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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM trifft: Ang Lee

-ARCHIV-

Interview mit dem Regiesseur von "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" (Kinostart: 26.12.)

"Wir haben uns selbst wie Studenten gefühlt"

UNICUM: Einmal mehr behandeln Sie das Thema Unschuld. Wie bewahren Sie Ihre künstlerische Unschuld bei einer Hollywood-Produktion mit einem Etat von über 100 Millionen Dollar?Man muss seine Unschuld eben geschickt verstecken. (lacht) An der Oberfläche hat man es mit einer gigantischen Produktion zu tun, mit allem was dazugehört. Ein Film, der so teuer ist, soll etwas bieten und darf die Erwartungen nicht enttäuschen. Man hat viele Diskussionen mit Studiochefs und muss beim Dreh mit einem Team von 3.000 Leuten kommunizieren. Die Lösung besteht darin, dass das Denken und Arbeiten auf zwei Ebenen gleichzeitig stattfindet - eigentlich ist es ganz ähnlich wie bei einem Schauspieler. 

Fällt Ihnen so ein Film schwerer als die kleineren Dramen Ihrer Anfangszeit?Mit geht es vor allem darum, das Publikum auf eine wahrhaftige Art anzusprechen, darin unterscheiden sich die Filme nicht voneinander. Bei einem so großen Projekt kann man allerdings vom System schnell aufgesogen werden. (lacht). Man muss also ziemlich innovativ vorgehen und die Produktion zum Beispiel nach Taiwan verlegen, statt ihn in Hollywood zu drehen. 

Fühlen Sie sich nicht wohl im Studiosystem der Traumfabrik?Nein. Das Schlimmste für mich dabei gar nicht das Budget oder die kommerzielle Erwartungen. Ich habe auch kein Problem, wenn Leute Druck auf mich ausüben wollen, dagegen kann ich mich ganz gut wehren. Wirklich schlimm für mich sind die endlosen Meetings. Durch dieses ständige Gerede verliert man seine Besonderheit und alles Geheimnisvolle droht verlorenzugehen. Vor diesen Herausforderungen stehen wohl alle Künstler.

Wie würden Sie Ihre Erfahrungen mit 3-D beschreiben?Wir stehen erst am Beginn dieser Technologie. Da kann ein kleines technisches Problem den Dreh einen ganzen Tag aufhalten. Viel gravierender war für mich, dass es für diese Filmsprache noch gar keine etablierte Grammatik gibt, weder für Regisseure noch die Zuschauer. Man experimentiert also und oft habe ich dabei den Bildern nicht vertraut. Im Unterschied zum herkömmlichen Drehen kann man bei 3-D eben nicht auf einen Filmschatz von über 100 Jahren zurückgreifen. 

Weshalb dennoch diese Entscheidung für 3-D? Was sind die Vorteile?3-D bietet die große Chance, anders mit dem Raum umzugehen und neue Schwerpunkte zu setzen. Was findet innerhalb der Leinwand statt und was außerhalb? Je näher etwas kommt, desto wichtiger wird es. Bei zweidimensionalen Bildern muss man Räumlichkeit mit Hilfsmitteln wie Licht und Schatten erzeugen, die vom Gehirn beim Betrachten kompensiert werden. Dieses neue Medium bietet ungeheure Möglichkeiten, wobei ich mich allerdings noch immer wie ein Novize fühle.

Sie hatten in Berlin ein öffentliches Gespräch mit Wim Wenders über 3-D, was war das Ergebnis?Wir sprachen vor Filmstudenten und haben uns dabei selbst wie Studenten gefühlt, die nur ein kleines bisschen mehr Erfahrungen besitzen. (lacht) Für mich war das eine ganz wunderbare Begegnung, denn ich verehre Wenders seit meiner eigenen Studienzeit. Plötzlich neben ihm sitzen hat mich einigermaßen verlegen gemacht. 

"Wir sollten nie aufhören, Neues zu lernen"

Was hat Sie an dem Roman am meisten fasziniert?Sehr spannend fand ich den Umstand, dass alles, was Pi auf dem Meer sagt, so fantastisch ist und zugleich völlig glaubhaft wirkt. Erst wenn man all diese einzelnen Elemente zusammenfügt, wird die Sache insgesamt gesehen unglaubhaft. Als Illusionist und Geschichtenerzähler war das ein idealer Stoff für mich.

Wie haben Sie die Tiger-Illusion aus dem Computer so lebendig wirken lassen?Das Vorbild für unseren Tiger "Richard Parker" war ein echtes, sieben Jahre altes Exemplar namens "King" aus Frankreich, der dem besten Dompteur der Welt gehört. Wir haben die Szenen mit ihm gedreht und auf Basis seiner Bewegungen wurde am Computer anschließend das Modell entworfen. Dabei stand uns wiederum der Trainer zu Seite, der darauf geachtet hat, dass sich der künstliche Tiger echt verhält.

Kein anderer Regisseur hat so oft auf A-Festivals gewonnen wie Sie, vom Oscar-Regen für Ihre Filme ganz zu schweigen. Was bedeuten Preise für Sie?Natürlich bin ich stolz darauf, Preise sind schließlich eine Ehre. Zugleich finde ich das eine zwiespältige Angelegenheit. Ich fühle mich unwohl in Konkurrenz mit anderen Künstlern. Das wirkt wie ein Schönheitswettbewerb und Filme sollte nicht auf diese Weise bewertet werden. Aber eine Ehre ist eine Ehre. Und Preise helfen, weiter jene Filme zu drehen, die man machen möchte.

Die Freude klingt nicht besonders groß?Preise machen mich nicht glücklich. Mein erster Goldener Bär auf der Berlinale für "Hochzeitsbankett" hat mir ziemlich Angst bereitet. Bei der Rückkehr nach Taiwan wurde ich plötzlich von allen bejubelt, was mir sehr befremdlich vorkam. In meine Karriere gibt es nur einen Preis, der mich glücklich gemacht hat, das war der Goldene Löwe in Venedig für "Brokeback Mountain". Alle haben mich freundlich angelächelt und dabei wohl gedacht, dass ich den Absturz mit "Hulk" wohl gut überlebt habe. Für einen kurzen Moment war da ich sehr glücklich. Alle anderen Preise sind nervenaufreibend für mich.

Der kleine Held in Schiffbruch mit Tiger   interessiert sich für alle Weltreligionen - wie steht es um Ihren eigenen Glauben?  Ich bin Chinese, glaube an den Taoismus. "Dao" bedeutete "Weg" - wir werden nie alle Dinge des Lebens verstehen. Diese Erkenntnis ist bereits ein Fortschritt. Dennoch sollten wir nie aufhören, Neues zu lernen.

Was möchten Sie mit "Pi" bei den Zuschauern erreichen?Ich möchte den Zuschauern Hoffnung geben und sie gleichzeitig verunsichern. Mich würde es freuen, wenn sie durch den Film die Spiritualität im Leben neu entdecken. Aber was das Publikum aus dem Kino mitnimmt, muss es für sich selbst entscheiden.

UNICUM Kinotipp

Der Roman "Schiffbruch mit Tiger" des Kanadiers Yann Martel erschien 2001 und hat sich seitdem weltweit mehr als 7 Millionen Mal verkauft. Darum geht's: Pi Patel ist der Sohn eines indischen Zoodirektors. Seine Familie will mitsamt all ihrer Tiere auswandern, doch bei der Schiffsfahrt Richtung Kanada kommt es zur Katastrophe. Der Frachter sinkt, Pi schafft es auf ein kleines Rettungsboot – doch er hat gefräßige Gesellschaft. Regisseur Ang Lee findet für die philosophische Abenteuergeschichte die passenden Bilder und erzählt sie mit viel Leidenschaft und Hingabe. Sehenswert!

Life of Pi – Schiffbruch mit TigerRegisseur: Ang LeeDarsteller u.a.: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Adil HussainVerleih: 20th Century FoxKinostart: 26. Dezember 2012Weitere Infos: www.lifeofpimovie.com

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