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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM Kinotipp: A Silent Rockumentary

-ARCHIV-

Die Musik-Dokumentation startet am 27. Juni in den deutschen Kinos

Regisseur Jonas Grosch im Interview

UNICUM: In "A Silent Rockumentary" beleuchtest du letztendlich den Kampf einer Band in einer Zeit, in der Musiker immer mehr ums Überleben fürchten müssen. Warum hast du dich gerade diesem Thema gewidmet?Jonas Grosch: Das Thema hat mich schon immer interessiert. Ich höre viel Musik, die jetzt nicht im Radio rauf und runter läuft, und gehe gerne zu Konzerten. Dabei ist mir aufgefallen, dass bei Bands, die ich sehr gut finde, oft nur wenige Leute vor der Bühne stehen. Ich wundere  mich dann immer ein bisschen, dass die Bands trotz guter Musik und guter Musiker nicht weiter verbreitet sind. Eine Band, bei der mit das besonders aufgefallen ist, war Mardi Gras.BB.  Dieser Kampf umd Überleben, der in den letzten Jahren immer stärker geworden ist, interessiert mich natürlich auch wegen der gewissen Ähnlichkeit zum Filmgeschäft. Ich habe ja auch schon Independent-Filme gemacht und selbstständig ins Kino gebracht. Aber es wäre natürlich langweilig gewesen, wenn ich einen Film über das Filmemachen gemacht hätte und da im eigenen Sud geschwommen wäre.

Kam der Kontakt zu Mardi Gras.BB dann über ein Konzert zustande?Die Vorgeschichte ist ein bisschen länger. Ich habe mal von einer Freundin Musik von Mardi Gras.BB bekommen und war bei einem Konzert. Dann steuerten sie für meinen letzten Film "Die letzte Lüge", eine Komödie mit viel Musik, zwei Songs bei, dadurch habe ich die Band ein wenig kennengelernt. Da die Studioaufnahmen bei denen immer ganz interessant sein sollten, habe ich einfach gefragt, ob ich da mal mit einem Kameramann mitkommen kann. Mardi Gras.BB haben mir das relativ schnell erlaubt. Es war von Beginn an  ein sympathisches Aufeinandertreffen. 

Bist du bei der Band mit der Thematik deiner Dokumentation direkt auf offene Ohren gestoßen?Nein, das halte ich eigentlich immer so ein bisschen hinter der Hand. Mich hat natürlich ihre Arbeit an der Musik und das Aufnehmen der neuen Platte interessiert – das Thema als solches hatte ich zwar natürlich im Hinterkopf, aber bei einem Dokumentarfilm muss man auch immer gucken, ob’s überhaupt in diese Richtung geht. Wenn das Thema die Band gar nicht interessiert hätte, dann hätte ich es ihnen auch nicht aufgedrückt. Ich bin eher auf sie zugegangen mit dem Gedanken: Mal schauen, ob was Spannendes bei eurer Studioarbeit rumkommt.

Und was, wenn Mardi Gras.BB sich nun gar nicht mit der Urheberrechtsdebatte beschäftigt hätten? Hättest du dann einfach eine Doku über die Band gemacht, das Material verworfen oder dir eine andere Combo gesucht?Mardi Gras.BB vereint in sich schon soviele interessante Momente: Auf der einen Seite machen sie qualitativ hochwertige Musik, gleichzeitig sind sie eigentlich eine Publikumsband und auf der anderen Seite müssen auch sie kämpfen. Das alles war mir natürlich im Vorfeld bewusst. Was jetzt gewesen wäre, wenn ich gemerkt hätte, dass die das gar nicht interessiert, dass die es nicht schlimm finden, wenn nur 50 Leute bei ihrem Konzert sind … das ist schwierig zu beantworten. Aber wie gesagt, ich habe ein bisschen gespürt, dass das auch bei denen ein Thema ist. Und so war es dann auch.

"Musik ist Arbeit. Und die muss einfach bezahlt werden"

Wahrscheinlich bewegt diese Thematik aber alle Musiker und Künstler…Genau, das treibt relativ viele einfach um. Das Risiko für mich war jetzt aber nicht groß, das ist ja das Tolle beim Dokumentarfilm: Man geht mit den Musikern ins Studio und auf Tour und erlebt auf alle Fälle etwas. Außerdem habe ich von Anfang an gesagt, dass ich etwas ausprobieren will. Wenn ich jetzt nach Hause gekommen wäre und gemerkt hätte, das alles irgendwie langweilig ist, dann hätte ich es erst mal beiseitegelegt. Die Freiheit hatte ich, weil es ja keine Auftragsproduktion war.

Du verzichtest darauf, die Band und ihre doch recht bewegte Geschichte näher vorzustellen. Wie kam es zu dem Entschluss? Dieser Entschluss kam tatsächlich während der Arbeit an dem Film. Ich hätte natürlich im Sinne eines Portraits die komplette Band vorstellen können, aber ich wollte einfach einen Fokus setzen. Hätte ich jetzt die Bandgeschichte nacherzählt, hätte es das Hauptthema für mich verwässert. Ich wollte einen Film machen, der allgemein über den Wert von Musik erzählt. Deswegen wollte ich nicht zu speziell auf Mardi Gras.BB eingehen.

Die Doku ist letztendlich ein Stummfilm – und das bei einem Thema, über das wohl stundenlang debattiert werden könnte …Mich hat an dem Projekt gereizt, etwas über eine Band zu erzählen, aber nur über ihre Musik und ohne von O-Tönen abgelenkt zu werden. Zusätzlich kommt hinzu, dass der komplette Film sehr emotional aufgebaut ist. "A Silent Rockumentary" ist kein Debattenfilm über Urheberrecht, sondern eigentlich ein emphatischer Film, der versucht, den Zuschauer mitzunehmen in diese Welt der Musiker. Er versucht den Zuschauer verstehen zu lassen, was dahintersteckt. Man kann natürlich wahnsinnig viel über das Thema reden, und sollte das auch tun, aber ich habe in diesem Sinne keine Lösungsvorschläge. Ich versuche lediglich das Thema erfahrbar zu machen, Musik als Arbeit wahrzunehmen. Das ist auch Teil der Problematik in der heutigen Zeit: Wenn ich einen Song von YouTube nehme und ihn in MP3 umwandle, ist das nicht so schlimm, damit tu ich vermeintlich keinem weh, weil ich ja niemandem mir gegenüber habe. Es fehlt einfach die Sensibilisierung dafür, dass hinter Musik Arbeit steckt. Es ist wie im Supermarkt: da klaue ich auch keine Äpfel, obwohl ich es könnte. Weil ich sehe, dass hinter der Kasse jemand sitzt , der dafür bezahlt wird, dass er mir den Apfel verkauft.

Ist es das, was der Zuschauer am Ende mitnehmen soll?Es würde mich freuen, wenn das am Ende dabei rumkommt. Dadurch, dass ich mich immer viel mit Film und Musik auseinandergesetzt habe, hatte ich eh schon ein gewisses Bewusstsein. Dennoch: Die Arbeit an dem Film und die Fertigstellung haben das bei verstärkt. Ich denke jetzt mehr darüber nach, denn ich bin ja auch kein Heiliger und würde jetzt nicht behaupten, ich hätte noch nie Musik aus dem Internet privat genutzt. Das hat jeder schon einmal gemacht. Doch jetzt ist mir klarer geworden, wie viel Arbeit dahintersteckt. Oft wird gesagt, Musik wäre in erster Line eine Leidenschaft. Natürlich ist es auch die Leidenschaft, die Musiker antreibt, aber es ist auch Arbeit. Und die muss einfach bezahlt werden.

"Es geht um eine gewisse Ablösung, um eine Zeitenwende"

Zurück zur Stummfilm-Thematik: Man kann auch sagen, dass ein Stummfilm ein veraltetes "Modell" ist – ebenso vielleicht wie eine "klassische" Band wie  Mardi Gras.BB … Diese Parallele hatte ich von Anfang an im Kopf, so macht der Film auch inhaltlich Sinn und nicht nur ästhetisch. Das muss man jetzt aber nicht unbedingt mitnehmen, es wird einem nicht aufgedrückt, aber die Idee schwebt schon darüber. Es geht um eine gewisse Ablösung, um eine Zeitenwende. Die Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm war damals in den 20er, 30ern so prägnant gewesen, etwas Ähnliches findet jetzt definitiv auch statt. Es weiß nur noch niemand so genau, wohin es geht. In den nächsten Jahren wird sich das relativ klar in eine gewisse Richtung entwickeln. Aber es ist jetzt so eine Zeit, in der die Weichen neu gestellt werden.

Deine Doku begleitet die Musiker bei der Entstehung des neuen Albums und auf der Bühne. Das ist alles merklich zeit- und nervenaufreibend. Was ist deine Meinung nach dem filmen: Lohnt sich Musik bzw. Musikersein heute noch?Das ist schwierig zu beantworten. Ich kann es natürlich jetzt aus meiner Sicht als Filmemacher sagen. Ich muss auch gucken, wo ich meine Miete herkriege, das ist immer schwierig, und trotzdem würde ich sagen, dass es sich auf alle Fälle lohnt, Filme zu machen. Weil, … ich kann mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Musikern geht es wohl auch oft so. Wenn du wirklich Musiker bist, dann lohnt es sich für dich. Trotzdem muss man den Musiker vor sich selbst schützen, vor der Selbstausbeutung. Davor, dass diese Leidenschaft einfach alles andere beherrscht. Das ist zwar einerseits schön, aber dennoch muss es ja entlohnt werden. Es muss eine Lebensgrundlage da sein. Es wäre aber natürlich schade, wenn Musik nur noch diejenigen machen könnten, die parallel als Arzt arbeiten. Es sollte immer ein Beruf bleiben, den man ausüben kann. 

Du als junger Filmemacher in Deutschland – was sollte man für das Film-Business mitbringen?Es klingt zwar abgedroschen, aber es ist ein sehr steiniger Weg. Man braucht einen sehr langen Atem. Es gibt einfach wahnsinnig viele, die das auch machen wollen. Wenn du den Job nicht machst, findet es auch keiner schlimm. Es braucht dich keiner, weil es so viele gibt, die es auch machen wollen. Das ist eine Grundprämisse, mit der muss man klar kommen. Dementsprechend muss du dem eine gewisse Energie entgegensetzen, sagen: Doch ich muss aber Filme machen, denn ich kann das gut, ich habe eine besondere Vision. Wenn man den langen Atem hat, lohnt es sich auf jeden Fall, weil es einfach das Beste ist, was man machen kann (lacht). Aber das ist natürlich sehr individuell. . Man sollte sich einfach bewusst sein, dass man erst mal viel investieren muss.

Welche Projekte stehen in der Zukunft bei dir an?Ich habe viele verschiedene Sachen, die ich bei Produzenten liegen habe. Ich habe vor, nächstes Jahr wieder einen Film zu drehen, zusammen mit meiner Schwester Katharina Wackernagel, mit der ich schon viel zusammengearbeitet habe. Wir haben da wieder so ein Indieprojekt vor. Auch wir kommen nicht davon los.

Und irgendwann mal ein Hollywood-Blockbuster?(lacht) Der Wunsch ist jetzt nicht wirklich da, abgesehen davon, dass ich das auch gar nicht gut könnte – irgendwie  so einen "Transporter 6"  zu drehen. Es ist einfach nicht ganz mein Interessengebiet. Aber, dass mich überhaupt mal jemand anruft und sagt: "Hier wir geben die soundso viel Geld, mach‘ uns einen Film, der dir gefällt" – das wäre super. Das muss aber gar nicht Hollywood sein, dass kann gerne hier in Deutschland passieren. Denn letztlich geht’s mir nur darum, dass ich auch weiter die Möglichkeit habe, Filme zu machen, das ist das, woran ich arbeite. Alle Anrufe sind also gerne willkommen! (lacht)

A Silent Rockumentary

Musikdokumentation, D 2012

Regie: Jonas Grosch

Protagonisten u.a.: Mardi Grass.BB

Verleih: RésisteFilm

Kinostart: 27. Juni 2013

www.facebook.com/ASilentRockumentary

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