Agent Carter Rezension
Marvel's Jessica Jones (li.) und Agent Carter (re.) | Foto: Walt Disney

Serien

07.09.2016

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08. Dez 2016

Sandra Ruppel

Serien

Zwei Heldinnen teilen aus: Jessica Jones und Agent Carter

Jessica Jones: Auch Superheldinnen haben PTBS

Jessica Jones (Krysten Ritter) ist mürrisch, blass und vor allem: so richtig schön kaputt. Ihre Karriere als Superheldin hat sie an den Nagel gehängt – zu traumatisiert ist sie von ihrer Vergangenheit. Von dem Unfall, bei dem sie zwar ihre Superkräfte – enorme körperliche Stärke und Sprungkraft – gewonnen, aber ihre Familie verloren hat. Von der Gehirnwäsche, der sie von dem Meister-Manipulator und Mega-Schurken Kilgrave (David Tennant) unterzogen wurde. Davon, dass er sie gegen ihren Willen nicht nur zu seiner Geliebten, sondern auch zu einer ihm hörigen Mörderin gemacht hat.

Inzwischen scheint der Spuk zwar vorbei – Kilgrave wurde von einem Bus erfasst und Jones hat wieder die Kontrolle über ihre eigenen Gedanken – trotzdem wiegt die Schuld bleischwer. Essen sieht man Jones fast nie, schlafen kann sie selten und ein Becher voller Whiskey ist ihr allerbester Freund. Die ehemalige Superheldin ist zur Antiheldin geworden: düster, zynisch, tief zerrissen.

Mit ausgestrecktem Mittelfinger durch New York

Jones versucht nicht, zu gefallen. Weder bemüht sie sich, ihr mehr als problematisches Trinkverhalten zu verbergen, noch hält sie sich mit Flirten auf: Wenn sie einen Mann sexuell anziehend findet, sagt sie ihm das ins Gesicht – und geht danach mit ihm ins Bett. Sie lächelt fast nie – sie hat auch keinen Grund dazu – und wenn sie die Wohnung des Fremden dann nach dem Sex wieder verlässt, wirft sie sich schnell noch ihre Lederjacke über. Die passt nicht nur zu ihrem dunklen Haar, sondern vor allem auch zum Zustand ihrer Seele: rabenschwarz und abgewetzt.

Nichtsdestotrotz, auch eine traumatisierte Ex-Superheldin muss irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen. Schließlich ist Alkoholismus nicht gerade billig und die Miete will ebenfalls gezahlt werden – selbst wenn die Wohnungstür nur noch gerade eben so in den Angeln hängt und die Kakerlaken in Scharen aus dem Abfluss kriechen. Also gründet Jones ihre eigene Detektei und scheut sich nicht, auch die dazugehörige Drecksarbeit zu erledigen. Unterstützung erhält sie dabei vor allem von ihrer langjährigen Freundin und erfolgreichen Radiomoderatorin Trish Walker (Rachael Taylor) und der skrupellosen lesbischen Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Ann Moss). Beide Frauen sind, genau wie Jones, nicht gerade zimperlich.



Who run the World? Girls!

Überhaupt fällt auf, dass Marvels "Jessica Jones" voll von Frauen ist, die nicht nur einstecken, sondern auch ordentlich austeilen können. Abgesehen von Jones, die sich trotz aller Zerbrochenheit immer wieder auf die Füße kämpft, Trish, die nicht nur eine Show moderiert, sondern auch Krav Maga beherrscht und Hogarth, die grundsätzlich nie einen Fall verliert, wissen auch die weiblichen Nebenfiguren, wo es langgeht.

Sie alle handeln stets entschlossen und sie alle haben etwas Vernünftiges gelernt: Da gibt es Wendy, die zähe Ärztin, Hope, die talentierte Sportstudentin, Pam, die ausdauernde Anwaltsgehilfin, Luise Thompson, die kompromisslose Forscherin und Claire, die coole Krankenschwester, die in der Notaufnahme arbeitet. Einzig von Robin, der tyrannischen und nervtötenden Nachbarin von Jones, weiß man nicht so richtig, was sie eigentlich macht.

Wer braucht schon Männer?

Die Männer hingegen kommen in der düsteren Serie nicht so gut weg. Kilgrave muss Menschen manipulieren, um zu bekommen, was er will. Während Ruben, der Bruder der nervigen Robin, völlig unter dem Pantoffel seiner Schwester steht, steht Malcolm (Eka Darville), ebenfalls ein Nachbar von Jones, meist unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen. Der Polizist Simpson (Wil Traval) schmeißt aufputschende Tabletten ein, damit er seine Aufträge ausführen kann, Detective Clemons wiederum könnte einen kleinen Kick ganz gut gebrauchen, denn irgendwie hat er nur sehr wenig Zug hinter seinen Ermittlungen.

Allein Luke Cage (Mike Colter), Barbesitzer und gelegentlicher Bettpartner von Jones, ist (meist) im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Damit ist er so ziemlich die einzige männliche Figur, die man richtig ernst nehmen kann. Alles in allem stinken die Herren hier gegen die Ladies also ziemlich ab.

