Stereotyp
STEROTYP: Rapper Knackeboul in Spanien und Italien | Foto: Entertainment Kombinat

Zündstoff

12.05.2017

Pulse of Europe

Pulse of Europe: Ist Europa gescheitert oder erst am Anfang?

In den letzten Wochen demonstrierten in mehr als 60 deutschen Städten und europaweit Menschen unter dem Motto "Pulse of Europe" für Europa. Unter ihnen besonders viele ju ... mehr »

Autorenbild

30. Mai 2017

Hannah Essing

Promis & Interviews

STEREOTYP: Rapper Knackeboul geht Vorurteilen auf den Grund

Knackeboul: "Ich bin nicht neutral"

UNICUM: Knackeboul, eigentlich bist du Rapper. Was genau hat dich also an dem Projekt STEREOTYP fasziniert? Woher kam die Idee, mitzumachen?
Knackeboul: In der Schweiz äußere ich mich immer wieder sozialkritisch, ich interessiere mich einfach für Themen wie Identität, oder die Frage: "Wo komme ich her?" Außerdem haben Lily Engels und Philip Fleischmann, die dieses Format gemacht haben, nach einem neutralen Schweizer gesucht – und haben mich gefunden.

Bist du denn wirklich so neutral als Schweizer?
Nicht im Geringsten! Null! Das war für mich eindeutig etwas, was ich lernen konnte. Ich bin nicht neutral, ich habe immer eine Meinung zu allem und musste lernen, Situationen einfach neutral zu betrachten. Aber ich hab ja Humor – und die Leute, die ich getroffen habe, auch. Also hat's funktioniert.



Die Wechselwirkung zwischen Realität und Klischee

Was ist das Ziel eurer Serie?
Europa und auch die europäische Identität sind momentan ein wichtiges Thema. Wir wollen die Gemeinsamkeiten zeigen, die es trotz aller Unterschiede und Kontraste gibt. Einen gemeinsamen Geist, etwas das uns verbindet. Wir wollen ein Bild von Europa jenseits der touristischen Klischees zeichnen und das Ganze mit einem ironischen Augenzwinkern angehen

Woher kommen Vorurteile und Klischees deiner Ansicht nach?
Da könnte ich sehr lange drüber reden – ich versuch's abzukürzen. Ich habe das Gefühl, Klischees die stimmen, haben oft mit der Geographie und der Lage des Landes zu tun. In Frankreich zum Beispiel gedeiht Wein einfach gut und diese Tatsache beeinflusst französische Klischees. Außerdem gibt es Klischees, die entstehen erst und dann beginnen die Leute, sich dementsprechend zu verhalten. Ein Beispiel ist der Sirtaki in Griechenland. Zwar gab es einen ähnlichen Tanz, aber auf diese Art und Weise, zu dieser Musik, ist er das erste Mal in einem Hollywood-Film inszeniert worden. Danach erst wurde er zu einem Teil von Griechenland. Das Gerücht wurde sozusagen zu einem Brauch, das war eine Wechselwirkung.

Ihr habt Stereotypen nicht nur geprüft, sondern auch erklärt, woher sie kommen. Gerade als du in Italien warst und ihr die sozialen Konstrukte aufgeführt habt, die zu einem hohen Anteil an Kriminalität geführt haben oder die Finanzprobleme in Griechenland beleuchtet habt. Sind dir dadurch deine eigenen Vorurteile bewusster geworden? Hat dich etwas besonders überrascht? 
Ich glaube eher, dass ich das Vorurteil loswerden konnte, dass es keine Klischees gibt. Am Anfang war meine Haltung eher: das ist Bullshit, es gibt diese Vorurteile überhaupt nicht. Aber ich habe lernen müssen, dass es eher Graustufen sind und manche Vorurteile nicht grundlos existieren. Das heißt, es gibt Klischees, aber meistens in anderer Form, als man darüber spricht. Das Phänomen gibt es zum Beispiel auch in Italien. Der Mafiosi, mit dem wir gesprochen haben, hat uns erzählt, dass der Lebensstil der neuen, jungen Mafiosi sehr von Hollywood-Filmen inspiriert ist.

Also viele weiße Katzen?
(lacht) Genau. Das Bild der Mafia, das man aus Filmen hat, stimmt eigentlich so gar nicht. Aber die neue Generation orientiert sich zum Teil an den Klischees, die in solchen Filmen gezeigt werden. Das habe ich vorher gemeint – die Wechselwirkung von bestehenden Klischees und echtem Verhalten.

Wenn du nach dieser Show Leute in deinem Umkreis triffst, die Vorurteile haben, wie gehst du damit um? Versuchst du sie zu überzeugen, diese zu hinterfragen? 
Ja, aber das hab ich auch schon vor der Show getan. (lacht) Ich sage immer wieder, es kommt darauf an, mit welcher Attitüde man Vorurteile ausspricht. Natürlich kann man auch mal Witze darüber machen, so wie die Engländer sich mit ihrem Humor auch über den Rest der Welt lustig machen. Aber es kommt immer darauf an, wie es rüberkommt – wenn Vorurteile rassistisch und hasserfüllt geäußert werden, ist das natürlich problematisch. Aber ich habe schon immer versucht, andere in der Hinsicht zum Nachdenken zu bringen. Und auch meine eigenen Vorurteile hinterfragt, wenn diese problematisch waren.


