Martin Sonneborn
Martin Sonneborn ist sichtlich stolz auf das Wahlergebnis seiner Partei. | Foto: privat
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06. Okt 2017

Alexander Lemonakis

Promis & Interviews

Martin Sonneborn: "Wir sind der Wahlsieger!"

"Wir haben einen ganz klaren Auftrag zur Regierungsbildung erhalten"

UNICUM: Herr Sonneborn, Ihre Partei hat sensationelle 500.000 Zweitstimmen und damit ein Prozent aller Stimmen erhalten. Sie konnten Ihre Stimmenanzahl verfünffachen. Sind Sie somit der eigentliche Wahlsieger der Bundestagswahl 2017?
Martin Sonneborn: Heutzutage erklärt sich nach Wahlen jeder zum Wahlsieger, deswegen tun wir das auch: Wir sind Wahlsieger! Allerdings wollten wir 50 Prozent plus X erreichen und haben nur ein Prozent geholt. Da bleibt natürlich eine Differenz, die dem interessierten Politikbeobachter auffällt, deswegen gehe ich offensiv damit um und sage: Wir haben einen ganz klaren Auftrag zur Regierungsbildung erhalten, allerdings von relativ wenig Wählern.


"Die Partei"

Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative wurde 2004 von Redakteuren des Satiremagazins Titanic gegründet. Sie nimmt seit 2005 an Bundestags-, Landtags-, Europa-, Kommunal- und Bürgermeisterwahlen teil. "Die Partei" erfüllt alle juristischen Anforderungen einer Partei, ihre Ernsthaftigkeit wird jedoch gelegentlich in Frage gestellt und sie gilt als Satire-Partei mit parodistischem Charakter. Die Partei ahmt Merkmale und Wahlkampfmethoden anderer Parteien nach. "Die Partei" hat momentan über 27.000 Mitglieder und forderte unter anderem im Wahlkampf "Bierpreisbremse jetzt!, MILF-Geld statt Cougar-Rente, Artenschutz für die Grünen und ein G1-Schulsystem". Im September 2017 wurde bekannt, dass der Satiriker Shahak Shapira und Partei-Mitglieder Facebook-Gruppen der AfD infiltriert und übernommen hatten.


Wir machen weiter mit ein paar Aussagen, die Sie ergänzen: "Am Sonntag der Bundestagswahl um 18.01 Uhr ging es mir..."
Ich war enttäuscht, dass wir keinen eigenen Balken bei der Hochrechnung bekommen haben. Wir mussten auf unser Ergebnis etwas länger warten und sind unter "Sonstige" gelandet. Dabei haben wir mit unserem Kanzlerkandidaten Serdar Somuncu in Berlin-Kreuzberg mit über sieben Prozent der Erststimmen ein gutes Ergebnis erzielt. In ein paar Wahlkreisen in Hamburg und Berlin liegen wir sogar vor der CDU mit ihrem Rentnerpublikum. Man kann sich ausrechnen, wie das weitergeht.

Wenn ich jetzt Angela Merkel wäre...
...würde ich so langsam mal darüber nachdenken, ob ich mir das alles wirklich noch weiter antun möchte. Diese Wahl hat sie sich bestimmt anders vorgestellt.

Wenn ich Martin Schulz wäre...
...würde mich sehr ärgern, dass ich nicht mehr im EU-Parlament tätig bin. Das war für ihn viel netter, und für Europa auch. Er war ein guter Chef und wäre der richtige Mann, um jetzt in Madrid mal auf den Tisch zu hauen. So dumm und rechtspositivistisch wie die EU sich derzeit verhält, provoziert sie doch diese und auch weitere Sezessionsbewegungen.

Jamaika war für mich bis jetzt...
Jamaika hat für mich bisher keine Bedeutung gehabt und wird es auch nur vorübergehend haben. Wir haben jetzt ein Prozent und die Grünen neun, zur nächsten Bundestagswahl treffen wir uns an der 5 %-Hürde. Die FPD hatte mal kluge liberale Köpfe und war Vorreiter für Bürgerrechte. Heute ist die FDP eine Klientel-Partei für Hoteliers und Apotheker. Die CDU ist eine ehemalige Volkspartei ohne eigene Konzepte.

"Krawall und Satire" ist der Titel Ihres aktuellen Bühnenprogramms, klingt aber eher nach einem Slogan der zum AfD-Wahlkampf passt, oder?
Der stern, ein Tittenblatt aus Hamburg, hat mich mal als "Krawallsatiriker mit Profilneurose" bezeichnet. Ich bin aber enttäuscht, dass die AfD mehr Stimmen hat als wir: Wer Protest wählen will, soll das doch bitte mit Stil tun und "Die Partei" wählen. Aber die Wähler sind geteilt: Die Dummen wählen AfD und die Intelligenteren "Die Partei".

