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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM Kinotipp: The Human Scale

-ARCHIV-

Die Dokumentation "The Human Scale" ist seit dem 31.10. im Kino zu sehen

Warum fehlt es in den Städten an Menschlichkeit?

Wir vergessen viel zu oft, was es bedeutet zu leben. Nicht nur immer dann, wenn der Alltag uns nur noch zu Existenzen werden lässt und der Stress uns blind macht für alles, was nicht Arbeit ist. Dieses Vergessen fängt schon bei unserer Basis an. Ein Beispiel: In Städten leben Menschen. Natürlich, wird jeder Leser jetzt sagen, was soll daran nicht zu verstehen sein. Aber hast Du über die Bedeutung des Satzes gerade wirklich nachgedacht? Noch einmal: Menschen leben hier. Warum aber, wenn diese Tatsache das Natürlichste der Welt ist, hat beispielsweise der Verkehr oft die Priorität? Warum werden Plätze und Wände grau gehalten, die Gebäude immer größer und die Straßen immer enger und unübersichtlicher? Warum, wenn doch Menschen hier leben, fehlt es in den Großstädten an Menschlichkeit? Mit dieser Frage setzt sich die Dokumentation "The Human Scale" des dänischen Regisseurs Andreas Dalsgaard auf eine einfühlsame und bewegende Art auseinander.

Bis 2050 werden 80 % der Menschen in Städten leben

Die Anonymität der Großstadt, sie ist schon längst keine romantische Vorstellung mehr - sondern ein Symbol für die Einsamkeit des Individuums in der modernen Masse. Dass dieser Umstand einen negativen Einfluss auf unsere Lebensweise hat, ist nicht sonderlich erstaunlich. Umso fraglicher ist es deswegen, warum der Städtebau immer noch nicht gelernt hat, sich wohnlicher zu gestalten, wie "The Human Scale" zeigt. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass momentan schon 50% der Weltbevölkerung in großen Städten lebt, und die Zahl bis 2050 nach Schätzungen auf 80 % ansteigen wird.

Menschen wünschen sich Platz für ein soziales Miteinander

Im Mittelpunkt des Films steht der Ansatz des renommierten Architekten Jan Gehl, der sich seit den 70er Jahren damit beschäftigt, wie Menschen sich in Städten verhalten. Anhand seiner empirischen Forschungen, die aus langjährigen Beobachtungen und Befragungen von Stadtbewohnern bestehen, ist vor allem eins deutlich geworden:je weniger Platz da ist, desto weniger belebt ist der Ort. Zudem wünscht sich der Großteil der Menschen eine Umgebung, die ein soziales Zusammenleben ermöglicht und in der dafür Raum geschaffen wird. 

Christchurch - ein Neuanfang

Das wird an vielen Beispielen im Film verdeutlicht, wie am Wiederaufbau der neuseeländischen Stadt Christchurch, deren Zentrum im Jahr 2011 fast vollständig von einem gewaltigen Erdbeeben zerstört worden ist. Um das Traumata des Verlustes zu überwinden, sollten die Bewohner der Stadt in den Wiederaufbau eingebunden werden. In zahlreichen Versammlungen, Umfragen und Projekten ist deutlich geworden, dass fast niemand sich hier Hochhäuser wünscht, dafür aber Orte, an denen Menschen zusammen kommen können. Geschichtsträchtige Gebäude waren ihnen wichtiger als moderne Architektur, ebenso wollten sie Plätze schaffen, um zusammen zu kommen.

Wirtschaftliche Interessen haben den Vorrang

Das Interesse und Engagement der Bürger war enorm. Der damals amtierende Bürgermeister war offen für all diese Vorschläge, sein Nachfolger jedoch sah keine gute wirtschaftliche Grundlage in diesem Konzept. Die Stadt wäre damit kein attraktiver Standort mehr sein für Anleger wie Firmen und Hotels. Das Projekt ist damit geplatzt - doch wenigstens wurde der Wunsch übernommen, kein Gebäude höher als 7 Etagen zu bauen.

Wie kann man diesen Prozess stoppen?

Diesen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen stellt Andreas Dalsgaard recht einseitig heraus, da er den ökonomischen Standpunkt in seinem Film vernachlässigt. Dass dies allerdings berechtigt ist für einen Film, dessen Ziel eben die Kritik an dieser vorherrschenden Ungleichheit ist (denn nach wie vor ist es meistens die Wirtschaft, zu deren Gunsten entschieden wird), steht außer Frage.

Die Dokumentation konzentriert sich auf die Fragen, wie man diesen scheinbar unaufhaltsamen Prozess stoppen kann und mit welchen einfachen Mitteln der Architektur die Welt wieder ein bisschen besser werden kann. Dabei weist sie immer wieder auf die Fehlplanungen der Städte hin, die in der westlichen Welt nach und nach erkannt werden, aber in Megastädten Asiens gerade ein Revival feiern - und welche Misere daraus für die dort lebenden Menschen entsteht. "Wenn wir aus Städten Orte machen, in denen sich unsere Kinder nicht bewegen können, wird es diesen Kindern als Erwachsenen an Menschlichkeit fehlen," heißt eine zentrale Aussage des Filmes und drückt damit die Problematik auf den Punkt aus. Denn die Kraft von "The Human Scale" liegt vor allem darin, den Zuschauer daran zu erinnern, worauf es im Leben ankommt: nämlich zu leben.

The Human Scale

Dokumentation, DK 2013

Regie: Andreas Dalsgaard

mit u.a.: Jan Gehl, Rob Adams, He Dongquan

Verleih: NFP

Kinostart: 31.Oktober 2013

www.thehumanscale-derfilm.de

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