Interview mit Chefket
Im Interview redet Chefket auch darüber, wie er sich in Deutschland fühlt. | Foto: Universal
Autorenbild

27. Jul 2018

Steffen Rüth

Promis & Interviews

Chefket im Interview: "Ich akzeptiere, dass ich hier fremd bin"

Chefket hat seine Liebe gefunden

Der Albumtitel "Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)" wirkt etwas sperrig, ist aber Programm. Denn endlich kann sich der stimmlich sanft-samtige Soulrapper Chefket, der eigentlich Şevket Dirican heißt und 1981 als Sohn türkischer Einwanderer im heimeligen schwäbischen Heidenheim groß wurde, musikalisch wieder auf das konzentrieren, was ihm am Wichtigsten ist: Und das ist die Liebe. Aus aktuellem Anlass unterhielten wir uns mit dem Wahlberliner aber erstmal über ein ganz anderes Thema.

UNICUM: Chefket, kannst du die heftige Aufregung rund um Mesut Özil nachempfinden?
Chefket: Grundsätzlich ist es mir unverständlich, wie man Fußballer auf so eine Empore heben kann, dass sie von dort aus regelrechte Staatskrisen auslösen. Leute wie Özil haben sich nicht mehr selbst die Schuhe zugebunden, seit sie 15 sind. Wie soll man von denen eine klare politische Aussage oder gar eine Haltung erwarten? Das Foto mit Erdogan war natürlich falsch, und ich finde es richtig, dass er dafür kritisiert wird. Aber es ist lächerlich, Mesut Özil die Schuld daran zu geben, dass Deutschland so früh ausgeschieden ist.

Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan, der mit auf dem Foto posiert, hat ein gutes Abitur gemacht.
Naja, heutzutage haben viele Leute Abi, bei denen ich mich frage "Okay, wie hast du das denn geschafft?" Ich denke einfach, man sollte von Fußballern nicht zu viel erwarten. Man fragt ja auch keinen Lukas Podolski, was er von tagespolitischen Themen hält. Das führt doch alles nur zu noch mehr Teilung. Stell‘ dir vor, zum Beispiel ein schwäbischer Politiker sagt dumme Sachen, und plötzlich werden alle Schwaben in Berlin voll böse angeguckt und angequatscht. Du sagst dann "Hey, ich bin doch schon ewig Berliner, was habe ich mit diesem Typen zu tun?" Genau das passiert gerade bei uns Deutschen mit türkischem Hintergrund.

Über dieses Thema der Zerrissenheit und des Sich-nicht-zugehörig-Fühlens sprichst du in deinem Stück "Fremd". Du sagst "Ich streng‘ mich nicht mehr an und bin jetzt genauso kühl/ meine Freunde reichen, damit ich mich Zuhause fühl". Das erinnert tatsächlich an die Aussagen in Özils Rücktrittserklärung, der sich als rassistisch angegriffener Sündenbock empfindet.
Ja. Man fühlt sich plötzlich wieder fremd, obwohl man es gar nicht ist. Die gesamte Bevölkerung mit türkischen Wurzeln steht in Deutschland unter einer ständigen skeptischen Beobachtung, unter diesem "Ist er einer von uns oder ist er einer von denen?" Ich sage in dem Song ja auch "Jeder fragt mich, was ich bin, und verstehen’s nicht" oder "Ich bin Muslim, kein Terrorist". Es ist unangenehm und sehr anstrengend, sich immer rechtfertigen und verteidigen zu müssen.

"Ich habe für mich eingesehen, dass ich in Deutschland fremd bin"

Du singst "Ich bleibe hier", aber auch "Ich bleibe hier für immer fremd". Hast du dich damit abgefunden, ein Leben lang in Deutschland verbracht zu haben und trotzdem immer noch "der Türke" zu sein?
Ja, ich habe für mich eingesehen, dass ich in Deutschland fremd bin. In meiner Musikblase, meinem Freundeskreis, meiner eigenen Welt, vergesse ich das völlig, da bin ich akzeptiert. Aber außerhalb meines Umfelds sprechen die Leute manchmal mit mir wie mit einem Kind. So von oben herab. Dann fällt mir wieder ein, dass ich ja ein bisschen anders aussehe.


