Subkulturen des Spiels
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09. Aug 2016

Entertainment

Spielerische Demokratie: Haben Games Einfluss auf die Gesellschaft?

-ARCHIV-

Wie realistisch können Games sein – und wie sieht ihre Zukunft aus?

Games werden zu einer komplexen Erzählform

UNICUM: Herr Rawlings, in Hamburg werden Sie über "Games and Democracy" sprechen. Wenn wir uns die Erzählungen in Games anschauen: Sind diese wirklich demokratisch oder steht dort nicht meist das Überleben des Stärkeren – also des Helden – im Zentrum? Es ist eine ganz interessante Debatte, wo die Grenzen der Demokratie verlaufen. Nehmen Sie die Armee, aus der viele Games-Helden stammen: Das ist generell die undemokratischste Struktur, obwohl sie im Dienste der Demokratie steht. Spiele wie "The Last of Us" oder "This War of Mine" stellen unsere Erwartungen an solch ein Spiel und seine Thematik in Frage. Games entwickeln sich derzeit zu einer Erzählform, die sich auch komplexeren und nuancierten Konzepten zuwenden kann.

Sie arbeiten für Auroch Digital, die "Endgame:Syria" produziert haben – ein Spiel, das sich mit dem gegenwärtigen Krieg in dem Land auseinandersetzt. Wie realistisch kann ein Game sein, das auf einem solch schrecklichen Thema beruht? Ein Newsgame ist das spielerische Äquivalent zu einem Nachrichtenartikel. Es ist eine kurze Erzählform. Ich erwarte von solch einem Spiel genauso wenig die ganze Geschichte zu erzählen, wie es bei einem Fernsehbericht der Fall ist. Zwar stammen die in das Newsgame einfließenden Daten und Informationen aus der realen Welt, aber es ist nun mal ein bearbeiteter Verschnitt der Realität. Ein Newsgame und ein TV-Bericht sind unterschiedliche Methoden mit demselben Resultat: Die Zuschauer mit dem Geschehen zu konfrontieren.

Wenn wir uns einmal die Wirkung von Games auf die Gesellschaft ansehen: Sorgt Gaming in einem größeren Kontext für das Verschwimmen von sozialen Klassen und Geschlechtergrenzen, somit also für eine Demokratisierung? Die Bandbreite an Gamern hat sich massiv vergrößert. Innerhalb von Europa spielt jeder Dritte. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Forschung und kritische Stimmen mit dem Einfluss von Büchern, TV, Zeitungen, Filmen und Musik auf Klassen- und Geschlechtergrenzen – Games wurden da eher vernachlässigt. Hier fehlen uns noch Erkenntnisse zum Einfluss auf die Gesellschaft, zumal sich die Games-Branche schnell weiterentwickelt.

Games – in Zukunft ein akzeptiertes Studienfach?

Sprechen wir über Subkulturen: Sind Games noch immer ein Nischenthema oder werden sie mittlerweile in der Wissenschaft akzeptiert?Ich denke, sie sind auf einem guten Weg. Aber wenn die Daily Mail die BBC dafür attackiert, dass sie mit Games arbeiten, zeigt das eine unzeitgemäße Denke. Es gibt also noch immer etwas zu tun. Trotzdem ist die schiere Anzahl an Spielern und die Breite der Gaming-Subkultur eine starke Legitimation, um sie in den populären Diskursen aufzunehmen.

Glauben Sie, dass Games zu studieren eines Tages die gleiche Akzeptanz haben wird wie etwa Englische Literatur? Natürlich. Als Filme zum ersten Mal aufkamen, waren sie eine Neuheit. Niemand würde ihnen heute absprechen, dass sie Kunst sein können.

Hamburg war schon immer eine Stadt mit unterschiedlichen Medienunternehmen, vom klassischen Verlagsgeschäft bis zur Games-Industrie. Was können die unterschiedlichen Medien voneinander lernen?Jedes neues Medium ist eine Form der Re-Mediation; wir nehmen von dem Bekannten und erfinden es neu. Games haben sich von der Erzählung in Filmen beeinflussen lassen, jetzt aber entwickeln sie sich selbstständig weiter. Das macht aber etablierte Formen nicht weniger wichtig. Ein Blick lohnt sich etwa auf das Free-to-Play-Modell, mit dem sich Games der unendlichen Verbreitung – und Piraterie – angepasst haben. Gleiches gilt für die Nutzung von Open Source im Journalismus.

Mehr zur Ringvorlesung "Subkulturen Des Spiels"
  • Die kostenlose Ringvorlesung wird von der Arbeitsgruppe Games des RCMC – Research Center for Media & Communication Hamburg ausgerichtet.
  • Die Vorlesungsreihe ist öffentlich und findet bis zum 16. Juni immer dienstags, 18.30h-20h im Forum Finkenau statt.
  • Weitere Infos unter www.rcmc-hamburg.de/
  • Ein Kooperationspartner der Veranstaltung ist gamecity:Hamburg, das größte regionale Netzwerk der Games-Branche in Deutschland. Zusammen mit der HAW Hamburg entwickelte gamecity:Hamburg auch den Masterstudiengang "Games". Mehr Infos dazu unter www.gamecity-hamburg.de

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