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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM spielt: Twisted Metal

-ARCHIV-

Vor langer Zeit veranstaltete Calypso regelmäßig blutrünstige Turniere, in denen die Teilnehmer um ihren Herzenswunsch kämpften – egal wie moralisch verwerflich dieser auch ist. Dazu stiegen sie in schwerbewaffnete Automobile, legten ganze Städte in Schutt und Asche, töteten deren Bewohner und ihre Kontrahenten. Das letzte dieser Turniere liegt gut zehn Jahre zurück (Twisted Metal: Black für die PS2). Viel zu lang, wie God of War Schöpfer (und Twisted Metal Urvater) David Jaffe meint. Er bringt das diabolisch-verrückte Chaos endlich auf die Playstation 3.

Wer die Vorgänger nicht kennt, wird am Anfang aber vor große Probleme gestellt. Twisted Metal ist bei Leibe kein einfaches Spiel. Das liegt zum Teil an der überladenen Steuerung (jede einzelne Taste des Dual Shock ist belegt, teilweise doppelt!); zum anderen an den unfairen Gegnern. Denn sowohl in den Jeder-gegen-Jeden-Events (Deathmatch) als auch in den Race-Events scheinen die untereinander einen Nichtangriffspackt abgeschlossen zu haben. Dieser Dauerbeschuss wird vor allem in den Rennen zu einer Geduldsprobe.

Zum Glück stehen genügend fahrbare und gut bewaffnete Fahrzeuge zur Verfügung, um den anderen Turnier-Teilnehmern den Garaus zu machen. Die Palette reicht vom Eiscreme-Truck, über Motorräder, einen Helikopter und maschinengewehrbestückte Sportwagen, bis hin zu gut gepanzerten Polizeiautos. Die einzelnen Vehikel sind übrigens nicht mehr an bestimmte Charaktere gebunden. Jeder psychopathische Protagonist kann somit zum Beispiel Cover-“Held“ Sweet Tooths Eiscreme-Truck fahren. Somit kann jeder die tödlichen Events im Wagen seiner Wahl bestreiten (samt Spezialwaffe). So verwandelt sich der Eiscreme-Truck beispielsweise auf Knopfdruck in einen fliegenden Mech-Roboter, während der Abschlepptruck Taxis (!) auf die Gegner wirft. Dass dabei einiges zu Bruch geht, versteht sich von selbst. Die teilweise zerstörbaren Arenen sind schon wenige Minuten nach Spielbeginn kaum wiederzuerkennen. Die in den Arenen verstreuten Waffen, wie zielsuchende Raketen und Napalmbomben, tun ihr übriges.

Kontrolliertes Chaos

Das Spielgeschehen sieht auf den ersten Blick völlig chaotisch aus. Raketen fliegen, Häuser stürzen ein und Autos explodieren. Unerfahrene Spieler verlieren schnell den Überblick und aufgrund der steilen Lernkurve die Lust am Spiel. Doch es lohnt sich, die Frustmomente zu verdauen und sich tiefer in die Materie Twisted Metal zu stürzen. Die einzelnen Waffen unterscheiden sich stark voneinander und sind nur mit taktischen Einsatz wirklich effizient. Einige Waffen müssen aufgeladen, andere ferngezündet werden. Die Spezialwaffen der Fahrzeuge regenerieren sich nach ihrem Einsatz selbst. Bis dahin bleiben euch aber nur die Primärwaffe des Fahrzeugs (montierte Maschinengewehre, Schrotflinten, etc.) und die in den Arenen verstreuten Waffen-Pick-Ups.

Neben den Geschossen eurer Gegner lauern in den Arenen aber noch weitere tödliche Fallen. Im Black Rock Stadium, einer eigens von Turnier-Veranstalter Calypso erschaffenen Arena, sind da beispielsweise Lavaströme und riesige Morgensterne. In LA Skyline hingegen, einer absurden Strecke auf Hochhäusern, lauern tiefe Abgründe. Hier wird euer gesamtes fahrerisches Können abverlangt.

Damit das Game Over nicht allzu schnell kommt, liegt auf der Strecke neben Waffen-Pick-Ups auch Lebensenergie. Zudem fährt auf einigen Strecken ein mobiler Reparatur-Truck durch die Gegend, der die gesamte Lebensenergie wiederherstellt. Daneben befindet sich auf beinahe allen Strecken und Arenen eine Werkstatt, in der die Fahrzeuge gewechselt werden können. Vor jedem Wettkampf habt ihr nämlich die Möglichkeit, neben dem Primärwagen auch noch zwei Ersatzfahrzeuge auszuwählen. Ist einer fast hin, bekommt ihr dort einen frischen fahrbaren Untersatz, während der Primärwagen langsam repariert wird.

Comeback des Split-Screens

Anlass dieser tödlichen Hatz ist wie oben beschrieben Calypsos Turnier. Wie auch in den Vorgängern erfüllt er dem Sieger einen Wunsch. Calypso nimmt die Wünsche dabei sehr wörtlich, was den Protagonisten nicht gefallen dürfte… Anders als in den Vorgängern verfolgt ihr die Handlung aber nicht mehr aus der Sicht des gesamten Fahrerfelds. Entwickler Eat Sleep Play hat sich dazu entschieden, nur noch die Wege der Psychopathen Sweet ToothDollface und Mr. Grimm zu zeigen. Dies geschieht in schaurigen Live-Action-Zwischensequenzen, die an feinstes Grindhouse-Kino erinnern. Die europäische Version von Twisted Metal musste in diesen Sequenzen leider Federn lassen und wurde um ein paar Gewaltspitzen (Stichwort: Schere im Auge des Clowns) erleichtert. Auch das eigentliche Spiel wurde minimal entschärft. Der Leichenwagen schießt keinen lebenden Menschen mehr als Rakete, sondern eine Leiche. Die Schnitte sind ärgerlich, da sie das Spiel ein wenig seines morbiden Charmes berauben, halten sich insgesamt aber in Grenzen. Wer damit nicht leben kann, muss sich die regionalcode-freie US-Version besorgen.

Die Einzelspielerkampagne macht zwar Spaß, nervt durch den Nichtangriffspackt der Computergegner aber ordentlich. Das können auch die großartigen mehrteiligen Bossfights am Ende der drei Kampagnen nicht wettmachen. Dafür bietet Twisted Metal ein längst vergessenes Feature, das heutzutage zum Alleinstellungsmerkmal reicht: den Split-Screen. Zwei Spieler können die Kampagne gemeinsam in Angriff nehmen. Noch mehr Spaß macht aber der vier Spieler Split-Screen Modus. Es macht einfach einen großen Unterschied, ob ich über das Internet anonyme Gegner schlage oder meine Freunde auf der heimischen Couch über den Haufen fahre. Jeder, der in den 90er- und nuller Jahren Zeit vor einer Videospielkonsole verbracht hat, wird diese Tatsache zu schätzen wissen. 

Daneben gibt es aber natürlich auch einen Online-Multiplayer-Modus. Bis zu 16 Menschen können sich hier messen. Das macht auch auf Anhieb mehr Spaß als der Einzelspielermodus, da sich niemand auf einen einzelnen Gegner konzentriert – ausgenommen der „Hunted“ Modus (auch als Team-Variante verfügbar), in dem es darum geht, einen bestimmten Gegner auszulöschen. Wer es schafft, wird selbst zum Gejagten. Neben den klassischen Deathmatch, Team-Deathmatch und Last Man Standing Varianten, sticht vor allem der „Nuke“ Modus hervor. Hier spielen zwei Teams abwechselnd im Angriff und der Verteidigung. Ziel ist es, den Kapitän der verteidigenden Mannschaft gefangen zu nehmen und ihn am eigenen Schrein zu opfern, um eine Rakete auszulösen, die das Artefakt des Gegners zerstört. Es klingt so verrückt wie es sich spielt und unterstreicht den eigenwilligen Spielwitz und Humor von Twisted Metal perfekt. Leider läuft da Matchmaking noch nicht ganz rund. Es kommt häufig zu Verbindungsabbrüchen und langen Wartezeiten in der Online-Lobby. Ist die Verbindung aber erst einmal hergestellt, läuft das Geschehen wie im Single-Player schön flüssig.

Fazit

Nach mehr als einer Dekade ist Twisted Metal endlich zurück und mit ihm der Shooter-Racer. Die morbide Aufmachung, der eigenwillige schwarze Humor, die tolle Spielbarkeit und das Comeback des Split-Screen machen Twisted Metal zu einem Pflichtkauf für Kenner der Serie. Neulinge werden sich an der steilen Lernkurve, der überladenen Steuerung und dem unfairen Single-Player-Modus stören. Der klasse Mehrspielermodus macht diese Schnitzer aber schnell vergessen. Die zerstörerische Raserei in abgedrehten Vehikeln durch noch abgedrehtere Areale macht mindestens soviel Spaß wie zu den guten alten Zeiten der Playstation 1. Die ordentliche, wenn auch nicht überragende Grafik, der fette Soundtrack (u.a. mit Rob Zombie, Sepultura, Avenged Sevenfold und Judas Priest) und das ausgefeilte, gut balancierte Gameplay machen Twisted Metal zu einem Muss für Action-Fans.

 

Twisted Metal

Publisher: Sony 

Getestet für: PS3

Preis: ca. 44 Euro

VÖ: 9. März 2012

Artikel-Bewertung:

3.13 von 5 Sternen bei 80 Bewertungen.