Phubbing
Gemeinsam einsam: Phubbing ist eine echte Gefahr für Freundschaften | Foto: oneinchpunch/Thinkstock

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06. Feb 2018

Nina Weidlich

Netzwelt

Phubbing: Sorry, mein Smartphone ist mir wichtiger als du!

Phubbing: Vom Fake zum Phänomen

Das Wort "Phubbing" setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen "Phone" und "snubbing" – wobei "to snub" übersetzt so viel bedeutet wie "jemanden abblitzen lassen" oder "vor den Kopf stoßen". Wir phubben jemanden immer dann, wenn wir in seiner Gegenwart auf unser Smartphone starren – um Mails vom Chef zu beantworten, auf eine Nachricht zu reagieren oder einfach nur, um aus Gewohnheit unsere Timeline zu checken.

Im Jahr 2013 hat der Begriff erstmals weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt, vor allem aufgrund der Kampagne "Stop Phubbing" des australischen Studenten Alex Haigh. Auf seiner Webseite gegen den Smartphone-Trend heißt es zum Beispiel: 97 Prozent der Menschen schmeckte das Essen schlechter, wenn sie Opfer von Phubbing wurden.

Woher Alex so etwas Absurdes weiß? Gar nicht, denn die ganze Aktion war ein kompletter Fake: Im Rahmen einer Marketingkampagne für das australische Macquarie Dictionary erfand die Werbeagentur McCann ein Wort, das den Trend der übermäßigen Smartphone Nutzung in Gegenwart anderer Personen beschreibt. Nach Berichten zahlreicher internationaler Medien, die die Kampagne für echt hielten, ging der Begriff viral. So wurde also ein Wort für ein Phänomen erschaffen, das schon längst existierte – und das es sogar bis in die Forschung geschafft hat.  

Sieben Stunden Internet pro Tag

Das Phänomen kann alle sozialen Kontakte betreffen: vom Partner (hier gibt es auch den speziellen Begriff "Pphubbing" für "partner phubbing") über Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitskollegen. Verbringen wir Zeit mit dem einen, schreiben wir mit dem anderen, selten konzentrieren wir uns voll und ganz auf die Person, die uns gerade ganz real gegenübersitzt. Was zu Omas und Opas Zeiten noch abgestraft worden wäre, ist heute ganz normal. Grund dafür ist unser zwanghafter Drang, immer und überall erreichbar zu sein. Ständig bimmelt, brummt und blinkt das Smartphone. Wir reagieren darauf natürlich prompt.

Junge Erwachsene im Alter von 21 bis 30 Jahren verbringen im Schnitt fast sieben Stunden pro Tag online – das hat eine Studie zur Online-Nutzung in Deutschland des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernest & Young im Jahr 2017 ergeben. Das Surfen am Smartphone nimmt in dieser Altersklasse drei Stunden pro Tag in Anspruch, mit 81 Prozent ist die Kommunikation über Chats und andere Messenger am beliebtesten. Dass übertriebene Smartphone Nutzung für viele Millenials ein Problem ist, steht also nicht zur Diskussion.


"Stop Phubbing": Vier Tipps gegen Smartphone-Konsum

Tipp 1: Problemen Luft machen

Dein Partner, Freund oder Arbeitskollege geht dir auf die Nerven, weil er ständig aufs Smartphone schielt? Sprich ihn geradeheraus darauf an, anstatt die fehlende Aufmerksamkeit mit deinem eigenen Smartphone-Konsum zu kompensieren.

Tipp 2: Das Smartphone links liegen lassen

Lege mit Freunden oder deinem Partner Smartphone-freie Zeiten fest: Zuhause bleibt das Telefon in einem anderen Raum, beim Barbesuch in der Tasche – wer sich nicht dran hält, zahlt die nächste Runde.

Tipp 3: Dein Nutzungsverhalten tracken

Tracke deine Smartphone Nutzung und schäme dich! Apps wie Checky oder Moment zeigen dir an, wie oft du dein Handy zur Hand nimmst und wie viel Zeit du pro Tag an deinem Smartphone verbringst.

Tipp 4: Einen (virtuellen) Baum pflanzen

Wenn es ohne Ansporn gar nicht geht, kann die App Forest vielleicht deinen Ehrgeiz wecken. Indem du dein Handy zur Seite legst, pflanzt du einen virtuellen Baum – benutzt du das Smartphone vor Ablauf der eingestellten Zeit, stirbt er. Gegen Coins, die du innerhalb der App sammelst, kannst du sogar für das Pflanzen realer Bäume spenden.


Phubbing ist eine Gefahr für Freundschaften und Beziehungen

Was aber macht es mit unserem Partner, der Oma, der besten Freundin, wenn wir in ihrer Gegenwart immer wieder aufs Handy starren? Forscher der Baylor University in Texas haben das in ihrer Studie "Phubbed and Alone: Phone Snubbing, Social Exclusion, and Attachment to Social Media" untersucht. Das Ergebnis: Phubbing-Opfer fühlen sich ausgegrenzt, vernachlässigt – und beschäftigen sich vermehrt mit ihrem eigenen Telefon. Der Gebrauch des Smartphones ist nämlich in gewisser Weise ansteckend. Greift unser Gegenüber im Restaurant zum Handy, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass wir es ihm gleichtun. Auch die Gefahr der Internetsucht wird durch Phubbing erhöht.

Der Grund liegt in unserer angeborenen Angst, ausgeschlossen zu werden. Beachtet unser Gesprächspartner uns nicht, holen wir uns die Aufmerksamkeit eben woanders. In einer Gruppe können wir einfach den Sitznachbar anquatschen, sind wir zu zweit, driften wir in die Welt der Social Media ab.

Das Erschreckende: Instagram und Co. dienen nicht nur als Zeitvertreib, sondern geben uns tatsächlich das, was wir brauchen. Ein Like oder ein Share haben nämlich angeblich den gleichen Effekt auf uns wie eine Umarmung. Das liegt daran, dass bei beiden Aktivitäten das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Um uns zugehörig und glücklich zu fühlen, kann sogar schon das Aufblinken des Benachrichtigungslichts auf dem Smartphone ausreichen. Das triggert uns wiederum, sofort zu checken, wer auf unseren Post reagiert hat.

Besonders für Paare kann Phubbing zum echten Problem werden und im schlimmsten Fall sogar zum Ende der Beziehung führen. Denn durch den ständigen Griff zum Smartphone setzen wir unbewusst Prioritäten und vermitteln unserem Partner das Gefühl, unwichtiger zu sein als die Inhalte auf dem kleinen Bildschirm. Reden wir zwischen Twitter und Facebook doch einmal Face-to-Face miteinander, werden Themen aufgrund der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne nur noch oberflächlich behandelt. Unser Gehirn bleibt währenddessen immer darauf vorbereitet, vom Smartphone unterbrochen zu werden. Tiefgreifende Gespräche kommen also nur zustande, wenn das Handy ausgeschaltet oder in einem anderen Raum aufbewahrt wird. Push-Nachrichten, Klingeltönen und Vibrationen zum Trotz.

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