte gebraucht. Dabei haben wir sehr viel Zeit und Hirn investiert. Es gab sehr viele Songs, die wir zuerst als Demos aufgenommen haben. Erst im Studio haben wir uns dann entschieden, welche davon aufs Album kommen. Wir haben auch versucht, ein paar neue Sachen auszuprobieren und haben andere musikalische Gefilde ausgetestet. Dabei haben wir gemerkt, dass wir die Songs ausgewählt haben, die nach dem ursprünglichen Schmutzki-Sound klingen. Wir haben realisiert, dass dieser Sound am besten zu uns passt und wir in dieser Sphäre am stärksten sind. Der Sound spiegelt am besten wieder, wie wir uns zu Beginn unserer Karriere angehört haben. Frei von jeglichen äußerlichen Einflüssen. Das ist jetzt eine Platte, die genau so klingt, wie eine Schmutzki-Platte klingen soll.

Wie genau definiert sich der Schmutzki-Sound, den du angesprochen hast?
Im Vergleich zum zweiten Album klingt der Sound diesmal ein bisschen dünner, schräger, kratziger, rotziger, wilder – eben ein bisschen mehr Schmutzki.



Schmutzki: "Mit Kritik müssen wir leben"

Euer letztes Album "Spackos Forever" hat viele schlechte Kritiken bekommen. Wie geht ihr mit der Kritik um?
Wir bieten natürlich relativ häufig eine Angriffsfläche, um Sachen scheiße zu finden. Trotzdem freuen wir uns natürlich nicht über schlechte Kritik. Die nehmen wir uns schon zu Herzen. Wenn man solche Songs wie das “Sauflied” macht, muss man damit rechnen, dass man schlechte Kritiken bekommt. Obwohl in diesem Lied auch furchtbar viel Kritik und Ironie an der heutigen Musiklandschaft drin steckt. Letztlich müssen wir mit Kritik einfach leben.

Zu euren Fans habt ihr eine besondere Verbindung. Was genau ist der Schmutzki-Mob und wie ist das Ganze entstanden?
Wir haben 2012 einen Musikwettbewerb in Baden-Württemberg gewonnen. Wir wussten auch nicht so recht, was wir mit der Band eigentlich anfangen sollen und haben uns dann spaßeshalber beworben, weil wir gerade noch jung genug waren, um daran teilnehmen zu dürfen. Zum Glück sind wir mit Ach und Krach ins Finale gerutscht. Das Finale hat in Baden-Baden stattgefunden und wir haben einen Doppeldeckerbus mit allen unseren Freunden, Kumpels und Schmutzki-Fans vollgepackt. Damit sind wir dann in Baden-Baden aufgetaucht.

Auf dem Hinweg war die Party im Bus schon fantastisch, deshalb sind die Leute dann “on-fire” da angekommen und wollten unbedingt den Pokal nach Hause bringen. Für die Fans war das fast wie ein Auswärtsspiel beim Fußball. Während die Jury nach den Auftritten aller Bands tagte, haben wir nur von außen gehört, wie alle “Schmutzki, Schmutzki, Schmutzki” gerufen haben. Das hatte schon ein bisschen was Mob-haftes. Da ist dann der Begriff Schmutzki-Mob entstanden. Der begleitet uns sehr lange und wir haben dann unsere erste EP danach benannt. Wir haben noch ein rotes Shirt mit Schmutzki-Logo gehabt und dann hat sich das alles verselbstständigt.

Auf Festivals wurden häufig rote Sticker mit Schmutzki-Aufschrift verteilt und überall aufgeklebt. Das war bestimmt für euch auch eine gute Sache, oder?
Ja natürlich, klar. Dieser Sticker hat das kleine rote Format und man checkt nicht sofort, dass es sich um eine Band handelt, sondern vielleicht um einen neuen Schokoriegel. Als wir zum ersten Mal bei Rock im Park und Rock am Ring gespielt haben, hatten wir eine ganze Mülltonne voll mit Stickern, das waren so circa 50.000 Stück. Die haben wir auf dem Zeltplatz und auf dem Festivalgelände verteilt. Die hingen überall und öfters haben wir auch Ärger bekommen. Aber für uns hatte das einen positiven Effekt, weil die Leute sich gefragt haben: “Was ist denn eigentlich dieses Schmutzki?” Es ist auf jeden Fall gute Werbung und ein Ding, das ins Auge fällt. Ich kriege heute immer noch von Leuten oder entfernten Kumpels Bilder von den verrücktesten Orten auf der ganzen Welt, auf denen Schmutzki-Aufkleber zu sehen sind.

Schmutzki vor 70.000 Menschen

Ihr habt schon als Vorband mit Bands wie den Beatsteaks, den Toten Hosen, Bad Religion und Kraftklub gespielt. Wie war das für euch vor 70.000 Menschen aufzutreten?
Man realisiert gar nicht richtig, was da gerade passiert. Also es ist völlig unwirklich. Wenn du es schaffst, die Leute auf deine Seite zu kriegen, ist es natürlich der Hammer. Alle 70.000 Zuschauer wirst du nicht in deinen Bann ziehen können, aber wenn es nur ein Hauch davon ist, ist das natürlich schon eine große Menge. Für uns als Newcomer-Band war das eine große Chance, um auf uns aufmerksam zu machen. Wir haben schon gemerkt, dass nach so einem Konzert der Saal in Leipzig viel voller war, als zuvor.