Stereotyp Griechenland


Knackeboul nach der Show: "Ich muss mich jetzt erstmal ein Jahr erholen"

Welche Folge war deine Lieblingsfolge? Welches Erlebnis war dein liebstes?
Da gibt es mehrere. Aber mein Lieblingserlebnis war Griechenland. Die ganze Folge war toll, vor allem die Menschen, das Essen, das Klima. Besonders war auch die schräg stehende Kirche in den Bergen (im Dorf Ropoto, Anm. d. Red.), ich war noch nie an einem solchen Ort. Inzwischen war ich auch schon wieder in Griechenland und habe viele Leute kennengelernt. Es ist das Land, das mir am meisten ans Herz gewachsen ist. 

Du hast in einem Sarg Probe gelegen, warst auf den Spuren der Mafia und bist in einem I-Love-Schäuble-Shirt durch Athen gelaufen. Gab es Situationen, in denen du an deine Grenzen gekommen bist oder sogar Angst hattest?
Ja, eigentlich immer wieder. Was ich beim Anschauen der Folgen auch bemerkt habe ist, dass ich normalerweise nicht so aussehe. Ich habe etwa zehn Kilo zugenommen und wirkte oft müde. Es war sehr intensiv. Und gerade in der Mafia-Szene hatte ich zwar nicht unbedingt Angst, war aber sehr angespannt. Der Anwalt, die Polizei, die Übersetzerin und die Familie des Mafiosi waren alle involviert, aber ich war der, der das Gespräch führte.. Also ja, es gab schon Situationen, in denen ich ins Schwitzen kam.

Außerdem habe ich sehr viele Dinge gegessen, die ich sonst nicht esse – oder zumindest nicht in dem Maße. Online gibt es sogar eine "Food Challenge", weil alle so darüber gelacht haben, wenn ich mal wieder was Eigenartiges gegessen habe. Da gibt es eine separate Show, in der ich nur esse. Wir haben Leute aus allen Ländern, die wir besucht haben, eingeladen und die haben Essen mitgebracht.

In Italien hast du dein Italienisch präsentiert, in Frankreich Interviews auf Französisch geführt – und in der französischen Sprachschule Lernende mit deinem Schweizerdeutsch verwirrt. Wie viele Sprachen sprichst du?
Schön, dass man das gehört hat, obwohl ich auch ein Voice-Over hatte. Ich spreche Französisch, Deutsch und Portugiesisch, da ich dort aufgewachsen bin, und außerdem Italienisch. Dadurch fällt mir auch ein bisschen Spanisch nicht schwer. In Griechenland habe ich auch zwei, drei Sätze gelernt und nur damit einfach Gespräche geführt. Also spreche ich insgesamt vier Sprachen, es sei denn, man zählt Schweizerdeutsch extra. Dann sind es fünf Sprachen.

Was uns natürlich brennend interessiert: Könntest du dir vorstellen, noch mehr Folgen zu machen oder was steht bei dir als nächstes an?
Als wir fertig wurden, meinte ich: "So, ich muss mich jetzt erstmal ein Jahr erholen". Ich mache ja noch viele andere Sachen: Ich bringe ein Album raus, ich spiele am 12. Juni in Berlin. Also werde ich sicher Musik machen und außerdem bin ich dabei, ein Buch zu schreiben, das bis zum Ende des Jahres fertig sein soll. Irgendwie werde ich sicher aber auch weiter im Fernsehen zu sehen sein. Wenn man mich fragen würde, würde ich wahrscheinlich bei mehr Folgen mitmachen. Aber dann mit einem Personal Trainer an der Seite!


TippMehr über "STEREOTYP"

Schon seit zehn Jahren produzieren Lilly Engel und Phillip Fleischmann außergewöhnliche Dokumentationen, die zum Nachdenken anregen sollen. Jetzt kann man Rapper Knackeboul in zehn 25-minütigen Folgen dabei begleiten, wie er durch Europa reist, auf der Mission, herauszufinden, ob in jedem Vorurteil auch ein Fünkchen Wahrheit steckt. STEROTYP läuft ab dem 29. Mai auf ARTE.

Sendetermine:

  • 1. und 2. Folge: 29. Mai – England (16.15)/Italien (16.45)
  • 3. und 4. Folge: 30.Mai – Frankreich (16.20)/Deutschland (16.45)
  • 5. und 6. Folge: 31.Mai – Schweden (16.20)/Spanien (16:45)
  • 7. und 8. Folge: 01.Juni – Österreich (16.20)/Niederlande (16.45)
  • 9. und 10. Folge: 02.Juni – Schweiz (16.20)/Griechenland (16.45)

STEREOTYP in der Mediathek

Artikel-Bewertung:

3.73 von 5 Sternen bei 52 Bewertungen.

Deine Meinung: