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21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM trifft: die Beatsteaks

Drummer Thomas Götz im Gespräch über Muffensausen, Motivationssongs und Tattoos

"Muffensausen? Immer bevor es auf die Bühne geht!"

UNICUM: Warum war es für euch genau jetzt an der Zeit, eine Zusammenstellung wie "Muffensausen" zu veröffentlichen?Thomas Götz: Es hat sich einfach so viel Material angesammelt. Der Startschuss war so ein bisschen der letzte Festivalsommer, bei dem wir mit zwei Schlagzeugern gespielt haben. Wir nannten das "TwoDrummerSummer". Da das für uns etwas Besonderes war, war klar, dass wir Konzerte mitfilmen wollten. Wir waren so begeistert von dem Material und hatten dazu noch ganz tolle Bilder von dem Gig in der Max-Schmeling-Halle mit nur einem Schlagzeuger, dann haben wir noch eine Dokumentation über unseren Bassisten Torsten Scholz gemacht, die "Fresse halten, Bass spielen" heißt, und zudem gab's ganz viele "Beat TV"-Folgen, mit denen wir unsere letzte Platte begleitet haben. Am Ende hatten wir 5 ½ Stunden Material – da dachten wir, das wäre es mal wert, so ein Blick ins Geschichtsbuch für später.

Gerade die Doku "Fresse halten, Bass spielen" liefert einen kleinen Rückblick auf fast 20 Jahre Beatsteaks. Seit ihr da bei der Produktion nicht etwas melancholisch geworden?Es gibt sicherlich melancholische Momente im Zusammenhang mit Torstens Geschichte in der Band, aber Melancholie war jetzt nicht das herausragende Gefühl beim Angucken. Das ist eher wie eine schöne Erinnerung. Es gab viel mehr lustige Momente, als dass die melancholischen wichtig gewesen wären.

Was war denn bislang der größten "Muffensausen"-Moment für dich?Irgendwie ist es immer der selbe Moment, an dem man am meisten Angst bekommt: Immer kurz bevor man auf die Bühne geht. Ich glaube, da ist bei allen das Gefühl Muffensausen am verständlichsten und absolut vorherrschend. Das ist eigentlich bei jedem Konzert gleich, ob wir nun im Club spielen oder auf einem Festival. Man kann aber sagen, dass es in Berlin immer noch ein wenig doller ist, weil dann einfach so viele Freunde da sind – und dann ist man nochmal aufgeregter.

Wie war das damals: 2004 habt ihr eure "Smack Smash"-Tour vor 800 Leuten gestartet und vor 12.000 Fans beendet. Ich stelle mir das so vor: Irgendwann werden die Rufe vor den Konzerten immer mehr, die Gesänge immer lauter … Hat euch diese Entwicklung eingeschüchtert?Es ist eigentlich immer noch etwas einschüchternd. Gerade, wenn man z.B. bei "Rock am Ring" vor 80.000 Leuten spielt. Aber bei uns ging es so Schritt für Schritt; es war nicht so, als wäre alles über Nacht so groß geworden. Von Konzert zu Konzert, von Tour zu Tour haben wir halt gemerkt, dass die kleineren Läden schnell ausverkauft waren, und dann sind wir immer in den nächstgrößeren Club umgezogen. Das ging so Step-by-Step, dass für Einschüchterung gar nicht so viel Zeit blieb. Wir haben es schon geschafft, es genießen zu können – ohne zu viel Muffensausen zu haben. Aber das mit dem Lampenfieber ändert sich wohl nie, wenn man vor vielen Leuten spielen muss.

"wenn man alles richtig machen will, geht’s immer schief"

Bei eurem Erfolg hat man das Gefühl, dass ihr irgendwie ein goldenes Händchen dafür habt, was euren Fans gefällt …Ich hoffe, dass es so ist. Ich kümmere mich bei der Band viel um die Internetseite und die sozialen Medien, wie z.B. Facebook – und da gibt's auch schon Gegenwind. Es ist nicht so, dass wir auf alles, was wir machen, ein gesammeltes "Juhu!" der Belegschaft bekommen. (lacht) Es gibt immer wieder Kritik, das sind aber so geschmackliche Fragen: Ob jemandem das neue Lied gefällt oder die erste Platte besser als die letzte. Da geht es nicht darum, ob man etwas falsch oder richtig macht. Wege trennen sich, einer findet die Band plötzlich nicht mehr gut, dann kommen andere, die sagen: "Oh, jetzt gefallt ihr mir." Mit dem "Richtigmachen" ist es in der Musik eh schwierig. Ich glaub, wenn man alles richtig machen will, geht’s immer schief.

Wie sehr nehmt ihr euch die Kritik bei Facebook & Co. zu Herzen?Wenn es  beleidigte Kommentare sind, dann ärgert es einen. Mich ärgert es zumindest: Ich muss mir das alles durchlesen und denk mir auch mal: "Geht’s noch?". Bei anderen denke ich mir allerdings: "Och, nicht schlecht". Manchmal gibt es Kritik, die trifft. Bei der man verstehen kann, warum es der andere so sieht. Das kann aber kein Handlungsleitfaden sein. Am Ende des Tages muss man das machen, was einem gefällt. Denn letztendlich muss man selber damit glücklich werden.

In der Doku um Bassist Torsten wird deutlich, dass euer Konzert in der Berliner Wuhlheide ein wenig die Erfüllung eines Traums gewesen ist. Was wünscht man sich denn noch als Beatsteak? Vielleicht als Rentner-Combo eine Show in Las Vegas?(lacht) Jetzt wo du es sagst, wäre das schon ganz toll! Das mit der Wuhlheide stimmt aber: Wenn man aus Berlin kommt und die Chance hat, mit seiner Band in der Wuhlheide, einem echt schönen Auftrittsort, zu spielen, ist das wirklich ein Traum, der in Erfüllung geht. Wenn das Wetter stimmt, ist es einfach unschlagbar. Ich habe jetzt aber nicht Träume wie "Ich will jetzt noch den Pokal gewinnen oder im Endspiel gegen Barcelona stehen". Es ist eher so: Hoffentlich bleibt solange es geht, alles so wie es gerade ist, und niemand wird krank und wir können das, was wir machen, noch lange fortsetzen.

"Um mit Musik Geld zu verdienen, gehört so viel Glück dazu"

Gehen wir von der Zukunft einmal ganz weit in die Vergangenheit: Warst du eigentlich jemand, der in der Schule oft Muffensausen hatte?Je jünger ich war, umso mehr Muffensausen hatte ich. Später fand ich es einfach nur doof. (lacht) Wenn du irgendwann 17 bist, hast du ja auch nicht mehr so viel Angst. Vor Prüfungen allerdings schon, da habe ich Baldrian und ähnliche Hilfsmittel genommen. Aber vor Lehrern hat man anfangs Angst, dann Respekt und irgendwann verliert man den Respekt – zumindest vor schlechten Lehrern. Vor guten Lehrern braucht man aber auch keine Angst zu haben.

Wie war das bei dir nach der Schulzeit: Hast du dir viele Gedanken um deine Zukunft gemacht?Ich habe nie eine Ausbildung gemacht, nie ernsthaft studiert. Ich wollte immer Musik machen, aber ich wusste auch, dass Musik allein mir kein Essen auf den Tisch zaubert. Deswegen habe ich immer Jobs gemacht, aber so, dass es nebenbei mit der Musik geklappt hat. Ich habe die Jobs nach der Verträglichkeit mit meinen Proben ausgewählt. Eine Erfüllung in so normaler Lohnarbeit habe ich nie gefunden. Das hat mich nicht glücklich gemacht, sondern nur Geld auf den Tisch gebracht.

Was würdest du allen raten, die im Musikgeschäft Karriere machen wollen?Es gibt ein sehr schönes Lied von Bernd Begemann mit dem Titel "Judith, mach deinen Abschluss: Sicher ist sicher" (lacht) Um mit Musik Geld zu verdienen, gehört so viel Glück dazu. Das ist nicht etwas, das man planen kann. Es sei denn, man ist Wolfgang Amadeus Mozart. Aber wahrscheinlich, war das selbst bei dem nicht wirklich planbar. Und ich finde, man sollte Musik der Liebe zur Musik wegen machen. Man sollte einfach das machen, woran man glaubt: Ob das nun Musik oder Heilerziehung ist. Das ist völlig wurscht. Man sollte das verfolgen, was einem Spaß macht.

"Das ist mir echt zu peinlich!"

Einmal etwas ganz anderes zum Thema "Muffensausen": Ich hatte vor meinem ersten Tattoo unfassbare Angst gehabt – wie war das bei dir?Ich bin ohnmächtig geworden! Niedriger Blutdruck und Schmerz geht nicht gut zusammen … (lacht)

Was war denn dein erstes Motiv?Das ist mir echt zu peinlich! (lacht) Schlimm genug, das man’s sieht!

Letzte "Muffensausen"-Frage: Was ist dein Motivationssong Nummer Eins? Der Song, der dich auf Trab bringt?Okay, bei Muffensausen muss man ja immer das Selbstbewusstsein stärken, deswegen würde ich sagen: "Fütter mein Ego" von den Einstürzenden Neubauten. (lacht) Oder: Band für Afrika "We are the World"! (lacht noch lauter)

Beatsteaks

Muffensausen

Beinhaltet: Zwei DVDs und eine CD (oder Vinyl)

Darauf u.a.: der Konzertfilm "Muffensausen", die Doku "Fresse halten, Bass spielen", die neue Single "Saysaysay"

Warner Music

VÖ: 07.06.2013

beatsteaks.com

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