Fionn Whitehead Film Roads
Als der Brite Gyllen in Marokko auf den gleichaltrigen William trifft, starten sie einen gefährlichen Roadtrip. | Foto: Studiocanal
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24. Mai 2019

Sandra Ruppel

Promis & Interviews

Fionn Whitehead & Stéphane Bak im Interview zum Film "Roads"!

"Ich werde immer dafür kämpfen, Menschen zum Umdenken zu bringen"

First things first: Worum geht's in "Roads"?

Der 18-jährige Brite Gyllen (Fionn Whitehead) hat ein Problem: Er ist mit dem Wohnmobil, das er seinem Stiefvater vor wenigen Stunden unter dem Hintern weggeklaut hat, irgendwo in Marokko liegen geblieben. Um ihn herum nichts weiter als Steine, Sand und etwas vertrocknete Vegetation. Die Lage scheint recht hoffnungslos – zumindest bis er auf den 17-jährigen William (Stéphane Bak) trifft, der vom Kongo aus über Marokko und Spanien schließlich Frankreich erreichen möchte. Hier will er seinen vermissten Bruder finden.

Nachdem William den Camper wieder in Bewegung bringen kann, beschließen die beiden Jungs, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Es beginnt ein Roadtrip, der nicht nur deshalb gefährlich ist, weil William keine Papiere besitzt. Denn bald müssen sich beide fragen, wer sie wirklich sind. Was sie von ihrem Leben wollen. Und vor allem: Was Freundschaft ihnen bedeutet.


Während des Drehs: "Fionn wollte für mich kämpfen"

UNICUM: Fionn und Stéphane, in "Roads" fahren die Jungs im Wohnmobil durch Marokko, sie wollen die spanische Grenze überqueren und letztlich Frankreich erreichen. Sie werden dabei immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert. Gab es für euch während des Drehs auch manchmal tricky Phasen?

Stéphane: Ja, es gab Zeiten, die tricky waren: Vor Drehbeginn sind wir mit Sebastian Schipper, unserem Regisseur, nach Tanger in Marokko und auch nach Ceuta gereist, was direkt hinter der spanischen Grenze liegt. Dort haben wir uns mit Migranten – oder Menschen, wie ich sie nenne – getroffen. Teilweise waren das noch ganz junge Leute, in meinem Alter. Sie haben berichtet, dass sie auf der Straße angegriffen und rassistisch beleidigt wurden.

Mir selbst ist das in Marokko auch einmal passiert: Ich kam gerade mit Fionn aus einem Restaurant und mitten auf der Straße hat mir jemand das N-Wort nachgerufen. Fionn wollte für mich kämpfen, sich für mich einsetzen. Ich habe ihn zurückhalten – ich wollte es nicht herausfordern, wir konnten ja nicht einschätzen, welche Konsequenzen sich ergeben. In Marokko war es also durchaus manchmal schwierig.

Aber auch in Calais haben wir mitbekommen, dass die Polizei Migranten angegangen ist. Das war herzzerreißend. Gleichzeitig hatten wir aber während des Drehs auch Phasen, in denen wir viel Spaß hatten. Den Kontrast zwischen all dem auszuhalten, war extrem hart.



Fionn Whitehead: "Homophobie macht mich extrem wütend"

Dieser Wechsel zwischen Ernst und Leichtigkeit spiegelt sich auch in "Roads" selbst: Einerseits haben die beiden Jungs Phasen, in denen sie ihren Roadtrip total genießen. Andererseits ist aber auch das Schicksal von Geflüchteten sehr präsent. Zusätzlich werden Vorurteile, Homophobie und Rassismus thematisiert. Wie geht ihr damit um, wenn ihr in der Realität mit Rassismus oder Homophobie konfrontiert seid?

Fionn: Ich selbst bin selten Ziel solcher Anfeindungen, weil ich so aussehe, wie ich nun mal aussehe. Wenn ich mit Freunden unterwegs bin und wir angefeindet oder mit Homophobie konfrontiert werden, werde ich oft erstmal extrem wütend. Das bringt in dem Moment aber nichts. Für mich hat es bis jetzt am besten funktioniert, sich über das, was gesagt wurde, lustig zu machen.

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, hat mir mein Vater zu dem Thema einen ziemlich guten Ratschlag gegeben: Ich habe damals nicht so gern Fußball gespielt. Irgendwann haben die anderen Kinder mir "Bist du schwul, oder was!?" hinterhergerufen. Mein Vater meinte dann zu mir: "Wenn sie das nochmal machen, sag einfach: 'Nein, bin ich nicht. Aber ich wünschte, ich wäre es!'" Das habe ich gemacht und es hat super funktioniert. So eine Reaktion verwirrt die Leute einfach komplett, deshalb wirkt es.  

Stéphane: Darum liebe ich deinen Vater auch so! Er ist echt der beste! Aber ich habe letzte Woche in der Kirche auch einen schönen Satz dazu gehört: Manche Leute verbreiten diese miese Energie, weil sie noch nicht gemerkt haben, dass auch Licht in ihnen ist.

Ich persönlich glaube, dass sich jeder Mensch ändern und entwickeln kann. Und dass rassistische Menschen nicht zwangsläufig auch ihr ganzes Leben lang rassistisch bleiben. Sie haben etwas Bestimmtes erlebt und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Rassismus und Ignoranz ist für sie in dem Moment die einfachste Lösung. Wenn du aber Bücher liest, Filme schaust oder einfach Leute auf der Straße triffst und dich mit ihnen unterhältst, kann sich diese Art zu denken nach und nach komplett ändern.

Stéphane Bak: Mit Humor gegen Rassismus kämpfen

Stéphane, du hast an der französischen TV-Show "Rire ensemble contre le racisme" – also "Gemeinsam gegen den Rassismus anlachen" – teilgenommen. Das passt ja auch zu dem Ansatz, sich mit Humor gegen Rassismus zu wehren, oder?

Genau, das war eine tolle Initiative. Ich bin zusammen mit vielen anderen französischen Comedians aufgetreten, die Show wurde in ganz Frankreich ausgestrahlt. Ich war damals erst 14 Jahre alt und für mich war das ein echter Schlüsselmoment. Mir ist bewusst geworden, dass ich mit den Projekten, für die ich mich entscheide, ein gutes Beispiel setzen kann. Manchmal merkt man bei einem Drehbuch einfach, dass es einen Unterschied machen und vielleicht sogar ein Umdenken bewirken könnte. So ein Film ist auch "Roads" für mich, es geht um Freundschaft und darum, sich einer anderen Person zu öffnen. Solche Filme möchte ich machen – und ich glaube, Fionn geht es da ähnlich. Das ist mein Hauptanliegen, dafür werde ich mein Leben lang kämpfen.

Woran liegt es denn, dass wir auch 2019 immer noch gegen Intoleranz kämpfen müssen?

Fionn (seufzt): Das ist eine weitgreifende Frage. Ich habe aber das Gefühl, dass es bei Themen wie Religion, Sex, Gender, Herkunft und so weiter immer um Ablenkung geht. Wenn der Ärger der Menschen nämlich auf eine bestimmte Gruppe gelenkt wird, können sie nicht darüber nachdenken, was der eigentliche Grund ist, warum sie sich wütend und machtlos fühlen. Es ist viel leichter und geht viel schneller, einer Gruppe die Schuld zu geben und seine Wut dort abzulassen, als sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen und sozialen Wandel herbeizuführen. Das würde nämlich auch bedeuten, dass man sich selbst, seine Erziehung und das eigene Umfeld überprüfen und in Frage stellen muss.

