Edin Hasanovic Schauspieler
Edin Hasanovic spricht bei "Die juten Sitten" einen Gigolo in den 1920ern. ⎸Foto: Robert Schlesinger
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26. Mär 2019

Melis Icten

Promis & Interviews

Schauspieler Edin Hasanovic im Interview

"Ich unterwerfe mich der Rolle. Sie ist wichtiger als ich!"

Edin Hasanovic über sein erstes Hörspiel: "Das hat mir schon Druck gemacht!"

UNICUM: "Die juten Sitten" ist dein Hörspiel-Debüt. Gab es für dich bestimmte Herausforderungen, die es beim Filmdreh so in der Regel nicht gibt?

Edin Hasanovic: Die Unterschiede sind immens. Die Herausforderung war das Format an sich, weil ich bisher noch nie in einem Hörspiel mitgewirkt hatte. Beim Film habe ich ein Orchester aus mehreren Instrumenten zur Verfügung stehen: meinen Körper, mein Gesicht und meine Stimme. Beim Hörspiel musste ich alles, das ganze Orchester, in einem Instrument bündeln. Außerdem war ich allein im Studio und der einzige Mann im Hauptcast. Das hat mir natürlich schon mega Druck gemacht, zumal ich mit meiner Figur stellvertretend für einen ganzen Typus von Mann stand - den Gigolo.

Nur mit der Stimme zu arbeiten, kenne ich zwar teilweise vom Synchronsprechen, wenn ich beispielsweise die "Vampire Diaries" oder mich selbst synchronisiert habe. Aber hier war es anders, es gab keine visuellen Vorlagen, an denen ich mich orientieren konnte. Ich musste meine ganze Kraft in die Stimme legen ‒ aber konnte so auch selbst bestimmen, was ich genau in den Köpfen der Zuhörer auslösen möchte. ‒ natürlich in Zusammenarbeit mit der Regie.

Du sagst, du warst allein im Studio. Hast du dennoch gestikuliert oder deine Mimik angepasst während der Aufnahmen?

Ja, absolut. Man muss komplett drin sein, auch mit Gesicht und Körper. Denn wenn ich nur starr rumstehe, während ich versuche mit der Stimme Gas zu geben, funktioniert das natürlich nicht. Es ist schon wie Schauspielen, nur dass die Kamera nicht läuft.

Könntest du dir denn weitere Produktionen für Hörspiele oder Hörbücher vorstellen?

Aber sowas von! Da habe ich so Bock drauf! Vor allem auf das Einlesen von Hörbüchern. Auch privat lese ich alles, was ich lese, laut. Ich finde es auch voll geil, wenn ich selber jemanden höre, der so liest, dass ich mir das als Zuhörer auch merken kann. Manchmal haben Leute nämlich eine bestimmte Tonlage oder Stimme, bei der es nur zum einen Ohr rein und zum anderen wieder rausgeht.


Edin Hasanovic Hörspiel


Edin ist Podcast-Fan

Du sagtest, du hörst lieber, anstatt zu lesen. Hast du persönliche Hörtipps für uns?

Ich höre gerne Podcasts. Mich interessieren sowohl meine Kolleginnen und Kollegen, wenn sie On Air sind, als auch zum Beispiel Katrin Bauerfeinds Podcast "Frau Bauerfeind hat Fragen", oder der Kino-Podcast "Süß oder Salzig" von Steven Gätjen. Gerade habe ich mit Micky Beisenherz und Oliver Polaks "Juwelen im Morast der Langeweile" angefangen. Ich höre mir auch Sachbücher an, die dir sagen, wie du deine Ruhe findest, oder wie du endlich aufhörst, Zucker zu dir zu nehmen.

"Ich habe gehofft, dass wir eine gute Regie haben, damit es nicht peinlich wird"

"Die juten Sitten" handelt hauptsächlich von Prostitution, und zwar auf eine komplett ungefilterte Art und Weise. Gab es für dich Momente, in denen du dich sehr überwinden musstest?

Asche auf mein Haupt: Ich habe zugesagt, ohne das Drehbuch gelesen zu haben. Andererseits kann man mir das auch nicht vorwerfen, denn wenn Audible anfragt und ein Audible Original Hörspiel macht, will ich natürlich dabei sein. Vor allem bei den Kollegen! Einen Tag vor Aufnahmebeginn habe ich dann das Drehbuch durchgelesen und gedacht "Fuck, in jeder Szene muss ich rumstöhnen". Ich habe so sehr gehofft, dass wir eine gute Regie haben, damit es nicht peinlich wird, weil ich natürlich besorgt war und befürchtet hatte, dass man sich am Ende fragen könnte, "stöhnt der Schauspieler selber so oder ist das die Figur Fritz?".

Und dann hat man mir mit unserer Regisseurin, Anja Herrenbrück, das größte Geschenk gemacht, was man machen konnte: Sie hat es geschafft, einen angstfreien Raum zu schaffen, in dem man mutig sein und ernst darüber reden konnte, wenn es beispielsweise um unterschiedliche Arten zu Stöhnen ging. Wir haben uns auch teilweise totgelacht und mit ihr war es überhaupt nicht unangenehm.

Hättest du selbst gerne in den 1920ern gelebt?

Das war auf jeden Fall eine spannende Zeit. Nach dem ersten Weltkrieg und der schwierigen Phase danach ist plötzlich Aufbruchstimmung entstanden. Man hat mit Regeln und Normen gebrochen. Frauen haben in der Öffentlichkeit geraucht, was als verrucht galt. Sie haben sich weiblicher angezogen, die Männer haben ihre Männlichkeit betont. Das war eine Blütezeit für Kunst, Kultur und Wirtschaft. Ich denke, dass die 20er Jahre eine bombastische Zeit gewesen sein müssen. Eine Zeit der Selbstfindung aber auch eine richtige Revoluzzer-Zeit.

Ich hätte glaube ich nichts dagegen gehabt, diese vier, fünf Jahre bis zur Bankenkrise 1929 zu erleben und mich dabei ziemlich wohlgefühlt, weil ich in meinem Kopf selber ein kleiner Revoluzzer bin. Ich traue mich zwar nicht, das auch in die Praxis umzusetzen, aber wenn mir zum Beispiel Journalisten mit Floskeln kommen, dann hebele ich das gerne aus, und spiele das Spiel nicht mit. In solchen Momenten denke ich dann "Boah jetzt bist du aber revolutionär gerade!".


Edin Hasanovic Audible


Edin Hasanovic: "Schauspielerei ist kein Beruf, der glatt funktioniert"

Du betonst oft, dass du sehr viel Glück in deiner Karriere hattest. Wie ist die allgemeine Lage für junge Schauspieler und Schauspielerinnen? Ein steiniger Weg?

Ohne Glück geht's in dieser Branche nicht! Einerseits kannst du mega erfolgreich sein, auch wenn du unprofessionell und einfach nicht gut bist ‒, solange du Glück hattest. Andererseits braucht auch ein Schauspieler, der qualitativ hochwertig arbeitet, viel Glück.

Es gibt ganz verschiedene Geschichten: Es gibt mich, der das seit 15 Jahren macht und jetzt langsam erntet, was er gesät hat. Es gibt Kollegen, die fantastisch sind, die aber leider nicht so bekannt sind und darauf warten, dass sie zeigen können, was sie drauf haben. Und es gibt Leute, die es innerhalb eines Jahres schaffen, Hauptrollen zu ergattern, Preise zu gewinnen und im Hauptwettbewerb der Berlinale zu sein.

Du brauchst einfach Leute, die mutig sind, die an dich glauben, dir was zutrauen und dir eine Chance geben. Aber es ist kein Beruf, der mega glatt funktioniert, sondern einer, in dem man abhängig ist, der unsicher und nicht konstant ist. Dieses Risiko muss man lieben.

Wie genau hat es denn bei dir geklappt?

Damals hatte ich das Glück mit "KDD ‒ Kriminaldauerdienst" anfangen zu dürfen, eine sehr gute Serie und von den Kritikern hochgelobt, Grimme-Preise und so. Da durfte ich alle drei Staffeln spielen und mich haben Menschen gesehen, die mich für andere Filme besetzen wollten. Irgendwann wollte mich Lars-Gunnar Lotz, Debütant der Filmakademie Baden-Württemberg, für seinen Debüt-Abschlussfilm "Schuld sind immer die Anderen" in der Hauptrolle haben. Das war meine erste Kino-Hauptrolle und dann ging's los: Es kamen erste Preise, Nominierungen für den deutschen Filmpreis. Man muss danach klug auswählen und man braucht gute Agenten und Leute, die einen schützen und beraten.

"Falls es mal nicht gut läuft, kann ich mir vorstellen, Bulle zu werden"

Hast du jemals daran gedacht eine andere Beschäftigung auszuüben?

Das Schauspiel ist meine Leidenschaft, es gibt keinen Plan B und vielleicht ist das auch der Grund, warum ich 100 Prozent geben muss. Wenn ich wüsste, da ist noch eine andere Option, hätte ich der Schauspielerei vielleicht ein bisschen weniger Beachtung geschenkt. Aber falls es mal so gar nicht gut läuft und mich keiner mehr sehen möchte, kann ich mir vorstellen, Bulle zu werden. KRIPO-Bulle hier in Berlin. Frag mich nicht wieso, irgendwie hätte ich da voll Bock drauf, für Recht und Ordnung zu sorgen.

Du bist ja auch schon geübt darin durch deine Rollen!

Ja, ich war in meinen Rollen schon auf beiden Seiten: als der Gejagte, aber auch als Jäger. Eine andere Option wäre vielleicht auch der Job eines Eventmanagers, große Sachen organisieren. Frag mich das lieber, wenn es gerade nicht so gut läuft, dann sage ich dir, was meine Alternativen sind. Gerade darf ich mich nicht beschweren.

Texte zu lernen, hat Schauspieler Edin Hasanovic im Blut

Wie übst du deine Texte in der Regel ein? Hast du bestimmte Rituale oder bist du spontan?

Bei der ersten Agentur, in der ich als Kind war, gab es ein wöchentliches Training, bei dem es darum ging, sich Texte unfassbar schnell einzuprägen. Und das habe ich im Blut. Ich habe Glück, dass ich ein gutes Kurzzeitgedächtnis habe. Es gibt kein Ritual.

Am Wichtigsten ist es, dass ich den Text verstehe! Ich kann nicht einfach die Worte lernen. Ich muss den Inhalt begreifen, der muss Sinn ergeben. Wenn ich aus meiner Rolle heraus eine bestimmte Aussage nach der anderen treffe, muss das für die jeweilige Rolle in einer logischen Abfolge sein. Dann habe ich Bilder im Kopf und es geht sehr leicht. Viele denken immer, beim Film ist Text lernen das größte Problem, aber ich glaube, das ist wirklich das kleinste Problem.

Es sei denn, du bist Polizist bei "You Are Wanted". Da musste ich so viele Info-Texte lernen, das ging mir schwer in den Kopf, weil die unlogisch sind. Das ist dann einfach Fleißarbeit und man muss es sich merken. Alles andere besteht aus ständiger Wiederholung und sich abfragen lassen.

Edin gibt alles für seine Rollen

Wer oder was inspiriert dich?

Für mich ist es weniger wichtig, Inspiration zu finden, als einen Antrieb. Den bekomme ich durch den Gedanken "Es gibt Leute, die besser sind als du! Die irgendetwas Spezielles viel geiler spielen als du!". Und genau dann bekomme ich total Lust mich weiterzuentwickeln. Mein Anspruch ist, viele Schauspieltechniken zu beherrschen, um der Rolle so krass zu dienen, wie nur möglich. Ich unterwerfe mich und ergebe mich der Rolle. Sie ist wichtiger als ich und das ist meine Motivation.

In einem deiner Interviews sagtest du mal, dass du lieber abends Zuhause mit deinen Freunden philosophierst, anstatt zum Beispiel feiern zu gehen. Was sind eure Themen?

So einen Abend gab's gerade erst wieder. Ich weiß, dass es abgedroschen klingt, es stimmt aber: Es gibt dann tatsächlich keinen Alkohol auf dem Tisch, es läuft nichts. Wir reden einfach. Themen sind oft die Branche, wir selbst, Persönlichkeitsentwicklung, was geht, was nicht geht… Alles andere bleibt aber geheim.

"Ich bin Europäer, ich habe ein bosnisches und deutsches Herz in meiner Brust"

Du wirst von den Medien oft auf deine Herkunft und deine Geschichte angesprochen. Findest du das gut, vor allem im Hinblick auf die aktuell gespaltene Lage der Gesellschaft? Oder wünschst du dir manchmal, nur als Schauspieler wahrgenommen zu werden?

Es nervt, wenn ein Bezug zu irgendetwas gesucht wird. "Der ist Kriegskind, der ist Flüchtling oder Ausländer und deswegen konnte er diese Rolle so gut spielen." oder "Edin, gerade spielst du bei 'Rate Your Date' einen Snob, voll den Bonzen. Wie war es für dich als Jemand, der aus nicht so reichem Elternhaus kommt?". Das finde ich albern. Es ist natürlich meine Geschichte und wenn man losgelöst vom Schauspiel danach fragt, weil man sich für mich als Menschen interessiert, ist es vollkommen in Ordnung.

Aber mein Lebensmittelpunkt liegt ja seit 26 Jahren in Berlin und er liegt auf der Schauspielerei und nicht auf meinem Ausländer-Dasein. Diese Fragen und Zuschreibungen sind eine deutsche Eigenart, die total stressen. Es ist deshalb so nervig, weil ich mir seit 26 Jahren Mühe gebe, Teil dieser Gesellschaft zu sein und mich zu integrieren. Ich spreche perfektes Deutsch, ich habe mein Abi gemacht und fühle mich selber ja auch total deutsch, aber erst durch die Fragen von außen wird immer wieder suggeriert "Wir erkennen an, dass du dir Mühe gibst, aber du wirst nie ein vollwertiger Teil dieser Gesellschaft sein! Für uns bleibst du Ausländer." Das bremst einen immer wieder total.

Einerseits hätte ich viel mehr Bock drauf, der Schauspieler zu sein, bei dem es völlig egal ist, woher er kommt. Andererseits ist es natürlich total schön, wenn man als Vorbild fungiert für Flüchtlinge, für Menschen, die gerade herkommen, und auch für Menschen, die mit Flüchtlingen weniger zu tun haben, damit sie endlich sehen, dass aus einem geflüchteten Menschen etwas werden kann, wenn man ihm eine Chance gibt und mit offenen Armen und offenem Herzen begegnet.

Insgesamt kann ich sagen: Ich wache morgens nicht mit Fragen über meine Identität und Heimat auf. Ich bin Europäer, ich habe ein bosnisches und deutsches Herz in meiner Brust und deswegen ist es völlig Latte.


UNICUM Hörspiel-Tipp:

  • Die juten Sitten!
  • Autorin: Anna Basener
  • Regie: Anja Herrenbrück
  • Sprecher: Jeanette Hain, Saskia Rosendahl, Natalia Belitski, Edin Hasanovic, Ursula Werner, Leonard Scheicher
  • Spieldauer: 8 Stunden und 30 Minuten
  • Das Audible Original Hörspiel erscheint am 28. März 2019 exklusiv bei Audible

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