Martin Sonneborn will es Gauland besorgen lassen. Von Boateng.

Jagen Sie denn jetzt Gauland, Weidel und Co.?
Ich habe direkt nach der Wahl verlauten lassen, dass wir jetzt Gauland jagen, also ja! Gauland wollte die SPD-Politikerin Aydan Özoğuz "entsorgen" lassen, deswegen gaben wir im Wahlkampf ein Versprechen: "Wenn Sie uns wählen, lassen wir es Gauland besorgen. Von Boateng."

Gewähren Sie Frauke Petry jetzt eigentlich politisches Asyl in Ihrer Partei?
Nein, Frauke Petry und ihr Mann, Markus Pretzell, haben zusammen vier Parlamentsmandate und sind finanziell recht ordentlich abgesichert. Wir haben uns das Problem mit der AfD leider selber herangezüchtet. Eine derart brutale Übernahme, wie wir sie mit der DDR betrieben haben, hinterlässt halt Spuren bei den Betroffenen. Das müsste Frau Merkel eigentlich am besten wissen. Wir fordern ja schon seit Jahren, die Mauer wieder aufzubauen.

Apropos Mauer wiederaufbauen: Sie fordern in Ihrem Bundestagswahl-Programm die Bierpreisbremse, den HSV-Zwangsabstieg und Inhalte generell überwinden zu wollen. Was dürfen Ihre 500.000 Wähler nun von Ihnen erwarten?
Absolut nichts. Wahlversprechen werden ja nur für den Wahlkampf gegeben und um Aufmerksamkeit zu erhalten. Wir haben natürlich ein Regierungsprogramm, aber das können wir erst umsetzen, wenn wir an der Regierung sind. Das wird noch ein paar Jahre dauern, denke ich. Aber dann wird sich dieses System wundern.

Was gefällt Ihnen eigentlich besser: Die Titanic-Redaktion oder das Europaparlament?
Die Titanic-Redaktion ist eine kleine achtköpfige Gruppe, in der jeder seine Fähigkeiten und Talente hat, moralisch und verantwortlich handelt. Das würde ich dem Europaparlament jetzt nicht flächendeckend zusprechen. Andererseits sind die Arbeitswochen in Straßburg kürzer, von Montagabend bis Donnerstagmittag, danach geht’s ab nach Hause. Donnerstags um 14 Uhr in Straßburg erinnert es immer so ein bisschen an den letzten Schultag vor den großen Ferien, wenn ausgewachsene Parlamentarier im Wettstreit in Richtung Aufzüge rennen.



Sonneborn, Altmaier und "der Irre vom Bosporus"

In diesen schwierigen politischen Zeiten haben Ihnen und Ihrer Partei viele Kritiker, wie zum Beispiel Peter Altmaier, vorgeworfen, durch Satire und Nonsens demokratiefeindlich zu agieren. Wie reagieren Sie auf die Kritik von Peter Altmaier und anderen?
Das ist ein absurder Vorwurf. Jede Stimme für die CDU ist doch viel verschenkter als eine für "Die Partei". Peter Altmaier hat sogar dazu aufgerufen, lieber gar nicht wählen zu gehen, das ist befremdlich. Furchtbar, diese arroganten dicken alten weißen Männer! Zum Glück ein Auslaufmodell, der Typ. Wir haben in unserem Programm die Forderung, Peter Altmaier zu fracken, da wir glauben, dass in diesem Koloss irre Energiereserven schlummern. Damit könnten wir unser Land, unsere Heimat auf Jahrzehnte hinaus unabhängig machen vom Russengas.

Wie sehen Sie die derzeitigen Spannungen mit der Türkei und mit Staatschef Erdogan. Wie kann die Freilassung von Deniz Yücel endlich Wirklichkeit werden?
Wir haben auch dazu einen Punkt in unserem Wahlprogramm: Ich habe vorgeschlagen, dass wir Erdogan, den Irren vom Bosporus, unter einem Vorwand nach Deutschland locken, einkerkern und dann gegen Deniz Yücel und weitere Gefangene austauschen. Deniz Yücel ist ein gerngesehener Gast beim TITANIC-Buchmessenfest, Erdogan nicht. Und dass Merkel und Gabriel ihre Möglichkeiten nicht ausreizen, ist schon verwerflich.

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