Stéphane: Fionn for President! Ich gebe dir mein ganzes Geld, wenn du dich zur Wahl stellst – in Frankreich oder auch als Nachfolger für Theresa May. Ich würde voll hinter dir stehen, ich hoffe nur, du würdest mir nicht allzu viele Steuern aufdrücken! (Fionn lacht laut)

Fionn Whitehead im Film "Roads": Crazy Entscheidungen, riskante Aktionen

In "Roads" gibt es eine wichtige Schlüsselszene, in der Gyllen zu William sagt, dass bisher jede ihrer Entscheidungen crazy, dumm oder riskant war. Was war das Verrückteste, Dümmste oder Riskanteste, was ihr je gemacht habt?

Stéphane: Ich habe schon ziemlich viele verrückte, dumme, riskante Dinge gemacht, aber ich glaube, ich sollte dir das lieber nicht erzählen. Bei den meisten dieser Sachen war ich auch noch ziemlich jung.

Fionn (grinst): Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Verrücktes, Dummes oder Riskantes gemacht. Ich bin super langweilig!

Stéphane (lacht laut und redet Fionn dazwischen): Klar, es gibt eine crazy Sache, die du gemacht hast…

Fionn: Nein, ich habe wirklich noch nie irgendetwas Verrücktes gemacht!

Stéphane (redet einfach weiter): …doch und ich bin jetzt mal eine Petze und verrate das – Fionn hat nämlich seinen Führerschein erst eine Woche vor Drehstart gemacht und wir haben mit dem Wohnmobil ein paar Proberunden in Marokko gedreht. Ich bin glaube ich auch schuld an der Sache…

Fionn: …du bist nicht schuld, ich bin doch derjenige, der gefahren ist!

Stéphane: Ja, aber ich saß hinten im Wohnmobil und habe sehr laut Drake gehört, mitgerappt und Blödsinn gemacht, während Fionn sein Fahrdebut mit dem Wohnmobil gegeben hat…

Fionn (grinst): …ich bin einfach zu dicht rangefahren…

Stéphane: …und plötzlich gab es einen riesen Schlag! Das war auf jeden Fall eine crazy, dumme Sache. Und vielleicht auch eine riskante Entscheidung von Sebastian, unserem Regisseur, mich ins Wohnmobil zu lassen, während du zum ersten Mal damit fährst. Aber Fionn ist wirklich nicht die Person, die verrückte, dumme, riskante Sachen macht, er ist da echt ein Vorbild!

Fionn (fängt an zu lachen): Selbst wenn, ich würde es hier nie erzählen.

Ist ok. Fragen musste ich ja aber wenigstens! Nachdem ich meinen Führerschein bestanden hatte, musste ich meinem Fahrlehrer versprechen…

Stéphane: …nicht zu fahren! (lacht)

…so schlimm war es zum Glück nicht. Aber ich musste versprechen, dass ich während der ersten zwei Wochen beim Autofahren keine Musik höre.

Stéphane: Und, hast du dich dran gehalten? Nein, oder?

Doch klar, ich hatte es ja versprochen!

Stéphane: Ihr Deutschen seid echt engagiert und nehmt das alles sehr ernst – das Erste, was ich gemacht habe, als ich meinen Führerschein hatte, war durch Paris zu fahren, die Fenster runterzulassen und 21 Savage voll aufzudrehen. Nach dem Motto: Guckt mal alle, ich bin in der Hood! Und dann hatte ich sofort einen Unfall (lacht). Mein Auto war kaputt und der Typ, der außer mir noch beteiligt war, war natürlich total wütend – aber als die Polizei kam, ist er plötzlich weggefahren und geflohen, also sind die Polizisten hinterher. Die waren super heiß darauf, dem Typen hinterherzujagen, die hatten voll Lust auf eine Mission (Fionn und Stéphane lachen beide laut). Aber siehst du, das war auch eine crazy, riskante, dumme Sache. Also: Bitte nicht laut Musik hören, wenn ihr grade erst den Führerschein gemacht habt!


Fionn Whitehead und Stéphane Bak im Film Roads


Roadtrip: Mit dem VW-Bus durch Alaska, oder mit Trump durch Mexiko?

Wenn ihr einen Roadtrip planen könntet: Wo würdet ihr hinfahren, mit welchem Gefährt und wen würdet ihr mitnehmen?

