Fahri Yardim Dogs of Berlin
Ein ungleiches Duo: Die Polizisten Erol Birkan (Fahri Yardim) und Kurt Grimmer (Felix Kramer) sind Partner wider Willen. | Foto: Netflix.
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06. Dez 2018

Sherin El Safty

Promis & Interviews

Fahri Yardim im Interview

“Liebesbriefe sind ein schönes Honorar.”

Fahri Yardim schaut vieles, aber sich selbst sieht er nicht gerne auf der Leinwand.

UNICUM: Schaust du selbst viel Netflix oder bist du eher der klassische Fernsehzuschauer?
Farih Yardim: Beides. Ich bin Vielgucker, ich inhaliere sie alle! Viele Serien und viele Dokumentationen. Ich bin ergebener Teil der Generation Netflix.

Und was war in letzter Zeit das Beste, was du dir angesehen hast?
"Ikarus" und "Wild Wild Country" waren fantastische Dokus. Gerade suchte ich "BoJack Horseman", eine Comic-Serie – wirkt auf den ersten Blick abstoßend, aber sie ist ein psychologisches Meisterwerk!

Schaust du dir denn eigentlich deine eigenen Filme und Serien an?
Nee, ich mag mich selbst nicht so gern sehen. Die Konfrontaion ist unerträglich. Hinzu kommt, ich seh aus wie ein Picasso in der Spätphase. "Dogs of Berlin" ist natürlich ein echtes Mammutprojekt, bei dem ich auf das Endprodukt sehr gespannt bin. Ich werde mich ausnahmsweise überwinden und mich wahrscheinlich immer ein bisschen im Sofa verkriechen, wenn ich zu sehen bin.

Wann kam bei dir das erste Mal der Wunsch auf, Schauspieler zu werden?
Relativ früh. Schon meine Schule war sehr kunstaffin. Ich besuchte die ersten Schauspielkurse und bekam prompt erste Liebesbriefe. Mir war sofort klar: "Liebesbriefe sind ein schönes Honorar. Das mache ich beruflich."

Und wie ging dann der Weg weiter von der Schulaula auf die Kinoleinwand?
Ich bin auf die Schauspielschule in Hamburg gegangen. Mit meinem Vater hatte ich erstmal den Deal, dass ich neben der Schauspielschule noch studiere. Das ging erst gut zusammen. Aber kurz vorm Ende des Studiums habe ich‘s geschmissen, um mich komplett auf die Schauspielerei zu konzentrieren. Echte Einlassung braucht kein zweites Standbein.

Wie haben deine Eltern auf deinen Berufswunsch reagiert?
In jeder Hinsicht standen sie immer hinter mir und haben mich unterstützt. Sie wussten, dass es nicht richtig gewesen wäre, sich meiner Leidenschaft in den Weg zu stellen. Der Deal mit dem Studium entstand eher aus der eigenen Angst vor dem Mut. Für den Einstieg in die brotlose Kunst half die Selbslüge: "Probier´s mit Schauspielerei. Wenn´s nicht klappt, wirst du Lehrer."


Fahri Yardim "Dogs of Berlin"


"Dogs of Berlin" ist schrill, exzentrisch und philosophisch!

Wenn wir ehrlich sind gibt es nicht viele deutsche Film- und Fernsehproduktionen, die weltweit Erfolg haben. Was unterscheidet "Dogs of Berlin" von anderen deutschen Produktionen?
Das Gegenteil ist richtig. Es gibt etliche deutsche Serien, die auch im Ausland ausgestrahlt werden, wir bekommen das im Normalfall nur nicht mit. Bei Netflix fällt es nur auf, weil wir wissen, dass diese Plattform auch in zig anderen Ländern gleichzeitig verfügbar ist. "Dogs of Berlin" hat jedenfalls starkes Potential heraus zu stechen, weil es unglaublich schrill und exzentrisch, aber gleichzeitig philosophisch anmutet. Zudem verarbeitet es relevantes Zeitgeschehen. "Dogs of Berlin" schafft es, gleichzeitig relevant und unterhaltsam zu sein. Das hat Seltenheitswert.

In der ersten Folge von "Dogs of Berlin" kommt der Charakter, den du verkörperst, der Polizist Erol Birkan, nach einer Nachtschicht nach Hause. Sein Lebensgefährte ist enttäuscht, da Erol ihn wegen der Arbeit versetzt. Auch du bist sehr viel am Drehen. Du bist auch vor Kurzem Vater geworden. Wie schaffst du es, Arbeit und Privatsphäre unter einen Hut zu bekommen?
Was den Ort von neuen Produktionen betrifft, bin ich auf jeden Fall wählerischer geworden. Ein Mitgrund, warum ich "Dogs of Berlin" unter anderem angenommen habe, war, dass die Serie in Berlin spielt und ich so trotz Dreharbeiten bei meiner Tochter bleiben konnte. Ich lehne momentan viele Angebote ab. Vielleicht verliere ich deswegen an Marktwert, aber damit kann ich leben. Diese Zeit mit deinem Kind ist unersetzbar. Mein relativ minimalistischer Lebensstil ermöglicht mir zudem diese berufliche Enthaltsamkeit.