Rebel Yell?

Deswegen nun zu behaupten, dass Netflix mit der Eigenproduktion einen Meilenstein des modernen Feminismus in der Serienlandschaft geschaffen hat, wäre vielleicht ein wenig zu hoch gegriffen. Doch auch, wenn es zu früh sein mag, um eine Revolution der (amerikanischen) Unterhaltungsbranche auszurufen, so kann man doch nicht leugnen, dass in "Jessica Jones" sämtliche Frauen die Hosen anhaben. Ob man gut findet, wie sie handeln, oder nicht: Mit großer Konsequenz wird hier gezeigt, dass sich die Ladies keinen Bullshit bieten lassen. Unter keinen Umständen. Von nieman(n)dem.

Jessica Jones


Agent Carter: Gefangen in der Zeit

Deutlich mehr sexistischem Bullshit sieht sich Agent Peggy Carter (Hayley Atwell) ausgesetzt. Die Geheimagentin mit den roten Lippen und dem perfekt frisierten Haar lebt in einer Zeit, in der es nicht gerade leicht ist, eine emanzipierte Frau zu sein: Amerika, 1946. Der zweite Weltkrieg ist vorbei, die Soldaten kehren in ihre alten Berufe zurück und die Frauen, die während des Krieges ihre Stellen übernommen und das Land am Laufen gehalten haben, werden nun wieder an den Herd zurückgedrängt.

Agent Carter Serie

"Carter, besetzen Sie das Telefon!"

Carter, die sich wie Jessica Jones im Marvel Cinematic Universe bewegt, konnte sich bei ihrer Zusammenarbeit mit Captain America bereits als qualifizierte Agentin beweisen. Trotzdem sähen die meisten männlichen Kollegen sie am liebsten beim Telefondienst am Schreibtisch, nicht bei der Arbeit am nächsten Fall.

Davon, die Ärmel hochzukrempeln und sich in den Kampf gegen das Verbrechen zu stürzen, lässt sich Carter aber trotz der Umstände nicht abhalten. Auf Superkräfte kann sich die Agentin dabei zwar nicht stützen, austeilen kann sie aber dennoch. Sie ist bestens trainiert und wer sich ihr oder der Mission in den Weg stellt, wird gnadenlos vermöbelt.



Von den Mühen, eine Frau zu sein

Carter hat Biss. Und den braucht sie auch. Im Grunde ist er nämlich ihre einzige Waffe gegen die anzüglichen und herabwürdigenden Kommentare ihrer Kollegen. Sexistische Sprüche pariert sie mit kühlem Kopf und scharfer Zunge – und macht damit die Unverfrorenheit der Männer um sie herum doppelt sichtbar. Ausschalten kann sie den Machismo, von dem sie umgeben ist, damit allerdings nicht.

Agent Peggy Carter mag für die Zeit, in der sie agiert, eine kühne Vorreiterin sein. Sie ist smart, mutig und taff. Für ihre Leistungen will sie die Anerkennung und den Respekt, der ihr zusteht. Wie die Frauen in "Jessica Jones" steht sie mit beiden Beinen fest im Leben. Trotzdem bleibt sie eine Gefangene ihrer Zeit. Was könnte sie alles erreichen, wenn sie nur aus diesem Gefängnis ausbrechen könnte!?

Frauenpower bitte! Aber 'nen Doppelten!

Obwohl Agent Carter in Sachen Selbstbestimmung und Gleichberechtigung deutlich größere Hürden überwinden muss, als Jessica Jones im New York der Gegenwart, kann man von ihr etwas lernen, das auch heute noch gilt: Wer herablassend behandelt wird, sollte sich nicht scheuen, Paroli zu bieten. Einfach mal den Mund aufmachen und ansprechen, was da grade völlig daneben läuft. Und auch von der missmutigen Jessica Jones kann man sich etwas abschauen. Nämlich, dass man sich nicht immer so klein zu machen braucht.

Man muss nicht jedem gefallen und es muss einen auch nicht jeder lieb haben. Und wenn das Leben einem auf die Fresse haut: wieder aufstehen. Durchbeißen. Weitermachen. Nicht aufgeben. Es gibt immer einen Weg!


UNICUM Serientipp

Jessica Jones DVDJessica Jones

Thriller-Drama, USA 2015

13 Folgen à ca. 55 min.

Drehbuch: Melissa Rosenberg

Darsteller u.a.: Krysten Ritter, Rachael Taylor, Carrie-Ann Moss, Mike Colter

Verleih: The Walt Disney Company Germany

VÖ: 08. Dezember 2016

Online bestellen (Amazon): Jessica Jones


Agent Carter DVD

Agent Carter

Thriller-Drama, USA 2015

8 Folgen à ca. 40 min.

Drehbuch: Christopher Markus, Stephen McFeely

Darsteller u.a.: Hayley Atwell, James D'Arcy, Dominic Cooper, Enver Gjokaj

Verleih: The Walt Disney Company Germany

VÖ: 08. Dezember 2016

Online bestellen (Amazon): Agent Carter

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