Alice Merton Interview
Drei Jahre nach "No Roots" veröffentlicht Alice Merton mit "Mint" ihr Debütalbum. | Foto: Paper Plane Records
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08. Jan 2019

Steffen Rüth

Promis & Interviews

Alice Merton im Interview

"Ich muss mir selbst noch mehr vertrauen."

Songs schreiben gegen plagende Ängste

Warum ihr Album "Mint", also Minze, heißt? "Weil Minze meinen Magen beruhigt", sagt Alice Merton, freimütig und direkt, beim Gespräch im Büro ihrer (eigenen) Plattenfirma "Paper Plane Records" in Berlin-Mitte. "Ich liebe und brauche Minze in jeglicher Form, Blätter, Tee, Kaugummis, alles tut mir gut. Vor allem, wenn mir vor einem Auftritt mal wieder so richtig schlecht ist." Merton wirkt ja auf den ersten Anschein wie das stets supergelaunt-drollige, kleine Energiebündel, das sie durchaus auch sein kann, aber dass die 24-Jährige unter Ängsten leidet, ist eben auch Teil ihrer Wahrheit. "Minze hilft, aber nur gegen die Symptome, nicht gegen die Gründe, warum mich diese Ängste plagen. Manchmal geraten sie außer Kontrolle, ich meditiere und denke, dass ich eine Angsttherapie machen sollte. Was mir aber auf jeden Fall immer Linderung verschafft, ist Songs zu schreiben." Und so fängt "Mint" auch gleich mit einer Anti-Angst-Nummer an, "Learn To Live". Darin beschreibt Alice wie sehr sie sich wünscht, "dass mich die Ängste nicht so bestimmen und ich endlich leben könnte, ohne immer über die Konsequenzen meines Tuns nachzudenken." Auch "Why So Serious", in dem sie singt, dass sie im Jetzt leben und nichts bereuen möchte, spielt auf ihre Angstprobleme an, aber gleichzeitig unterstreicht dieses Lied auch Mertons andere Seite, nämlich die kämpferische. "'Why So Serious' ist eine Reaktion darauf, dass ich oft angesprochen wurde, ob ich denn wohl ein 'One Hit Wonder' sein würde. Das hat mich anfangs sehr genervt, doch mittlerweile stehe ich darüber. Ich mache Musik vor allem für mich selbst, und ich hatte sehr viel Glück mit diesem Song. Aber ich schreibe nicht gezielt darauf hin, dass ein Song ein Hit werden oder ständig im Radio gespielt werden muss."



Alice Merton im Interview: "Überall, wo wir hinkamen, kannten die Leute das Lied."

Dieser Song" ist natürlich "No Roots", und er hat das Leben der Alice Merton in den vergangenen zwei Jahren schon nachhaltig auf den Kopf gestellt. "Es ist für mich immer noch nicht leicht zu verstehen, warum der Song so dermaßen funktioniert hat", sagt Alice Merton. "Aber ich kann mich nicht beschweren." "No Roots" bleibt halt hängen, und mit dem Gefühl, gleichzeitig rastlos zu sein und sich doch nach Wurzeln, nach Heimat zu sehnen, können sich sehr, sehr viele Menschen identifizieren – überall auf der Welt. "Wir haben in der Türkei gespielt, in Serbien, in der Slowakei. Überall, wo wir hinkamen, kannten die Leute das Lied. Es ist schon traumhaft, Musik zu machen, die in mehr als einem Land gut ankommt." Sogar in der US-amerikanischen "Tonight Show" trat Alice Merton auf. Und Moderator Jimmy Fallon kriegte sich kaum noch ein vor Begeisterung. "Vor diesem Auftritt war ich natürlich supernervös, doch dann war es auch superschön." Wie ein Virus breitete sich "No Roots" über die Welt aus, als der Song in den USA erfolgreich wurde, war er in Deutschland längst ein Hit. Oder, wie Merton sagt: "Es war ein kleiner Schneeball, der immer weiter den Berg runterrollte und zu einer krassen Lawine wurde."

Alice Merton ist eine Weltenbummlerin

Zur Musik kam Alice Merton durch ihren Vater, einen Hobbypianisten und Songschreiber. Mit fünf Jahren fing sie selbst an, Klavier zu spielen, mit 14 komponiert sie ihre ersten eigenen Lieder, anfangs liebt sie Rockopern, noch heute ist Alice ein riesiger Queen-Fan. Dass "No Roots" aus ihrem Mund so authentisch klingt, hat logischerweise eine Menge mit ihrer Vita zu tun. Der Vater Ire, die Mutter Deutsche, geboren in Frankfurt am Main, dann kurz New York, später lange die kanadische Provinz, mit 13 nach München – Alice Merton ist viel rumgekommen in ihrem jungen Leben. "Ich reise gern, und liebe es, neue Orte zu sehen. Andererseits ist der Wunsch, Wurzeln zu schlagen, Kinder zu haben, nicht ständig unterwegs zu sein, schon auch vorhanden." Die Ironie ist ja, dass Alice, die zwölf Mal mit ihren Eltern umzog, seit dem Sensationserfolg von "No Roots" erst recht nicht mehr wirklich irgendwo zuhause, sondern "praktisch seit zwei Jahren auf Tour" sei.



Vom Doppelstockbett zum eigenen Plattenlabel

Ihr Abitur macht Merton, die innerhalb von ein, zwei Jahren Deutsch lernte, auf einer Münchner Klosterschule nur für Mädchen ("Dort habe ich gelernt, mich zu konzentrieren und nicht aufzugeben"), kurz zieht sie nochmal zu den Eltern, die inzwischen bei London leben, dann studiert sie BWL in Augsburg, bevor sie auf die Popakademie in Mannheim aufmerksam wird und sich erfolgreich dort um einen Studienplatz bewirbt. "Als es in Mannheim klappte, war mir klar: Alles oder nichts. Ich habe mich richtig reingehängt und wollte es unbedingt als Musikerin schaffen." An den Wochenenden fährt sie nach Berlin, knüpft Kontakte, etwa zu dem Produzenten Nicolas Rebscher, mit dem sie auch "Mint" aufgenommen hat, eine vor melodischer Dynamik und krachend ehrlicher Texten strotzenden Platte, die ein bisschen an die Werke einer jungen Lily Allen oder Kate Nash erinnern. Mit ihrem Kommilitonen Paul Grauwinkel zieht sie schließlich in die Hauptstadt (das Lied "2 Kids" handelt vom Kennenlernen der beiden an einer Bushaltestelle), sechs Monate leben die platonischen Freunde in einer Einzimmerwohnung und teilen sich ein Doppelstockbett, auch "Paper Plane Records" gründen die beiden Do-It-Yourself-Menschen gemeinsam. "Ich bin sehr dickschädelig und wollte meine Musik nicht ändern, nicht gefälliger produzieren. Also haben wir es selbst gemacht." Und wie. "Funny Business" heißt Alice Mertons neue Single. Darin betont sie, sich nicht verarschen und verbiegen zu lassen. Im Gegenzug bekomme man eine aufrechte, verlässliche Partnerin. "Ich bin ein ehrlicher Mensch. Man kann mir vertrauen", sagt Alice. "Jetzt muss ich es bloß noch schaffen, mir noch besser selbst zu vertrauen." Zur Not mit einer extragroßen Packung Minzgummis.


UNICUM Musik-Tipp 

Alice Merton MintAlice Merton 

"Mint" 

Paper Plane Records 

VÖ: 18. Januar 2019 

Online bestellen (Amazon): Mint

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