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16. Aug 2016

Musik

UNICUM trifft: Fran

-ARCHIV-

UNICUM sprach zum Release ihres Debütalbums "Frantastic" mit der Berliner Sängerin

"Im Musikbusiness einen Erfolg zu erwarten, ist ein Fehler"

UNICUM: Fran, man kennt dich noch dunkelhaarig aus dem Video zum 2009er-Hit "Hypnotized". Auf dem Cover von "Frantastic" präsentierst du dich im Ethno-Look. Auch die Tracks sind absolut facettenreich: Würdest du dich als Chamäleon bezeichnen? Fran: Es ist interessant, wie überrascht die Leute darauf reagieren, dass ich mich nun anders präsentiere. Ich weiß, dass ich ein sehr wandlungsfähiger Mensch bin. Ich mache z.B. schon lange, seit etwa zehn Jahren, Fernsehwerbung und schlüpfe da in die verschiedensten Rollen. Ich bin zwar weit davon entfernt, eine Schauspielerin zu sein, aber es macht mir unglaublich viel Spaß, mich zu wandeln – sowohl äußerlich als auch musikalisch. Ein Chamäleon passt sich an, ich mach die Wandlung eher auch mir selbst heraus.

Auf "Frantastic" hören wir von dir Popstücke, Soul-Nummern ... Dabei hätte man eigentlich doch ein rein elektronisches Album erwartet. Vor Oliver hatte ich überhaupt oder nur wenig Kontakt zu elektronischer Musik oder zur Clubszene. Bevor ich ihn kennengelernt habe, kannte ich nur einen DJ und das war Sven Väth –  auch nur vom Namen her und ich war noch niemals in einem Technoclub gewesen. Das hat sich natürlich in den letzten drei Jahren geändert. (lacht) Ich habe bei "Frantastic" nicht mit Oli gearbeitet, sondern mir andere Produzenten gesucht. Und zwar zwei Freunde, bei denen ich wusste, dass es zwischen uns musikalisch funktioniert. Ich wollte kein Club-Album machen: Das ist einfach von meinem eigenen Musikgeschmack zu weit entfernt.

Hattest du eine straighte Vision von "Frantastic" oder hat sich alles nach und nach entwickelt? Halb und halb. Den Albumtrack "Frantastic" gab es zum Beispiel schon 2008 als erste Skizze. Zwei andere Songs sind auch älter, der Rest ist neu. Prinzipiell wusste ich, dass "Frantastic" mein Soloalbum wird, aber wie es letztendlich aussieht, ist erst im Prozess entstanden. Ich hatte keinen Masterplan, alles lief eher nach dem Motto: Learning by doing. Und Schritt für Schritt sind über zwei Jahre diese vielen neuen Songs entstanden.

Wo musstest du Kompromisse eingehen? "Frantastic" ist schon so, wie ich es haben wollte. Ich musste natürlich Kompromisse machen, insofern ich mir jetzt kein Orchester oder ähnliches ins Studio holen konnte. Ich habe das Album ja selbst finanziert. Da hätte ich mich noch ausleben können, aber es ist in einem normalen finanziellen Rahmen entstanden – so gut es geht. Musikalisch ist "Frantastic" auf jeden Fall, wie ich es mir gewünscht habe, sogar besser noch. Bei meinen Texten lasse ich mir eh nicht reinquatschen.

Hattest du denn Erwartungen an den Erfolg deiner Platte? Nein, überhaupt nicht. Im Musikbusiness einen Erfolg zu erwarten, ist ein großer Fehler, den man nicht machen darf. Das hat mir Oli immer wieder im Prozess gesagt, und das habe ich auch selber gelernt. Ich hab die Erwartungen ganz tief geschraubt und deshalb kann ich nicht groß enttäuscht werden. Ich habe das Album wirklich aus Spaß gemacht. Aber nun haben die Videos schon mehr Klicks, als ich dachte, und die gute Presse ist verblüffend. Ich dachte, die Leute wären da kritischer eingestellt.

"Mein Psychologie-Studium hat meine Weltsicht total verändert"

Wie viel von dir steckt in den Songs?Ich bin ein sehr hoffnungsvoller Mensch. Ich freue mich, wenn es mir gelingt, das in meinen Songs einzufangen. Und wenn sich das transportiert, umso schöner. Es steckt ganz viel Autobiografisches in "Frantastic": Ich habe ziemlich tief in mich reingeblickt. Es sind Lieder über Dinge, die mich beschäftigt haben. Außer "Since you’ve been gone", da singe ich natürlich nicht über Oli und mich. Der Song ist von Aretha Franklin inspiriert und sollte gar nicht auf's Album. Aber dann uns der Track so viel Spaß gemacht, dass wir ihn doch mit drauf genommen haben.

Hat "Frantastic" eine Message?Ne, ich hatte keine Message im Kopf, das hat sich erst im Nachhinein ergeben. Zuerst kommt bei mir immer die Musik. Ich höre erst einmal zu, was mir die Musik sagt und setze dann meine Vocals und Lyrics. Das geschieht spontan und intuitiv. Deswegen habe ich oft Probleme mit Clubmusik, mit House oder Techno. Für mich müssen die Akkorde auf emotionale Weise mit mir sprechen. Die Akkorde erzählen eine Geschichte, danach wähle ich das Thema des Songs. Bei House geht es eher um Rhythmik und nicht unbedingt um eine Message.

Hilft dir die Psychologie beim Songschreiben?Auf jeden Fall. Ich wollte lange Psychoanalytikerin werden, dafür musste ich eine Psychoanalyse machen, was total cool war. Das hat mich persönlich weitergebracht. Ohne die Erfahrung hätte ich einen Song wie "Psychoanalysis" nicht schreiben können, in dem es um einen Klienten geht, der von einer Psychoanalytikerin behandelt wird. "Frantastic" ist introspektiv: Eine Psychologin beginnt erst damit, sich selbst zu analysieren und wird dann auf die allgemeine Bevölkerung losgelassen. Mein gesamtes Studium hat meine Weltsicht total verändert. Ich bin darüber zum Zen-Buddhismus bzw. zur Zen-Philosophie gekommen. Wenn ich in Songs wie "Ocean of you"  davon singe, dass ich in den Ozean schmelzen möchte, dann bedeutet das eigentlich die Aufgabe des Egos und die Rückkehr in die Natur. Ich weiß, die meisten Leute gucken mich an wie ein Auto, wenn ich das sage! (lacht)

Arbeitest du eigentlich derzeit noch als Psychologin?Ich habe mein Studium 2008 abgeschlossen, ungefähr zwei Jahre in dem Job gearbeitet und eine Weiterbildung zur Psychoanalytikerin gemacht. Ich kann alle Praktikanten gut verstehen, ich habe das Gleiche hinter mir: 1.200 Stunden in Berliner Psychiatrien umsonst arbeiten, ganz bitter. Es ist kein leichter Job. Auf dem Weg zur Psychotherapeutin musste ich mich irgendwann entscheiden zwischen der Musik und der Psychoanalyse. Ich werde aber garantiert zur Psychologie irgendwie zurückkehren. Mit Menschen zu arbeiten hat mir so einen Spaß gemacht. Ich glaube mittlerweile, dass der Psychoanalytiker mehr von den Patienten lernt als umgekehrt. (lacht)

Kannst du denn das Psychologie-Studium empfehlen?Auf jeden Fall. Ich hab an der TU Berlin studiert und Psychologie ist ein weitgefächertes Fach. Zu Unrecht werden Psychologen oft total unterschätzt. Nach dem Abschluss kann man in so vielen Bereichen arbeiten: im Marketing oder in der klinischen Psychologie, man kann in die Statistik weiter eintauchen, Forschung betreiben, sich mit der Neuropsychologie beschäftigen. Man braucht aber Durchhaltevermögen, es ist nicht das einfachste Studium, dafür mit guten Chancen. Jeder, der in die Psychotherapie will, muss sich aber warm anziehen. Die Weiterbildung nach dem Studium ist teuer, die Krankenkassen zahlen immer weniger. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur jedem raten, sich das gut zu überlegen.

Psychologen wird allgemein vorgeworfen, dass sie andauernd ihre Mitmenschen analysieren ... Bei manchen bricht nach den ersten Semestern die große Weisheit aus. (lacht) Das ist ganz lustig, aber mir wurde von älteren Psychologen gesagt, dass das ganz normal ist. Jeder Student denkt zuerst: "Boah, Wahnsinn! Diese ganzen Theorien über Persönlichkeiten." Das Gelernte wendet man dann wild auf alle im Umfeld an. Aber das ist einfach ein Teil des Prozesses. Man wird irgendwann wieder demütiger und merkt, dass das überhaupt nichts bringt. Man kann einen Menschen nur analysieren, wenn er das will, wenn man Fragen stellen kann, wenn das Bedürfnis besteht. Am allerschlimmsten sind Psychoanalytiker, die sagen, dass man sich nur mit Menschen unterhalten kann, die selber eine Psychoanalyse gemacht haben. Nur die sind quasi vollwertige Menschen. Das stimmt überhaupt nicht. Ich kenne total viele Leute, die cool und frei von irgendwelchen neurotischen Konflikten sind. Und das ist auch die absolute Mehrheit!

Denkst du noch trotzdem ab und an: "Oh, bei dem ist das also so und so!"Ich merke, dass eigentlich alle anderen um mich herum, die jetzt nicht unbedingt studierte Psychologen sind, bei so etwas genau das Gleiche sehen. Die denken vielleicht: "Man, das ist vielleicht ein eingebildetes Arschloch", während ich denke: "Der hat aber narzisstische Probleme". Es ist ja oft in der Wissenschaft so, dass ein ganz normales Phänomen in komplizierte Worte gekleidet wird.

"Über Punkrock und Hardcore zum Zwischenstadium 'Frantastic'"

In der Musik bist du eine Autodidaktin, oder?Schon seit frühester Kindheit trommle ich auf allem rum, was betrommelbar ist. Ich war schon immer jemand, der einen ganz freien und kreativen Zugang zu so etwas braucht. Hätten mich meine Eltern mit Unterricht vor ein Klavier gesetzt, hätte ich sofort gesagt: "Darauf hab ich jetzt überhaupt keinen Bock. Ist ja wie in der Schule." Deswegen war es sehr clever, mich einfach machen zu lassen. Ich habe die Musik ganz persönlich entdeckt. Es ging dann über diverse Schlenker im Punkrock und Hardcore zum Zwischenstadium "Frantastic". Mal gucken, wo ich mich in der Zukunft musikalisch herumtreibe.Zu "Ocean of you" kam dir die Inspiration in Thailand, ein Video hast du in Japan gedreht – wie wichtig ist das Reisen für dich?Gar nicht so wichtig. Wenn ich verreise, nehme ich schon Sachen mit, aber eigentlich bin ich eher eine Stubenhockerin. Wenn ich jetzt nur reisen würde, würde ich gar nicht mehr dazu kommen, Songs zu schreiben. Ich nutze das Reisen mehr, um Abstand von allem und von mir selbst zu bekommen. "Ocean of you" ist in Thailand entstanden, aber ich hätte es auch in Berlin schreiben können. Natürlich bin ich glücklich darüber, dass ich durch meinen jetzigen Beruf so viel reisen kann. Deswegen denke ich immer: "Wow, es kann jetzt nicht mehr besser werden. Ich muss alles festhalten!" Das Video zu "Psychoanalysis" ist ja zum Teil in Japan gedreht, die andere Hälfte ist auf meinem Balkon in Berlin entstanden.

Dein Balkon ein wichtiger Ort für dich?Ja! Auf dem Balkon ist man in der Großstadt zwar draußen, aber man ist gleichzeitig total geschützt. Das ist ein ganz tolles Konzept, dass sich irgendwann mal Architekten ausgedacht haben. Ein Kleinod inmitten der Metropole. Der Balkon ist wirklich ein wichtiger Ort für mich, gerade im Sommer.

Meine letzte Frage geht an die Psychologin Fran: Hast du noch einen letzten Tipp gegen den Herbstblues für unsere Leser? (Lacht) Ja: Bewegung! Ganz wichtig! Ich habe jetzt auch wieder mit dem Joggen angefangen. Es ist so witzig, dass die einfachsten Sachen oft die effektivsten sind. Jeder Psychologe wird einem Patienten, der eine beginnende Depression hat, raten, einfach laufen zu gehen. Ich muss mich auch dazu aufraffen, aber dann gebe ich mir einen Arschtritt. Ich bin dann schnell wieder auf der Couch und lasse es mir gut gehen.

Mehr Fran findet ihr unter www.facebook.com/frantastic.music und www.stilvortalent.de

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