Rita Ora 2018
Phönix aus der Asche: Rita Ora bringt nach langer Zeit ihr zweites Album raus. | Fotos: WMG
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20. Nov 2018

Steffen Rüth

Promis & Interviews

Rita Ora im Interview

"Ich lasse mich nicht mehr stoppen"

Rita Ora: Phönix aus der Asche

Beklagen kann sich Rita Ora nicht. Seit über einem Jahr reiht sie Hit an Hit, "Your Song", "Anywhere", "Lonely Together" und "For You" liefen allesamt prächtig, dementsprechend hoch liegt die Latte für "Phoenix", Ritas nach langen Verzögerungen endlich fertig gewordenes zweites Album. Über ihre neuen Songs, ihre Entschlossenheit und ihren Ehrgeiz, aber auch über das Chaos in ihrer Wohnung und das angemessene Verhalten bei One Night Stands unterhielten wir uns mit der ungewohnt leger in Pulli und Jogginghose gekleideten Rita Ora, die am 26. November 28 Jahre alt wird, in einem kleinen, gemütlichen Hotel in London.

UNICUM: Rita, du spielst in allen drei Teilen von "Fifty Shades of Grey" mit und bist vor den Augen von Papst Franziskus bei der Heiligsprechung von Mutter Teresa aufgetreten. Wie geht das bitte zusammen?
Rita Ora: Super geht das zusammen (lacht). Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass der Papst die "Fifty Shades"-Filme kennt, aber das bin alles ich, das ist alles Rita.

Hast du dich ein bisschen mit dem Papst unterhalten?
Nein, nein. Ich war einfach nur dort auf der Feier im Vatikan und sang "What Child Is This". Mutter Teresa stammt, wie ich, aus dem Kosovo, das ist unsere Gemeinsamkeit. Ich bin wirklich sehr stolz und sehr glücklich darüber, was ich alles machen kann. Aber noch viel ergriffener war meine Mutter, du hättest sie mal sehen sollen.

Hat deine Familie deine künstlerischen Ambitionen immer unterstützt?
Voll und ganz. Unsere Mutter hat uns von klein auf ermuntert, uns kreativ auszuprobieren. Sie hat mir geraten, zum Schulchor zu gehen und zur Musikschule, später hat sie mich auch unterstützt, als ich mich auf der "Sylvia Young Theatre School" bewarb.

Im Song "Soul Survivor" singst du: "I started with nothing – I’ve got nothing to lose", also "Ich hatte nichts, also habe ich auch nichts zu verlieren." Wart ihr arm?
Arm nicht, aber wir waren definitiv erst recht nicht reich. Wir waren Einwanderer. Wir alle haben alles reingelegt in unser neues Leben in Großbritannien, ich habe mich wirklich extrem angestrengt. Aber wenn du mir von jetzt auf gleich alles wegnehmen würdest, wäre ich immer noch Rita. Es würde mich nicht kaputtmachen.

Du warst ein Jahr alt, als deine Familie wegen des jugoslawischen Bürgerkriegs aus dem Kosovo floh und sich in London niederließ. Was geht dir durch den Kopf, wenn du an das Schicksal von Flüchtlingen denkst?
Mitgefühl. Ich möchte diesen Menschen Zuversicht geben. Ich denke, ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie aus einer Flucht ein gelungenes neues Leben entstehen kann. Dass Integration funktioniert. Dass Migration positiv und bereichernd ist. Ich arbeite viel und gerne mit Unicef zusammen, um Flüchtlinge zu unterstützen.

Hast du in London Fremdenfeindlichkeit erlebt?
Nein. Klar, am Anfang in der Schule wirst du natürlich gefragt "Wo kommst du her? Kosovo? Wo soll denn das sein?" Aber die Leute waren alle neugierig und nicht abweisend. Ich hatte auch das Glück, dass meine Klasse sehr gemischt war, voller verschiedener Hautfarben, Rassen, Religionen und Nationalitäten. Es ging bei uns sehr bunt zu, und so bin ich aufgewachsen. London ist sowieso ein sehr multikultureller, offener Ort, an dem Rassismus keine Chance hat.


Rita Ora 2012


"Manchmal klebt dir einfach die Scheiße am Fuß."

Seit deinem ersten Album sind sechs Jahre vergangen. Im Pop ist das eine Ewigkeit.
Ich weiß. Aber ich hatte ja keine andere Wahl. Es gibt Zeiten, da klebt dir einfach die Scheiße am Fuß.