Fionn (denkt kurz nach): Puh, vielleicht Kanada oder Alaska. Ich war noch nie da, aber bestimmt ist es wunderschön. Oder ich würde mit Stéphane ganz klassisch in einem VW Camper durch Europa fahren.

Stéphane: Ich würde gern durch Mexiko touren und weil mir die Umwelt wichtig ist, würde ich das neue Tesla Elektro-Wohnmobil nutzen, das Elon Musk hoffentlich bald auf den Markt bringt. Statt Freunde mitzunehmen, möchte ich mit jemandem fahren, von dem ich absolut kein Fan bin: Donald J. Trump. Ich würde während der ganzen Fahrt "Roads" laufen lassen und Trump dann mit ein paar Burgern davorsetzen. Man hört ja, dass er gerne Burger mag. Wenn er den Film gesehen hat, könnten wir mal ein bisschen diskutieren. Vielleicht könnte ich ihn zum Umdenken bewegen. Ansonsten würde ich ihn in Mexiko stehen lassen und ihm sagen, dass er dann jetzt mal schön seine Mauer bauen kann. Das wäre mein Wunsch-Roadtrip: Tesla-Campervan, Donald J. Trump, Mexiko. Boom! (lacht)

Fionn Whitehead und Stéphane Bak: Eine britisch-französische Freundschaft

In "Roads" gibt es einen schönen Moment, in dem Gyllen William umarmt und darauf besteht, dass die Umarmung 20 Sekunden dauert – damit die Endorphine im Körper freigesetzt werden. Umarmt ihr eure Freunde privat auch immer so lang?

Fionn: 20 Sekunden können sehr lang werden. Ich bin schon ein Mensch, der gerne umarmt und drücke meine Freunde zur Begrüßung. Aber ich habe dabei noch nie mitgezählt.

Stéphane: Ja, Fionn umarmt gern, aber er kitzelt Leute auch sehr gerne…

Fionn: …nein, nicht Leute allgemein. Sondern dich im Speziellen! Denn ich erinnere mich, dass du am Anfang sehr distanziert und förmlich warst. Und aber gleichzeitig…

Stéphane: Ich bin eben Franzose! Wir sind da etwas reservierter, was den Körperkontakt angeht.

Fionn: …Leute gut bequatschen kannst. Ich wollte mal schauen, was dahintersteckt.

Stéphane (grinst): Ich jedenfalls dachte, das mit dem Kitzeln ist vielleicht typisch britisch. Deshalb hatte ich ein bisschen Angst, nach London zu reisen. Denn wer weiß, vielleicht kommen die Leute in der U-Bahn plötzlich auf mich zu, um mich zu kitzeln?! Ich habe dann aber realisiert, dass das nicht britisch, sondern einfach eine Eigenart von Fionn ist.

Nein, Spaß – aber wie Fionn schon sagt, ich bin eigentlich eher etwas distanziert und nicht so der Umarmer. Inzwischen bin ich da aber auch lockerer und selbstsicherer bezüglich meines Körpers geworden. Ich werde das in Zukunft jetzt öfter machen und Menschen, die mir nahestehen, häufiger umarmen. Das habe ich durch Fionn und auch die Arbeit an "Roads" mitgenommen. Und ich habe mitgenommen, dass es total wichtig ist, Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen zu treffen und die Angst abzulegen, über Gefühle zu sprechen und sich auszutauschen.


Fionn Whitehead und Stéphane Bak zeigen den "Woah"

Stéphane und Fionn lassen sich nach Ende unseres Interviews sogar noch zu ein paar Moves überreden – und hitten den Woah für uns. Wie das aussieht, zeigen wir dir in unserem Slider.


UNICUM Film-Tipp

Roads ist der neue Film von Sebastian SchipperRoads

Drama, Deutschland 2017

Regie: Sebastian Schipper

Darsteller u.a.: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu

Verleih: Studiocanal

Kinostart: 30. Mai 2019

Artikel-Bewertung:

3.8 von 5 Sternen bei 25 Bewertungen.

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