Romano Interview
Romanos Mission: Die Leute zusammenbringen | Foto: Fabien Prauss
Autorenbild

01. Sep 2017

Ann-Christin Kieter

Musik

Romano: Weltverbesserer mit Pippi-Langstrumpf-Gedächtnisfrisur

Romano: "Wenn du lange Haare hast: Mach was draus!"

UNICUM: Die Frage, die alle in der Redaktion brennend interessiert: Flechtest du dir deine Zöpfe selbst?
Nein. Ich kriege es nicht hin, höchstens einen halben Zopf. Ich habe im Haus die Schumachers, Zwillings-Omis, die es ab und zu machen. Aber sie sind oft beim Arzt, weil sie ein Hüftleiden haben. Das heißt, meistens bin ich bei der Friseurin meines Vertrauens, trinke Sekt und Kaffee und dann kann das Haareflechten losgehen. Ich will meinem Publikum ja einen guten Style bieten und nicht meine debilen Flechtkünste.

Also ist das nichts für jeden Tag, sondern nur was für Auftritte?
Och, wenn ich durchs Forum (Einkaufszentrum in Berlin-Köpenick, Anm. der. Red.) gehe, um mir dort ein Parfum zu kaufen oder ein Abenteuer zu erleben, dann mache ich mich auch mal schick.

Wie kamst du auf diese für Männer doch recht ausgefallene Frisur?
Ich habe seit 1994 lange Haare und gehörte in meiner Klasse eigentlich zu den letzten, die damit angefangen haben. Ich fand damals Snoop Doggy Dogg gut. Und es gab zwei Bands, Suicidal Tendencies und Korn, bei denen der Bassist auch zwei Zöpfe hatte. Das hatte was Diabolisches. Manchmal habe ich mir noch Drähte reingebunden und sie nach oben gebogen. Oder ich hatte sogar vier Zöpfe, zwei vorne, zwei hinten. Ich finde es schade, wenn die Männer dieser Welt – aber auch die Frauen – nicht mal was Schönes mit ihren langen Haaren machen. Das Ding ist, die Welt ein bisschen fröhlicher, farbenfroher zu machen.

Keine Spur von Hatern und Shitstorms

Aber erschwert dein Style nicht deine Absicht, auch ernst gemeinte Botschaften zu übermitteln?
Wer sie raushören will, hört die erst gemeinten Botschaften aus meinen Songs raus. Für mich ist es immer schön, wenn ich es schaffe, einen Song zu machen, der vielleicht partyorientiert ist, aber definitiv eine Message hat. So wie "Anwalt". Ich mein, wir könnten doch auch einfach mit einer Tafel Schokolade zum Nachbarn übergehen, wenn etwas schiefgelaufen ist. Aber was machen wir stattdessen? Den Anwalt anrufen!

Wie hoch schätzt du das Verhältnis von Nonsens zu ernsthafter Intention in deinen Tracks ein?Romano Frisur
Och, das ist auch von Song zu Song verschieden. Grundlegend bin ich immer Kind geblieben. Das heißt, ich habe mir ein bisschen Naivität bewahrt und bewerte nicht zu viele Dinge, sondern bleibe immer offen. Bei "Klaps auf den Po" ist klar, das ist ein bisschen doller. Bei "Metalkutte" ist die Thematik ernster und "Brenn die Bank ab" ist extrem ernst. Auf ein gesundes Mischungsverhältnis kommt es an.

Wenn man wie du in "Metalkutte" im goldglänzenden Blouson über Death-Metal-Bands rappt, könnte ich mir vorstellen, dass man ganz schön mit Hatern und Shitstorms zu kämpfen hat … 
Das ist bei mir aber gar nicht so. Vielleicht merken die Metaller einfach, dass da jemand ist, der das mit einer gewissen Ernsthaftigkeit betreibt und nicht nur aus Spaß. Ich würde nie auf eine Szene einfach so mit dem Finger draufzeigen und sagen: "Haha, guck mal die!" Die Grundmessage ist, dass ich Metal und Hip-Hop feiere und liebe. Es ist schade, wenn man probiert, Szenen abzugrenzen. Es ist doch alles erlaubt!



Romano, der Opernsänger?

Einen typischen Romano-Fan gibt es dann wahrscheinlich nicht? Wer kommt zu deinen Auftritten?
Es ist ganz spannend. Meine erste Tour begann in Essen, im Hotel Shanghai – ein wirklich geiler Laden. Als ich da raus auf die Bühne kam, guckte ich ins Publikum: Metaller mit Kutten, Gothic-Ladies, Punks … Dann teilweise Familienväter mit ihren Kindern. Und ein paar Hip-Hopper. Und dann leiht sich der Familienvater bei dem Punk 'ne Kippe und die beiden kommen ins Gespräch. Wie toll ist das bitte? Das heißt: Für anderthalb, zwei Stunden wird ein neuer Kosmos aufgemacht von Leuten, die miteinander klarkommen. Du hast Heterosexuelle, Homosexuelle – alle sind zusammen und feiern und haben einen schönen Abend. Das ist doch perfekt!   

Du hast ja auch noch eine Techno- und Schlager-Vergangenheit. Gibt es ein Genre, in dem wir dich nie hören werden, weil du da so gar nicht zuhause bist?
Eher gesagt würde ich zwei Dinge gerade deshalb gerne machen, weil ich mich da nicht auskenne und mich der Sache stellen möchte. Das ist einmal der Blues. Und einmal die Oper. Ich würde gerne Opernsänger werden! Ich gehe seit Jahren zum Gesangsunterricht und da singen wir so italienische Sachen. Wenn das Leben mir noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte lässt, dann probiere ich das vielleicht nochmal.

Mit 13 und dicker Jacke zur Gangbang-Party

Als 10-Jähriger hast du "I Want Your Sex" von George Michael performt. Hast du damals verstanden, worum es in dem Song geht?
George Michael – ein sehr hübscher Mann. Ich habe den Song nicht genau verstanden, vor der Pubertät ist die Sexualität ja noch nicht so ausgeprägt. Aber irgendwie habe ich gespürt, dass da etwas ist. Also habe ich den Zeigestock genommen und dieses männlich-markante Röhren nachgemacht und vor der Klasse performt. Die Mädels haben gekichert und die Jungs haben gelacht und Handzeichen gegeben. Ich hab mich gefragt: Wow, was ist denn hier los? Aber die Lehrerin wollte mir auch nicht verraten, worum es geht.

Auch so warst du alles andere als ein Spätzünder. Mit 13 hast du dich schon in der Berliner Club-Szene rumgetrieben. Was hast du da erlebt?
Mein Kumpel Erik war DJ und hat mich immer zu Partys mitgenommen. 1992 war ich dann das erste Mal im "Bunker". Es war Herbst, ich hatte eine ganz dicke Jacke an und es waren gefühlte 1.000 Grad in dem Laden. Da waren Typen mit Gasmasken, mit Uniformen, mit Latex-Kostümen. Unten lief Techno, das war wie Maschinenlärm, weil man es damals einfach noch nicht so kannte. Ein Stockwerk höher war Gabber. Und darüber eine Gangbang-Party. Ich bin da so in die Sache reingerutscht und hab mich irgendwo zwischen Stockstarre und Begeisterung bewegt. Viele Eindrücke finden sich auch auf meinem aktuellen Album wieder, zum Beispiel im Song "König der Hunde".


Die Welt braucht Romano – weil Romano die Welt braucht

Das Album heißt "Copyshop". Was verbindest du mit diesem Ort?
Etwa acht Jahre meines Lebens. Ich habe dort gearbeitet. Meine Lehre habe ich als Mediengestalter für Medientechnik gemacht. Das war super, weil ich damit meinen Kühlschrank füllen konnte. Und nebenbei konnte ich immer Musik machen – und zwar nur die, auf die ich Bock hatte. Bei anderen Künstlern ist es so, dass sie sich von Album zu Album immer mehr von ihren Fans wegbewegen. Ich hingegen möchte sie Anteil haben lassen an meinem Leben. Deswegen habe ich mir überlegt, das Ding "Copyshop" zu nennen. Die Thematik ist ja auch immer aktuell. Was ist das Original? Was ist die Kopie?

In der Zeit sind dir doch bestimmt viele Studenten begegnet, die noch hektisch ihre Abschlussarbeit gebunden haben wollten, oder?
Na klar! Schön auf die Uhr gucken und sagen, dass man eigentlich nur noch eine Stunde Zeit hat. Und ich freue mich: Wir haben es immer hingekriegt. Der Copyshop ist die Rettung in der Not für viele Studenten. Ich hatte übrigens auch mal überlegt, in Richtung Sozialpädagogik zu gehen. Und ganz ursprünglich wollte ich mal Geschichte studieren, weil mich das sehr interessiert hat. Aber aus der Notwendigkeit der Finanzen heraus ist es dann doch die Ausbildung geworden.

Dein Album ist sehr persönlich geworden, du gibst auch einiges über deine Familienmitglieder preis. Ist dir das leichtgefallen?
"Mutti" ist kurz nach dem letzten Album entstanden und ich habe es auch schon live gespielt. Meine Mutti ist ein Wirbelwind, immer ein bisschen drüber, und Mutti ist einfach auch eine Rakete. Wenn wir beide quatschen, versteht man kein Wort mehr, es ergibt sich fast ein Sinus-Ton. Weil sie einfach eine so tolle Frau ist, wollte ich ihr einen Song widmen. Aber eben auf meine Art.

Es wird Zeit fürs Abschluss-Plädoyer. Warum braucht die Welt Romano?
(überlegt sehr lange, Anm. d. Red.) Weil ich die Welt brauche. Und vielleicht ist es so, wie ich schon gesagt habe: dass ich die Menschen zusammenbringe – und wenn es erstmal nur für einen Abend ist.


Copyshop Album RomanoUNICUM Musik-Tipp

Copyshop

Romano

Vertigo Berlin

VÖ: 8. September 2017

Artikel-Bewertung:

3.27 von 5 Sternen bei 78 Bewertungen.

Deine Meinung: