Foto:

09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM spielt: Mars: War Logs

-ARCHIV-

Endzeitlicher Mars-Trip zum Dumpingpreis

Total Recall meets Dune

In nicht näher definierter Zukunft ist es der Menschheit gelungen, den Mars zu kolonisieren. Siebzig Jahre lang treiben zahlreiche Kolonisten die Kultivierung der öden Weiten des roten Planeten heran, um allmählich eine mit Sauerstoff angereicherte Atmosphäre aufzubauen. Die Industrie boomt, die Wirtschaft blüht auf. Dann ereignet sich eine kosmische Katastrophe, welche die Rotation des Planeten neu ausrichtet und den Großteil aller Städte und Ansiedlungen der Menschen einer alles vernichtenden Strahlung aussetzt.

Während einigen der Rückzug in sichere Gebiete gelingt, fallen andere der Strahlung zum Opfer und werden seither, sofern sie nicht an den Folgen starben, von schwerwiegenden Mutationen geplagt. 200 Jahre nach dieser Katastrophe hat sich das fortschrittliche Kolonisations-Projekt in einen postapokalyptischen Trümmerhaufen verwandelt. Der Kontakt zur Erde ist  abgerissen, die technische Entwicklung der Degeneration anheimgefallen und überall herrscht Ressourcenknappheit.

Kein Wunder also, dass sich unter diesen Umständen die Machtverhältnisse neu ausrichten mussten. Entsprechend werden die zivilisierten Enklaven des Mars nun von vier Wasserversorgungskonzernen beherrscht, die sich als Gilden nicht länger wirtschaftlich Konkurrenz machen, sondern im kriegerischen Konflikt um das alleinige Monopol der knappsten Ressource und somit um die Herrschaft über den Mars kämpfen.

In der Rolle von Roy, einem ziemlich harten Typen mit mysteriöser Vergangenheit, zwei unterschiedlichen Irisfarben und einem – zugegeben – etwas fragwürdigen Geschmack, was Frisur- und Bartgestaltung angeht, nehmen wir an vorderster Front am Kampfgeschehen teil. Als Soldat der Gilde Aurora werden wir von der gegnerischen Fraktion Abundance gefangengenommen und ins Straflager 19 überführt, wo die Geschichte von Mars: War Logs  beginnt.

Nachdem wir einen jungen Mithäftling namens Innocence vor einer Vergewaltigung unter der Sanddusche bewahrt haben, machen wir uns gemeinsam mit ihm auf die Suche nach einer Möglichkeit, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Der Ausbruch gelingt schließlich und wir können in das Hoheitsgebiet von Aurora zurückkehren.

Dort hat sich jedoch einiges verändert: Zwar konnte die Gilde den Krieg zwischenzeitlich gewinnen, doch herrscht sie nun in Form eines Terror-Regimes über die gebeutelten Einwohner. Gleichzeitig nimmt die Kriminalität überhand, während Widerstandskämpfer drohen, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen. Und bevor wir uns versehen, befinden wir uns zwischen den Fronten und werden von allen Seiten gejagt, während wir einer geheimnisvollen Verschwörung auf den Grund gehen.

Der Mars: hübsch, aber etwas angestaubt

Ein aktuelles Motto der Film- und Game-Industrie lautet: Postapokalypse geht immer! Das gilt auch für Mars: War Logs. Sowohl die aus Trümmern und Wrackteilen zusammengezimmerten Wohngebiete der Mars-Menschen als auch die runtergekommenen, laut ratternden Industrie-Maschinen, die wir auf unserem Weg bestaunen dürfen, fangen die altbekannte wie beliebte "Mad Max"-Atmosphäre überzeugend ein. Die hochauflösenden Texturen sowie die dynamischen Licht- und Schatteneffekte tun dabei ihr Übriges.

Den Vergleich zu aktuellen Vollpreis-Spielen braucht Mars: War Logs  diesbezüglich nicht zu scheuen. Leider gilt das nicht für die Charakteranimationen. Zwar lassen auch hier Design und Texturen nichts zu wünschen übrig, bei den Gesichts- und Bewegungsanimationen hapert es jedoch meist. So wirken die Gesten der Protagonisten in den Dialog-Situationen stets hölzern und die Mimik starr. Das fällt umso störender auf, da Mars: War Logs  nur eine sehr geringe Variation der Charaktermodelle und Bewegungsanimationen aufweist.

Wer recycelt, lebt länger

Überaus abwechslungsreich gestaltet sich hingegen das Crafting-System. Da auf dem Mars einfach alles Mangelware ist, schustern wir unsere Ausrüstung selbst zusammen. Und zwar aus dem Zeug, was gerade zur Verfügung steht: Metallplatten, Knochen, Batterien usw. Auf diese Weise können wir nicht bloß Munition und Heiltränke basteln, sondern auch unsere Ausrüstung modifizieren.

Im Laufe unserer Reise, fällt uns immer wieder Equipment in die Hände, das mit Aufrüstungs-Slots ausgestattet ist. Je nach Qualität des Gegenstandes können ein oder mehrere Verbesserungen vorgenommen werden. So lässt sich eine Lederkluft beispielsweise mit Schulterplatten und Schienbeinschonern aufmotzen, welche den Rüstungsschutz nach oben treiben oder andere Fähigkeiten verstärken. Aus einer einfachen Metallstange lässt sich so auch schnell ein tödlicher Hammer oder ein Schock-Stab anfertigen.

Wer jetzt denkt, "Was soll ich mit 'ner gepimpten Metallstange auf dem Mars? Ich nehm' lieber das Blaster-Gewehr!", wird sich damit arrangieren müssen, dass Mars: War Logs  keine aktive Verwendung von Feuerwaffen bietet. Alle Kämpfe werden mit Hiebwaffen ausgefochten! Die einzigen Schusswaffen, die es auf dem Mars gibt, sind mechanische Nagelpistolen, von denen wir zwar auch Gebrauch machen können, allerdings lässt sich eine solche nur in Form einer Spezialfertigkeit einsetzen – und die Munition ist zudem knapp.

Prügeln, schleichen, brutzeln

Trotzdem entpuppt sich das Kampfsystem als sehr dynamisch und unterhaltsam. Zum einen, da Mars: War Logs  auf viele unterschiedliche Gegner-Typen und somit auf eine taktisch angelegte Spielweise setzt; zum anderen, weil wir über diverse Fähigkeiten verfügen, die wir im Schlachtgetümmel einsetzen können.

Schließlich gehört Roy zu der privilegierten Gruppe sogenannter Technomanten, begabten Menschen, die Kraft ihres Geistes und unter Zuhilfenahme von präapokalyptischer Technologie elektromagnetische Energien freisetzen können. Dies ermöglicht uns beispielsweise, Lichtbögen auf Gegner zu schleudern, unsere Waffe elektrisch aufzuladen oder einen Schutzschild zu generieren. Im Kampf kann die gewünschte Fähigkeit per Radial-Menü ausgewählt werden, während das Geschehen in Zeitlupe weiterläuft.

Wie im Rollenspiel-Genre üblich, lassen sich alle Fähigkeiten beim Stufenanstieg verbessern. Und hier begegnet dann auch die klassische Dreiteilung des Talentbaums. Wer die schnörkellose Krieger-Rolle bevorzugt, investiert in 'Kampf', wodurch passive Fähigkeiten wie die Erhöhung von Schaden und die Chance auf kritische Treffer steigen. Freunde der hinterlistigen Kriegsführung verbessern ihre Schleichfähigkeiten im Talentbaum 'Abtrünniger', während jene Zeitgenossen, die sonst lieber den Zauberstab schwingen, sich im Bereich der 'Technomantie' austoben können.

Be kind – rewind!

Was Mars: War Logs  bei Setting und Spielmechanik richtig macht, das verhaut es leider völlig auf der narrativen Ebene. Obwohl die Ausgangssituation zwar nicht bahnbrechend neu, aber immerhin interessant genug ist, entwickelt sich daraus schnell eine verwirrende Geschichte, die weniger schlecht entworfen ist, als vielmehr grottenschlecht erzählt.

Die Dialog-Verläufe lassen sich häufig nicht nachvollziehen, ebenso wie die Schlüsse und Entscheidungen, die daraus resultieren. Nicht selten haben die agierenden Charaktere einen Wissensvorsprung, den der Spieler nur mühsam über die knappen Einträge des Kodex aufholen und erst im Nachhinein verwerten kann. Wenn die Gespräche dann mal in geregelten Bahnen verlaufen, sind sie häufig unglaubhaft und lassen nur wenig Spielraum.

Ein schönes Feature hingegen ist, dass wir auf unserer Reise stets in Begleitung eines Gefährten sind, den wir aus der stetig wachsenden Gruppe von Mitstreitern rekrutieren können. Über regelmäßige Gespräche dürfen wir hier innige Freundschaften oder gar eine Romanze aufbauen. Ein komplexes Gefährtensystem á la "Mass Effect" darf nicht erwartet werden, aber wenigstens bestreiten wir unsere Quests nicht allein. Bezüglich letzterer erfindet Mars: War Logs  das Rad zwar nicht neu und bedient sich am klassischen RPG-Repertoire, kombiniert dies aber so gut, dass es selten langweilig wird.

Fazit

Wäre Mars: War Logs   ein Vollpreis-Titel, für den der Verbraucher um die 50 Euro auf den Tresen legen müsste, gäbe es definitiv einiges zu mäkeln. Ist es aber nicht! Für ca. 16 bis 20 Euro wird hier ein äußerst solides Cyberpunk-Rollenspiel geboten, dass viele Stunden gut unterhalten kann. Wer Probleme mit der englischen Sprache hat, wird sich allerdings an den deutschen Untertiteln entlanghangeln müssen, da Mars: War Logs  keine deutsche Sprachausgabe enthält. Dafür werden sich aber alle Spieler freuen, die einen etwas betagteren PC zuhause stehen haben, denn Mars: War Logs  läuft auch auf Nicht-High-End-Maschinen flüssig und mit erfreulich geringen Ladezeiten.

 

Mars: War Logs

Erhältlich für PC

USK ab 16

Mehr Infos unter www.mars-thegame.com

Artikel-Bewertung:

2.88 von 5 Sternen bei 113 Bewertungen.