Fable Anniversary
Games
xBox360
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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM spielt: Fable Anniversary

-ARCHIV-

Ein Rollenspiel-Klassiker will es nochmal wissen!

Es war einmal …

"Fable" entführt uns in das idyllische Albion, eine bunte, mittelalterliche Fantasywelt, in der sich großspurige Helden tummeln, garstige Unholde ihr Unwesen treiben und das einfache Volk fleißig seine Neurosen pflegt. Ja, Albion kann als Schauplatz einer seichten Genre-Satire verstanden werden, in der allerlei Archetypen aus märchenhaften Gute-Nacht-Geschichten Bekanntschaft mit dem schwarzen Humor britischer Art gemacht haben - Monty Python lässt grüßen!

In diesem Umfeld beginnt die Geschichte unseres Helden, im beschaulichen Dörfchen Oakvale: Hier verleben wir glücklich unsere Kindheit, bis eines Nachts eine plündernde Räuberbande das Idyll zerstört. Mordend und brandschatzend wird unser Heimatdorf dem Erdboden gleich gemacht, unser Vater erschlagen, Mutter und Schwester entführt. Dem Massaker entkommen wir nur knapp, indem wir die Hilfe des plötzlich auftauchenden Magiers Maze annehmen, der uns Zuflucht in der Heldenakademie von Albion gewährt. Dort verlebt unser Protagonist die folgenden Jahre, während derer er zum Helden ausgebildet wird. Auf dem Lehrplan stehen dabei nicht etwa Literatur und Mathematik, sondern Bogenschießen, Schwertkampf und Magie – die drei Hauptfertigkeiten, mit denen wir uns künftig durch Albion schlagen werden. Nachdem wir unsere Ausbildung erfolgreich absolviert haben, lassen wir unsere Jugend hinter uns und starten als gestandener Mann (ja, das Geschlecht ist leider vorgegeben) und vollwertiger Held in unser Abenteuer.

Aufgehübscht, aber nicht wirklich schön

Soweit, so gut: Was die Story und ihre Entwicklung angeht, unterscheidet sich "Fable Anniversary" nicht von seiner Vorlage. Bei der Präsentation allerdings hat sich einiges getan, denn hier wurde dem in die Jahre gekommenen Titel ein ordentlicher Neuanstrich verpasst: Sämtlich Texturen wurden neu aufgelegt und die Auflösung entsprechend hochgeschraubt. Die Charaktermodelle sowie das Environment wurden um einige Polygone bereichert, so dass sich – im wahrsten Sinne des Wortes – ein runderes Gesamtbild ergibt. Hinzu kommen die komplett überarbeiteten Beleuchtungseffekte mit dynamischem Schattenwurf sowie die modernisierten Zaubereffekte, die einiges zur stimmungsvollen Atmosphäre beitragen.

Wer also das Original von 2004 noch vor dem inneren Auge hat, für den wird es ein wahre Wonne sein, durch das frisch renovierte Albion zu streifen, bekannte Orte endlich im 16:9-Panorama betrachten zu dürfen sowie staunend bewundern zu können, wie das im Wind wiegende Blattwerk die goldenen Strahlen der Abendsonne bricht. Wer allerdings noch nie etwas von "Fable" gehört bzw. gesehen hat, der wird beim Anblick von "Fable Anniversary" mit großer Sicherheit erst einmal fragend die Stirn runzeln. Denn: Im Vergleich zu der 10 Jahre alten Version macht "Fable Anniversary" zwar einiges her, mit aktuellen Games – selbst aus dem Niedrigpreis-Segment – kann sich das HD-Remake hingegen nur schwer messen. Das liegt weniger an den zum Teil verwaschenen Texturen, als vielmehr an der starren Mimik sowie den antiquierten Bewegungsanimationen sämtlicher Figuren, welche die alten Holzpuppen von damals unter dem neuen Make-Up deutlich sichtbar werden lassen.

Alte Stärken, neue Schwächen

Am Gameplay hat sich generell nichts verändert und das ist auch gut so. Schließlich konnte selbiges in kaum abgeänderter Form auch im zweiten und dritten Teil der Reihe überzeugen. Die gebotene Entscheidungsfreiheit – das Markenzeichen der Fable-Reihe – können wir auch hier ungehindert genießen: Es steht uns frei, nach Lust und Laune questen zu gehen, Erfahrungspunkte zu sammeln und für neue Fertigkeiten auszugeben, der Schatzsuche zu frönen, die Angelrute auszupacken, uns neu einzukleiden, den Körper unseres Helden mit Tattoos zu pimpen, Immobilien zu kaufen, diese einzurichten und zu beziehen oder sie an andere zu vermieten.

Auch das Interagieren mit Nichtspieler-Charakteren (NPC) mittels Emote-System spielt eine große Rolle: Zeigen wir durch Quests erworbene Trophäen herum, steigt unser Bekanntheitsgrad in Albion, benehmen wir uns daneben, stoßen wir bei der Bevölkerung auf Angst und Abscheu, mimen wir hingegen den galanten Helden, ernten wir Bewunderung und Beifall. Ist uns ein NPC besonders sympathisch, können wir mit Geschenken und gezielten Flirts sein Herz erobern und uns somit einen Ehepartner anlachen – und das geschlechterübergreifend! Der anschließenden Familiengründung steht dann auch nichts im Wege. Allein diese kurze Aufzählung verdeutlicht, welche Möglichkeiten "Fable" den Spielern bereits vor 10 Jahren eröffnete.

