Lars Eidinger Interview
Lars Eidinger hält der Gesellschaft als Bertolt Brecht den Spiegel vor. | Foto: Wild Bunch/Stephan Pick
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02. Okt 2018

Hella Wittenberg

Promis & Interviews

Lars Eidinger im Interview

"Wir sollten auch mal etwas aushalten"

Lars Eidinger sieht es wie Brecht

UNICUM: Dein neuer Film ist mit 130 Minuten ganz schön lang geraten.
Lars Eidinger: Zeit, Dauer und Rhythmus – das sind momentan genau meine Themen. Ich frage mich oft, was "zu lang" eigentlich bedeuten soll? Wenn die Ampel auf Grün schaltet und jemand nicht sofort losfährt, wird sofort gehupt. Da frage ich mich, wo alle so schnell hin wollen. Was ist ihr Problem? Wir sollten auch mal etwas aushalten. Dass alles durchgetaktet sein muss, finde ich komisch. Gerade durch die sozialen Medien verändert sich vieles. Insbesondere unsere Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer. Und ich möchte dagegen wirken.

Wie schaffst du es, dir Zeit zu nehmen?
Ich habe mal am Theater an einem Workshop teilgenommen, bei dem uns gesagt wurde: "Stellt euch alle mit dem Rücken zur Wand auf die eine Seite der Halle und in einer Stunde treffen wir uns auf der anderen." Die Halle war sicher nicht breiter als 30 Meter und wir sollten in konstanter Bewegung bleiben. Ich dachte erst, es wäre eine Stunde im übertragenen Sinne gemeint, weil ich mir das gar nicht vorstellen konnte. Aber dann war es eine der tollsten Sachen, die ich je gemacht habe. Sich eine Stunde dafür Zeit zu nehmen! Diese Stunde fühlte sich so anders an.

Du versuchst also jetzt Zeit für dich arbeiten zu lassen?
Wenn man sich auf der Bühne oder im Kino Zeit nimmt, lässt es die Leute im Publikum oft unruhig werden. Das finde ich auf jeden Fall spannend. Als ich einmal den Hamlet spielte, entschloss ich mich mittendrin kurz aufzuhören. Die Leute waren plötzlich so angespannt. Ich spürte förmlich, wie sie dachten "Mach’ mal weiter!" Für mich war es auch eine Art des Weitermachens. Die Zeit bleibt ja nicht stehen.


Lars Eidinger Interview SZenenbild aus Mackie Messer


Lars Eidinger im Interview: "Eine echte Erkenntnis!"

Hat sich dein Blick auf Bertolt Brecht verändert, als du dich für den Film in ihn eingefühlt hast?
Nach Brecht fühlt man sich ja nicht ein, sondern schaut wie ein Fachmann darauf. Mir war klar, dass es in der Dreigroschenoper um die Ungerechtigkeit in der Welt geht. Aber für mich war es eine Erkenntnis, dass Brecht erklärt: Die Räuber sind die Bürger. Es geht also um uns. Eines meiner liebsten Stücke von Brecht ist "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Darin wird ein sehr triftiges Bild aufgemacht. Da sind die Reichen oben, die Armen unten. Und die Reichen sagen zu den Armen: "Kommt doch rauf, hier oben ist es so schön!" Dann erkennen sie, dass sie kein Weg, sondern ein Schaukelbrett verbindet. Die Reichen sind nur oben, weil die Armen unten sind. Es ist also ganz einfach! Für mich war es eine echte Erkenntnis, dass wir die Reichen und gleichzeitig das System sind. Wir müssen etwas ändern, wenn wir die Welt ändern wollen. Brecht hat das auf den Punkt formuliert.

Brecht war sehr analytisch in seinen Werken. Bei ihm kann man sich nicht einfach einlullen lassen.
Darum geht es auch nicht in der Kunst. Genauso wenig wie es um das Verstehen geht. Brecht meint ja auch, wer etwas verstehen möchte, der müsse auf das Pissoir gehen. Das ist total einleuchtend. Man kann doch von der Fiktion keine Logik verlangen. Das Leben hat ja auch nicht den Anspruch logisch zu sein. Wieso sollen also Film- oder Theaterfiguren logisch sein?

Weil wir eben gerne in allem einen Sinn sehen wollen.
Der Brecht liebt ja die Menschen und auch ihre Widersprüchlichkeit. Für ihn sind die Widersprüche unsere Hoffnung. Sie machen uns überhaupt erst zu Menschen und nicht weniger liebenswert. Ich sehe es wie er.

Du kannst dich mit ihm identifizieren?
Ich bin ja nicht so weit weg von ihm. Mir ist Freundlichkeit wichtig. Dieses Image, das ich habe, entspricht mir nicht. Ich bin nicht der crazy Typ. Ich finde es nicht schlimm, dass ich dieses Image habe, aber man muss wissen, dass ich nicht so bin. Wenn man berühmt wird, sollte man auf keinen Fall zu seinem eigenen Klischee verkommen. Man darf nicht anfangen den Verrückten zu geben, weil man glaubt, dafür mögen einen die Leute.


Lars Eidinger möchte aufrichtig sein

Bist du deinen Eltern ähnlich?
Natürlich, aber ich habe das Gefühl, die größte Aufgabe im Leben besteht darin, sich an dem abzuarbeiten, was die Eltern einem mitgegeben haben und in wie weit man sich davon befreien kann oder nicht.

Welche Werte sind für dich essentiell?
Ich möchte aufrichtig sein. Klar, Wahrheit ist ein schwieriger Begriff. So ambivalent. Es gibt immer zwei Seiten und ich kann für beide Seiten Antworten liefern. Dabei stimmt eine Seite nicht weniger als die andere. Richtig oder falsch funktioniert da nicht. Aber ich versuche aufrichtig zu dem zu sein, was ich denke. Ich versuche nicht zu taktieren. Wenn ich etwas gefragt werde, antworte ich so, dass es für mich in diesem Moment stimmt. Dennoch kann es sein, dass ich morgen etwas ganz anderes erzähle.

Was meinst du damit?
Früher dachte ich, dass ich in erster Linie gefallen will. Mir geht es natürlich um eine Form der Bestätigung. Als Künstler ist man nun mal nicht unabhängig vom Publikum. Ich möchte, dass sich die Menschen für mich interessieren. Aber inzwischen merke ich, mir geht es genauso darum, die Leute zu verstören. Sie sollen so aus ihrem gewohnten Denken herauskommen. Mir gefallen Brecht, Shakespeare oder auch Schlingensief, weil sie quergedacht und auf diese Weise verstört haben. Für die meisten Sachen gibt es nämlich nicht nur eine Lösung. Und alles, was nicht greifbar ist, finde ich gleich viel interessanter.

Wenn immer nur das Gleiche gemacht wird, gibt es keine Innovation.
Im Grunde geht es darum im Film. Es wird ja auch gesagt, das Publikum habe schon immer den Fortschritt gehemmt. Es soll lieber verstört statt den Sehgewohnheiten entsprochen werden. Mein größtes Kunsterlebnis war das Monochrome Blau von Yves Klein. Ich hätte nie gedacht, dass ein blaues Bild so komplex sein kann!

Trotzdem gibt es speziell in der Filmindustrie den Drang, mehr von dem zu produzieren, was schon einmal gut funktioniert hat. Die Sehgewohnheiten werden weiter bedient.
Ja, warum schielt man so auf die Masse? Wenn man etwas zum Anziehen kauft, will man doch auch nicht das, was alle haben. Suchen wir nicht eigentlich nach Individualität?

Du ziehst das mit der Einzigartigkeit auf jeden Fall richtig durch.
Die Leute lieben es, mich zu kategorisieren. Wenn im Internet ein neues Foto oder Video auftaucht, folgen oft Kommentare wie "Lars, so was hast du doch nicht nötig!" Ich finde, das hat etwas Übergriffiges. Schon allein, dass ich mit meinem Vornamen angesprochen werde. Was wissen diese Fremden denn von mir? Die kennen mich doch gar nicht! Alles, was man über mich wissen kann, ist das, was die Suchmaschinen ausspucken. Meist tauchen da Schlagworte auf wie: nackt, Sex, Rampensau.

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