Marc Elsberg Interview
Marc Elsberg ist bekannt für seine wissenschaftlich fundierten Thriller | Foto: Clemens Lechner

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Interview zum neuen Thriller "Helix"

"Ein Großteil der Gesellschaft bekommt nicht mit, dass fast überall Gentechnik drinsteckt"

UNICUM: In Ihrem neuen Thriller "Helix" geht es um Genforschung – genauer gesagt CRISPR/Cas9. Sehen Sie bei dem Thema zuerst eher die Chancen oder die Risiken?
Marc Elsberg: Ich nenne meine Haltung kritisch-befürwortend. Für mich sind das zunächst Technologien, die helfen können, unser Leben zu verbessern. Das Spannende ist die Art und Weise, wie diskutiert wird. Auf der einen Seite stehen die, die potenziell damit Geld verdienen können, wie größere Konzerne, die relativ rücksichtslos und manchmal auch am Rande der Wahrheit nur die Vorteile betonen. Und auf der anderen Seite sind Kritiker mit einer zum Teil reflexartigen Ablehnung allem Neuen gegenüber. Diskurse über sinnvolle Anwendungen werden so oft schwierig, was dazu führt, dass ein Großteil der Gesellschaft gar nicht mitbekommt, dass mittlerweile fast überall Gentechnik drinsteckt – ob in Kleidung, Waschmitteln, Lebensmitteln oder Medikamenten.


InfoWas ist CRISPR/Cas9?

2012 war ein bedeutendes Jahr für die Genforschung. Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna entdecken, wie man ein Abwehrsystem von Bakterien gegen Viren in der "Genchirurgie" nutzen kann. So wollen Forscher in Zukunft Tiere und Pflanzen (und Menschen?) kreieren oder endlich Aids, Krebs oder diverse Erbkrankheiten in den Griff bekommen. Cas9 ist ein Protein, das die DNA an einer vorher lokalisierten Stelle zerschneidet. In die dann automatisch eintretende Reparatur der Zelle kann eingegriffen werden, indem Gen-Bausteine entfernt oder eingebaut werden. Übrigens tobt gerade ein Millionen-Rechtsstreit, weil Feng Zhang vom MIT die Erfindung für sich beansprucht.


Wie weit in der Zukunft spielt Ihr Roman?
Eine Sache im Buch ist definitiv Zukunftsmusik: Es gibt bereits Designer-Kinder. Es wird aber auch erzählt, was in den letzten Jahren bei uns passiert ist. Das Genom ist zwar entschlüsselt worden, wir kennen jetzt sozusagen das Alphabet. Aber wir können damit nur rudimentär Wörter schreiben, vielleicht kurze Sätze, aber mit Sicherheit noch keine Romane. In den nächsten Jahren wird es dank Big Data gewaltige Fortschritte geben. Wir können jetzt massenhaft Daten sammeln – Gesundheitsdaten, Verhaltensdaten etc. – und die den bald Abertausenden entzifferten menschlichen Genomen gegenüberstellen. So weiß man dann: "Okay, mit dieser genetischen Disposition habe ich eine höhere Wahrscheinlichkeit auf dies oder das oder jenes – sei es positiv oder negativ."

Und wie realistisch ist, dass wir irgendwann tatsächlich Wunsch-Babys  am PC erstellen?
Ich gehe davon aus, dass wir das noch nicht so schnell erleben werden. Vielleicht kann man eher einzelne Eigenschaften steuern, wie Intelligenz. Das versucht man ja schon auf "klassische" Art, indem man zum Beispiel die Spermien oder Eier von Nobelpreis-Gewinnern kaufen kann. Der nächste konsequente Schritt wäre Aussortieren befruchteter Eizellen ohne entsprechende genetische Voraussetzungen im Rahmen von Präimplantationsdiagnostik und irgendwann,  entsprechende Gene einzubauen. Wobei man mit einfacher zu ändernden Eigenschaften beginnen wird, Intelligenz ist sehr komplex, da weiß man noch nicht so viel. Aber ich bin mir sicher, wenn sich die Gelegenheit bietet, wird da auch was gemacht. Wenn es in Europa verboten ist, dann eben woanders.

"Manchmal habe ich das Gefühl, bei Adam und Eva anzufangen"

Woher kommt Ihr Anspruch, nicht einfach "normale" Thriller zu schreiben, sondern so wissenschaftlich fundierte?
Das ist kein Anspruch, sondern ein Interesse meinerseits. Ich mag gerne unterhaltende Spannungs-Literatur. Ich mag es aber auch, wenn ich nach dem Zuklappen das Gefühl habe, dass ich ein bisschen was gelernt habe. Davon gibt es meiner Ansicht zu wenig. Also eigentlich schreibe ich die Bücher für mich, weil ich die gerne lesen möchte (lacht). In den meisten üblichen Thrillern geht es zwar auch um zeitlos interessante Themen wie Menschenhandel oder Kindesmissbrauch, aber die sieht man auch in jedem "Tatort".

Wie reagieren Wissenschaftler auf Sie? Gibt es manchmal Konflikte, weil sie als Laie quasi in deren Gebieten rumfischen?
Im Allgemeinen freuen die sich sogar, dass die Thematik breiter unter die Bevölkerung gebracht wird.
Natürlich gibt es auch immer wieder kleine, informierte Gemeinschaften, die die Bücher flach finden und meinen, das sei alles auf Schülerarbeitsniveau abgehandelt. Während andere die Bücher zuklappen und sagen: Das darf doch alles nicht wahr sein, das habe ich nicht gewusst! Durch diesen großen Informations-Gap in der Gesellschaft lässt sich das nicht vermeiden. Manchmal habe ich beim Schreiben wirklich das Gefühl, bei Adam und Eva anzufangen. Aber meine Lektorinnen erklären dann: Das musst du auch. 70 bis 80 Prozent der Leser sind bei dem Thema genau auf dem Stand.

Über seine ersten Bestseller: "Blackout" und "Zero"

Die Diskussion um "Notvorräte" war ja vor kurzem ganz groß in den Medien. Was denken Sie darüber – auch im Hinblick auf ihren Debüt-Roman "Blackout", in dem durch einen terroristischen Angriff für zehn Tage der Strom in ganz Europa ausfällt?
Grundsätzlich halte ich die Diskussion für einen Sturm im Wasserglas. Eigentlich gab es diese Empfehlungen für eine Bevorratung schon immer.  Ich persönlich habe aber auch erst durch die Beschäftigung mit Blackout davon erfahren und vorher immer ein sehr urbanes Einkaufsverhalten gehabt. Jetzt habe ich Wasser für zwei Wochen und Lebensmittelvorräte, Streichhölzer, ein batteriebetriebenes Radio und solche Sachen. Das ist mit Sicherheit nicht verkehrt. 

Finden Sie, dass wir generell alle etwas zu sorglos sind – zum Beispiel auch beim Datenschutz, der ja in Ihrem zweiten Buch "Zero" thematisiert wird?
Ich denke, es ist eine Mischung aus Ahnungslosigkeit, Sorglosigkeit und Resignation. Wenn man am modernen Leben teilnehmen will, kann man auf die modernen Tools schlecht verzichten. Man kann die Privacy-Einstellung ein bisschen ändern, mit TOR surfen oder seine E-Mails verschlüsseln, aber letztendlich sind das nur symbolische Akte, die signalisieren: Ich finde das nicht in Ordnung, was ihr da macht. Sinnvoll wäre natürlich, etwas stärkere Dinge zu machen, wie von Facebook auf Diaspora umzusteigen. Aber im Endeffekt macht das kaum jemand  – aus Bequemlichkeit.  Das müssten wir zu den vorher drei Punkten noch hinzufügen. Vielleicht sogar als wichtigsten.


Über Marc Elsberg

Marc Elsberg
  • Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren, heißt eigentlich Marcus Rafelsberger.
  • Er hat Design studiert und dann 25 Jahre in der Werbung gearbeitet.
  • Der Bestseller-Autor stammt aber aus einem Ingenieurs-Haushalt und mochte Bio in der Schule am liebsten.
  • Sein Thriller "Blackout" wurde zum "Wissensbuch des Jahres 2012" und von Innenminister de Maizière bei der Vorstellung seines Zivilschutzkonzeptes Ende August erwähnt. Das gibt es hier zu sehen.
  • Mehr Infos unter www.marcelsberg.com

Helix Marc ElsbergUNICUM Buchtipp

Helix. Sie werden uns ersetzen.

Der packende Science-Thriller hat mehrere parallele Handlungsstränge. Der erste:  Ein Staatsbesuch in München endet für den US-Außenminister tödlich. Bei der Obduktion zeigt sich ein Smiley auf seinem Herzen, vermutlich von Bakterien "gemalt". Der zweite: In verschiedenen Teilen der Welt werden Nutzpflanzen und Tiere gefunden, die es eigentlich nicht geben kann.  Der dritte: Ein kinderloses Paar erfährt in einer kalifornischen Klinik von einem inoffiziellen Forschungsprogramm, das hochbegabte Wunderkinder hervorbringt. Der vierte: Eines dieser "Wunderkinder" ist plötzlich verschwunden.

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