Wie waren die anderen Bands drauf? Habt ihr viel mit den anderen Bands unternommen?
Die Hosen spielen ja eigentlich nie in kleinen Locations, deshalb ist so ein Backstagebereich keine kuschelige, familiäre Angelegenheit, sondern dort wuseln hunderte Leute rum. Die sind eher in ihrem eigenen Bereich, an den man nicht so richtig rankommt. Bei den Shows sagt man sich Hallo und schwätzt auch ein bisschen, aber die große Backstage-Party haben wir jetzt nicht mit denen gefeiert. Sie sind sehr freundlich und behandeln einen nicht von oben herab, sondern sind irgendwie cool. Bei den Beatsteaks ist es genauso. Mit den Beatsteaks haben wir auch kleinere Locations gespielt. Da war das schon sehr familiär. Ich würde nicht sagen, dass wir Kumpels sind, aber es war auf jeden Fall freundschaftlich.

Holt ihr euch Tipps von solchen bekannten Bands?
Man erzählt auf jeden Fall von der aktuellen Situation und klar erzählen wir auch, was bei uns so läuft. Da gibt es schon Momente, in denen wir uns Ratschläge holen können. Wir haben die anderen Bands auch gefragt: Was sollen wir machen? Und wie seht ihr das? Wir haben uns erkundigt, wie die Beatsteaks sich damals verhalten haben, in unserem aktuellen Stadium. Man möchte natürlich nicht alles komplett kopieren, was andere Bands so gemacht haben, aber Tipps holt man sich auf jeden Fall.


Interview Schmutzki


"Punk darf nicht konstruiert sein."

Was macht für dich guten Punk aus? Gehört für dich mehr dazu, als drei Akkorde und ein guter Text?
Es gehört definitiv mehr dazu. Punk darf nicht konstruiert sein. Er muss authentisch und natürlich klingen. Dann ist es auf jeden Fall gut. Und ob es dann sieben Akkorde sind oder doch nur drei, ist eigentlich egal, solange es der "reale Shit" ist.

Von welchen Bands habt ihr euch beeinflussen lassen?
Wir haben damals alle diesen 90er-Jahre-California-Punk-Rock mit NOFX und sonstigen Konsorten an Bands gehört. Wir haben auch ältere Punk-Musik gehört wie zum Beispiel The Misfits und auch Bands, die so dazwischen platziert waren wie The Hives, die mehr diesen Rock’n’Roll- und Garage-Sound gespielt haben. Und die Kombination hat dann im Anschluss zu Schmutzki geführt.

Das waren jetzt nur englischsprachige Bands. Habt ihr auch deutsche Punk-Bands gehört?
Das haben wir auf jeden Fall. Bands wie Terrorgruppe oder WIZO liefen häufig bei uns. Ich bin persönlich auch ein großer Fan der Toten Hosen, besonders von den alten Platten. Ich mag auch Die Ärzte. Aber im Endeffekt waren englische Bands schon größere Vorbilder.

Wie läuft bei euch die Songproduktion ab?
Häufig ist es so, dass einer von uns zuhause ein Song-Demo produziert, auf der zum Beispiel ein Gitarrenriff drauf ist mit einer kleinen Refrain-Idee. Das wird dann erstmal an die anderen geschickt und im Anschluss spielen wir es im Proberaum an. Wir schauen dann, wie es sich mit allen Instrumenten anhört und ob das Tempo passt. Man arbeitet sich langsam an den fertigen Song ran und bekommt ein grobes Bild, ob er auf das Album kommen könnte. Im Proberaum wird die Songidee dann weiter geprobt und gleichzeitig am Text gearbeitet. Das finale Arrangement wird dann aber im Studio fertig gestellt.

Wer schreibt bei euch die Texte?
Tatsächlich schreibt unser Bassist Danny die meisten Texte. Häufig habe ich eine thematische Idee oder Teile für einen Refrain und er hilft mir dann. Er hat einen sehr guten Wortwitz und eine gute Art sich auszudrücken und bringt es oft besser auf den Punkt. Wir sind da eben nicht so: "das ist mein Song" und "das ist mein heiliger Text". Wir sagen uns eher "Geil ist Geil", egal, wer ihn jetzt geschrieben hat, ist es ein Schmutzki-Song.  

Welches Album muss jeder Mensch der Punk-Musik hört, definitiv schon mal gehört haben?
Es ist echt schwierig, da ein einzelnes hervorzuheben. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, würde das Album “White Trash, Two Heebs and a Bean” von NOFX nehmen. Das Album hat mir auf jeden Fall die Augen geöffnet. Es hat mir eine neue Art von Musik gezeigt, die ich davor in dieser Art noch nicht kannte und hat mich stark geprägt.


Wir haben noch Quickfire-Questions für dich vorbereitet, bei denen du dich zwischen zwei Dingen entscheiden musst:

 

Schmutzi Albumcover

UNICUM Musik-Tipp:

Mehr Rotz als Verstand

Schmutzki

BÄM Records/Cargo Records

VÖ: 14. September 2018

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