Sinnvolle Aktualisierungen erfuhr "Fable Anniversary" bei der Steuerung – so lässt sich frei wählen, ob wir mit der Tastenbelegung des Originals oder der Folgeteile Hand anlegen möchten. Leider ändert dies nichts am etwas hakeligen Kampfsystem, was anfangs nicht nur Eingewöhnungszeit, sondern auch Nerven kostet. Eine weitere Modernisierung wäre allerdings auch für das User-Interface wünschenswert gewesen. Zwar wurde das Inventar-Menü auf sinnvolle Art und Weise generalüberholt, das Schnellwahl-Menü bleibt jedoch leider unverändert: Immer noch müssen wir uns über das Steuerkreuz umständlich durch verschachtelte Listen quälen, um an das gewünschte Item oder Emote zu gelangen. Das ist nicht nur nervtötend, sondern auch besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass dieses Defizit bereits im zweiten Teil durch ein simples Radial-Menü gelöst wurde. Konsequenterweise hätten die Entwickler diese Lösung ebenfalls für das Remake übernehmen müssen.

Ein weiteres Gräuel stellen die ständigen Ladebildschirme dar: Albion ist alles andere als eine Open-World – die zu bereisende Welt ist zwar groß, aber nur über kleine aneinanderhängende Gebiete zu durchqueren. Mit Blick auf die Rechenleistung der Hardware im Jahre 2004 ist es nachvollziehbar, dass seinerzeit der Wechsel von einer Karte zur anderen durch eine kurze Ladephase unterbrochen werden musste. Dass eine aktuelle Konsolengeneration, die Riesen wie "Skyrim" oder "GTA" hervorgebracht hat, bei einem Kartenwechsel in der Größenordnung von "Fable Anniversary" jedoch eine Ladephase von ca. 5-10 Sekunden benötigt (und das jedes Mal!), ist eine wahre Zumutung und hätte verhindert werden müssen.

Und hier kommen wir zur Achillesferse des HD-Remakes: der Technik. Was Lionhead Studios uns hier vorlegt, ist (zurzeit) leider weit von einem fertigen Produkt entfernt. Abgesehen von ein paar Bugs und Glitches, sind hier vor allem regelmäßig wiederkehrende System-Abstürze zu bemängeln. Hinzu kommt eine instabile Framerate, die zuweilen unnachvollziehbar in den Keller sackt. Bleibt zu hoffen, dass hier mit einem Update nachgebessert wird.

Smart-Glass – alles andere als smart!

Fable Anniversary kommt mit Xbox Smart Glass-Unterstützung auf den Markt, also einer interaktiven Einbindung von Smart-Tablet via Microsoft-App. Laut Entwickler soll dies "einen der interessantesten Zusätze"des HD-Remakes darstellen. Über das Tablet soll Spielern der Zugriff über eine interaktive Karte der Spielwelt sowie Infos zu verborgenen Geheimnissen und Hintergrundinformationen zu Spielcharakteren geboten werden. Was uns allerdings tatsächlich aufgetischt wird, ist eine Applikation, die aufgrund von Ladeschwierigkeiten und gravierenden Performanceproblemen schlichtweg nicht zu verwenden ist. Schade: Nette Idee –katastrophale Umsetzung.

Fazit

"Fable" war seinerzeit ein Meilenstein – wer weiß das besser als sein Entwickler Lionhead Studios, der nun versucht, den Klassiker mit einem HD-Remake ins Jahr 2014 zu überführen. Das Ergebnis ist mehr als zweifelhaft! Es stellt sich die Frage, wen dieses Spiel eigentlich erreichen soll. Sicher – Spieler, die vor zehn Jahren mit glänzenden Augen erstmals die Gefilde Albions durchstreift haben, werden dem Titel gerne eine Chance geben: Der guten alten Zeiten willen. Vielleicht wird diese Zielgruppe auch geneigt sein, bei all den technischen Unzulänglichkeiten das ein oder andere Auge hinter der rosa-roten Nostalgie-Brille zuzukneifen. Aber der Rest? Weder optisch noch gameplay-technisch kann dieser Titel "Fable"-fremde Spieler im Jahr der Next-Gen-Konsolen hinter dem Ofen hervorlocken. Und falls sich doch einer an "Fable Anniversary" verirrt, wird er dessen Mängel wohl kaum verzeihen. Vor allem dann nicht, wenn der Titel für rund 40 Euro über die Ladentheke gehen soll.

Kurzum: Fable ist und bleibt ein tolles Spiel, aber auch ein HD-Remake kann über 10 Jahre Gaming-Evolution nicht hinwegtäuschen. Unser Tipp: Warten, bis alle Fehler behoben wurden und das Game auf dem Grabbeltisch für 15 Euro zu haben ist.

 

Fable Anniversary

Lionhead Studios/Microsoft Studios

Erhältlich für Xbox360

USK ab 16

www.lionhead.com

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