Chefket im Interview


Was kann man tun?
Jeder muss für sich selbst einen Weg finden, wie er damit umgeht. Ich selbst bemühe mich, keinen Groll zu hegen. Ich finde es bedauerlich, dass die Mehrheit der Minderheit gegenüber misstrauisch ist, aber das kann man den Leuten offenbar nicht austreiben. Ich selbst habe dadurch eine Sensibilität entwickelt, was Ungerechtigkeiten angeht. Wenn jemand was gegen Schwule sagt, bin ich sofort auf der Matte. Auch bei frauenfeindlichen Sprüchen. Denn ich weiß einfach, wie sich das anfühlt. Wobei die totale Political Correctness für mich auch keine Lösung ist.

Was meinst du damit?
Ich meine, dass ich diese Verarschung auch mag. Wir sind ja alle keine Roboter, und über einen guten Türkenwitz kann ich lachen. Wie Serdar Somuncu sagt: Jeder hat das Recht auf Diskriminierung. Aber auf eine Art und Weise, bei der der Humor nicht verloren geht.

Im deutschen Hip-Hop gibt es zwar keinen Mangel an Diskriminierung, einen Mangel an Humor oftmals schon. Man denke nur an den Skandal um Kollegah und Farid Bang vor drei Monaten. Wo ist für dich Schluss mit Meinungsfreiheit?
Ich persönlich finde es gefährlich, dass Rapper neuerdings so viel und so unkritisch über Drogen reden. Da fehlt für mich oft die Trennung zwischen Kunstfigur und realer Person. Und auf Hip-Hop-Partys werden eindeutig mehr Pillen eingeworfen als früher, das fällt schon auf. Kollegah und Farid Bang haben schwere Fehler gemacht, doch man kann jetzt nicht zum Beispiel die Antisemitismus-Debatte nur bei den Rappern abladen. Musiker müssen im Gegensatz zu Politikern ja keine Vorbilder sein. Ich finde es fataler, wenn ein Horst Seehofer sich an seinem 69. Geburtstag hinstellt und davon faselt, dass gerade 69 Afghanen abgeschoben wurden. Das ist unmenschlich.

Über Ice-T zum Hip-Hop

Du selbst bist auch über einen ziemlich kontroversen Rapper zur Musik gekommen, oder?
Genau, mein großes Idol war Ice-T. Der hatte in den Neunzigern eine Metal-Rap-Band, Body Count, und ihr bekanntestes Lied hieß "Cop Killer", also Polizistenmörder. Das fand ich total super. Ich war fasziniert, dass sich jemand sowas traut. So wie halt heute die Zehnjährigen vor Freude ausflippen, wenn die Deutschrapper fluchen. Irgendwann nahm ich Ice-T mit in die Schule, und wenig später hörten alle Jungs der fünften Klasse des Ganztagesgymnasiums "Cop Killer". Später guckte ich im Laden nach der CD und stellte fest, dass "Cop Killer" entfernt und durch "Freedom Of Speech" worden war. Da hat es bei mir Klick gemacht. Das Lied ist ja ein Protest dagegen, dass schwarze Bürger von der Polizei schikaniert und umgebracht werden. Und trotzdem soll es verboten sein? Was sozialkritische Texte angeht, hat sich für mich damals eine Welt geöffnet.

Wie bist du selbst zum Hip-Hop gekommen?
Ich bin mit einem Kumpel aufgewachsen, der ein Stück älter war und mich mit Kassetten versorgt hat. Tracy Chapman fand ich damals genial. Mit 17, 18 fing ich an Songs zu schreiben und erste Konzerte mit meiner Band zu spielen. Damals ging es eigentlich in allen meinen Liedern um die Liebe. Ich wohnte noch zu Hause im beschaulichen Heidenheim bei Stuttgart, hatte nicht so wahnsinnig viele Probleme und konnte mich in meiner Musik ganz den Mädchen, Gefühlen und Beziehungen widmen



Chefket: "Außer einer Matratze und ein paar Kartons hatte ich nichts"

2006 bist du nach Berlin gezogen. War das der Beginn des Kampfes?
Kann man so sagen. Ich musste raus aus meiner Kleinstadt, denn in Heidenheim wusste ich nie, ob die Leute mir applaudieren, weil sie mich von klein auf kennen, oder weil sie meine Musik wirklich gut finden. In Berlin wollte ich das herausfinden.