Du hattest dich mit deinem ehemaligen Plattenfirmenboss und einstigen Förderer Jay Z überworfen, und die schon fertigen Songs, die du mit deinem damaligen Freund Calvin Harris aufgenommen hattest, durftest du nach eurer Trennung nicht mehr veröffentlichen.
So ist das gewesen, ja. Ich habe wirklich viel Mist erlebt, man kann es nicht anders sagen. Aber es ist ja klar: Entweder sowas bricht dich. Oder es spornt dich an.

Dich haben die Rückschläge angespornt?
Auch nicht immer. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich "Soul Survivor" schrieb, zusammen mit einer Freundin. Wir beide waren an einem Punkt im Leben, an dem wir dachten "Fuck, ich bin kurz davor, alles hinzuschmeißen". Und dann habe ich mich aufgerafft und gekämpft. Ich hatte lange Zeit Angst, meine Lieder könnten nicht gut genug sein, ich war immer ein bisschen nervös. Diese Unsicherheiten habe ich abgelegt. Das Leben hat mir so viel Stoff präsentiert, dass ich überhaupt keine Probleme hatte, den ganzen Scheiß, aber auch die vielen tollen Momente, zu Songs zu verarbeiten.

„Phoenix" ist der Vogel, der aus seiner eigenen Asche wieder aufersteht und fliegt.
Ich gebe zu, das Bild war naheliegend (lacht). Aber es war einfach zu bestechend und zu inspirierend, um es nicht zu verwenden. Ich bin jetzt nicht so die Superexpertin in griechischer Mythologie. Ich habe den Vogel Phönix gegoogelt und war total begeistert. Das bin ich! Nach all den Hochs und Tiefs bin ich jetzt endlich angekommen. Ich fühle mich lebendig, leicht. Ich habe nicht vor, mich jemals wieder stoppen zu lassen. Und auch deshalb wollte ich sicher gehen, dass meine neuen Stücke wirklich perfekt sind.

Rita Ora: zwischen Choas und Perfektionismus

Bist du insgesamt eine Perfektionistin.
Ein bisschen schon, ja. Mit einer Ausnahme: Ich bin schrecklich unordentlich. Zu Hause liegt bei mir alles rum. Unmöglich, da einfach jemandem mitzunehmen, ohne vorher gründlich aufgeräumt zu haben.

In welchem Zimmer ist das Chaos besonders schlimm?
In allen. Nein: im Schlafzimmer. Das Schlafzimmer sieht furchtbar aus. Überall liegen Klamotten rum. Ich kann den Boden kaum noch sehen. Naja, man kann wohl nicht in allem gut sein. Oh, habe ich mich soeben selbst gelobt?

Hast du.
Sorry. Ja, Ordnung halten ist irgendwie nichts für mich. Erst, wenn ich nicht mehr weiß, wie ich von der Tür ins Bett kommen soll, räume ich ein bisschen auf.

Wahrscheinlich hast du auch einfach zu viele Sachen zum Anziehen.
Mein Gott, ja, es ist unvorstellbar viel. Zusätzlich zur Wohnung habe ich einen kompletten Lagerraum voll, nur mit Kleidung. Wenn ich da die Tür aufmache, kommen mir die Sachen entgegen. Irgendwann werde ich unter meinen Klamotten begraben werden, was für ein schönes Ende. Naja, im Lager hängen überwiegend Kleider, die ich bei Shows oder Auftritten getragen habe, die ich also nur einmal angezogen haben und dann nie wieder.

Ein modernes Modemuseum.
Voll. Ich muss irgendwas Interessantes mit den Sachen machen. Eine Ausstellung, eine Auktion oder einen Flohmarkt. Aber die Kleider sind so schön, weggeben will ich sie auch nicht gern. Man weiß ja nie.

Während du keine Musik veröffentlichen konntest, warst du trotzdem ständig präsent, hast bei "The Voice UK" in der Jury gesessen, Shows wie die MTV-Awards moderiert, bei "Fifty Shades" mitgespielt und vieles mehr.
Ja, ich war immer irgendwie da. Den Superplan für die Karriere hatte ich allerdings nicht, da kam eins zum anderen und es war auch viel Zufall dabei. Aber du musst die Chancen eben auch ergreifen, wenn du sie bekommst. Ich habe verdammt hart gearbeitet. Mein Vorbild ist Jennifer Lopez. Bei ihr ist es vollkommen logisch, dass sie sehr unterschiedliche Sachen macht, Filme, Musik, Düfte, Fashion und eine Menge mehr. Sie ist ein "Warum-nicht"-Mensch. So sehe ich mich auch. Lieber Sachen ausprobieren und auch mal scheitern, als nichts zu wagen.

"In Wirklichkeit bin ich ganz schön schüchtern."

Wie hoch ist der Druck?
Hoch. Wir leben in einer Welt, in der sich die Leute schnell langweilen. Es gibt so viel, was du dir auf Instagram, auf Twitter oder wo auch immer anschauen kannst, deshalb musst du permanent Inhalte liefern, die sich den Leuten einbrennen, Fotos, Musik, alles Mögliche.

Man hat den Eindruck, du fühlst dich sehr wohl in der Showbranche.
Das höre ich oft. Und es stimmt schon, ich liebe meinen Job, ich will ihn richtig gut und überzeugend machen. Dabei bin ich in Wirklichkeit ganz schön schüchtern. Mädchen sind immer unsicher wegen diesem und jenem, das kann man doof finden, aber so ist das nun einmal. Bei mir haben sich Angst und Unsicherheit jedoch mit den Jahren ziemlich gelegt. Ich habe angefangen mit Cover-Songs auf Youtube, damals ging Youtube gerade erst los. Die Leute fanden das cool, was ich machte, und ich dachte "Wow, super". Diese positiven Erfahrungen am Anfang haben mich mutiger gemacht.

Deine Stimme jetzt so beim Sprechen klingt übrigens echt erwachsen. So tief.
Tief im Sinne von männlich?

Männlich nicht. Aber tief.
Cool (lacht). Das finde ich gut. Das gefällt mir. Ich finde auch, dass ich viel besser und ausdrucksstärker singe als früher. Mit mehr Charakter. Ich denke, ich habe endlich meinen Platz in der Musik und überhaupt in der Welt gefunden. Einen Song wie "Falling To Pieces", so jazzig und soulig, hätte ich mir vor einigen Jahren noch nicht zugetraut.

Worum geht es im Song "Cashmere"?
Um einen One-Night-Stand. Anfangs. Dann kommst du auf den Gedanken, dass du den Jungen doch recht gern magst. Also lässt du etwas bei ihm liegen, damit du einen Vorwand hast, ihn wiederzusehen. In diesem Fall halt einen Kaschmirschal.

Ist das deine übliche Vorgehensweise in diesen Fällen?
Das Konzept ist mir geläufig. (lacht) Aber ich habe Freundinnen, die machen noch viel krassere Sachen.

Nämlich?
Eine verspritzt ihr Parfum auf dem Bett, bevor sie geht. Sie will, dass der Junge sie anschließend noch in der Nase hat. Ist das nicht verrückt? Ein bisschen schon, oder? Mich macht der Gedanke etwas mulmig.

Was würdest du am ehesten bei einem Typen liegen lassen?
Ein Sweatshirt. Damit macht man wenig falsch, und wenn man doch nicht wiederkommt, kann der Junge es vielleicht selbst anziehen.



"Wir sollten seelische Qualen nicht mit uns alleine ausmachen."

In deiner jüngsten Single "Let You Love Me" bist du diejenige, die an der Beziehung hängt.
Ja. Manchmal triffst du in der Liebe Entscheidungen, die du später bereust und zum Beispiel denkst "Wäre ich doch lieber gestern Abend nicht ausgegangen, sondern hätte die Zeit mit ihm verbracht." Sowas summiert sich und tut der Liebe oft nicht gut. Leider bin ich eine gewisse Wiederholungstäterin auf diesem Gebiet, zumindest war ich es. Ich finde, ich bessere mich und bin nicht mehr ganz so unerwachsen nur auf meinen eigenen Spaß aus.

In "First Time High" blickst du auf deine Jugend zurück. Wie war Rita Ora als Teenager?
Frech und ein bisschen unverschämt. Aber nicht gemein oder gar böse. Ich war keine respektlose Göre, ich habe bloß oft für einen gewissen Trubel in meinem Umfeld gesorgt. Witzigerweise können mir die Leute nie wirklich lange böse sein. Sondern sie neigen dazu, mir schnell wieder zu verzeihen. Das scheint wohl ein Talent von mir zu sein.

Eure Zusammenarbeit "Lonely Together" ist der letzte Song, den Avicii vor seinem Tod veröffentlicht hat. Was geht dir durch den Kopf, wenn du an ihn denkst?
Unermessliche Traurigkeit. Avicii hat mir so viel bedeutet, er war ein enger Freund von mir. Man weiß nicht, was bei manchen Menschen hinter verschlossenen Türen passiert oder wie viel Dunkelheit und Verzweiflung in einem Menschen stecken kann. Sein Tod war ein Schock für mich. Wir alle sollten offen sein und seelische Qualen nicht mit uns alleine ausmachen. Es gibt immer Hilfe.


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