Fahri Yardim sieht sich selbst als postmigrantischen Weltbürger

In „Dogs of Berlin" wird der fiktive Spitzenspieler der deutschen Nationalelf Orkan Erdim ermordet. Die ersten Verdächtigungen fallen auf Neonazis, aber auch auf türkische Fans, die wütend sind, dass sich Orkan für das deutsche Trikot entschieden hat. Hattest du selbst auch Situationen in deinem Leben, in denen du das Gefühl hattest, du müsstest dich aufgrund deiner eigenen Herkunft zwischen zwei Seiten entscheiden?
Ich kenne Momente, in denen fühlen sich eigene Anteile unvereinbar an. Auch kulturell geprägte. Mittlerweile habe ich meinen Frieden gemacht. Identität findet für mich nicht vor dem Hintergrund der nationalen oder ethnischen Herkunft statt. Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim-Gorki Theaters, hat den Begriff "postmigrantisch" geprägt. In diesem Begriff liegt viel von meinem Selbstgefühl. Für meine Persönlichkeit spielt es keine wesentliche Rolle, wo meine Eltern geboren sind oder wo ich lebe. Ich werde mit der Sehnsucht einer eindeutigen Zuschreibung zwar oft konfrontiert, aber mich tangiert diese nationale Orientierungslust nicht mehr so. Wenn mich heute Leute fragen, wo ich mich zugehörig fühle, sage ich immer: "Ich bin ein Berliner mit Hamburger Migrationshintergrund." Und wenn sie fragen, wo ich herkomme, antworte ich: "aus meiner Mudder!"

In einem anderen Interview hast du dich mal als Weltbürger bezeichnet. Was meinst du genau damit?
Das war sicherlich kitschig formuliert (lacht). Ich bin radikaler Humanist, dieser gilt universell. Mein Weltbild endet nicht an nationalen Grenzen. Der Begriff Weltbürger versucht in seiner Unkonkretheit das Konstrukt der Begrenzung aufzulösen. Kulinarisch bin ich genauso international zu Hause, wieso sollte ich mich für meine Persönlichkeit national beschränken lassen?


Interview Fahri Yardim Netflix-Serie


"Bewahrt euch durch Offenheit eure eigene Freiheit"

Viele Jugendlichen bekommen aufgrund der aktuellen Debatten das Gefühl, sie müssten sich für eine kulturelle oder nationale Identität entscheiden. Was rätst du ihnen?
Macht es nicht. Lasst euch nicht von Außen unter Druck zu setzen. Ihr müsst euch nicht entscheiden. Was soll das überhaupt sein – eine nationale Identität? Eure Identität ist nicht festgelegt, sondern ein bunter Mix aus vielem, gleichzeitig und im ständigen Fluss. Damit eckt ihr vielleicht bei Leuten an, die nach Eindeutigkeit suchen, aber der Mensch ist nicht eindeutig. Es braucht keine klare Abgrenzung zwischen "Ihr" und "Wir". Solche Abgrenzungen werden politisch genutzt, darauf braucht man nicht hereinfallen. Bewahrt euch durch Offenheit eure eigene Freiheit!

Bei meiner Recherche über deine Person ist mir aufgefallen, dass du nicht besonders aktiv auf Social-Media-Plattformen bist. Gibt es dafür einen bestimmten Grund oder hast du einfach keine Lust?
Da hast du mich an was erinnert, ich sollte mal wieder was posten (lacht). Mir sagen auch immer alle, dass Social-Media-Präsenz heutzutage so enorm wichtig und Reichweite die neue Währung ist. Zwischendurch mache ich das auch ab und zu ganz gerne, aber ehrlich gesagt hält meine Begeisterung nicht besonders lange an. Schön ist, über Social-Media-Plattformen in Kontakt mit den eigenen Fans zu kommen. Da kommen oft unglaublich positive Rückmeldungen.

Gibt es filmische Projekte, die du in Zukunft umsetzen möchtest?
Bald stehen die Dreharbeiten von der dritten Staffel "Jerks" an. Und sonst antworte ich auf die Frage immer, dass ich mal einen Walfänger spielen möchte, der sich in einen Wal verliebt. Nur weil mir nichts anderes einfällt (lacht). Ich lasse mich vom Wind ungewiss in die Zukunft treiben. Das hat bisher immer gut funktioniert.

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