Die Stadt hat allerdings nicht auf dich gewartet, und das Geld war knapp.
So ist es. Außer einer Matratze und ein paar Kartons hatte ich nichts. Doch in Berlin war das egal, dort bist du nicht gleich der Loser, bloß weil du von deiner Musik noch nicht leben kannst. Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, um Gleichgesinnte zu finden und zu wissen, wo der Hip-Hop in Berlin stattfindet. Und abends konnte ich mir am Späti für 20 Cent eine einzelne Zigarette kaufen und mit Leuten quatschen, denen es ähnlich ging. Ich habe mich in Berlin schnell ziemlich zu Hause gefühlt.

Dein erstes Album "Einerseits/ Andererseits" kam 2009 und war nicht sehr erfolgreich. Wurde das Abstrampeln am Existenzminimum auf die Dauer hart?
Absolut. Das war damals für einen eher gefühlvollen Rapper wie mich, der seine Fühler auch gern mal Richtung Soul ausstreckt, keine gute Zeit. Das Label "Aggro Berlin" dominierte mit seinem Gangsterrap den Markt. Meine finanzielle Lage verschlechterte sich, und ich lernte, was es heißt, sparsam zu leben.

Wie hast du gespart?
Ganz wichtig: Vermeide, dass dir der Strom abgestellt wird. Das kostet 70 Euro fürs Abstellen und 70 Euro fürs Anstellen. Ich habe mir meinen Strom für die nötigsten Geräte wie den Kühlschrank dann aus dem Hausflur geholt. Nachteil: Damit der Kühlschrank nicht abtaut, muss die Wohnungstür offenbleiben. Geduscht habe ich bei Freunden, gepennt nicht selten auch. Das Schwierige und auch Frustrierende ist: So lange du existenzielle Probleme hast, so lange ist im Leben kein Platz für eine Beziehung.

"Ich habe gewusst, dass ich gut bin"

Hast du immer daran geglaubt, es eines Tages mit deiner Musik zu schaffen?
Ich habe gewusst, dass ich gut bin, und dass es nicht sein kann, dass es nicht funktioniert. Ich habe mir selbst vertraut. Und 2015 kam tatsächlich die Wende.

Dein Album "Nachtmensch" schaffte es in die deutschen Album-Top-Ten
Genau. Und auch der Geschmack hatte sich gedreht. Hip-Hop mit souligen Elementen und Gesang ist plötzlich wieder gefragt. Mein vermeintlicher Makel ist jetzt meine Stärke. Ich bin einer der wenigen Rapper, der ohne Autotune (eine Stimmverzerrungs-Software) singen kann. Damit bin ich gerade eine Rarität.

Hört man sich nun Songs wie "Aufstehen", "High" und "Immer" an, darf man wohl annehmen, dass es mit der Liebe inzwischen geklappt hat.
Ja, ich lebe in der Polygamie. Meine erste Liebe wird immer die Musik sein, aber ich bin auch definitiv sehr glücklich, dass ich mein Leben mit meiner Freundin teilen kann. Niemand ist gern allein, und niemand ist frei von Emotionen.

"Wo du stehst" ist aber ein Liebeslied an deine Mutter, oder?
Grundsätzlich habe ich bei dem Stück an alle Menschen gedacht, die einen Raum heller machen, sobald sie ihn betreten. So ein Mensch ist auch meine Mutter. Sie ist eine sehr lustige und warmherzige Person. Und sie hat, im Gegensatz zu meinem Vater, immer an das geglaubt, was ich mache. Sie war sogar die Einzige, die zu den schlechten Beats, die ich als Teenager in meinem Dachbodenzimmer machte, tatsächlich tanzte.


UNICUM Musik-Tipp:

Chefket Interview

Chefket

"Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)"

VÖ: 17.08.18

Vertigo Berlin

Online bestellen (Amazon): Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)

 

Artikel-Bewertung:

3.32 von 5 Sternen bei 41 Bewertungen.

Deine Meinung: