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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM Kinotipp: Master of the Universe

-ARCHIV-

Der Dokumentarfilm läuft seit dem 07.11. im Kino. UNICUM sprach mit Regisseur Marc Bauder

Zum Film "Master of the Universe"

"Bei einer Bank ist es letzten Endes wie bei der Armee" – Rainer Voss weiß, wovon er spricht. Jahrzehntelang war der Ex-Investmentbanker für große Bankkonzerne tätig, hat mit Millionenbeträgen jongliert und sich ganz den Gesetzen der Branche unterworfen. Nun bricht er das Schweigen – und offenbart die Abgründe des Finanzwesens: "Vor 20 Jahren war die Haltedauer einer Aktie im Durchschnitt 4 Jahre und heute sind wir bei 22 Sekunden. Der Sinn einer Unternehmens-beteiligung für 22 Sekunden zu behalten. Also das kann mir keiner erklären". Dabei blickt er nicht nur auf die vergangene Finanzkrise zurück und veranschaulicht die Tätigkeit eines Bankers, er wagt zudem einen Blick in eine düstere Zukunft ...

"Master of the Universe" ist ein fesselnder wie authentischer Dokumentarfilm, der in stimmungsvollen Bildern ein genaues Bild der Finanzbranche zeichnet. Mit Rainer Voss hat Marc Bauder einen Protagonisten gefunden, der ebenso klug wie verständlich diese Parallelwelt beschreibt. Die unaufgeregte Art, mit der Voss Rede und Antwort steht, macht seine Aussagen nur umso schockierender. Kino, das bewegt – und die Augen ein Stück weit für bislang scheinbar verborgene Machenschaften öffnet.

"Es geht nur um die Reproduktion und nicht um das Hinterfragen"

UNICUM: Marc, für dich als ehemaligen BWL-Studenten: War es da eigentlich zwangsläufig, dass du dich auch filmisch mit der Finanz- und Wirtschaftsbranche auseinandersetzt?Marc Bauder: Eigentlich schon. Ich habe ja BWL zu Ende studiert, aber während meines Studiums schon Filme gemacht. An der Wirtschaftswelt kann man meiner Meinung nach viele Dinge ablesen, die in der restlichen Gesellschaft wiederzufinden sind. Was mir bei meinem BWL-Studium aufgefallen ist: Wir haben Theorien und Formeln auswendig lernen müssen, die auf irgendwelchen Annahmen beruhten. Uns wurde aber nie erklärt, wie man zu diesen Annahmen gekommen ist. Es geht nur um die Reproduktion und nicht um das Hinterfragen. Die Finanzmärkte bilden die Speerspitze der Dinge, die derzeit passieren. Um mein Leben und die Gesellschaft verstehen zu können, muss ich mich mit der Wirtschaft beschäftigen – denn diese hat einen enormen Einfluss auf alles.

Dabei handelt es sich letztendlich doch um eine Parallelwelt…Absolut. Es gibt eigentlich keine Verbindung zwischen den beiden Welten. Doch das Handeln derer aus der Finanzwelt hat Einfluss auf unser Leben. Das Tragische daran ist, dass Investmentbanker so abgekoppelt sind, da gibt es keine Verbindung zwischen dem Handeln und der Konsequenz. Gleichzeitig haben sie einen enormen Einfluss auf unser Leben, weil z.B. die Einschnitte, die durch die Wirtschaftskrisen entstanden, von der Gesellschaft getragen werden. Ich wollte mit "Master of the Universe" verstehen lernen, wer diese Menschen sind und was sie antreibt. Wir und auch die Politik sprechen immer von "Märkten". Aber hinter den Märkten verbergen sich Menschen. Und mit denen muss ich mich auseinandersetzen, wenn ich irgendetwas verändern will.

Repräsentiert Rainer Voss für dich den Prototypen eines Bankers?Das kann man schlecht sagen. Er besteht ja auch darauf zu sagen, dass sich in der Bankenwelt ein Querschnitt der Gesellschaft finden lässt. Diese Ansicht teile ich nicht so ganz. Rainer Voss ist ein wenig atypisch – das muss man aber auch sein, um sich so offen und ehrlich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber das was er erzählt, die Geschichten und die Psychologie, das ist schon Prototyp. Für alle anderen, die in dieser Welt noch drinstecken, ist Reflektion ausgeschlossen. Das Einzige was zählt, ist die schnelle Ausnutzung von Informationsvorsprüngen. Da bleibt dann einfach keine Zeit zur Reflektion.

"eine Entmystifizierung dieser Welt"

Haben dich die Aussagen von Rainer Voss in deinen Ansichten bestätigt?Was "Master of the Universe" leisten kann ist eine Entmystifizierung dieser Welt. Je mehr ich erfahren habe, umso erschrockener war ich darüber. In dieser Welt besteht noch weniger Theorie und Fundament, als ich ohnehin schon dachte. Wir haben alle ein komisches Bauchgefühl, wir fragen aber dennoch nicht nach, weil wir die Theorien nicht verstehen. Mein Film zeigt jetzt, dass diese Theorien manchmal kein Fundament haben. Dass es so offen und leer ist, das war mir vorher ebenfalls nicht klar.

Hattest du auch Kontakt zu anderen Mitarbeitern der Branche?Ich habe auch Leute kennengelernt, die sich ähnlich kritisch wie Rainer Voss äußerten, sich aber nicht getraut haben, das vor der Kamera zu tun. Die sind sich schon bewusst, welche Konsequenzen ihr Handeln hat. Natürlich nicht unbedingt Eins-zu-Eins, sprich: "Wenn ich heute etwas kaufe, dann leidet jemand in einem anderen Land darunter". Aber sie wissen, dass das, was sie getan haben, gewisse Kollateralschäden in der Gesellschaft hinter sich gezogen hat. In diesen Fällen bin ich entsetzt und ratlos und frage mich, warum diese Menschen weiter schweigen. Ein hochrangiger Vorstand meinte einmal: „Klar, wird das Konsequenzen haben, was hier passiert – aber bis die wirklich alle hochpoppen, bin ich gar nicht mehr da. Das müssen meine Kinder ausbaden“. Diese Aussage finde ich schon ziemlich sarkastisch; dass selbst die Verantwortung für die eigenen Kinder nicht übernommen wird.

Aber warum traut sich niemand, offen zu sprechen?Finanziell haben die alle kein Problem. Es geht mehr um den Zusammenhalt einer kleinen Gruppe. Rainer Voss spricht von Familienersatz, und das schweißt sie zusammen. Da ist die Angst, dass man ausgeschlossen wird, wenn man irgendwelche kritischen Fragen stellt. Dieses System ist nicht dazu gemacht, dass die Leute dazu angehalten werden, Verbesserungsvorschläge zu machen. Sie sollen einfach innerhalb des vorgegeben Rahmens alles durchoptimieren. Dadurch werden auch Quergeister gar nicht erst angenommen oder relativ schnell ausgeschieden.

Dadurch begeben sich die Banker in eine gesellschaftliche Isolation – das ist schwer nachzuvollziehen…Jeder strebt nach Anerkennung und es gibt die unterschiedlichsten Wege, diese zu bekommen. Bei diesen Menschen scheint das über das Gefühl von Macht, über Wissensvorsprüngen oder etwas in der Art zu funktionieren. Zu sagen, dass ich Mitleid mit ihnen habe, ist falsch,  aber es ist für mich nach dem Dreh noch unverständlicher geworden, warum man das mitmacht. Aber eine Faszination ist nach wie vor da, es gibt weiterhin Bewerbungen  und innerhalb der Wirtschaftswissenschaften keine besonders großen Bestrebungen, die Lernpläne zu ändern.

"Dieser Wettbewerbshabitus, das ist kein steuerbares Ding"

Muss man jungen Menschen jetzt davon abraten, in die Branche einzusteigen?Sie sollten sich zumindest bewusst machen, wie diese Branche funktioniert und auf welchen Mechanismen sie basiert. Mir war bei "Master of the Universe" wichtig, die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der stellvertretend für eine Kaste steht. Auch um zu zeigen, wie diese Verformung stattfindet. Das ist ein schleichender Prozess, der unterschwellig abläuft. Ich kann jetzt nicht natürlich daher gehen und den Leuten einen Einstieg in der Branche verbieten, aber es ist wichtig, dass man wieder anfängt Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Wer in der Öffentlichkeit Kritik äußert oder Missstände benennt, wird dafür nicht unbedingt gelobt. Daher werden wir immer passiver. Aber wir können nicht darauf warten, dass diese Branche sich von sich aus erneuert. Die wird sich nicht verändern. Wir können jedoch anfangen, durch unsere Art von Konsum und durch unsere Vorstellung vom Leben darauf Einfluss zu nehmen – auch wenn es lange dauert.

Wie meinst du das genau?Ich bringe immer den Vergleich, dass man vor 20 Jahren Bio-Läden noch geschmäht hat. Jetzt hat aber plötzlich jeder große Supermarkt eine Bio-Kette. Und zwar aus rein finanziellen Gründen. Und nur so kann es funktionieren. Es gibt mittlerweile auch viele Öko- und Ethikbanken. Und wie Rainer Voss auch sagt: Ein Privatkunde braucht keine große internationale Bank. Die Bedürfnisse, die wir als Bürger haben, kann auch eine Volksbank  abdecken. Man kann sich also wenigstens überlegen, wo man sein Geld anlegt und zu welchen Konditionen. Die Menschen vergleichen Mobiltarife, nur um minimal Cents zu sparen, aber keine überlegt sich, was die Altersvorsorge für Konsequenzen mit sich bringt . Alle sagen: "Da kenn ich mich nicht aus und mein Berater sagt mir…" – aber das sind Angestellte der Bank!

Welche Aussage von Rainer Voss hat dich persönlich am meisten bewegt?An einer Stelle erzählt er von einem Punkt in seinem Leben, an dem die Bank zu seiner Familie wurde und er sich vorstellen konnte, seine richtige Familie zu verlassen. Wenn man so weit ist, dann ist man regelrecht abgekoppelt  von der Realität. So etwas kann sich keiner vorstellen, der frisch in den Beruf einsteigt. Diese Branche macht etwas mit den Menschen – plötzlich glaubt man, dass die ganze Energie aus dieser Finanzwelt kommt und aus den Arbeitskollegen, die aber doch im ständigen Wettbewerb stehen. Das fand ich sehr beängstigend.

Voss hat selbst erfahren, wie schnell man aus dieser "Familie" ausgestoßen werden kann …Danach habe ich ihn auch gefragt. Wenn du aber da drin bist – er spricht von einem Hamsterrad –, dann ist dir das nicht bewusst. Da findet sich ein Typus Mensch wieder, der sich aneinander reibt und sich hochschaukelt. Dieser ganze Wettbewerbshabitus, das ist kein steuerbares Ding.

"wir alle müssen alle aus unserer Passivität raus"

Hattest du von Anfang einen pessimistischen Ton für deinen Dokumentarfilm vor Augen?Natürlich ist "Master of the Universe" erst einmal pessimistisch. Aber ich will die Leute damit in erster Linie wachrütteln, ich will sagen: Ihr seid nicht unmündig. Ihr habt ein Recht darauf, dass euch alles erklärt wird. Ihr müsst nachfragen – und wir alle müssen alle aus unserer Passivität raus. Wir müssen von der Politik einfordern, dass uns Entscheidungsprozesse verdeutlicht werden. Bislang ist es eine einseitige Kommunikation, denn aus der Finanzwelt kommen Botschaften, die nicht wirklich erklärt werden. Wir sollten anfangen alles, was uns vorgesetzt wird, auch zu hinterfragen. Das Finanzwesen spricht eine Fremdsprache, die kaum einer versteht. Deswegen steigen wir irgendwann aus. Aber die müssen uns erklären, was da passiert – denn wir müssen die Konsequenzen tragen!

Hast du denn vor, dich auch in Zukunft mit diesem Themenbereich zu beschäftigen?Ich überlege einen Spielfilm zu machen, allerdings mit einer anderen Fragestellung: Was muss passieren, bis jemand, der in diesem System aktiv ist, sich dagegen wendet. Alles, was in diesen Branchen passiert, ist zwar abgekoppelt von uns, aber zieht sich auch in unsere Gesellschaft hinunter. Deswegen werde ich mich auch in Zukunft immer wieder mit der Wirtschaft und mit Menschen in Wirtschaftssystemen beschäftigen. Denn ich beschäftige mich immer mit Menschen und mit ihrem Handeln.

UNICUM Kinotipp

Master of the Universe

Dokumentarfilm, D 2013

Regie: Marc Bauder

Verleih:  Bauderfilm

VÖ: 07. November 2013

www.master-of-the-universe-film.de

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